Kapitel 13 – Die Schwester des Hexenmeisters

„An’She, große Jägerin. 
Du spendest uns Wärme und vertreibst die Finsternis in allen Ländern und Herzen. 
Dein Licht leitet uns auf unseren Pfaden und schenkt uns das Glück der erfolgreichen Jagd.
Und obgleich deine Jagd auf Mu’Sha nicht enden mag, beginnst du sie mit jedem Tag erneut.
Schenke uns deine Weisheit, deine Ausdauer und deine Beharrlichkeit, dem Dunkel entgegen zu treten.
Denn wir sind die Diener, die der Dunkelheit entgegen treten, tragen das Licht in unseren Herzen und unseren Seelen.
Po owachi An’She, po Nokee.“ Sprach Dezco vor den versammelten Sonnenläufern, die sich auf der Terrasse vor dem Schrein in mehreren Halbkreisen um ihn herum auf den Boden gesetzt hatten und ihre Augen geschlossen hielten, während sie ihre Gesichter gen Himmel und zur Sonne gedreht hielten.
„Owachi An’She, po Nokee.“ Erwiderten die Tauren ihrerseits den Dankesruf ihres Anführers, öffneten dann die Augen und blickten auf Dezco, der ihnen zunickte und schließlich selbst Platz nahm, ein Bündel aus seiner Tasche griff, es vor sich ablegte, öffnete und den Inhalt auf dem nun ausgebreiteten Tuch ausbreitete. Einige Scheiben Brot, ein Klumpen Käse und eine mit einem dunkelroten Saft gefüllte, tonmäßig aussehende Flasche waren die einzigen Dinge, die zum Vorschein kamen.
Auch die anderen Sonnenläufer taten es ihm gleich, packten kleine Bündel aus, die sie vor sich entpackten und Ähnliches auf ihren Tüchern ausbreiteten. Nur wenige hatten zusätzlich noch ein Stück Obst dabei – zumeist Äpfel, Birnen oder einige Trauben. Dann griffen sie zu und begannen ihr gemeinsames Frühstück.
Die Sonnenläufer legten großen Wert auf diese kleinen Rituale, die sie mit An’She, der Sonnengöttin, dem Auge der Erdenmutter, und natürlich ihren Clankollegen verband. Auf diese Weise fühlten sie sich selbst auf Reisen und in fremden Ländern in gewisser Weise heimisch. Bemerkenswert war aber auch, dass während dieser Mahlzeit einzig das gemeinsame Gebet gesprochen wurde und ansonsten relative Ruhe herrschte. Kein Geflüster, keine Unterhaltungen und kein Austausch von Rezepten, Erfahrungen oder Ähnlichem störte dieses stille, bedächtige Ritual.
Xelestra stand deutlich abseits vom Ritual, lehnte an einem der Torbögen, die in den Schrein hinein führten, während sich Kweezil im Inneren am reichlichen Angebot an möglichen Frühstücksleckereien der Pandaren gütlich tat. Sowohl er als auch Nikariu hatten ihr angeboten, beim jeweiligen Frühstück teilzunehmen – auch wenn klar gewesen sein mochte, dass eine gänzlich schwarze Taurin, die zudem als Todesritter das krasse Gegenteil von dem verkörperte, woran die Sonnenläufer glaubten, inmitten von Dutzenden Paladinen mehr als nur ein seltsamer Gast gewesen wäre. Doch das war nicht der Grund, weshalb sie abgelehnt hatte. Schließlich hätte es sie dazu interessieren müssen, was die Paladine über sie dachten – und das tat es nicht im Geringsten. Viel mehr war es noch das letzte verbliebene Quentchen Stolz in ihr, das ihr verbot, trotz der von ihr deutlich gespürten Schwäche, irgendwie für andere sichtbar Nahrung zu sich zu nehmen und dabei ihre noch lebendige Hälfte zu zeigen.
