Kapitel 15 – Duell der Todesritter

Deutlich wies die Todesritterin ihre drei Gefährten an, an Ort und Stelle zu warten, während sie mit festem Schritt auf den Höhleneingang und den davor stehenden Orc zuschritt. Dieser, durch seine Rüstung selbst aus der Ferne als Todesritter identifizierbare Orc war natürlich niemand anderes als Khaled – jener Todesritter, der bereits im Schrein auf alles andere als einen freundlichen Eindruck gemacht hatte. Und auch jetzt blickte er nur grimmig zu Xelestra, die den Blick mit ebenso grimmigem Blick erwiderte.
„Du hättest deinen Auftrag erfüllen sollen. Dann hättest du länger gelebt.“ Schnaubte Khaled bereits, als Xelestra gerade erst in Hörweite kam. „Wen willst du noch alles verraten? Zuerst einen Stamm, dann die Grimmtotem, den Lich-König, die schwarze Klinge und dann schließlich den Kriegshäuptling und die Horde als Ganzes. Wann verrätst du deine Haustiere da hinten?“
Sie biß sich auf die Zunge. Natürlich hatte sie in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. Fehler, deren Tragweite sie nie hätte ahnen können. Fehler, die sie jeden Tag aufs Neue bereute, die sie jederzeit vermeiden und einen anderen Weg wählen würde, wenn sie denn nur die Chance hätte, es zu tun. Doch das konnte sie nicht. Sie hatte keine Möglichkeit, vergangene Fehler zu korrigieren oder sie auch nur gut zu machen. Alles, was ihr nur blieb, war zu verhindern, dass sie jemals wieder solche Fehler machen würde. 
Und für ihre Fehler zu büßen. 
Wortlos zog sie langsam ihre Axt vom Rücken, blieb im gleichen Atemzug aber gute fünf Meter von Khaled entfernt stehen, starrte ihn dabei starr an. Auch der Orc zog nun seine beiden Schwerter, bereitete sich auf den nun offensichtlich kommenden Sturmangriff vor. Zu seiner Verblüffung aber kam dieser nicht. Stattdessen rammte Xelestra ihre Klinge mit aller Kraft in den Boden, ohne dabei den Blick vom Orc zu nehmen.
„Du kapitulierst? Verrätst du am Ende sogar deine eigenen Ideale, deine Prinzipien, deine…“
„NIEMANDEN habe ich je verraten!“ donnerte die Todesritterin derart laut hervor, dass es selbst die Paladine in einiger Entfernung hören konnten. „Ich folge keinem, dessen Motive nur dem einen dienen. Und was dich angeht…“ fuhr sie fort, mit einem Finger der linken Hand auf ihn deutend, während sie mit ihrer Rechten das Kürschnermesser aus der Schnalle an ihrem Gürtel zog und es fest mit ihrer rechten Fast umklammerte.
„…für dich brauche ich nicht mehr als das hier.“
Dann stürmte sie voran, während Khaled sie zuerst verdutzt anstarrte. Sie griff ihn an. Mit einem Kürschnermesser. Einem kleinen, stumpfen, verdammten Kürschnermesser. War sie nun vollends wahnsinnig geworden?
Der Orc ließ sich diese ultimative Provokation nicht gefallen, hob seine Schwerter und stürmte der Todesritterin entgegen, holte zum Schwung aus und stieß ihr seine Schwerter in zwei großen Bögen geschwungen entgegen. Beide Schwerter klirrten lautstark – eines davon gegen das kleine Messer, das andere gegen die metallene Armschiene der Todesritterin, die mit unvermindertem Tempo auf ihn zu stürmte, dabei ihr linkes Knie hob und im vollen Lauf und voller Wucht in seinen Bauch rammte.
‚Verdammt.‘ dachte Khaled nur, als sich ihr Knie durch seine Rüstung tief in seinen Bauch bohrte, ihm die Luft nahm und ihn einige Meter zurück schleuderte. Eine tiefe, hässliche Beule verblieb im massiven Plattenpanzer, der seinen Körper nahezu vollständig bekleidete und schützte. Immerhin hatte dieser den Tritt, der ihm ansonsten sicherlich einige Rippen gebrochen hätte, so abgefedert, dass er lediglich einige Atemzüge brauchte, um sich wieder zu fangen. Und das tat er auch, riss sich vom Boden auf und stürmte erneut auf die Todesritterin zu, die Schwerter diesmal in geschlosseneren Bögen gen ihren ungeschützten Hals schwingend. Dann spürte er den Nachteil seiner Rüstung überdeutlich: Trotz ihrer Größe und der Tatsache, dass sie eine verdammte Taurin war, bewegte sie sich mit ihrer leichten Plattenrüstung deutlich schneller, wich den Stößen von Khaled geschickt aus, schaffte es gar, ihn zu umtanzen und die Schläge nahezu alle zu parieren, die trotz dieser Agilität Treffer geworden wären. Gleichzeitig aber schützte die Rüstung von Khaled ihn vor den Stößen und Schlägen mit Faust und Klinge, die gegen ihn gerichtet worden waren.
Ein Patt. Das hätte auch Xelestra klar sein sollen – da war sich Khaled absolut sicher. Doch auch er hatte keine Möglichkeit, Xelestra mit fairen Mitteln zu besiegen. Fairness aber war noch nie seine Domäne gewesen. Alles was er tun musste war warten und beobachten, um auf eine Gelegenheit zu warten, damit er als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen würde.
