Kapitel 12 – Die Sonnenläufer

Erneut war Stille im Schrein eingekehrt, nachdem die vorangegangene Stunde von mehr oder minder hektischem Treiben in einer der eigentlich leeren Kammern geprägt gewesen war. Eben jene leere Kammer war nun jedoch alles andere als leer – mit zwei Taurinnen und einem Goblin geradezu überfüllt.
Die Todesritterin lag noch immer auf dem Boden, regungslos auf ihre rechte Seite gerollt, atmete dort langsam und mit jedem Atemzug tiefer und ruhiger, während zwei Augenpaare sie genau im Blick behielten. Jene beiden Augenpaare gehörten zum einen Nikariu, die es sich auf dem Bett gemütlich gemacht hatte und nur mit Mühe gegen ihre eigene Müdigkeit ankämpfte, zum anderen Kweezil, dem dank seiner begrenzten Körpergröße der in Taurengröße bemessene, mit reichlich Stoff und Polstermaterial bezogene Hocker als Bettersatz voll und ganz reichte.
„Schläft sie jetzt?“ fragte Nikariu, ein Gähnen gerade noch unterdrückend.
Kweezil schüttelte den Kopf. „Mir hat sie gesagt, dass sie keinen Schlaf brauchen würde. Aber wenn sie Glück hat, ist sie einfach nur bewusstlos.“
„Wieso wenn sie Glück hat?“
„Weil sie sich dann nicht bewegt, die Schmerzen nicht spürt und die Wunden heilen können, bis sie aufwacht.“
Das ausgesprochen streckte sich der Goblin und stand von seinem Lager auf, um die achtlos weggeworfene Klinge, die noch immer in einer mittlerweile leicht angetrockneten Blutlache lag, näher zu begutachten.
Er schluckte einige Male trocken, während seine Augen über die filigran und rasiermesserscharf geschliffenen Flächen der mehrfach geschwungenen Klinge wanderten, unzählige, winzige Widerhaken in jeder Senke erspähte und schließlich den sauber getrennten Übergang, der einmal in das Klingenheft geführt hatte und um den noch die Reste seines mit einigen oberflächlichen Schnitten übersäten Lederhandschuhs bedeckte. Eine grausame Klinge – und doch war es nicht die Gefährlichkeit dieser Klinge, die ihn so trocken schlucken ließ. Viel mehr war es die Tatsache, dass er genau diese Art und Form der Klingen kannte. Oft hatte er Händler in der Kluft der Schatten gesehen, die diese hinter dem Rücken der Wachen und in noch viel tieferen Schatten, als man sie in der Kluft eh schon hatte, handelten – wenngleich keiner eine Klinge diesen Ausmaßes jemals vorgezeigt hatte. Denn auch wenn das Heft und somit ein gutes Stück fehlten, so war die Klinge allein länger als sein kompletter Arm.
„Ein Wunder, dass sie dieses Ding überlebt hat.“ Murmelte Kweezil, als er die Klinge vorsichtig anhob und vor seinem Gesicht hin und her drehte. Erneut schluckte er trocken, sah er doch, dass die Klinge trotz ihrer Breite und Länge ungewöhnlich schlank geschmiedet worden war.
„Das Ding hätte sie, wenn es noch viel länger in ihr drin geblieben wäre, sie von innen nach außen aufgeschlitzt. Oder schlimmer.“
„Wer macht sowas? Sowas…grausames…“ flüsterte Nikariu, die ihrerseits ihr Gesicht verzog und dann sorgenvoll auf die Todesritterin hinab blickte.