Das sie überhaupt eine lebendige Hälfte besaß, wusste sie erst seit jenem Ereignis vor einigen Jahren, als es der Druidin gelang, die Wunden der Todesritterin mit Hilfe ihrer Heilmagie zu verschließen. Ein Umstand, der bei einem toten Lebewesen nicht hätte passieren dürfen. Dieser Umstand – die Tatsache, dass ihre Wunden tatsächlich heilten, auch wenn jegliche Heilungsmagie ihre eigene Kraft im ersten Moment zu schwächen schien – und die Tatsache, dass sie selbst dann noch nicht vom Angesicht Azeroths verschwunden war, nachdem der Lich-König sie ihrer unheiligen Kräfte beraubt hatte, bewies die Theorie der Druidin nur umso deutlicher.
Die unheiligen Kräfte des Lich-Königs, die entweihenden Energien der Geißel auf der einen Seite, die strenge, beharrliche Lebensenergie eines jeden Lebewesens auf der anderen Seite ihrer Existenz, beide Energien sowohl in Symbiose als auch ständigem Widerspruch zueinander, eingeschlossen in ihrem Körper, beide untrennbarer Teil von ihr, die voneinander zehrten und doch gegenseitig am Leben hielten. Und im Augenblick war es ihre lebendige Hälfte, die sich nach der Energie sehnte, die ihr ihre unheilige Hälfte zur Heilung ihrer Wunden geraubt hatte. Entsprechend spürte sie ein Gefühl, dem „Hunger“ noch am Nächsten kam. Und doch verweigerte sie ihrem Körper diesen Nachschub, auch wenn er noch so sehr danach gierte und die Gerüche, die aus dem Inneren des Schreins an ihre Nüstern drangen, das Verlangen nach Nahrung immer heftiger werden ließen. 
„Hast du Hunger, Schätzchen?“ fragte mit einem Mal eine brummige Stimme hinter ihr. Überrascht, aber dennoch bemerkenswert ruhig wandte sie sich um, blickte in das breite, freundlich drein schauende Gesicht einer alten Pandarendame. Das sie zweifelsohne den Zenit ihres Lebens schon lange hinter sich gelassen hatte, sah man ihr an dem ergrauten Fell und den weißen Strähnen in ihrer Frisur an. Außerdem wirkte sie – selbst für die Maßstäbe eines Pandaren – füllig und auf eine gewisse Weise gutmütig und ihre Augen, auch wenn sie den Glanz der Jugend bereits verloren hatten, wissend und freundlich.
Xelestra hatte sie als jene, die den Besuchern und Reisenden Proviant verkaufte und für das leibliche Wohl der Bewohner verantwortlich war, bereits am frühen Morgen wahrgenommen. Allerdings stand sie nun abseits ihrer Theke und der Kochnische, in der sie noch bis eben das Frühstück zubereitet hatte, hielt ein altertümliches Holztablett vor sich, auf dem ein noch dampfender Laib Brot, ein Krug voll mit Honigminztee und ein großes Stück Braten feinsäuberlich auf einem Gedeck bereitet worden waren.
Die Todesritterin zögerte einen kurzen Augenblick, ehe sie sich abwandt. „Ich benötige kein Essen.“
„Jaja, das sagen sie alle, die jungen Dinger.“ Entgegnete die Pandarin, setzte das Tablett auf einem kleinen Beistelltisch neben dem Eingang ab und gab der Todesritterin einen leichten Knuff in die Seite. Wieder wandte sich Xelestra zu der alten Dame, unterdrückte dabei den natürlichen Reflex, auf eine derartige Berührung einen Fausthieb als Antwort folgen zu lassen und blickte erneut in das entwaffnend freundliche Gesicht der alten Pandaren.
„Ich habe doch das Knurren deines Magens bis hinüber zu meiner Theke gehört. Also keine falsche Scheu.“
Erneut wollte Xelestra etwas entgegnen, doch die Pandarin tätschelte nur sanft die zur Ablehnung nach vorn gehobene Hand der Todesritterin, wandte sich dann um und ging zurück in ihre Kochnische, schnitt so jegliche aufkeimende Diskussion bereits im Entstehen ab und widmete sich wieder ihrem Ofen. Zurück blieb nur das Tablett mit dem so verlockend riechenden Essen darauf.
