Kapitel 6 – Höllschrei

Der Übergang durch das magische Portal war schnell und heftig. Aus dem magisch schimmernden Blau schälte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit das Braun und Grün eines Dschungels, das in dunklen Tönen jenes Blau und damit auch alle Anzeichen für Magie verschlang. Auch das Rauschen der arkanen Ströme wich dem Brüllen von Peons, Kriegern und Bestien, dem metallischen Hämmern von Waffen auf Holz.
Von der Intensität der Magie noch immer ein wenig benommen strauchelte sie ein, zwei Schritte vor, übersah dabei die überall am Boden entlang verlaufenden Wurzeln, Leitungen, Reste von Lianen und unzähligen anderen Plunder, strauchelte und landete kurzerhand der Länge nach auf dem Boden und inmitten von Blättern, Wurzeln, Ästen und Staub. Mit nicht gerade wenig Schadenfreude fielen unzählige Blicke auf sie, hörte sie ein kehliges Lachen aus allen Richtungen, während sie sich, den Schwindel der intensiven magischen Kräfte abschüttelnd, wieder aufrichtete und den Schmutz von ihrer Rüstung streifte.
„Die neuen Kämpfer für die Front. Endlich etwas Frischfleisch. Ihr werdet dringend am großen Platz im Osten benötigt. Die verdammte Allianz rückt uns ziemlich auf die Pelle.“ Schnaubte einer der Orcs direkt vor ihr, ohne sich auch nur ansatzweise irgendwie namentlich vorzustellen.
Kweezil ging auf die Wache zu, verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir? Direkt an die Front? Ich dachte Höllschrei hätte Truppen, um die Allianz in Schach zu halten!“
„Hat er auch. Aber die meisten Truppen sind zum Tal ab beordert worden. Ragh und Krom hier werden mit euch gemeinsam Richtung Front ziehen. Also vorwärts!“
„Moooment mal!“ protestierte Kweezil erneut. „Nur wir vier? Was ist mit den anderen? Haben wir nicht noch mehr Verstärkung? Was ist mit den Tauren, den Trollen, den….“
Der Orc starrte den Goblin böse an, verschränkte nun seinerseits die Arme, nickte den beiden Orcs zu seiner Rechten zu, die auf den Goblin zu stapften. Einer von ihnen packte Kweezil am Arm, schleuderte ihn einige Meter weit in Richtung Ausgang der kleinen, improvisierten Siedlung und setzte ihm dann nach.
„Höllschrei will Ergebnisse und keine Diskussionen. Bewegt euch!“ schnaubte der Orc erneut, während der zweite der Grunzer auf Xelestra zu ging und nach ihrem Arm greifen wollte. Gerade als er die Hand ausstreckte, starrte sie ihn böse an.
„Fass mich an und es wird das Letzte sein, das deine Hand jemals berühren wird.“ Knurrte sie und baute sich vor dem Grunzer in voller Höhe auf, der sowohl von ihrer Größe als auch diesen Worten ein wenig zusammen zuckte und zurück schreckte. Gerade noch am Boden hatte man ihre Körpergröße nur ahnen können. Doch jetzt, da sie sich aufgerichtet hatte, erkannte er, dass diese Taurin ihn um mehr als drei Kopf Höhe überragte und ihre Schultern den Seinen keineswegs in Breite nachstanden. So relativ zierlich und kleiner als die männlichen Pendants andere Taurinnen bisher auf ihn gewirkt hatten, so beeindruckend war nun doch ihre Erscheinung für ihn.
Nach einem kurzen Augenblick des respektvollen Starrens wandte er sich nickend um, begab sich zu seinem Orckollegen und dem Goblin, behielt die Taurin aber aus dem Augenwinkel im Blick. Sie folgte ihnen, schloss auf nur knapp einen Schritt Distanz auf sie auf, während Ragh den Goblin immer wieder mit Stößen dazu nötigte, sich gefälligst weiter vorwärts zu bewegen.