„Jemand, der sichergehen möchte, dass ein unbequemer Störfaktor möglichst qualvoll das Zeitliche segnet. Ein Sadist. Oder jemand ohne jegliches Ehrgefühl. Oder alles zusammen.“
Nikariu hob ihren Kopf von dem Kissen und blickte nun mit fragendem Blick zu Kweezil hinüber. „Und du meinst dieser andere Todesritter hat ihr das angetan, weil er sie nicht leiden kann?“
„Dieser Khaled? Nein – der ist nur ein Befehlsempfänger, wenn du mich fragst.“ Wiegelte Kweezil ab. „Das kam direkt von Nazgrim – mit dem Segen von Höllschrei, wenn du mich fragst. Der wollte Xelestra schon loswerden, als sie von Orgrimmar aus los ist. Allerdings hat sie sich recht erfolgreich bis hierher und zu dir durchschlagen können.“
„Zu mir?!“ fragte sie mit einem Mal überrascht, setzte sich nun vollends auf und blickte den Goblin direkt und mit völlig fassungslosem Blick an. „Was habe ich mit ihr zu tun?“
Für einen kurzen Augenblick zögerte Kweezil, biß sich selbst auf die Zunge, als er merkte, dass diese Paladina die Todesritterin offenbar wirklich nicht kannte. Vielleicht sollte er es für den Moment dabei belassen. „Tut doch nichts zur Sache. Wichtig ist: Warum bist DU hier? Mir ist neu, dass die Sonnenläufer derart verzweifelt sind, dass sie bereits Jünglinge an die Front schicken.“
„Ich bin kein Jüngling mehr! Ich bin…“ schnaubte Nikariu wesentlich lauter, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. Dann, kleinlaut, fügte sie hinzu. „Ich bin mit meiner Ausbildung nahezu fertig. Und als Dezco und die anderen aufbrachen, bin ich mit ihnen gereist, um mich zu bewisen.“
„Mitten zwischen die Fronten von Höllschrei und der Allianz. In einem fremden Land. Denk doch mal an deine Familie, Kleines. Die machen sich…“
„Ich habe keine Familie mehr.“ Unterbrach die junge Taurin den Goblin. „Die Grimmtotem haben sie mir genommen, als Cairne sein Leben verloren hatte und wir alle trauerten. Ich habe nur noch den Orden und meine Freunde. Und die sind alle hier.“

Xelestra war weit davon entfernt, zu schlafen, ihr Bewusstsein verloren zu haben oder Ähnliches. Im Gegenteil war sie, von dem brennenden Schmerz in ihrer Brust ermahnt, hellwach. Allerdings hielt sie ihre Augen geschlossen, konzentrierte sich auf ihre Wunden in der Brust und lauschte, was um sie herum geschah, während die unheiligen Kräfte, die ein untrennbarer Teil ihrer Existenz waren, die Wunden ihres sterblichen Körpers zu heilen begannen. Doch gleichzeitig folgte sie der Unterhaltung der beiden, die sich über mehr als eine Stunde hinweg zog. 
Dreimal biß sie sich dabei selbst auf die Lippen, wäre den beiden ins Wort gefallen. Zunächst, als es um ihre Identität und die Beweggründe ging, warum sie den weiten Weg von Nordend bis hierher, in dieses südliche Land, auf sich genommen hatte. Der Goblin jedoch hatte gute rhetorische Arbeit geleistet, Nikariu den Ball wieder zugespielt, die ihrerseits von sich erzählte – und vom Tod ihrer Eltern sprach. Das war das zweite Mal, bei dem Xelestra sich selbst auf die Lippen biß. Doch die dritte Situation war schmerzlicher, traf sie mitten in ihr Herz.
Cairne war tot. Und die Worte der kleinen Taurin klangen gerade so, als wäre er nicht aufgrund seines hohen Alters ums Leben gekommen. Überdeutlich spürte die Todesritterin bei diesem Gedanken einen Stich im Herzen – ganz so, als ruhte die Klinge noch immer in ihrem Inneren. Erinnerungen, die sie stets verdrängte, wurden in ihr wach, drängten nach vorn in ihr Bewusstsein. Erinnerungen an die Zeit, in der sie nicht als jene Todesritterin auf Azeroth wandelte, sondern noch als Anwärterin der Wache von Donnerfels, als vielversprechende Kriegerin und tapfere Verteidigerin der Tauren. An den Tag, an dem sie von Cairne vereidigt und zur offiziellen Stadtwache ernannt werden sollte.
Der Tag, an dem sie dem alten Bullen ihre Abscheu vor dem Rest der Horde – und insbesondere der Orcs, die sich für die Herren über alle Stämme sahen – offen aussprach, ihrem Häuptling den Schwur verweigerte, da sie mit diesen Worten auch den ihr so verhassten Orcs die Treue geschworen hätte.
Der Tag, an dem sie von Magatha angesprochen und von den Grimmtotem aufgenommen wurde, um Kalimdor wieder zu einem Kontinent zu machen, der von den Stärksten und Mächtigsten der Tauren als führendem Volk beherrscht wurde. Der Tag, an dem sich die Pfade ihres Schicksals auf die Richtung hin lenkten, die zu dem Punkt führte, an dem sie heute stand.