Beinahe strafend schienen sie der Braten und das Brot anzustarren, danach zu verlangen, dass sie danach griff und sie dem zuführte, wozu sie eigentlich da waren. Und auch mit ihrer lebenden Hälfte rang sie, kämpfte innerlich gegen das Verlangen, einfach zuzugreifen und so den Hunger zum Schweigen zu bringen.
Dann griff sie schließlich mit einer ruckartigen Bewegung nach dem Laib Brot, riss es vom Tablett herunter und biß hinein, ehe sie überhaupt selbst begriff, was sie gerade getan hatte.
Das Brot war in der Tat gerade erst frisch aus dem Ofen gekommen und hätte ihr wahrscheinlich hervorragend geschmeckt, wenn sie denn mehr als nur rudimentäre Geschmacksnerven besessen hätte. So hingegen gab sie sich nur der Gier hin, schlang das Brot mit widernatülichem Appetit herunter, schlang mehr, als dass sie tatsächlick kaute. Binnen weniger Augenblicke war das Brot so vollends verschlungen, woraufhin sie auch nach dem Braten griff und diesen ebenfalls mit einem einzigen, großen Bissen herunter schlang.

Eine gute halbe Stunde war vergangen, seit die Sonnenläufer ihr Morgengebet begonnen und mit dem gemeinsamen Frühstück beendet hatten. Jetzt aber, da das Frühstück beendet war, ergriff erneut Dezco das Wort, erhob sich und schritt näher an die anderen Paladine heran.
„Wir ihr gestern gesehen habt, sind die Aktivitäten der Sha-Energien im Tal gefährlich angestiegen. Laut unserer Späher liegt das an dem, was die Goblins bei ihrer Grabung gefunden haben. Aus diesem Grund sind auch Höllschrei, sein General und die übrigen Wachen heute in den Morgenstunden bereits zu dieser Grabung aufgebrochen.“ Begann er zu erläutern, deutete dann mit einer Hand in Richtung des großen Palastes, den man in der Ferne am anderen Ende des Tals gerade noch so erahnen konnte.
„Es ist nicht klar, was die Goblins dort ausgegraben haben. Da sich unser Kriegshäuptling jedoch persönlich dafür interessiert, müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen. Doch wir haben gegenüber den Pandaren ein Versprechen, eine Verantwortlichkeit für die Tätigkeiten und Handlungen der Horde an diesem Ort. Deswegen müssen wir unbedingt herausfinden, was genau unser Kriegshäuptling dort vor hat. Daher bitte ich um Freiwillige, die den Vorgängen nach gehen, damit wir entsprechend reagieren können.“
„Ich werde gehen!“ rief die junge, freundliche Stimme von Nikariu fast noch bevor Dezco mit seiner Frage geendet hatte. Der runzelte sichtlich die Stirn und blickte die junge Paladina mit einem fast schon schmerzlichen Blick an.
Doch noch ehe er zum Protest ansetzen konnte, stand Kared auf, legte eine Hand auf die Schulter von Nikariu. „Und ich werde sie begleiten.“
„Es ehrt euch beide, dass ihr euch meldet. Doch die Orcs von Höllschrei sind gerissen und gefährlich. Ihr habt noch keine Erfahrung. Deswegen…“
„Keiner von euch hat Erfahrung.“ Groll eine Stimme hinter den Paladinen hervor. Schlagartig drehten sich fast dreißig Augenpaare um, blickten auf die Todesritterin, die einige Schritte näher an die Runde gekommen war und dort nun, die Arme vor der Brust verschränkt, stand und nur Dezco fest im Blick behielt. Das allgemeine Grollen indes ignorierte sie bewusst.
„Wenn der Kriegshäuptling persönlich zu der Grabungsstätte gegangen ist, dann hat er etwas sehr Gefährliches gefunden. Eine Waffe. Oder Schlimmeres. Und er wird Vorkehrungen getroffen haben. Bist du bereit, deine Vertrauten in den Tod zu schicken?“
„Mit Tod kennst du dich ja bestens aus.“ Rief einer der anderen Paladine dazwischen, erntete einen strafenden Blick von Dezco.
