Kapitel 10 – Verrat

Erneut näherte sich die Sonnenscheibe bedrohlich nahe dem Horizont von Azeroth, hüllte den Himmel in ein Farbspiel zwischen Dunkelblau und kräftigem Rot. Und obwohl die Strecke vom südlichsten Zipfel des Tals der vier Winde zum Tal der Blüten hin wahrlich keine kurze war, der massige Körper des Mantis und seine entsprechend gewaltigen Flügel mit der Extralast der Todesritterin und des Schurken sichtliche Mühe hatten, kam ihr Ziel mit jedem Flügelschlag näher.
Unter ihnen breitete sich die goldenen Wiesen und saftig-gelblichen Bäume des Tals der Blüten aus, strahlten auch aus dieser Höhe eine sehr eigene, aber durchweg bezaubernde Schönheit aus, die nur von den zahllosen Löchern, Gräben und frischen Baumstümpfen, die das Tal durchzogen, als wären wildgewordene Maulwürfe eingefallen. Allerdings, und das fiel ausgerechnet Kweezil sofort auf, waren diese Maulwürfe ziemlich genau von seiner Statur und gingen mit hochmodernem, technischen Gerät zur Sache.
„Wonach buddeln die denn da unten?“ fragte er sich, sprach diese Frage allerdings so laut aus, dass man es trotz der Windgeräusche und dem hochfrequenten Flattern der Flügel des Mantis verstehen konnte. Und dieser ließ es sich auch nicht nehmen, Kweezil zu antworten.
„Sie sind auf der Suche nach dem Meister.“ Schwärmte der Mantis nahezu schwärmend und mit ungewöhnlich ruhiger, freundlicher Stimme. Deutlich merkte man ihm die Begeisterung an, die er bei dem bloßen Gedanken an diesen ‚Meister‘ empfinden musste.
„Und den findet ihr im Dreck unter dem Gras?“ meinte Kweezil irritiert. „Oder sind die Erze dort euer Meister? Ein vergrabener Schatz vielleicht? Eine Truhe mit…“
„NEIN!“ fuhr der Mantis dazwischen. „Der große Meister aus einer fernen Vergangenheit. Mächtiges Wesen, dem alle Mantis dienen werden. Er wird uns zum Sieg führen. Die Welt wird wieder uns gehören!“
„Er ist einmal gescheitert. Er wird wieder scheitern.“ Kommentierte Xelestra, den Blick nicht vom Boden und der näheren Umgebung nehmend. Zwar war es einige Jahre her, seit sie ihre Schwester das letzte Mal gesehen hatte, jedoch war sie sich absolut sicher, diese zu erkennen, wenn sie diese erspähen sollte. Entsprechend genau behielt sie das Tal genau im Auge, wenngleich es noch ein gutes Stück bis zum Schrein war.
„Das letzte Mal kämpften die großen Wesen. Sie besiegten den Meister, sperrten ihn ein.“
„Die Titanen.“ Erklärte Xelestra so beiläufig, dass Kweezil nur fragend starren konnte.
„Archivum. Ehe du fragst.“ Fügte sie hinzu, diesmal allerdings nur so leise, dass lediglich Kweezil es mitbekam. Entsprechend plapperte der Mantis weiterhin schwärmend weiter.
„Ja. Aber sie sind fern und der Meister ist stark. Er wird uns Mantis führen, uns einen und wir werden mit seinem Segen erst Pandaria von den fetten Pandaren zurückerobern und schließlich ganz Azeroth unterjochen.“
Mit diesen Worten ging ein Ruck durch den Mantis, wurde sein Flügelschlag heftiger und er beschleunigte den Flug schlagartig, deutete mit einem seiner Arme nach vorn.
„Dort. Ein Atem des Meisters. Preiset den großen Propheten und seine Macht!“ stieß der Mantis mit frenetischem Jubel aus, während er vorwärts schnellte.
Kweezil und Xelestra starrten beide in die Ferne, erblickten ein riesiges, unförmiges und gänzlich schwarzes Monster, das scheinbar aus dem Boden gewachsen war und mit messerscharfen Pranken um sich schlug, während vom Boden aus unzählige kleine Gestalten auf das Ungetüm einschlugen. Zur Beruhigung der beiden Mitreisenden flog der Mantis derart schnell, verlor an Höhe und blieb nun auf Augenhöhe mit dem Monstrum, so dass sie diese kleinen Gestalten sehr schnell Form annahmen und erkennbar wurden.
Einige Orcs, wenige Blutelfen, dafür zahllose Tauren, denen eines gemein war: Sie alle trugen goldene Schultern und rote Umhänge, stemmten sich von allen am Stärksten gegen das Monstrum, während vor allem die Orcs eher im Hintergrund blieben und scheinbar abwarteten, was als Nächstes geschah.
Sonnenläufer. Von ihnen hatte Xelestra nur wenig gehört und noch weniger gelesen. Angeblich waren sie ein uralter Orden innerhalb der Gesellschaft der Tauren, die in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten waren. Gold und Rot waren ihre Farben – und nicht viele Tauren wählten diese für die Erdenmutter eher untypische Farbkombination. Eine derart große Zahl in gleichartigen Gewändern…
Xelestras Gedanken stockten, als sie einen genaueren Blick auf das Schlachtfeld knapp vor und unter ihnen erhaschen konnte. Dort, inmitten der ganzen Tauren und an vorderster Front, stand eine junge, vielleicht vierzehnjährige Taurin, schwang ein für ihre Körpergröße beachtliches Zweihandschwert gegen die Bestie und zog damit ihre Aufmerksamkeit auf sich. Dann, für einen kurzen Augenblick, in dem das Monster ausholte und zum Schlag ansetzte, die Taurin beiseite sprang und sich um Matsch flink abrollte und nach oben in Richtung des nächsten Angriffs schaute, trafen sich die Blicke der Todesritterin und der jungen Taurin. Überdeutlich erkannte sie die kastanienbraunen Augen, deren leichter, goldener Schimmer sowohl ihren Namen, als auch ihre spätere Berufung vorweg genommen hatte.
