Kapitel 8 – Erster Feindkontakt

Die Dunkelheit lag noch immer schwer über dem südlichen Kontinent Azeroths, als seine Sinne langsam wieder zurückkehrten und die Leere des Schlafs von ihm wich. Für einen Augenblick meinte er noch zu träumen, als er einen süßlichen und einen rauchigen Geruch wahrnahm. Dann sah er das fahle Licht seines Multifunktions- Messers, das noch immer in einer der Felsritzen steckte und ein schwaches Dämmerlicht spendete.
Nein, das hier war kein Traum. Er war wieder wach. Doch dieser Geruch….
Von einer Sekunde auf die andere war er hellwach, sah sich um, versuchte die Todesritterin zu erspähen, die nur wenige Armlängen neben ihm auf den Felsen gelegen hatte, als er eingeschlafen war. Doch sie war verschwunden. An ihrer Stelle sah er lediglich eine tiefrote Blutspur, die den Fels hinab in die Schwärze des Waldes führte.
„Verdammt!“ schnaubte Kweezil, griff sich sein Messer, klappte es wieder zusammen, rollte die Decke in das kleine Paket, das es vorher gewesen war, zog einen Dolch und sprang von den Felsen herunter. Wie ein Schatten, der im flackernden Kerzenlicht ebenfalls kaum wahrnehmbar seine Lage änderte, sprang er von Deckung zu Deckung, spähte um die Ecken von Bäumen, Büschen und kleineren Felsbrocken, die seiner niedrigen Gestalt als Versteck dienen konnten.
„Xelestra! Wo steckst du?!“ brüllte er, wechselte sogleich die Deckung, ehe er weiter rief. „Sei noch am Leben. Bitte sei noch am….“
Sein Atem stockte, als er die Todesritterin am Boden kniend erspähte. Eine Rauchfahne stieg vor ihr auf. Deutlich erkannte er Blut, das ihr an den Armen herunter lief.
Schnell huschte er weiter, blieb in Deckung ihres Rückens, schlich nahe an sie heran, ehe er aus der Deckung ihrer Gestalt um sie herum fuhr, den Dolch zum Schlag bereit. Erst jetzt erkannte er, was die Todesritter verdeckt hatte und was gleichzeitig den Geruch verursacht hatte, den er jetzt überdeutlich roch.
In einem kleinen Feuer, das behelfsmäßig aus etlichen kleinen Steinen und Zweigen zusammengelegt worden war, brannte etwas, das einmal ein stolzes Fell hatte gewesen sein müssen. Darüber stand, auf längere Stöcke und unförmige Knochen aufgespießt, einiges Fleisch, verdeckte die Flamme nahezu vollständig, hatte mittlerweile eine nahezu schwarze Patina angenommen. Weiter entfernt lag nur noch der abgetrennte Kopf dessen, was einmal ein Tiger gewesen war, starrte aus leeren Augen in die Tiefen des Dschungels.
Wortlos stand der Goblin nur da, starrte die brutzelnden Fleischberge und die davor kniende Todesritterin an, die ein kleines Kürschnermesser gerade mit einem letzten Stück Fell sauber wischte, es dann in einem kleinen Heft an ihrem Gürtel verschwinden ließ und daraufhin das nun schmutzige Stück Fell den Flammen zum Fraß vorwarf.
„Ich hoffe du bist ausgeruht.“ Kommentierte sie die Anwesenheit des Goblins mit beunruhigend ruhiger Stimme, griff dann zu einem der Fleischstücke am Feuer, reichte es Kweezil hinüber.
„Nimm nicht mehr, als du tragen kannst. Der Weg wird lang.“
„Aber…woher…wie hast du…?“ stammelte der Goblin, der das nahezu schwarze Fleisch in eine Hand nahm und betrachtete. Trotz der oberflächlichen Schwärze war es noch nicht verbrannt und duftete in der Tat appetitlich.