„Exakt. Deswegen werde ich die Führung übernehmen.“
„Ich werde meine Anvertrauten nicht in deine Hände legen, Todesritterin. Das wäre töricht und unverantwortlich.“ Erwiderte Dezco, woraufhin etliche Blicke sich wieder auf ihn fokussierten.
„Töricht und unverantwortlich ist, deine Anvertrauten in den sicheren Tod zu senden.“
„Wieso sollten sie ausgerechnet dir vertrauen, Todesritterin?“ sprach Dezco schließlich den Gedanken aus, den alle Paladine um ihn herum hatten. Nunja, fast alle.
Xelestra wartete einen Moment, schritt dann rasch auf Dezco zu, stieg über die noch immer am Boden sitzenden, anderen Paladine hinüber, trat dabei auf die ausgebreiteten Tücher, Essensreste und stand schließlich unmittelbar vor dem Anführer der Sonnenläufer, blickte ihm fest in sein freundliches, aber auch strenges Gesicht.
„Vier Jahre lang habe ich gegen die Geißel in Nordend gekämpft. Vier Jahre lang habe ich sie zurückgeschlagen, habe ihnen in Eiskrone schwere Schläge zugefügt, von denen sie sich auch die nächsten Dekaden nicht erholen werden. Ihr indes seid nicht meine Feinde. Die sind da draußen und erwarten nur, dass du ihnen unerfahrene Frischlinge zum Fraß vorwirfst. Und das weißt du.“
Nun war es Dezco, der zunächst schwieg und die Todesritterin genau betrachtete. Abgesehen von ihrer Rüstung sah sie aus, als hätte sie noch nie wirklich auf ihren Körper geachtet. Ihre Gesichtszüge waren verhärtet und ließen kaum Mimik erkennen. Und doch erkannte er in ihren Augen, tief verborgen hinter dem intensiven, blauen Leuchten, die braunen Augen, die sie einstmals besessen haben mochte, bevor sie zu diesem Wesen geworden war.
„Selbst wenn ich dem zustimmen sollte – sie werden dir niemals vertrauen.“
Xelestra nickte knapp. „Es genügt, wenn sie mich fürchten.“

Ein schrilles, helles Pfeifen durchschnitt die morgendliche Ruhe des Felsplateaus zwischen Mulgore und dem Brachland, verebbte dann in einem schnell leiser werdenden Gurgeln. Ein Vorgang, der sich nun schon seit unzähligen Monden morgens jeweils kurz nach Sonnenaufgang wiederholte und der umgebenden Fauna so natürlich vorkam, als wäre das Pfeifen einer der zahllosen Singvögel, die morgens ihre Kreise auf der Suche nach Nahrung zogen. Und doch war dieser Klang, dieses schrille Pfeifen, so weit vom Leben eines dieser Lebewesen entfernt, wie man es sich nur vorstellen konnte.
Eine dunkelblaue, leicht transparente Gestalt, deren Umrisse wie eine riesige, teilweise bekleidete Wolke aussah, der man zwei leuchtende Edelsteine in die Mitte gedrückt hatte, waberte inmitten der Behausung von Vadarassar vor einem großen, grünen Feuer, auf dem bis gerade noch ein großer Kessel gestanden und jenes schrille Geräusch produziert hatte. Nun ruhte der Kessel in einer der bläulichen Hände, während in der anderen eine große, bauchige Kanne ruhte. Mit offensichtlich geübtem Griff goss die Gestalt dampfendes Wasser in jene Kanne, ehe der nun entleerte Kessel auf einen Sockel direkt neben dem Feuer wieder seinen Platz fand.
Genau in diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Ohne zu zögern diftete die Wolke in Richtung Tür, zog diese nach innen auf und blickte durch ihre beiden flammenden Augen in das Gesicht einer Orcdame, deren Gestalt nahezu vollständig von einem dunklen Umhang bedeckt wurde. 