Nikariu – Taur-ahe für „die Strahlende“, da sie bereits bei ihrer Geburt von einer besonderen Aura umgeben war.
Ihre Schwester.
„Dort!“ rief Xelestra und erhob sich auf dem Rücken des Mantis, deutete nach unten. Dann griff sie ihre Axt, schob sich an Kweezil vorbei, stieß sich mit aller Kraft zu einem Sprung in Richtung des Monstrums ab, bereit, ihre Axt in den Leib zu rammen und dem Monstrum ein schnelles Ende zu machen. Doch mitten in der Bewegung endete ihr Sturz nach unten, schwebte sie stattdessen kopfüber in der Luft. Wütend starrte sie an sich herab, erblickte eine der Hände des Mantis, die um ihr rechtes Bein geschlossen war und sie kopfüber in der Luft festhielt.
„Nein! Du wirst dem Propheten nichts tun!“ schnaubte er klickernd, den Griff um ihr Bein festigend.
„Lass los!“ brüllte Xelestra ihrerseits, zog ihr rechtes Bein an und rammte die dornbesetzten Eisen mit aller Kraft gegen den Kopf des Mantis, riss tiefe Wunden in das weiche Fleisch rings um die Facettenaugen. Doch statt den Griff zu lockern, packte er nur noch stärker zu, presste so heftig, dass sich das Metall knapp oberhalb ihres Hufes zu verformen begann und gegen ihr Bein gepresst wurde.
„Ihr Weichhäute werdet vor dem Meister fallen wie Ären im Wi…“
Mitten im Satz brach der Mantis ab, fiel sein Kiefer kraftlos nach unten und löste sich der Griff um Xelestras Bein, woraufhin sie schließlich und endlich nach unten stürzte. Erst auf den zweiten Blick sah sie oben, auf dem Rücken des Mantis, wie Kweezil die Hand um den Griff des Dolches gelegt hatte, der noch immer im Nacken des Ungetüms gesteckt hatte, diesen offensichtlich mit aller Kraft hinein gerammt und dem Monster somit den Todesstoß verpasst hatte. Und sie sah, wie die Flügel des Mantis wild und unkoordiniert herumflatterten, der Riese zu trudeln begann und dann ebenfalls in Richtung Boden stürzte. Doch statt den Absturz zu beobachten wandte sie sich lieber um, schwang ihre Axt und stieß vorwärts in Richtung der riesigen, schwarzen Abnormität.
Ein heftiger Schlag ging durch ihre Axt, als die Klinge auf die schwarze, waberige Masse traf und tief eindrang, darunter ein lilanes Fleisch zum Vorschein brachte, das von schwarzem Blut durchströmt würde. Den Ruck so gut sie konnte abfangend wirbelte Xelestra einmal um ihre Achse, rammte dann die Eisen ihrer beiden Hufe in die Flanke des Monstrums und zog an ihrer Axt, um diese ein Stück weiter unten erneut in das Monstrum zu rammen.
Ein wütendes, markerschütterndes Brüllen durchfuhr ihren Körper, ließ ihr Fell am ganzen Körper die Haare sträuben, als die Klinge ein zweites Mal tief in das Fleisch schnitt, dieses Mal das erwischte, was wohl der Bauch des schwarzen Ungetüms war. Erneut schwang sich Xelestra am Griff ihrer Axt, vollführte eine weitere Drehung und sah nur noch aus den Augenwinkeln, wie eine riesige, schwarze Pranke auf sie zu raste, um ihr den Kopf abzureißen. Instinktiv riss sie ihren linken Arm hoch, hob diesen schützend vor ihr Gesicht, während sie sich nur noch mit der rechten Hand an ihrer Axt festhielt.
Mit einer Kraft, die sie nicht für möglich gehalten hatte, donnerte die Klaue gegen ihren linken Arm, klirrte die Klaue gegen ihre Armschiene und riss sie ihren Körper hart nach hinten, als wäre sie nur eine Stoffpuppe an einem dünnen Faden, auf die ein Sechsjähriger voller Wut einprügelte. Eisern hielt sie sich dennoch an ihrer Axt fest und merkte erst, dass das ein böser Fehler war, als sie ihre rechte Schulter laut knacken hörte und sich ihr Griff daraufhin von alleine löste.
Erneut reagierte sie instinktiv, griff mit der linken Hand an ihren Gürtel, zog das Kürschnermesser und rammte es in den Leib der Bestie, glitt die letzten Meter durch den Schnitt gebremst an der Bestie nach unten und rollte sich ab, als sie am Boden ankam. Von dem Schlag noch leicht benebelt und desorientiert blickte sie sich um, erspähte ihre Schwester einige Meter entfernt und stürmte auf sie zu, während das Monstrum sich vor Schmerzen schüttelte und wild um sich schlug. Die Axt steckte noch immer im Leib des Monstrums, glitt jedoch durch die Bewegung und ihr eigenes Gewicht langsam von allein herunter, schnitt dabei eine noch größere, tiefere Wunde, aus der das schwarze Blut in Strömen heraus floss und dem Monstrum von Sekunde zu Sekunde mehr Kraft raubte. Lange würde es nicht mehr überstehen, wollte, von Zorn getrieben, aber noch einige mit sich reißen, ehe es verging. Und für eben jenen letzten Angriff hatte es sich die junge Taurin erkoren, zu der Xelestra in genau diesem Moment stürzte.