Überraschend schnell erkannte er seine Chance in den Bewegungen, die Xelestra da vollführte. Denn so grazil und geschickt sie sich auch wandte, so auffällig war es doch, dass sie offensichtlich mit voller Absicht einige Drehungen und Bewegungen vermied und stattdessen lieber riskierte, dass einer der Schläge von Khaled ihre Armschiene oder einen anderen Teil ihrer Rüstung traf. Zuerst hatte Khaled an einen Zufall geglaubt, machte dann aber einige Schritte zur Seite, um eine Drehung und das Neigen nach Rechts bei ihr zu provozieren. Doch wieder vermied sie genau diese Bewegung, schonte offensichtlich ihre rechte Seite und alles, was Brust und Bauch auf ihrer rechten Seite zu sehr streckte oder stauchte.
Ein Plan war in seinem Kopf gereift. Wieder schwang er seine Schwerter in Richtung ihres Halses, zielte auf ihren linken Arm und wirbelte dann einmal um seine eigene Achse, als er sah, wie seine Schläge von ihr problemlos pariert wurden, zog seine Schwerter zurück, drehte eines von ihnen in seiner Hand um und donnerte dann mit all seiner Kraft den Griff des rechten Schwertes in ihre rechte Flanke. Es knirschte einmal laut, als er spürte, wie eine offensichtlich angeknackste Rippe unter seinem kräftigen Schlag brach, die Todesritterin einmal laut ächzte, nach hinten stolperte und die linke Hand auf ihre rechte Flanke presste, während sie auf ein Knie sank. Khaled indes hielt seine Schwerter triumphierend in Richtung ihres Halses.
„Du bist eine exzellente Kämpferin. Aber du bist zu stur, zu aufbrausend, zu eigensinnig.“
Xelestra blickte zu Boden, wirkte, als hätte sie heftige Schmerzen. Dann aber hob sie ihren Kopf, starrte Khaled direkt an. Der stutzte ob ihres Gesichtsausdrucks.
Kein Schmerz, keine Trauer, keine Wut. Nur Entschlossenheit…und war das ein Grinsen, das da von ihren Mundwinkeln angedeutet wurde?
„Und du bist zu leichtgläubig.“ Knurrte sie, ehe sie in einer einzigen, fließenden Bewegung zu explodieren schien. Mit einem einzigen Schwung ihrer linken Hand, die von ihrer Flanke weg schnellte, wischte sie die Schwerter vor sich weg, hob ihre rechte Hand, zur Faust geballt, in Richtung von Khaleds Schädel, stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und donnerte ihre Faust so mitten in das verdutzte Gesicht des Orcs, fühlte nun ihrerseits das Knacken von Knochen unter ihrer Hand, während der Orc mit Schwung nach hinten flog, in der Luft einen halben Salto machte und mit dem Gesicht nach unten im Dreck landete.
Khaled stöhnte, wollte sich wieder aufrappeln, stemmte sich auf seine Hände, die noch immer seine Schwerter umklammerten. Dann fühlte er ein heftiges Brennen in seiner linken Hand.
„Bleib unten!“ schnaubte Xelestra, die neben ihn getreten war und einen ihrer Hufe mit aller Kraft auf seine linke Hand gedonnert hatte. Unter den metallbeschlagenen Hufen brachen die feinen Hand- und Fingerknochen der linken Hand wie dünne Äste. Dann bückte sich Xelestra, griff das Schwert des Orcs und wog es in einer Hand.
„Wenn du mich tötest, dann tu es schnell.“ Grummelte der Orc durch den Matsch hindurch.
„Wenn ich dich hätte töten wollen, dann hätte ich meine Axt benutzt.“ Schnaubte Xelestra zurück, umfasste dann den Griff der Klinge mit ihrer rechten Hand. „Das hier ist besser.“
Mit diesen Worten stieß sie die Klinge senkrecht auf seine rechte Schulter, flührte sie dabei geschickt zwischen den einzelnen Panzerplatten, die Brust- und Armrüstung verbanden, hindurch, ehe sie das Schwert mit aller Kraft nach unten drückte. Tief schnitt das Schwert in die rechte Schulter des Orc ein, der den Schmerz deutlich spürte, den Schrei jedoch unterband. Doch statt hier zu enden schob sie die Klinge tief und tiefer, bis schließlich das Heft der Klinge auf der Rüstung auflag und die Klinge durch seine Schulter hindurch vollständig im Boden verschwunden war. Erst jetzt nahm sie ihren Huf von seiner linken Hand, trat einige Schritte zurück, wobei sie das andere Schwert etwa zwei Meter weg und damit aus seiner Reichweite trat.
Khaled starrte wütend zu ihr nach oben, sah jedoch nicht viel mehr als ihre Gürtellinie. Als sie das sah ging sie in die Hocke, legte ihre Hände auf die Knie und blickte ihn so von oben herab mit zufriedenem Blick an.
„Bring es zu Ende!“ schnaubte er sie an.
„Nein. Du wirst leben und du wirst erzählen, was passiert ist.“
„Den Teufel werde ich.“
„Deine Entscheidung.“ Entgegnete Xelestra, erhob sich und beugte sich dabei provokant über die vorher geschonte, verletzte rechte Seite, ohne auch nur ansatzweise zu zucken, schritt zu ihrer Axt, zog sie aus dem Boden und blickte dann zu ihren drei Begleitern, die trotz ihrer klaren Worte mittlerweile näher gekommen waren. Nikariu und Kweezil schauten teils stolz, teils besorgt zu der Todesritterin, während Kared er ernstere Miene auflegte.
„Du hast ihn nicht getötet? Normalerweise sind Todesritter….“
„Normalerweise?“ fragte Xelestra nur, ohne die Frage abzuwarten oder gar richtig zu beantworten.

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