„Lady Kyzaria.“ Hallte eine körperlose Stimme durch die Luft, während die bläuliche Gestalt langsam zurück driftete und so den Weg ins Innere freigab. Diese unausgesprochene Aufforderung nahm die Magierin auch sogleich wahr, huschte schnell hinein und zog die Tür rasch hinter sich zu. Erst jetzt zog sie den Umhang ab, atmete tief ein und fühlte sogleich die Atmosphäre der Behausung eben jenes Hexenmeisters, den sie ihren Bruder nannte. Dann schloss sie ihre Augen, nahm einen weiteren, tiefen Atemzug und nahm auf einem der bereitstehenden Schemel Platz, während ihre Gedanken ob der Dinge, die sie noch vor wenigen Minuten gesehen hatte, rasten und ihr Herz bis hinauf zu ihrem Hals schlagen ließen.
Die Geschichte – ihre Geschichte – wiederholte sich vor ihren Augen. Jene Ereignisse, als die Horde einst von Grim Batol aus die Dörfer angriff und neben Kriegern auch über Frauen, Kinder, Verwundete und Wehrlose fegte. Getrieben von Blutrausch und ohne jegliche Gnade stürzten sie in die Dörfer, ebneten sie ein und metzelten alles nieder, was atmete. Etliche Jünglinge empfanden diese Angriffe als inspirierend, schlossen sich den Kämpfern an und führten ihrerseits ihre kurzen Klingen gegen alles, was die großen Krieger noch nicht gänzlich erschlagen hatten.
Sie hatte zu jenen gehört, die mit den Kriegern ausgezogen war. Trotz ihres jungen Alters war die dunkle Saat in ihres Vaters auch in ihr stark und verlieh ihr so die Veranlagung, ebenfalls Zauber wirken zu können, wie es die übrigen Hexenmeister der Horde taten. Nur zu gerne wollte sie ihre noch im Entstehen befindlichen Kräfte dazu nutzen, um ihre Sippe vor den schrecklichen Feinden zu schützen und diesen den entscheidenden Schlag zu versetzen. Doch als sie, die sie nicht einmal das zehnte Lebensjahr vollendet hatte, in die Augen eines sterbenden Menschenjungen blickte, wurde ihr klar, dass ihr Volk hier der Aggressor war. Mit einem Mal wurde ihr die Brutalität vor Augen geführt, wich sie vor ihrer eigenen Art zitternd zurück, rannte sie weg vom Kampfgeräusch. Sie lief so schnell sie ihre Beine tragen konnten, floh vor den Kampfesgeräuschen und hielt weiten Abstand von allem, was nach Siedlung aussah. Stunden, nein Tage lief sie, ehe sie erschöpft zusammenbrach und mitten in einem Feld liegen blieb. Als sie wieder zu sich kam, war das Erste, das sie sah, eine weiß gestrichene Decke.
Das es ausgerechnet ein Magier aus Dalaran gewesen war, der sie gefunden und unter seine Fittiche genommen hatte, war offenbar ihr Glück – auch wenn er sie, so erfuhr sie jedoch erst Jahre später durch ihn selbst, eigentlich als Versuchsobjekt hatte verwenden wollen – denn so wurde ihre magische Gabe, die ursprünglich für das Wirken von Nethermagie der Hexenmeister gedacht war, in die akademischen Bahnen der Magier von Dalaran gelenkt, ersetzten Buch und Stift ihr die brutalen Waffen ihrer Artgenossen. Sie indes nahm diese Lehren nur zu gern an, denn die Bilder der Orcs, die alles abschlachteten, das selbst nicht Orc war, wollten ihr nicht aus dem Kopf gehen, verfolgten sie bis nachts in den Schlaf.
Und genau jene Bilder hatte sie eben wieder gesehen, als sie durch Orgrimmar zog und schwer bewaffnete Wachen gesehen hatte, die alle zusammentrieben, die nicht Orc waren.
„Kaffee?“ fragte die körperlose Stimme, riss die Magierin so aus ihren Gedanken. Abwesend blickte sie nach oben, sah dann die bläuliche Gestalt mit einer bauchig-runden Kanne auf einem übergroßen Tablett, auf dem außerdem noch einige Tassen, Untertassen und ein Teller mit Gebäck Platz fanden. 