„Runter Kleines!“ brüllte Xelestra aus ganzer Kehle, während sie auf ihre Schwester zu stürzte. Die erschrak beim Anblick der großen, schwarzen Taurin, ließ vor Schreck ihr Schwert sinken und realisierte damit nicht, in welcher Gefahr sie schwebte. Dann sprang Xelestra vorwärts, breitete den linken Arm aus, warf sie mit ihrem ganzen Gewicht und ihrem Tempo um und krachte neben ihr auf den Boden. Nur Sekundenbruchteile später donnerte die schwarze Klaue des Monstrums dort hinab, wo Nikariu bis gerade noch gestanden hatte. Das unförmige Körperteil bohrte sich so tief in den Boden, dass das geschwächte Monstrum nicht mehr in der Lage war, sich zu befreien. Es brüllte nur noch glucksend, würgte und fiel in sich zusammen, als wäre es aus Wasser und würde sich gerade jetzt daran erinnern, doch flüssig zu sein. Der Todeskampf dauerte nur noch Augenblicke, dann war von der Bestie und ihrer tödlichen Macht nicht viel mehr als eine kleine, schwarze Pfütze übrig, die den Boden bedeckte und in der nun eine übergroße Axt steckte.
„Bist du in Ordnung? Bist du unverletzt?“ fragte Xelestra, die gemeinsam mit der jungen Taurin nun im Schmutz lag.
Die junge Taurin nickte vorsichtig, die Augen noch immer vor Schreck weit aufgerissen. „Ich…ich…ich glaube…ja.“
„Gut.“ Brummte die Todesritterin, stemmte sich ein Stück nach oben, packte dann mit der linken Hand ihren schlaff nach unten hängenden rechten Arm und zog mit einem kräftigen Ruck daran. Erneut hörte man ein lautes Knacken, begleitet von einem leichten Zucken in ihrem Gesicht. Dann strich sie über ihre rechte Schulter, bewegte probeweise ihren rechten Arm und nickte.
„Wer…wer bist…OH!“ begann die junge Taurin, als ihre Sinne langsam wieder zu sich kamen, blickte an sich herab und erschrak, als sie sah, dass ihr Schwert im linken Bein der Taurin steckte, die sie gerade vor dem sicheren Ende bewahrt hatte.
Xelestra folgte dem entsetzt wirkenden Blick ihrer Schwester, blickte auf das Schwert, dessen Heft noch immer in der verkrampften Hand der jungen Paladina lag. Mit einem stillen Seufzer schob sie die Hand beiseite, packte ihrerseits an den Griff und zog an der Klinge, die einige Zentimeter tief knapp oberhalb ihres Knies zwischen den Panzerringen und durch das Leder in ihr Bein eingedrungen war.
„Das…das tut mir leid! Ich…du…dein…Bein…ich…“ begann die junge Taurin zu stammeln, starrte nur auf den Schnitt im Leder zwischen den Metallringen der Hose, durch den überraschend wenig Blut hindurch drang, während die Todesritterin scheinbar ohne Gefühlsregung das Schwert in den Boden stieß und sich darauf gestützt aufrichtete, den Blick auf die noch immer auf dem Rücken liegende Paladina gerichtet.
„Schon in Ordnung.“ Schnaubte sie, blickte sich um und sah zwei weitere Tauren, die bereits im Eiltempo auf sie zu liefen, allerdings zunächst nur Augen für die noch immer am Boden liegende Taurin hatten.
„Niki. Alles in Ordnung Kleines?!“ brüllte der erste Taure, dessen hellbraune Mähne wild umher flog, während er mit schnellen Schritten näher kam. Nicht weit hinter ihm folgte ein zweiter Taure mit wesentlich hellerer, dafür kürzerer Mähne und einem sichtbaren Bart, der jedoch formschön in zahllose Zöpfe geflochten worden war. Anders als sein jüngerer Kollege lief er gemächlicher, ruhiger und behielt offenbar auch die Todesritterin im Auge, die den Blick ihrerseits erwiderte und kurz nickte, ehe sie sich abwandte und zu ihrer Axt blickte, die einige Schritt entfernt im Boden steckte.

Es war eine dumme Idee gewesen, dieses Käfervieh dazu zu überreden, sie hierher zu bringen. Natürlich hatte Kweezil das Xelestra von Anfang an sagen wollen, hatte auf die Risiken hingewiesen und sich standhaft geweigert, überhaupt aufzusteigen. Doch ihre Argumente waren schlagfertiger gewesen als alles, was er an Arsenal im Petto hatte. Die Entscheidung, dem Monstrum den Dolch jedoch vollends in den Nacken zu rammen, war ihm überraschend leicht gefallen und hatte ihm geradezu Freude bereitet. Nur zu gern stellte er sich Höllschrei vor, der an der Stelle dieses gepanzerten Mistviehs das Leben ausgehaucht hätte, während Kweezil ihm langsam und qualvoll ein Ende bereitete.
Erst spät hatte er gemerkt, dass diese Leichtigkeit, die er empfand, tatsächlich der Sturz aus über fünfzig Metern Höhe war, der zweifelsohne tödlich verlaufen wäre, hätte er nicht in weiser Voraussicht seinen Umhang mit einer Bastelei versehen, die seinen Fall ganz erheblich verlangsamte. Dummerweise aber waren die Winde hier im Tal offenbar derart stark, dass ihn das große Segel, zu dem sich sein Umhang formte, etliche hundert Meter weit von der Stelle weg trug, an der sich die Todesritterin nun befand und gegen das Ungetüm kämpfte. Zu seiner Überraschung landete er mitten auf dem Treppenabsatz eines Bauwerkes, das in die hohe Felswand eingelassen war und von dem eine strahlende Aura ausging. Rot und Gold säumten als Farben jeden Winkel dieses mit zahllosen Säulen verzierten, tempelartigen Bauwerks, in dessen Innern ein Brunnen leise vor sich hin plätscherte. Klar hörte er außerdem geschäftiges Treiben, Lachen und klimpernde Münzen im Inneren des Bauwerks, während vor den drei großen Eingängen jeweils zwei Orcwachen standen und die Umgebung mehr oder minder gelangweilt im Blick behielten. Mehr oder minder bedeutete dabei, dass sie jeweils gemeinsam an einem Tisch saßen und Karten spielten, abwechselnd jubelten, fluchten und sich ansonsten lautstark unterhielten.
