Kapitel 5 – Ein alter Bekannter

Die Spannung, die gerade noch in der Luft gelegen hatte, war gemeinsam mit der Todesritterin, die durch das Magierportal geschritten war, verschwunden. Unzählige Münder hatten sich geöffnet und Stoßseufzer entfahren lassen, während die Wachen ihre Waffen verstauten und sich, laut und kehlig lachend, gegenseitig auf die Schultern schlugen, um kurz darauf in Richtung Gasthaus aufzubrechen. Ein Umtrunk, da waren sie sich sicher, hatten sie sich nun redlich verdient. Ihr Anführer, so man ihn so nennen konnte, hielt sie nicht davon ab, bestärkte sie im Gegenteil noch darin, indem er selbst voran marschierte und dabei laut lachte.
„Proleten“ seufzten die Magier, die gerade noch ihre Fähigkeiten dafür genutzt hatten, ein Portal auf den Kontinent Pandaria zu öffnen. Und als wäre es nicht schon schwer genug, ein Portal auf einen fremden Kontinent zu öffnen, war ihnen aufgetragen worden, einen Ort zu wählen, den weder auch nur einer von ihnen selbst besucht hatte, der auf keiner der magischen Leylinien lag und der gleichzeitig ein derartig kräftiges, magisches Dämpfungsfeld innehatte, dass alle vorangegangenen Portale durch mindestens einen Magier auf der Gegenseite stabilisiert werden mussten. Doch so einen Luxus hatten sie natürlich nicht bekommen. Zu dritt hatten sie es aber gerade so geschafft, nickten sich nun erschlafft gegenseitig zu, wandten sich um und begaben sich in Richtung Tal der Weisheit. Hier trennten sie sich dann, teilten sich in die Zelte auf, um sich von den Strapazen auszuruhen.
Als die Dunkelheit der Nacht Orgrimmar in Stille hüllte und nur noch wenige Wachen sowie besonders trinkfeste Raufbolde die Gassen unsicher machten, schob sich jedoch das Fell eines der Zelte beiseite. Schnellen Schrittes huschte eine Gestalt in dunkelblauer Robe hinaus, vorbei an den nun geschlossenen Geschäften, verbarg sich vor den Wachen, die den Eingang zu den Goblinslums im Auge behielten und verbarg sich in einer Nische zwischen den Felsen. Erst als sie sich absolut sicher war, dass ihr niemand gefolgt war, keine Wache in der Nähe aufmerksam werden würde und sonst keine bösen Überraschungen auf sie warten würden, hob sie ihre rechte Hand und sprach die Zauberformel, die die Dimensionen dieser Welt miteinander verwob.
Ein kurzes Blitzen, ähnlich dem, als hätte man einen Glaskrug auf den Boden fallen lassen, war sie aus der Spalte verschwunden und von einem hellen Strahlen umgeben, das jedoch genau so schlagartig verschwand, wie es gekommen war. Dann fühlte sie Gras unter ihren Stiefeln, roch die frische, dünne Luft, die nachts von Mulgore die Berge hinauf geweht kam, während sich über ihr die Sterne wie ein endlos wirkender Schirm aufspannten. Dieser Ort war ein Ort des Friedens, der Ruhe und so rein wie kaum ein Ort es in Kalimdor geblieben war. Es war der wohl unwahrscheinlichste Ort für dieses Treffen – und genau deswegen erschien der Ort perfekt.
Ihr Blick fiel auf das schmale Zelt vor ihr, aus dem dünne Rauchwolken hinaus quollen, begleitet von fremdartigem Gemurmel und grüngelblichem Licht. Sie trat vor, schob sich durch die Öffnung und blickte sich im Inneren um.
Das Innenleben des Zeltes war um ein Vielfaches größer, als man von außen vermutet hätte. Am wenigsten hätte man wohl vermutet, dass sich unzählige Bücherregale entlang der Seiten des Zeltes in etliche Meter Höhe recken würden. Zwischen diesen Regalen fang sich ein großer Tisch mit vier bequem aussehenden Sesseln, der nicht weit von einer gemauerten Feuerstelle aufgestellt war, in der ein grünes Feuer loderte und das sich darüber drehende, frisch und kross aussehende und herrlich duftende Schwein aufheizte. In einer anderen Ecke, hinter einem Vorhang verborgen, befand sich ein gänzlich mit schwarzer Bettwäsche bezogenes Bett, auf dem unzählige aufgeschlagene Bücher herum lagen. Ein kreatives Chaos, dessen Urheber an einem Sekretär direkt zwischen zwei weiteren Bücherregalen saß und dabei kräftig an seiner Pfeife zog, vertieft in ein weiteres, vor ihm ausgebreitetes Buch.
„Du bist spät dran.“ Brummte er, ohne aufzustehen, sich umzudrehen oder gar den Blick von seinem Buch zu nehmen.