Cairne. In ihrem tiefsten Innern hatte sie stets die Hoffnung verborgen, diesen Fehler, diese Fehlentscheidung, diesen Schritt in die falsche Richtung, die Wahl dieses fatalen Pfades vor ihm und unter seinen gütigen, braunen Augen einzuräumen und ihn für ihre Engstirnigkeit um Verständnis zu bitten. Doch nun, mit diesen einfachen Worten, mit diesem einfachen Satz der jungen Paladina, war diese Hoffnung, die so tief im Inneren von Xelestra auf den Moment, da sie eines Tages wieder Huf in ihr geliebtes Mulgore setzen können würde, vergraben gelegen hatte, mit einem Schlag verpufft, hinterließ eine schmerzende Leere in ihrem Inneren.
Eine Träne kroch aus ihren zugekniffenen Augen, lief, von den beiden zum Glück unbemerkt, über ihr Gesicht und zu Boden, während sie weiterhin der Unterhaltung der beiden lauschte. Nur zu gern hätte sie gehört, wie und was alles geschehen war, hörte stattdessen aber nur noch, wie Nikariu über ihre Ausbildung sprach und sich die beiden dann, einige Minuten später, doch dazu entschieden, einige Stunden Schlaf zu genießen.

Ungeduldig schritt Nazgrim vor seinen Wachen am Fuße der Treppen des Schreins auf und ab, blickte bei jedem Schritt einen anderen der vier knurrend an. Die Sonne war bereits wieder aufgegangen, verhieß einen neuen Tag. Einen Tag, an dem nicht nur die Todesritterin ihr Ende finden und die Allianz hoffentlich ablenken sollte, sondern auch der Schatz, den Höllschrei höchst selbst bei der Bergung überwachte, dem Boden dieses verdammten Tals entrissen werden. Immer wieder kamen einzelne Wachen zurück, hoben die Schultern und Arme, schüttelten ihre Köpfe. Von der Todesritterin fehlte offenbar jede Spur. Niemand hatte sie gesehen, keiner wusste, wo sie denn stecken mochte.
„Wenn eure Klinge sie bereits in der Nacht getötet hat, Khaled, wird Höllschrei höchst ungehalten sein!“ knurte der General den Todesritter an, der in einigem Abstand im Schatten stand und sich, anders als die Wache, überhaupt nicht rührte.
„Die Klinge wird sie sehr geschwächt haben. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich ausruht. Aber sie tötet nicht alleinig.“ Antwortete er mit völlig emotionsloser Stimme.
„Das will ich für euch hoffen.“ Knurrte Nazgrim erneut, bellte dann die vier Wachen vor ihm an. „Los! Geht und holt die kleine Paladinkuh aus ihrer Kammer!“

Lautes Poltern riss sowohl Nikariu als auch Kweezil aus dem Schlaf, als metallene Panzerhandschuhe so heftig an die Tür der Nebenkammer hämmerten, dass diese fast aus den Angeln flog.
„Da sucht mich scheinbar jemand. Warte ich…“
„Halt! Beweg dich nicht!“ unterbrach Kweezil, der schlagartig hellwach und geistesgegenwärtig vor die Paladina sprang und sie daran hinderte, die Tür der Kammer zu öffnen, in der die drei die Nacht verbracht hatten.
„Wieso? Ich muss doch wenigstens nachsehen, wer das…“
„Das sind die Leute von Nazgrim. Sie wollen dich rausholen und zur Allianz schicken.“ Erklärte Kweezil schnell.
„Aber wieso? Ich habe mit denen…“
„Weil ich nicht aufgetaucht bin.“ Unterbrach Xelestra die beiden, deren Blicke schlagartig voneinander rüber zu der Todesritterin wanderten. Die war gerade dabei, sich zu erheben, zog das blutverschmierte Tuch von ihrer Brust und ließ es auf den Schemel fallen. Mit gewisser Beruhigung sah Kweezil, dass sein Schnitt nahezu vollständig verschwunden war und auch die dicke Verfärbung, die auf eine innere Blutung hindeutete, nun fehlte. Dennoch fiel ihm auf, dass sich die Todesritterin noch etwas ungelenk zu bewegen schien, während sie nach ihrer Rüstung griff und sich daran machte, diese wieder über zu ziehen.
„Was soll das werden, wenn man fragen darf?“ hakte die junge Paladina nach.