„…kommt doch eh nicht hier, wenn sie weiß, was gut für sie ist.“ Brabbelte eine der Wachen am linken Eingang vor sich hin und warf sogleich eine der Karten von seiner Hand auf das Spielbrett, woraufhin sein Gegenüber laut schnaubte und einen kleinen Beutel Goldmünzen auf den Tisch packte.
„Wenn selbst General Nazgrim meint, wir sollten auf der Hut sein, dann bleiben wir auf der Hut.“ Entgegnete der andere mit einem zufriedenen Grinsen, packte nach dem Goldbeutel und ließ ihn unter dem Tisch verschwinden. „Du gibst.“

„Das war sehr gefährlich, Neophyt. Dein Training ist noch nicht so weit, dass du dich derart übereifrig in den Kampf stürzen solltest. Du hättest verletzt werden können. Du hättest sterben können.“ Maßregelte der Taure mit hellerer Mähne die junge Taurin, während der andere ihr beim Aufstehen half und mit seinen Händen, die von goldenem Licht umhüllt wurden, über ihren Rücken fuhr. Sie schüttelte sich, schob ihn zur Seite, als wollte sie sich gegen diese Berührungen wehren.
„Lass mich in Ruhe Kared, ich habe mir nichts getan!“ brummte sie, ihre Schulter unter seinem tätschelnden Griff wegziehend. „Und ich habe bislang jede Probe und jedes Training bestanden Magrol. Ich bin soweit – das weißt du.“
Der ältere Tauren runzelte die Stirn. „In der Tat hast du jede der Prüfungen, die dir auferlegt wurden, überaus erfolgreich beendet. Doch dir fehlt die Ruhe, Nikariu. Ein Sonnenläufer agiert niemals aus der Emotion heraus, sondern im Angesicht des Lichtes von An’she. Nimm ihr Licht an und lass dich von ihr leiten.“
„Bitte hör auf Magrol. Dieses Monstrum hätte dich beinahe in Stücke gerissen, wenn nicht….“
Kared wandte den Blick zur Todesritterin, die neben den nun drei Paladinen stand und ihren Blick über die übrigen Kämpfer wandern ließ. Deutlich sah sie, dass das Monster mehrere verwundet hatte. Zwei Blutelfen lagen am Boden, wanden sich vor Schmerzen und wurden von jeweils drei ihrer Kollegen versorgt, ein anderer Taure wurde, auf die Schultern von zwei Taurinnen gestützt, in Richtung Norden geführt, wo in einiger Entfernung ein Bauwerk in die Felswand eingelassen worden war. Wahrscheinlich handelte es sich hier um den besagten Schrein – auch wenn er nicht wirkliche Ähnlichkeit mit einem Schrein hatte. Dann erst spürte sie den Blick des jungen Paladins, der auf ihr ruhte.
Nein, es war kein Blick, sondern mehr ein Starren. Ein Starren, das aus einer Mischung von Hass, Ekel und Unsicherheit geprägt war.
„Gern geschehen.“ Brummte Xelestra ihn nur an, wandte sich dann demonstrativ ab und ging auf ihre Waffe zu. Doch bereits beim ersten Schritt stockte sie einen Augenblick, blieb sofort wieder stehen und blickte an sich herab. Ihr linkes Bein wollte nicht so recht ihrem Willen gehorchen. Nur mit extremer Mühe gelang es ihr, ihren Huf überhaupt ein wenig anzuheben und nach vorne zu schieben. Gänzlich ohne es bewusst zu wollen legte sie ihre linke Hand auf die Wunde, die noch immer knapp oberhalb ihres linken Knies in ihrem Bein klaffte und spürte, wie die Muskeln in ihrem Bein unkontrolliert zuckten.
Xelestra knurrte genervt, presste ihre Finger fester um das Bein. Offensichtlich hatte die Klinge im Inneren mehr kaputt gemacht, als es den Anschein hatte. Es würde einige Tage dauern, ehe die Wunde geheilt und ihr Bein wieder vollständig benutzbar wäre. Dann richtete sie sich wieder auf, machte einen weiteren Schritt nach vorn und zog ihr linkes Bein einfach hinter sich her.
„Warte.“ Rief die Stimme von Kared hinter ihr her. Und bevor sie überhaupt in der Lage war, ihm etwas zu entgegnen oder gar zu protestieren lag bereits seine rechte Hand auf ihrem linken Knie, wurde es von einem goldenen Licht umhüllt.
Hitze. Unbeschreibliche, unerträgliche Hitze flammte durch ihr linkes Bein, das sich von einer Sekunde auf die andere anfühlte, als wäre sie mitten in blubbernde Lava getreten. Wie eine Klinge, die immer weiter voran gestoßen wird, breitete sich die Hitze weiter aus, erfasste sie ihren gesamten Körper. Hatte sie die Verletzung an ihrem Bein und auch ihre ausgekugelte Schulter bis eben nur als lästige, störende Beeinträchtigungen ihres ansonsten funktionierenden Körpers wahrgenommen, explodierte selbiger nun in einem unbeschreiblichen Schmerz, der sie innerlich zu zerreißen drohte, an ihr zerrte und die Welt um sie herum verschwimmen ließ. Begleitet von einem unbeschreiblich lauten Schrei schlug sie aus letzter Kraft um sich, traf dabei mehr zufällig denn beabsichtigt den jungen Paladin mit ihrem Ellenbogen am Kinn und schaffte es so, dass sich seine Hand von ihrem Bein löste.
Von einer Sekunde auf die andere waren die Schmerzen wieder weg und kehrten ihre Sinne zurück. Trotzdem gelang es ihr nicht, das Gleichgewicht zu halten, strauchelte sie und fiel geradewegs vorwärts auf den Boden, während Kared seinerseits zurück taumelte und sich mit beiden Händen die nun blutende Nase hielt.