„Er wollte leichte Beute. Seine Wahl war schlecht.“

Als die Sonne schließlich aus dem Meer aufstieg und auch Pandaria in ihr goldenes Licht tauchte, war man in der Festung der Herrschaftsoffensive in hellem Aufruhr. Die beiden Orcs, die mit der Todesritterin und deren ‚Bewacher‘ die Front hatten verstärken sollen, waren von einer anderen Patrouille in der Nacht gefunden und ins Lager zurück gebracht worden. Beide hatten zahlreiche Brüche und Prellungen, die laut den Heilern von mindestens einem halben Dutzend Allianzsoldaten her rühren mussten, wenn man die Schwere ihrer Verletzungen berücksichtigte. Einer der beiden bestand allerdings darauf, dass es lediglich die Todesritterin gewesen war, die beide überrumpelt und niedergeschlagen hatte.
„Wo sind die beiden?!“ brüllte Gro’tash auf Krom ein, dessen Gesicht eine ungesund bläuliche Färbung zeigte. Ganz offensichtlich hatte der Schlag der Todesritterin ihm nicht nur die Nase, sondern auch noch einige Knochen im Gesicht gebrochen.
„Isch…isch weiß es nisch.“ Lispelte der Orc. Sabber und Blut flogen dabei aus einer sehr frisch aussehenden Zahnlücke. „Chie…chie fragte wasch von den anderen Dauren und hat unsch niedergeschhhlagn.“
„Und was hast du ihr gesagt?! Rede oder ich zeige dir, wie wir mit Verrätern umgehen!“
„Dasch schie im Tal schind….“ Beeilte sich Krom zu sagen.
Gro’tash grunzte, nickte den beiden Wachen zu, die Krom packten und wieder zu den Heilern zurück schleiften. Wütend donnerte er die Faust gegen einen Pfeiler, schnaubte laut auf. Der Schmerz in seiner Hand brannte, verzehrte den Zorn, der in ihm kochte. Er wollte sich nicht vorstellen, was Höllschrei veranstalten würde, wenn er erfuhr, wie er die Todesritterin dem Griff der Horde entkommen war – und das durch reinen Dilletantismus!
„Macht einen Boten bereit!“ brüllte Gro’tash schließlich, sich in Richtung Waffenschmiede wendend.
„Jawohl! Wir werden Höllschrei sofort über die…“
„Nicht Höllschrei ihr verblödeten Peons!“ brüllte Gro’tash noch etwas lauter. „Sendet eine Nachricht an unsere Wachen im Schrein der zwei Monde. Sie sollen die Todesritterin gebührend in Empfang nehmen!“

Erneut waren sie wieder etliche Stunden unterwegs gewesen. Doch jetzt, bei Tageslicht und den schnell steigenden Temperaturen, gefüllten Mägen und ausreichend Rast hielt Kweezil problemlos das stramme Tempo der Todesritterin, die mit sicherem Schritt den Weg durch den Dschungel wies. Dann öffnete sich das dicht bewachsene Blätterdach zu einer steil ansteigenden Ebene auf der einen und einer massiven, auf den ersten Blick unüberwindbaren Mauer auf der anderen Seite.
Kweezil stockte ob der Höhe der Mauer, der feinsten Details bei den Verzierungen der Steine sowie den weit oben befindlichen Türmen der Atem. „Wer auch immer die gebaut hat, hatte wohl einiges zu kompensieren, was?“ spottete er, den Blick hinauf richtend. Erst als die Todesritterin nicht auf diesen Kommentar zu reagieren schien, wandte er sich um und sah zu der Stelle, an der sie bis gerade noch gestanden hatte. Doch was er dann sah, ließ sein Grinsen schlagartig in Entsetzen übergehen und seine Hände nach seinen Dolchen greifen.
Xelestra war einige Schritte weiter gegangen und stand einem guten Dutzend von insektoiden Wesen gegenüber, die ihre Klingen zum Angriff hoben und mit klickernden Lauten vorwärts stürmten. Sie hatte ihrerseits ihre Waffe ergriffen, hielt die mächtige Axt seitlich neben sich, bereit, sich gegen die anstürmenden Wesen zu verteidigen.