Xelestra hielt nicht inne, hatte ihre Aufmerksamkeit lediglich ihrer Rüstung gewidmet, die sie nun überzog und mit einigen geübt wirkenden Handgriffen zurecht zog. „Ich werde zu Nazgrim gehen und seinem Befehl Folge leisten.“
„Du unterstehst dich! Du bist immer noch verletzt!“ schnaubte Nikariu, wandte sich von der Tür ab und trat vor die Todesritterin, baute sich vor ihr mit vor der Brust verschränkten Armen auf. Das sie selbst nur mit einem Nachthemd bekleidet war und Xelestra gerade einmal bis knapp über die Brust reichte, ließ die sonst durchaus beeindruckend wirkende Pose allerdings ein wenig an Wirkungskraft verlieren.
Draußen hämmerten die Fäuste indes weiterhin gegen die Tür, wurde an Türgriff gezogen und versucht, die Tür aufzubrechen. Von diesen Geräuschen getrieben zog Xelestra die Verschlüsse ihrer Rüstung zu verriegeln. „Wenn ich nicht gehe, werden sie dich schicken. Also geh beiseite.“
„Nein, das werde ich nicht. Du wirst…“
„WAS GEHT HIER VOR?!“ brüllte eine energisch klingende Stimme draußen durch den Schrein. Nikariu schmunzelte – diese Stimme kannte sie nur zu gut.

Die beiden Orcs zuckten zusammen, als eine massige Gestalt auf sie zu stürmte und sich gute zwei Meter vor ihnen aufbaute. Ein hoch gewachsener Taure mit breiten Hörnern, deren Spitzen mit kunstvollen, goldenen Kronen versehen waren, baute sich vor den in dunkle Rüstungen gehüllten Orcs auf, verschränkte die Arme.
„Was treibt ihr hier im Schrein?!“ grummelte er, von dem Krach der Orcs sichtlich verärgert.
„Auf Befehl von General Nazgrim ist die Paladina Nikariu Dornhuf aus ihrer Kammer zum Appell zu bringen, damit sie weitere Befehle….“
„Die Paladina Dornhuf gehört zum Orden der Sonnenläufer und untersteht MEINER Befehlsgewalt. Wenn es Aufgaben für sie gibt, dann wird sie diese von MIR erhalten – und nicht von eurem ‚General‘.“ Unterbrach Dezco die hektisch und knurrig sprechenden Wachen, ohne dabei selbst auch nur den Hauch von Zorn zu zeigen.
„General Nazgrim besitzt volle Kommandogewalt über alle Truppen der Horde in Pandaria. Seine Befehle sind der Wille unseres Kriegshäuptlings Garrosh Höllsch…“
„Unser Kriegshäuptling kann mir gestohlen bleiben. Dieser Ort ist ein Platz des Friedens und untersteht MEINER Befehlsgewalt. Und jetzt verschwindet hier, ehe ihr eurem General einen ‚Vorfall‘ melden müsst.“
Laut grummelnd machten die Wachen Kehrt, ließen von der Tür ab und trotteten in Richtung Ausgang.
„Das wird noch ein Nachspiel haben, Sonnenläufer. Höllschrei wird von eurer Insubordination erfahren!“
„Ich freue mich schon darauf.“ Entgegnete Dezco nur, der nun ein zufriedenes Grinsen auflegte und sich der stark mit Mitleidenschaft genommenen Tür zuwandte, noch einen Blick in Richtung Ausgang warf, sicher ging, dass keine der Orcwachen mehr an Ort und Stelle war und dann seinerseits leise klopfte.
Zu seiner Überraschung öffnete sich die Nebentüre, aus der Nikariu sogleich ihren Kopf steckte und Dezco in die freundlichen Augen blickte.
„Nanu? Was treibst du in Aronds Kammer? Davon das ihr zusammen….“
„Was? Unsinn, nein!“ wiegelte Nikariu sofort ab. „Aber danke für die Hilfe. Diese Orcs – ich weiß nicht, was sie…“
„Ich habe nur getan, was ich für jeden meiner Schützlinge tun würde.“ Erklärte Dezco mit einem freundlichen, entwaffnenden Lächeln. „Und wenn ich Höllschrei dabei ein wenig in die Suppe spucken kann, dann ist es umso besser.“
„Trotzdem – danke.“
„Keine Ursache, Kleines. Doch mach dich fertig – die Sonnenmesse ist in einer Stunde. Und es gibt Dinge, die besprochen werden müssen.“

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