„Verdammtes Miststück! Ich wollte dir doch nur helfen!“ schnaubte er, wollte geradewegs wieder auf die Todesritterin zu stürmen. Magrol aber hielt ihn zurück, legte die Hand beruhigend auf die Schulter seines Kameraden.
„Das Licht verbrennt jene, die sich von ihm abgewandt haben. Du hättest sie gerade beinahe getötet.“
„Ich wollte ihr doch nur helfen. Sie…“ erklärte Kared. „Sie hat Nikariu eben auch geholfen. Daher…“
„Manchen Wesen ist nicht mehr zu helfen. Sie gehört dazu.“
Mit diesen Worten wandten sich die Paladine von der Todesritterin ab. Nur Nikariu blickte noch zu ihr hinüber, sah, wie Xelestra aufstand und nun ohne Probleme zu ihrer Waffe ging, diese anhob, auf ihrem Rücken verstaute und nur Augenblicke später zwei Orcs neben ihr standen, auf sie einredeten und sie dann in Richtung des Schreins führten.
‚Manchen Wesen ist nicht mehr zu helfen‘. Aber gehörte diese dort wirklich dazu?

Die Schmerzen und der Schwindel waren ebenso schnell gegangen, wie sie gekommen waren. Mit dem Unterschied, dass Xelestra nun im goldenen Gras lag und dann, das Gesicht grimmig verzogen, die Worte der Paladine hörte – und auch, wie sie sich langsam von ihr entfernten.
Ohne groß zu zögern stemmte sie sich hoch, und stand binnen weniger Sekunden wieder auf ihren eigenen Hufen, den Paladinen den Rücken zudrehend. Zu ihrer Überraschung schien ihr Bein durch die bloße Berührung des Paladins wieder vollends in Ordnung zu sein, gehorchte problemlos ihrem Willen und schien gänzlich unverletzt. Gedanken an einen möglichen Dank für diesen Umstand schob sie jedoch schnell zur Seite, griff nach ihrer Axt und zog diese aus dem Boden heraus.
„Ist euer Name Xelestra, Todesritterin?“ hörte sie eine kehlige Stimme von der Seite ihren Namen aussprechen. Nur zu deutlich erkannte sie an der Tonlage zweifelsfrei den Orc, der eben noch mit einem seiner Kollegen weiter außen am Rande des Kampfes gestanden hatte. Auch deswegen beachtete sie die Stimme gar nicht, strich mit den Fingern über die noch immer mit schwarzem Blut verschmierte Klinge ihrer Axt, woraufhin zahlreiche bläulich schimmernde Runen ein leichtes Glänzen von sich gaben.
„Wer fragt?“ entgegnete sie nur, während sie ihre Waffe locker in die Halterung auf ihrem Rücken gleiten ließ und sich dann langsam zu dem Orc umdrehte. 
Kor’kron. Die Elitewache des Kriegshäuptlings. Und obwohl der vorderste der beiden Orcs freundlich tat – zumindest so freundlich, wie ein waffenstarrender Panzerschrank von einem Orc aussehen kann – war es sein Kollege, der die Hände an seinen Waffen behielt und Xelestra mit festem Blick anstarrte, bereit, jederzeit seine Klingen in ihren Körper zu rammen.
„General Nazgrim wünscht eure Anwesenheit im Schrein. Ihr kommt mit uns.“ Sagte der Orc mit fester Stimme. Dann, noch ehe Xelestra etwas entgegnen konnte, fuhr er fort. „Ihr wollt doch nicht inmitten dieser Paladine einen Eklat provozieren, oder?“
Sie biss auf die Zähne. Mehr als zwei Dutzend Paladine umgaben die drei im Moment. Und auch wenn einige von diesen mehr oder minder schwer verletzt waren, so waren zahlreiche doch in der Lage und sicher auch willens einzugreifen, sollte Xelestra in irgendeiner Art eine der Wachen niederzuschlagen versuchen. Umgekehrt bedeutete es aber auch, dass die Wachen ihr ebenfalls keine Waffe in den Leib rammen würden. Zumindest sagte sie sich das gerade selbst. Dann nickte sie dem Orc zu, der sich zufrieden umdrehte und in Richtung Schrein marschierte. Sein Orckamerad bildete indes die Nachhut.

Der Schrein war zwar in Sichtweite, dennoch dauerte es fast eine halbe Stunde, ehe die Gruppe am Fuße des tief in den Berg eingelassenen Bauwerks ankamen – angeführt von den Orcs, die die Todesritterin die Stufen hinauf führten, dicht gefolgt von den Paladinen, die ihre Verwundeten ebenfalls nach oben geleiteten. Nikariu, Kared und noch einige andere indes verblieben unten am Fuße des Schreins, um Wache zu halten und ihre Kollegen abzulösen.
„Was geht dir durch den Kopf, Kleines?“ fragte Kared, die junge Paladina mit dem Ellenbogen anstupstend. 