„Ist ja schon gut, ich habe euch verstanden. Kein Grund zu drängeln verdammt! Wie weit ist es überhaupt zu dieser Front?“ meckerte Kweezil.
„Halber Tagesmarsch. Eventuell auch einer – wenn du weiter so quengelst.“ Schnaubte Ragh. Kweezil aber seufzte. Tief in Gedanken verfluchte er sich, für kein Transportmittel gesorgt zu haben. Aber hey – wer hätte denn gedacht, dass Garrosh ihn derart hintergehen, ihn als Aufpasser und Versicherung für die Todesritterin mitschicken und derart quälen würde, dass er…
…Kweezil dachte nicht weiter, fluchte nur tief in sich hinein und ergab sich seinem Schicksal.

Eine Stunde lang marschierten sie nun schon, begleitet von dem inhaltsleeren Gequatsche und Gelache der beiden Orcs, die sich gegenseitig mit Geschichten über ihre letzten Aufträge im Brachland und in den Lagern des Steinkrallengebirges sowie die schwächlichen Elfen im Eschental unterhielten, die Gegenden der Krasarangwildnis, die sie gerade durchstreiften, mit anderen Gegenden aus ihren letzten Aufträgen verglichen.
Als sie auf das Thema der Sonnenläufer und Tauren insgesamt kamen, wurde Xelestra scheinbar hellhörig.
„Die Sonnenläufer sind ebenfalls hier in der Wildnis?“ griff sie die Erzählung über eine ganze Karawane entlang der westlichen Wildnis auf.
„Hä?“ entgegnete Krom, etwas aus dem Konzept seiner Erzählung gebracht. „Ja, waren sie vor ein paar Monaten. Sind dann nach Norden gezogen – durch das Tal der vier Winde und rauf zum Tempel.“
„Und wo sind sie jetzt?“ hakte sie nach.
Krom zuckte mit den Schultern. „Werden wohl beim Schrein der zwei Monde sein. Irgendwo im Tal der Blüten – zusammen mit den ganzen anderen Tauren und vielen der Pandaren. Scheinheiliges Pack, wenn du mich fra….“
Sie hatte genug gehört. Binnen weniger Wortsilben hatte Xelestra die Lücke, die zwischen den Orcs und ihr gewesen war, geschlossen, ihre rechte Hand gehoben, zur Faust geballt und diese mit einer derartigen Wucht gegen den leicht zu ihr nach hinten gedrehten Kopf von Krom gedonnert, dass einer seiner Hauer mit lautem Knirschen brach, im hohen Bogen wegflog und er selbst eine halbe Schraube vollführte, nach vorn flog und gute drei Meter entfernt regungslos im Matsch liegen blieb.
Ragh wirbelte herum, griff nach seiner Axt. Doch ehe er seine Hand um den Griff zu schließen in der Lage war, hatte Xelestra schon seinen Arm gegriffen, zog ihn mit einem Ruck näher an sich, verdrehte den Arm, schlug kräftig auf seine rechte Schulter, brach diese mit einem geübt wirkenden Griff und donnerte ihren linken Ellenbogen mit voller Wucht in sein Gesicht, zerschmetterte so seine Nase, ehe sie auch ihm einen weiteren, heftigen Schlag gegen die Stirn verpasste und ihn so besinnungslos zusammensacken ließ. Gerade als sie mit dem Orc fertig war, hörte sie ein metallisches Klicken, wandte sich um und blickte in den Doppellauf einer kleinen, aber dennoch wirkungsvoll wirkenden Flinte in der Hand von Kweezil.
Der Goblin hatte genau beobachtet, wie sie den ersten Orc mit nur einem Schlag ausgeschaltet und sich mit der Gewandtheit einer Gazelle um den zweiten Krieger gekümmert und ebenfalls zu Boden befördert hatte. Und so viel Respekt und Sympathie er für diese Aktion empfand, so ging es hier doch um seinen Hals, den sie mit der Aktion riskierte. Also hatte er unter seinen Umhang gegriffen, das kleine, unscheinbar wirkende Paket aus Metall und Holz gezogen, das sich in seinen Händen binnen weniger Augenblicke zu einer beachtlichen Flinte entfaltete und nun, geladen und feuerbereit, auf Xelestra zielte.