„Äh…nein, danke, ich…“ begann sie.
„Nimm dir ruhig eine Tasse.“ Rief eine Stimme aus dem hinteren Teil der Behausung, unterbrach dabei ihre ablehnende Antwort. „Hathmon macht einen teuflisch guten Kaffee.“
Diese Worte sprechend trat der Hexenmeister hinter einem der Vorhänge hervor. Anders als die Magierin war er noch nicht angekleidet, trug stattdessen einen kunstvoll bestickten Morgenmantel. Sein Bart hing allerdings noch etwas wild nach unten, vermisste die ordentliche Flechtkunst, die er zu tragen zu pflegte. Offensichtlich war er erst vor Kurzem aufgestanden.
„Herr.“ Sprach die bläuliche Gestalt mit der selben, körperlosen Stimme, goß sogleich etwas Kaffee in eine der bereitgestellten Tassen und hielt das Tablett in Richtung des Hexenmeisters. Dieser nickte zufrieden und griff danach, ehe er auf einem der Schemel gegenüber der Magierin Platz nahm.
„Es gibt Neuigkeiten aus Orgrimmar nehme ich an?“ fragte der Hexenmeister, während er die Tasse zum Mund führte und einen kräftigen Schluck des heißen, schwarzen Getränks nahm.
Kyzaria schüttelte sich, beobachtete den bläulichen Dämon, der mit schnellem Griff die nächste Tasse mit Kaffee füllte und sogleich mit beachtlichem Tempo vor ihrer Nase auf einem kleinen Beistelltisch abstellte, Kehrt machte und von Dannen schwebte.
„Seit wann kochen Dämonen Kaffee?“ fragte sie ein wenig verwundert.
Vadarassar zuckte mit den Schultern. „Pakt ist Pakt. Mein Leerwandler hat mir einst geschworen, mir in jeden Kampf zu folgen und zu dienen. „
„Ja, aber Kaffee kochen?“
„Ist weniger unangenehm, als sich im Kampf ständig aus dieser Welt prügeln zu lassen. Und ab und an verirren sich ein paar Harpyien hierher, mit denen er sich dann vergnügen kann.“ Erklärte der Hexenmeister, während er einen weiteren, tiefen Schluck aus der großen Tasse nahm. „Aber nun zu den Neuigkeiten – wie steht es um die Herrschaft von Höllschrei?“
Kyzaria verzog das Gesicht. „Herrschaft…toller Ausdruck. Er hat Befehl erlassen, alle Nicht-Orcs zusammen zu treiben. Wer sich seinen Leuten in den Weg stellt, wird mit verhaftet und eingesperrt.“
Vadarassar nickte. „Das Aufbegehren der Trolle scheint ihn nervös gemacht zu haben.“
„Nervös? Oh nein, er ist nicht nervös. Er ist wahnsinnig geworden. Seine Krieger sind durch die Gasse marschiert und haben einen Tauren halb tot geprügelt, der einfach nur Früchte kaufen wollte. Die Kluft der Schatten wurde abgeriegelt und alle Hexenmeister und ansässigen Händler wurden ohne Fragen oder Prozess eingesperrt. Das hat nichts mehr mit Nervosität zu tun – Höllschrei ist drauf und dran die Horde von innen heraus zu keulen.“
Eine bedrückende Stille legte sich über die beiden Orcs, die besorgte Blicke austauschten. „Vol’jin hat offensichtlich wirklich Öl ins Feuer gegossen. Wieso haben sie nicht einfach einen Attentäter abgestellt und Garrosh leise beseitigt?“ brummte der Hexenmeister.