Nikariu zuckte zusammen, ehe sie den Blick von den Stufen ab und stattdessen auf den jungen Kollegen neben sich richtete. „Wie? Was meinst du denn?“
Kared lächelte entwaffnend. „Du hast seit über einer halben Stunde kein Wort mehr gesagt. Was ist los?“
„Es ist…“ begann sie, stockte dann und seufzte, wandte ihren Blick wieder in Richtung Treppe und blickte hinauf, wo sie gerade noch einen Zipfel der schwarzen Mähne der Todesritterin erspähen konnte. „Wieso hat sie das getan?“
„Hat wer was getan?“
„Na sie. Diese Todesritterin. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte mich der Schlag von dem Sha wahrscheinlich genauso schwer verletzt wie die beiden Blutelfen. Warum hat sie sich dazwischen gestellt? Ich bin doch….“
„Niemand weiß, was diese Todesritter noch antreibt. Sie sind wandelnde Waffen ohne Gewissen und ohne klares Ziel. Vielleicht hatte sie es selbst auf dich abgesehen – und das Sha stand hier nur im Weg?“
Nikariu schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Sie hat sich richtiggehend schützend über mich geworfen, hat sich nach meinem Wohl erkundigt. Sie wirkte irgendwie besorgt. Als…als würde sie mich kennen.“
„Das ist doch Quatsch. Todesritter interessieren sich nicht für andere. Sie haben keine Emotionen mehr, fühlen keine Reue und auch keine Besorgnis. Du bist sicher noch von dem Angriff durcheinander.“ 
Kared legte seine Hand auf Nikarius rechte Schulter, zog sie heran und drückte sie freundlich an seine breite, von einem goldenen Kettenhemd geschützte Brust. „Du solltest dich ausruhen. Es war ein langer Tag. Ich übernehme deine Wache. Werd erstmal klar im Kopf, ja?“
Sie seufzte. „Wenn du meinst.“ Kared bekräftigte seine Aussage mit einem Nicken, schob sie dann in Richtung Treppe, die sie daraufhin mit raschem Schritt empor stieg.
Oben angekommen sah sie gerade noch, wie die Todesritterin vor einem der Eingänge von nun insgesamt vier Orcs in Schach gehalten wurde, während ihr zwei weitere Ketten um die Handgelenke legten. Ein Umstand, den sie mit sichtlichem Widerstand zu unterbinden versuchte. Die Orcs hatten im Gegenzug ihre Waffen gezogen und auf die Todesritterin gerichtet.
Entrüstet ob dieser Art mit ihrer offensichtlichen Retterin umzugehen stürmte Nikariu auf die Orcs zu.
„Hey, was soll das? Lasst sie gefälligst in Ruhe! Was hat sie denn getan!“ rief sie lautstark in Richtung der Orcs.
Eine weitere Orcwache marschierte aus dem mittleren der drei Eingänge heraus und blieb geradewegs vor der Paladina stehen, hielt sie mit erhobener Hand davon ab, näher an die Todesritterin und ihre Bewacher zu treten.
„Bleibt zurück. Das hier geht euch nichts an.“ Schnaubte der Orc schroff in Richtung der jungen Taurin, die ihre Hände zu Fäusten geballt hatte.
„Aber was hat diese Todesritterin denn….“
„Nicht. Eure. Angelegenheit.“ Betonte der Orc erneut mit schroffer Stimme, während seine Kollegen im Hintergrund die Ketten um die Handgelenkte schnallten, sie festzogen und die Todesritteirn daraufhin durch den Eingang ins Innere des Schreins geleiteten.

Es war wirklich nicht zu glauben wie viele Händler sich hier im Schrein niedergelassen hatten. Viele von ihnen waren große, massige Bären, die Kweezil klar als Pandaren erkannte. Und wie es sich für große, massige Bären gehörte, waren diese alles andere als aufmerksam, hielten sie im Gegenteil sogar mitten im Stehen kleine Nickerchen oder widmeten sie sich ausgiebig den unterschiedlichsten Gebräuen oder Speisen, die sie aus großen Holzschalen speisten. So war es für Kweezil ein Leichtes, die Bären im Dutzend um die Beutel an ihren Gürteln zu erleichtern. Zu seinem Ärger jedoch waren nur in den Wenigsten tatsächlich Gold- und Silbermünzen, fand er zumeist entweder Tabak, unterschiedliche Getreidesorten, Kräuter oder einfach nur Flusen in den Beuteln. Kurz gesagt: Müll.
Gerade wollte er sich an einen Untoten heran schleichen, dessen Beutel den Anschein erweckte, wesentlich besser gefüllt zu sein, als die Todesritterin von vier Orcs gerade gefesselt und durch einen der Eingänge ins Innere des Schreins geführt wurde, während draußen eine junge, gänzlich in eine rotgoldene Metallrüstung gehüllte, sehr jung wirkende Taurin lautstark protestierte und auf einen vor ihr stehenden Orc einschimpfte.
‚Das muss die Schwester von Xelestra sein‘ fuhr es Kweezil sofort durch den Kopf. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er dem Orc eine verpassen und so der Taurin die Möglichkeit geben sollte, hinter ihrer Schwester her zu laufen. Doch dann verwarf er den Gedanken wieder, griff in seine Hosentasche und brachte ein feines Pulver heraus und verrieb es zwischen seinen Fingern. Beinahe augenblicklich bildete sich ein feiner Rauch in seiner Handfläche, der ihn zu umwabern begann und seine Umrisse unscharf werden ließ. Dann sprang er mit einem kräftigen Satz in eine dunkle Ecke, betrachtete die Orcs, wie sie die Todesritterin in das obere Stockwerk des Schreins geleiteten.
Kweezil spitzte die Ohren, wartete darauf, dass das Klackern der Eisen auf Stein leiser wurde, hechtete um die Ecke und die Treppe hinauf und tauchte sofort in die nächste Deckung ab, linste um eine weitere Ecke und erspähte dort eine weitere Gruppe Orcs, die sich um Xelestra herum aufbauten. Dann orientierte er sich in dem kleinen Vorraum, der von Bücherregalen ringsum eingefasst war, die bis hinauf zur Decke gingen. So auch unmittelbar neben der Tür, vor der er gerade stand. Ein Fach in etwa drei Metern Höhe war leer und besaß einen Spalt in der Rückwand, durch den ein fahler Lichtschein fiel.
Schnell und flink wie eine Spinne erklomm er das Bücherregal, duckte sich zusammen und setzte sich in das Fach hinein, zog seinen Umhang so zurecht, dass er selbst wie ein übergroßer Buchrücken wirkte, linste dann durch den schmalen Spalt in den Nebenraum.