Die Magierin verzog ihr Gesicht, verschränkte die Arme vor der Brust. „Dir ist schon klar, dass ich mein Leben riskiere, indem ich überhaupt mit dir spreche, ja? Ganz davon abgesehen, dass wir uns hier ständig treffen. Wenn Garrosh und seine Handlanger mir nachstellen, dann werden wir….“
„Werden sie nicht.“ Beschwichtigte der Zeltbewohner mit ruhiger, kratziger Stimme. „Garrosh vertraut weder der Magie, noch seinen eigenen Schamanen oder gar den Geistern. Für ihn zählt nur die Macht der Klinge und der Muskeln.“
Während er die Worte sprach wandte er sich zu ihr um, blickte sie aus seinen dunkelbraunen Augen an. „Er ist gefährlich, aber er ist ein Hohlkopf.“
„Und dieser Hohlkopf hat die gesamte Kluft der Schatten mittlerweile abriegeln lassen. Magier, Schmuggler, Hexenmeister – er hat alle unter Generalverdacht gestellt und einsperren lassen. Es ist bei Todesstrafe verboten, sich ihnen zu nähern.“
„Ja, das sieht ihm ähnlich. Ein Grund mehr, warum ich Orgrimmar den Rücken gekehrt habe, obwohl es mir einst eine Heimat war.“
Jetzt endlich stand er auf, zog noch einmal an seiner Pfeife, legte diese dann auf einem großen Stück Leder an der rechten Seite seines Sekretärs ab, griff nach dem offenen Buch und stand auf. Erst jetzt erkannte man die Pracht der Robe, die er trug, in vollem Maße: Goldene, hauchfeine Muster, die so filigran aussahen, als hätte jemand neben mit Runen verzierter Seide auch noch pure Goldfäden in den Stoff eingewoben und das fertige Werk dann noch nachträglich mit Stickereien verziert.
„Setz dich und bedien dich am Schwein, wenn dir danach ist.“
Sie nickte, nahm jedoch Platz, ohne sich etwas zu nehmen. „Ich habe deiner Freundin dein Geschenk zugesteckt. Außer ihr sollte es niemand bemerkt haben.“
„Gut. Das sollte ihre Chancen deutlich erhöhen, wenn ich die Texte hier richtig deute.“ Begann er, legte das Buch in seinen Händen auf den großen Tisch und drehte es ihr so zu, dass sie es lesen konnte. Dann wandte er sich seinerseits dem Schwein zu, griff nach einem der Beine und zog es mit einem kräftigen Ruck einfach aus dem Schwein heraus, während sie ihren Blick über das Buch schweifen ließ.
Schon auf den ersten Blick erkannte sie, dass das Buch alt war. Nicht einfach nur alt im Sinne von dem, wie es ein Orc formulierte, wenn er eine Waffe von seinem Großvater vererbt bekam. Nein, dieses Buch war älter, viel älter als das. Selbst die Schriftzeichen und die Sprache erschienen ihr derart schwer verständlich, dass sie trotz ihrer Ausbildung Mühe hatte, alles auf den ersten Blick zu entziffern.
„Woher hast du das?“
„Brauni hat es mir vom Zirkel mitgebracht. Es ist eine uralte Abschrift der Werke eines Hochgeborenen der Kaldorei. Es stammt noch aus der Zeit, als Azeroth nur einen Kontinent hatte.“
Sie nickte ihm anerkennend zu und begann zu lächeln. „Wirst du auf deine alten Tage Archivar oder was soll dieses Relikt? Und was….“
Die Magierin stockte, als sie den Absatz vor sich nun zum dritten Mal las und endlich verstand. Der Kaldorei namens Tevlian beschrieb da die Besonderheiten der südlichen Ländereien und deren Bewohner sowie deren Erzählungen, dass starke Emotionen – insbesondere die Negativen – Form annehmen und zu tatsächlichen, physischen Bedrohungen wachsen konnten. Waren Wesen im übrigen Kalimdor nur von Angst getrieben, so wurde diese Angst in diesen Ländereien schreckliche Realität. Er ging sogar so weit, diese Gestalten zu beschreiben und zu skizzieren, was zu grässlichen Fratzen und verformten Körpern führte, deren Leiber allem Natürlichen und Lebendigen im Widerspruch standen.
„Wenn du den Abschnitt weiterliest, dann wirst du einen Hinweis darauf finden, dass jemand, der von seinen Emotionen getrieben wird, durch diese Energien erheblich an Macht gewinnt. Und dreimal darfst du raten, in welche Gegend unser Kriegshäuptling aufgebrochen ist.“
„Er ist nach Pandaria. Diesen südlichen Kontinent…“
„…der genau diese südliche Länderei aus dem Buch ist. Zweifellos wird er sich dieser Macht, wenn er davon erfährt, bedienen wollen. Und wenn es soweit ist, wird es gefährlich.“
„Und was hat das mit der Todesritterin, die du geschickt hast, zu tun? Glaubst du etwa im Ernst, dass sie ihn aufhalten kann? Allein?“
„Natürlich nicht. Sie soll verhindern, dass ihre Schwester etwas Dummes tut.“
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie an ihren überaus spitzen Hut griff, diesen absetzte und mit einem geübt wirkenden Griff wie eine Ziehharmonika zusammenfaltete, den flachen Stoffteller in der Mitte mehrmals knickte und in einer Tasche an ihrer Robe verschwinden ließ. „Wirst du auf deine alten Tage doch noch sentimental, Vadarassar?“

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