Mit großen Sätzen sprang Kweezil voran, eilte an die linke Seite der Todesritterin, die zunächst nur starr in Richtung der Angreifer blickte, die ihrerseits, von den dünnen Flügeln auf ihren Rücken knapp über dem Boden schwebend, schnell näher kamen. Der erste von ihnen hob seinen Speer, wollte ihn der Todesritterin direkt in die Brust rammen. Doch gerade als die Klinge im Begriff war, die Brustplatte zu berühren, wich sie mit ihrem linken Huf seitlich nach hinten aus, schwang ihre Axt mit einem kräftigen Ruck nach oben, durchschnitt knapp oberhalb der Schultern des Angreifers die Luft.
Von der Attacke vollends überrascht stürmte dieser weiter voran, blickte nur verdutzt und fühlte nicht, wie seine Waffe inklusive der Arme, die den Speer noch immer fest umklammert hielten, zu Boden fielen und ihm lediglich die abgeschlagenen Armstummel noch aus dem Körper ragten. Doch noch ehe er Schmerz spüren konnte rutschte auch sein Kopf seltsam vorwärts, glitt von seiner Schulter und krachte vor seinem das Leben aushauchenden Körper auf den Boden, während dieser seinen Kurs ungebremst einige Meter vorwärts fortsetzte und schließlich, einige Schläge des schwarzen Herzens innerhalb seines Chininpanzers später, ebenfalls zu Boden stürzte.
Noch während der erste Angreifer zu Boden ging, war Xelestra einmal um ihre Achse rotiert, schwang die Axt und bohrte die rasiermesserscharfe Spitze der Klinge in den Leib des nächsten Angreifers, drehte diesen um 90 Grad und stieß ihn gegen drei seiner Kollegen prallen, deren Waffen sich in den Flügeln und seinem übrigen Leib verfingen und so ebenfalls außer Gefecht setzten.
Ihr Überraschungsangriff war dahin. Die sechs anderen schwärmten aus, gewannen schnell Höhe, um der Todesritterin in den Rücken zu fallen, sie von oben anzugreifen und so die gefallenen Kollegen zu rächen. 
Ein lauter Knall durchschnitt die sonst nur von Klackern erfüllte Luft. Verblüfft sahen sich die sechs gegenseitig an. Dann fiel der Blick von fünf der Wesen auf den Sechsten von ihnen. Der realisierte zunächst nicht, weshalb sie ihn so anstarrten, blickte an sich selbst herunter und erschrak, als er ein faustgroßes Loch inmitten seines Brustkorbs entdeckte. Sein letzter Blick galt Kweezil und dessen rechten Arm sowie dem noch rauchenden Lauf der Flinte, die in seiner Hand ruhte. Dann, einen weiteren Knall später, zerplatzte sein Kopf und machte seiner Existenz ein jähes Ende.
Die fünf übrigen insektoiden Wesen starrten einander sichtlich beeindruckt an, flatterten noch höher hinauf und wandten sich mit schnellen Flügelschlägen gen Norden. Ihre fünf Kameraden waren schnell und ohne auch nur die geringste Chance gefallen. Ihre Überraschung war dahin und auch sie erkannten, dass sie keine Chance haben würden. Also blieb ihnen nur die Flucht.
„Was beim Ritzel nochmal sind das für Dinger?“ schnaubte Kweezil, der seine Flinte aufklappte, mit zwei frischen Patronen versah, dann in der Mitte durchknickte und wieder im Tarnholster hinter seinem Rücken verstaute.
Die Todesritterin indes betrachtete die am Boden liegenden Wesen, von denen kein einziges auch nur ansatzweise am Leben geblieben war, rammte ihre Axt dann in den Leib eines noch zuckenden Insektoiden. Ihr Blick wanderte nach oben zu den fünf übrigen, die schnell davon flogen.