‚Es hat doch Vorteile, nicht der Größte in der Familie zu sein.‘ stellte Kweezil mit einem Grinsen fest, während er das Geschehen aus der Deckung beobachtete.

Inakzeptabel. Zu gerne hätte die Todesritterin den Orcs gezeigt, was sie von ihnen hielt. Doch als sie die Stimme von Nikariu hörte, sah, wie eine der Orcwachen sich vor diese stellte und knurrend auf sie einredete war sie innerlich zusammengezuckt. Ein Umstand, der den Wachen ebenfalls aufgefallen sein musste – zusammen mit dem Umstand, dass sie offensichtlich absichtlich ausgerechnet diese Taurin vor dem Angriff des Sha, wie die Orcs dieses merkwürdige Wesen nannten, beschützt hatte, sie auf eine Idee gebracht hatte.
„Überleg gut, was du tust. Sonst schnappen wir uns deine kleine Freundin.“ Hatte eine der Wachen ihr ins Ohr geflüstert. Eine Drohung, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Denn augenblicklich ließ Xelestra ihre Gegenwehr fallen, folgte den Orcs ins obere Stockwerk des Schreins.
Hier oben warteten noch fünf weitere Orcs auf sie, blickten sie mit böser Miene an und deuteten auf die Raummitte, während zwei weitere Orcs aus dem hinteren Teil des Raumes auf sie zu kamen.
„Auf die Knie vor unserem General, Taurin!“ schnaubte eine der Wachen, trat Xelestra mit Anlauf in die Kniekehle, woraufhin sie vornüber stürzte und auf ihre Knie krachte. Gleich darauf zogen jeweils zwei Orcs an den Ketten, spannten diese und hielten ihre Arme so vom Körper gespreizt. Sie knurrte lautstark, wobei das Knurren in ein lautes Grollen überging, als sie erkannte, wer dort auf sie zu schritt.
Zwei Orcs, zweifellos. Der Rechte trug eine Rüstung, die von den Rangabzeichen deutlich machte, dass es General Nazgrim sein musste. Doch der Orc direkt neben ihm war ihr wohlbekannt. Er war einer von jenen, die der Schwarzen Klinge einst die Treue geschworen hatten und gemeinsam mit seinem Orden nach der Niederlage des Lich-Königs Nordend den Rücken gekehrt hatte, um sein Heil bei der Horde und auf anderen Schlachtfeldern zu suchen.
Khaled. Ebenfalls ein Todesritter. Und wenn man die Wappen, die er auf seiner Rüstung trug betrachtete, dann gab es keinen Zweifel, dass er sowohl der schwarzen Klinge, als auch Höllschrei höchstpersönlich die Treue geschworen hatte.
Wütend riss sie an den Ketten, versuchte sie sich zu befreien, was bei den vier Orcs ein Grollen auslöste, während sie die Ketten noch etwas fester umklammerten.
„Ich kann nicht sagen, dass ich erfreut bin, dich hier im Schrein persönlich begrüßen zu dürfen, Todesritterin. Deine Anweisungen waren klar und deutlich, dich beim Angriff auf die Allianz in der Krasarangwildnis zu melden.“ Begann General Nazgrim, die Arme vor der Brust verschränkt haltend.
„Stattdessen hast du deine Eskorte angegriffen und dich dem Befehl widersetzt. Weißt du, wie man so ein Verhalten nennt?“
Er machte eine lange, dramatische Pause, starrte die Todesritterin dabei eisern an und schien darauf zu warten, dass sie die Anschuldigung selbst hervor brachte. Doch nichts dergleichen folgte.
„Fahnenflucht. Befehlsverweigerung.“ Sagte er, betont ruhig. „Ein Grunzer, der auch nur an einen dieser Begriffe DENKT, wird aufgeknüpft und bei lebendigem Leib ausgenommen. Allerdings…“
Erneut sog Nazgrim tief Luft ein, schritt dabei auf die Todesritterin zu und trat bis auf wenige Zentimeter vor ihren Kopf. „…hat Khaled hier sich gegen eine derartige Bestrafung eingesetzt. Er hat mich davon überzeugt, dass du noch immer einen Nutzen erfüllen kannst. Eine letzte Chance, wenn du so willst.“
„Kein Interesse.“ Schnaubte Xelestra zurück. Doch Nazgrim hob die Hand.
„Oh doch, du wirst Interesse haben. Denn du wirst morgen, bei Sonnenaufgang den Schrein verlassen, nach Süden gehen und dich im dort befindlichen Schrein um die Allianztruppen hier im Tal kümmern. Andernfalls….“
Nun machte Nazgrim eine wesentlich längere Pause, wandte sich um und ging gemächlich zurück neben Khaled.
„…werden wir deine kleine Freundin entsenden. Allein.“
Wieder bäumte sich die Todesritterin auf, stemmte sich gegen die Ketten und wollte mit lautem Schnauben über Nazgrim herfallen. Nur mit Mühe gelang es den vier Orcs, die Todesritterin noch festzuhalten.
„Ich wusste, dass du begeistert sein würdest.“ Er nickte Khaled zu, der seinerseits den übrigen Orcs zunickte. Zwei von ihnen traten daraufhin an sie heran, zogen ihre Waffe aus der Halterung am Rücken ihrer Brustpanzerung und wuchteten die massive Axt in die Ecke des Raumes.
Zwei weitere Orcs traten an die Todesritterin heran, öffneten die Verschlüsse an den Seiten ihrer Brustpanzerung und hoben diese daraufhin von ihrem Körper, während sie sowohl verärgert als auch verwundert drein blickte. Dann trat aber schon Khaled an sie heran, blieb knapp vor ihr stehen und musterte sie abfällig.
„Deine Sturheit und Unfähigkeit Befehle zu befolgen war schon früher deine Schwäche. Ich freue mich, dich diesmal dafür bestrafen zu dürfen.“ Groll der Orc und legte eine Hand knapp unterhalb ihrer rechten Brust auf ihr Fell, drückte mit den Fingern zu, während Xelestra ihn böse anstarrte.