Xelestra reagierte ihrerseits nur natürlich, legte eine Hand an den Griff ihrer Waffe, bereit, diese mit einem einzigen Ruck zu ziehen.
„Das würde ich lassen, Guteste. Ich bin zwar nicht der beste Schütze, aber auf DIE Distanz stanze auch ich dir zwei unschöne Löcher in deine Rüstung.“ Brummte Kweezil.
„Woraufhin ich dich noch einen Kopf kürzer mache, als du eh schon bist.“ Schnaubte Xelestra zurück, den Griff um ihre Waffe festigend.
„Unwahrscheinlich, dass du dazu noch in der Lage sein wirst.“
„Ich habe schon Schlimmeres überlebt.“
Dann folgte lange Zeit kein weiteres Wort. Stumm starrten sich beide nur an, ihre Waffen bereit, den jeweils anderen niederzustrecken, während der Wind im Wald langsam auffrischte und Blätter um sie herum wirbelte.
„Du hast mir in Nordend das Leben gerettet. Deswegen werde ich dich nicht für das töten, was du getan hast.“ Begann Xelestra nach einigen Momenten der Stille.
„Ha! Als wenn das wichtig wäre. Wenn DU mich nicht umbringst, ist es eben Höllschrei oder irgendein anderer Irrer hier, der meint, dass ich die Horde im Stich gelassen habe, wenn ich dich hier dein Ding machen lasse! Hast du eine Ahnung, was die mit Deserteuren machen?“
„Ich werde meine Schwester suchen und in Sicherheit bringen. Egal, was ein verrückter Orc oder ein abgebrochener Zwerg auch sagen.“
„Das Zwerg nimm zurück!“
Erneut folgte eine lange, bedrückende Stille, in der sich die beiden nur gegenseitig anstarrten. Dann schließlich, nach unendlich lang erscheinender Wartezeit, senkte Kweezil seine Waffe, sicherte diese und ließ sie sich wieder zusammenfalten und in den getarnten Holster hinter seinem Umhang verschwinden.
„Also gut, wenn du unbedingt darauf best….“ begann er, als er gerade noch sah, wie ein Schatten sehr schnell auf ihn zu schnellte und kurz darauf die flache linke Hand von Xelestra gegen seinen Kopf knallte. Dann fühlte er, wie ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde, er einige Meter zur Seite flog und mitten in einem dichten, mit Dornen besetzten Busch aufschlug. Tausende von Sternen tanzten vor seinen Augen umher und ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Er schüttelte sich, wischte sich mit einer Hand über den Mund und sah, dass er blutete.
„Du hast doch gesagt, du…“
„Du wirst es überleben.“ Brummte sie, wandte sich um. „Wenn die wieder zu sich kommen, sag, ich hätte euch drei niedergeschlagen.“
Kweezil riss die Augen auf. „Wo gehst du denn hin?“
„Zu diesem Schrein.“
„Und wie willst du da alleine hinkommen?“ hakte Kweezil nach, sich allmählich aus dem Gebüsch befreiend.
Ohne groß Worte zu verlieren griff Xelestra an ihren Gürtel, öffnete eine kleine Tasche, zog jenes Buch heraus, in dem sie schon während der gesamten Überfahrt von Nordend nach Orgrimmar gelesen und gezeichnet hatte.
„Ich folge der Karte.“
Kweezil stolperte vorwärts, von dem heftigen und überraschenden Schlag sichtlich mitgenommen. „Glaub…glaub ja nicht, dass du mich hier liegen lassen kannst.“
„Tapferkeit oder Pflichtbewusstsein?“ 
Kweezil lachte trocken. „Überlebensinstinkt. Ich habe meinen Auftraggeber und will den nicht auch noch gegen mich haben. Es geht ums Geschäft.“

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