„Dieser dort wird es uns sagen.“ Schnaubte sie, hob ihre linke Hand und deutete auf den hintersten der fünf. Eine eisige Wolke entglitt ihrer Fingerspitze, zog sich mit unnatürlicher Geschwindigkeit ihre Bahnen durch die Luft. Schwarze und dunkelgrüne Blitze fuhren durch die Wolke hindurch, die sich in viele einzelne Blitze aufspaltete und Wurzeln ähnlich in Richtung der fünf Insektoiden schoss, binnen weniger Augenblicke den Hintersten der Fünf umschlang, die Flügel abquetschte und ihn wie eine übergroße, mißgestaltete Hand packte. Dem Wesen blieb nur ein schrilles Kreischen, als es von dieser unheiligen Macht gepackt zu Boden gerissen wurde und mit einem heftigen Knall unmittelbar vor der Todesritterin landete.
Benommen schüttelte sich das Wesen, blickte dann zu der Todesritterin hinauf und griff instinktiv nach seiner Waffe. Doch noch ehe es danach greifen konnte, trat Xelestra bereits mit aller Kraft gegen den Arm der Kreatur. Ein lautes Knacken, gefolgt von einem Kreischen, beendete den Versuch. Dann setzte sie ihren Huf auf den Brustkorb der Kreatur und drückte zu.
„Ich frage nur einmal: Wer bist du? Was bist du? Und warum greifst du uns an?“
Das Wesen packte mit der linken, unverletzten Hand nach dem Bein der Todesritterin, versuchte die Klauen durch die Panzerung hindurch in das Fleisch zu rammen und sich so zu befreien. Doch die Rüstung war zu stark, als dass er etwas hätte ausrichten können. So blieb ihm nur, die Todesritterin mit hasserfülltem Blick aus seinen Facettenaugen anzustarren und lautstark zu zischen.
„Mantis wird Weichhhaut zerfetzen!“ klickerte das Wesen, die klauenbesetzte Hand weiter am Bein entlang fahrend, bis es das Kniegelenk erreichte und Fell spürte. Doch ehe es irgendwelchen Schaden hätte anrichten könne, rammte die Todesritterin ihren Huf mit aller Kraft auf den Boden, zerquetschte den Brustkorb des Insektoiden mit einem lauten Knirschen.
Kraftlos sackte die Kreatur unter der Todesritterin zusammen, die sich zu ihrer Axt wandte, diese packte und wieder auf ihrem Rücken verstaute.
„Mantis.“ Wiederholte sie, griff an ihre Tasche und brachte ihr Buch heraus, schlug es auf und blätterte darin herum.
„Was machst du denn jetzt? Wir haben doch jetzt keine Zeit, um hier rumzulesen. Was, wenn die zurückkommen? Soll ich die etwa…“
„Halt die Klappe oder leg dich daneben.“ Schnaubte die Todesritterin Kweezil an, der sich vor ihr aufgebaut hatte und ungläubig zusah, wie diese zuerst schnell durch die Seiten durch blätterte, dann nur noch Seite um Seite umblätterte und schließlich zu lesen begann. 
Mantis. In der Tat hatte sie von diesen Wesen bereits im hohen Norden innerhalb des Archivums gelesen. Dass diese Wesen allerdings so groß waren, hätte sie nicht gedacht. Doch im Gegenteil: Diese hier waren lediglich dumme, kleine Drohnen. Allerdings existierten noch wesentlich größere Mantis, wie es den Anschein hatte. Generäle, Kommandanten, Befehlshaber – laut der Aufzeichnungen sollten diese mehr als die doppelte oder gar dreifache Körpergröße besitzen und stark genug sein, um massive Felsen anzuheben und gegen ihre Feinde schleudern zu können.
Ein Blitzen ging durch ihre Augen. Dann klappte sie das Buch wieder zu, verstaute es und blickte Kweezil zufrieden an, der den Blick starr in Richtung Himmel gerichtet hatte.
„Ich habe eine Idee. Komm, beeil dich.“

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