Khaled war einer der ersten Todesritter, die von Naxxramas geflohen waren und ihr Heil in der Unabhängigkeit vom Lich-König suchten, während Xelestra stets ihren eigenen Kopf gehabt hatte und daher die Spitze der Todesritter, das Kommando über unzählige Teile der Geißel inne hielt, ehe sie jenem Sonderauftrag zugedacht wurde, der sie schließlich in Kontakt mit jenem Hexenmeister gebracht hatte, dank dem sie nun die war, sie hier an dieser Stelle vor Nazgrim kniete. Offensichtlich hatte er ihr diesen Umstand übel genommen und nur auf eine Gelegenheit gewartet, Rache an ihr zu üben.
Mit einem Griff zog Khaled einen langen, sehr schlanken und wellig geschliffenen Dolch von seinem Gürtel und hielt ihn vor ihr Gesicht. Dann, mit der Geschwindigkeit, wie sie nur ein Todesritter haben konnte, stieß er die Klinge zwischen zwei seiner Finger hindurch in ihre rechte Brust.
Xelestra riss ihre Augen etwas weiter auf, als der kalte Stahl in ihren Körper eindrang. Zuerst glaubte sie noch er wollte ihr nur eine Wunde zufügen. Doch statt die Klinge wieder aus ihrem Körper zu ziehen drückte er weiter zu, schob den Stahl tiefer und tiefer in ihren Körper, bis schließlich das Heft der Klinge ihr Fell berührte.
„Soll das meine Bestra…“ begann die Todesritterin, stockte jedoch mitten in ihrem Satz, als Khaled anfing, die Klinge in der Wunde hin und her zu drehen. Und obwohl sie bis zu diesem Moment absolut sicher gewesen war, keine Schmerzen mehr spüren zu können, fühlte sie nun dennoch sehr deutlich ein Brennen in ihrer Brust, das ihr den Atem raubte. Wieder stemmte sie sich gegen die Ketten, spürte aber auch, dass ihr aus irgendeinem Grund die Kraft fehlte, wirklich etwas ausrichten zu können.
Dann hörte sie ein leises, metallisches Klicken, blickte hinab und sah das Dolchheft nebst griff in den Händen von Khaled, der beides genau vor ihr Gesicht hielt. Doch die Klinge fehlte daran, schien knapp vor dem Ansatz des Heftes sauber abgetrennt zu sein. Ein zufriedenes, hämisches Grinsen wanderte über Khaleds Gesicht, als er mit dem Daumen zwischen ihre Rippen drückte und Xelestra zusammenzuckte. Dann winkte er die Orcs herbei, die ihre Rüstung wieder ansetzten und festschnallten. Diesmal jedoch sicherten sie die Verschlüsse noch mit Schlössern, die das Entfernen der Rüstung verhinderten.
„Die Klinge bleibt in deiner Brust, bis du die Mission beendet hast. Danach werden wir sie für dich entfernen – wenn du dich gut anstellst. Andernfalls…“ sagte Nazgrim, der den Wachen zunickte, die die letzten Verschlüsse sicherten, dann die Ketten entfernten und sich von Xelestra entfernten. Dann klopfte er der Todesritterin auf die rechte Schulter.
Ein Feuerwerk aus Schmerzen explodierte in ihrem Körper. Beinahe wäre sie vor lauter Schmerz und Schwäche wieder auf die Knie gesackt, hielt sich aber mit geballtem Willen auf ihren Hufen und starrte Nazgrim böse an.
„Und jetzt geh mir aus den Augen.“ Schnaubte Nazgrim, wandte sich um und ging in den hinteren Bereich des Raumes, während Xelestra sich ebenfalls umwandte und zu ihrer Waffe griff. Als sie diese jedoch anzuheben versuchte, schoss ein brennender Schmerz durch ihre gesamte rechte Körperhälfte, verlor sie erneut fast das Gleichgewicht, stützte sie sich einen Moment lang an der Waffe selbst ab. Dann packte sie auch noch mit der linken Hand zu, sog tief Luft durch ihre Nüstern ein, was die Schmerzen aber nur noch verschlimmerte und zu einem Hustenanfall führte, der sie nach vorn stolpern ließ. Rasselnd atmete sie aus und verstaute ihre Waffe in der Halterung an ihrem Rücken, ging dann auf den Ausgang zu.
Als sie endlich außer Sichtweite der Orcs war, sich umgeblickt hatte und niemanden außer Büchern erspähte, klammerte sie sich mit beiden Händen an das Treppengeländer, hustete und würgte Blut hervor, während ihre Beine gefährlich wackelig standen. Dann presste sie ihre linke Hand auf ihre Brust, rang nach Atem und hustete erneut, keuchte, ächzte und stieg schließlich die Treppe hinab.

Kweezil hatte das Schauspiel genau beobachtet, gesehen, wie die Todesritterin offensichtlich um Luft rang. Doch statt ihr direkt hinterher zu rennen blieb er noch in seinem Versteck, beobachtete die Orcs, die sich über das Leid der Todesritterin amüsierten. Einer der Wachen sprach Khaled darauf an.
„Ich dachte ihr Todesritter habt so eine starke Selbstheilungskraft. Wie soll so eine Klinge etwas ausmachen?“
Khaled grinste finster. „Ja. Aber unsere Kräfte heilen nur Wunden, die heilbar sind. Diese Klinge jedoch wird ihr bei jeder Bewegung neue Wunden reißen – schneller, als jede Selbstheilung sie heilen kann. Sie wird innerlich verbluten.“
„Und der Auftrag? Wird sie ihn noch erfüllen? Was ist mit…“
„Wenn alles gut geht, dann wird sie den Sonnenaufgang nicht mehr erleben.“

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