„Attentäter sind nicht ehrenhaft, Vada. Und Trolle hängen an ihrem Ehrenkodex. Das weißt du.“
„Pah.“ Schnaubte er, hielt seine mittlerweile leere Tasse seitlich neben sich, woraufhin sein Dämon schnell herbei huschte und ihm nachschenkte. Dann, ein anerkennendes Nicken seinem Leerwandler zugewandt, fuhr er fort. „So viele Leben verloren im Namen der Ehre. So viele Opfer im Namen der Ehre. Was ist daran ehrenhaft, ganze Heerscharen in den sicheren Tod zu schicken, obwohl eine einzige, verborgene Klinge das Problem gelöst hätte? Was ist ehrenhaft daran, hunderte zu opfern?“
„Du hast ja Recht. Nur…“ lenkte Kyzaria ein, blickte dann auf ihr Spiegelbild in der Tasse vor sich. Ein sichtlich trauriges Gesicht blickte ihr aus der heißen, schwarzen Flüssigkeit entgegen. 

„Das gefällt mir nicht.“ Brummte Kared nun schon zum dritten Mal, seit sie vom Schrein aus aufgebrochen waren und seither im strammen, schnellen Marsch in Richtung der Ausgrabung stapften. Zu Fuss, obwohl ihre Kodos und sogar Reittiere für die Todesritterin und ihren seltsamen, goblinartigen Schatten, der aus irgendeinem Grund wie Kaugummi an ihr haftete, hatten bereit gestanden. Doch sie hatte bestimmt, dass sie zu Fuss laufen sollten. Sie, die Todesritterin, die von Dezco dazu bestimmt worden war, die beiden Paladine nicht nur zu begleiten, sondern sogar die Führung zu übernehmen.
Eine Todesritterin, die Paladine anführte und in den potentiellen Kampf leitete. Nein, das gefiel Kared ganz und gar nicht. Er war sich sicher, dass sowohl Nikariu als auch er genug praktische Erfahrung besaßen, diese Aufgabe selbst zu übernehmen. Sie hatte hinreichend Routine, hatten die Ländereien Pandarias bereits ausreichend ausgekundschaftet und sich gegen die lästigen Sha-Geister, die sie angetroffen hatten, ebenso gut beweisen können wie gegen die Mantis oder irgendwelche wildgewordenen Tiere.
„Du wiederholst dich Kared.“ Kommentierte Nikariu die Bedenken ihres Paladinkollegen.
„Wenn es doch stimmt? Woher sollen wir wissen, dass wir der Todesritterin vertrauen können?“
„Sie hat uns beim Kampf gegen das Sha beigestanden.“
„Pah, das hätten wir auch alleine klein bekommen.“
Nikariu schüttelte den Kopf, blickte dann von Kared weg und weiter nach vorn, wo Xelestra unbeeindruckt voran stapfte, den Blick dabei über die Umgebung wandern lassend. Mit Sicherheit hatte sie die Worte der beiden Paladine mitgehört – Kared hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Stimme zu senken – und dennoch nicht einmal den Hauch einer Reaktion gezeigt.
„Ich vertraue ihr.“
„Ich nicht. Dieses…“
Ein heftiges Beben schnitt Kared das Wort im Mund ab. Sein Fell begann sich unter seiner Rüstung zu sträuben, als mit einem Mal ein eisiger Wind durch das Tal wehte und der vorher noch blaue Himmel schlagartig rabenschwarz wurde. Etwas war geschehen. Etwas Böses, Gefährliches. Dann gellte ein markerschütternder Schrei über die Ebene, riss die beiden Paladine beinahe um, wäre nicht genau in diesem Moment die Todesritterin drei Schritte auf sie zu gestürmt gekommen, um von jedem einen Arm zu packen und festzuhalten, während dichte, schwarze Wolken auf sie zu rasten und den Boden, auf dem sie standen, verdarben.
„Das…Sha….“ Ächzte Nikariu, die die Bosheit deutlich in den tiefsten Tiefen ihres Leibes spürte, die von den schieren Emotionen, die das Tal zu übermannen begannen, um sie herum strömten. Hass, Angst, Verzweiflung – alles prallte mit einem Schlag zusammen und verdunkelte alles um sie herum, ließ zahllose kleine Sha-Abnormitäten aus dem Nichts erscheinen und um sie herum huschen.
„Wir müssen uns beeilen.“ Fasste Xelestra das Geschehen kurz und knapp zusammen., Dann löste sie ihren Griff, wirbelte herum und begann zu rennen.

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