Kapitel 17 – Flucht durch den Nether

Schwindel hatte sie erfasst, umschlang sie und ließ ihre Sinne Karussell fahren, als sie mit einem Mal in einer fremden, ihnen unbekannten Welt auftauchten. Doch – war das hier überhaupt eine Welt? Festen Boden gab es scheinbar nicht und der Himmel sowie alles um sie herum veränderte ständig Farbe und Form, zerfaserte in feinen Nebel, nahm dann wieder feste Form an. Einzelne inselartige Felsbrocken drifteten umher, wurden von Wesen umkreist, deren bloßer Anblick Kweezils Gesichtsfarbe aschfahl werden ließ. Denn jetzt begriff er, wo sie waren.
Der wirbelnde Nether.
Eine Zwischenwelt, in der die Dämonen und die finstersten Kräfte, die er sich nur ausmalen konnte, heimisch waren. Ein Ort des Todes und der Verdammnis. Und genau in dem Moment, da er es laut aussprechen wollte, hatten ihn die Augen der Dämonen bereits erfasst, begannen große, pechschwarze Flügel die nicht vorhandene Luft davon zu schlagen und die massigen, unförmigen Körper in Richtung jener drei, die so ganz und gar nicht hierher gehörten, zu tragen.
„Hab ich euch!“ piepste eine schrille Stimme direkt neben Kweezil, der in ihre Richtung blickte und in die mit grünem Feuer gefüllten Augenhöhlen eines Teufelswichtels blickte, der nur geringfügig kleiner als er selbst war. Gerade noch wollte er nach seinen Waffen greifen, da hatte der Wichtel ihn schon mit einer Hand an der Stirn gepackt, griff mit der anderen die beiden Tauren an ihrer Mähne, während die übrigen Dämonen nur noch zwei Flügelschläge von der Gruppe entfernt waren.
Wieder verging die Existenz der drei in Flammen, verzehrte grünes Feuer ihre Körper und riss sie damit schlagartig aus dem Nether heraus, ehe sie ebenso schlagartig an anderer Stelle wieder aufschlugen.

Regen plätscherte auf das saftige Gras, in dem sie nun offenbar lagen. Wie lange sie unterwegs gewesen waren, wo sie dieser Wichtel und das Feuer hingeführt hatte – sie wussten keine Antworten auf diese Fragen. Und nur zu gerne hätten sie den Wichtel höchst selbst gefragt, doch sowohl Kweezil als auch Nikariu spürten die Spuren, die diese Art der Reise an ihnen hinterlassen hatte. Ihnen kam es so vor, als wäre ihr gesamter Körper von einer unbeschreiblich großen Anstrengung erschlafft und in sich zusammen gesunken. Selbst das Atmen schien ihnen in den ersten Momenten schwer zu fallen, was sich jedoch glücklicherweise binnen weniger Atemzüge wieder legte. Diese Zeit jedoch reichte für den kleinen Wichtel, um seinerseits von den dreien weg zu laufen und in ein Zelt zu stürmen, das ein wenig abseits von den dreien mitten in der Wiese stand.

„Ich denke nicht, das ich nach Orgrimmar gehen und mitkämpfen werde.“ Sagte Vadarassar mit ruhiger Stimme, hob dabei die Tasse Tee in seiner Hand und nahm einen kräftigen Schluck, ehe er wieder zu seinem Gast blickte.
Braline Donnerhuf. Eine zierliche, ernst drein blickende Taurendruidin, deren Robe mit einem feinen Blätterkleid bewachsen war und jedem so bereits von Weitem lautstark das Wort „Druide“ in den Verstand brüllte. Freunde nannten sie aufgrund ihres kastanienbraunen Fells schon früh Braunpelz. Und auch wenn ein Hexenmeister der wahrscheinlich widernatürlichste und unwahrscheinlichste Freund einer Druidin sein konnte, so war sie doch einer der ältesten und geschätztesten Freunde, die Vadarassar sich vorstellen konnte. Sie wiederum vertrat interessanterweise eben genau diese Ansicht ebenfalls, hatte sich trotz des aktuellen Kriegszustandes von Donnerfels hierher aufgemacht, um den Hexenmeister um Unterstützung zu bitten.
Mit einem tiefen Seufzen stellte sie die Tasse ab und ließ den Leerwandler, der vorher gänzlich bewegungs- und geräuschlos neben ihnen gestanden hatte, frischen Tee hinzu gießen.
„Ganz Mulgore macht mobil gegen Garrosh. Hamuul und die anderen Erzdruiden sind noch immer am Hyjal und helfen dabei, Nordrassil und seine Sprösslinge zu pflegen und zu beschützen – ich bin damit die ranghöchste Druidin und soll den Rest der Druiden…“
Sie atmete einige Male tief ein und aus, bliickte den Hexenmeister dann mit großen Augen an. „Selbst wenn die Unterstüztung der Blutelfen und Untoten rechtzeitig ankommt oder die Allianz….es wird ein Gemetzel werden. Wir brauchen jede Hand, jeden Magier, jede Hilfe, die wir bekommen können.“
„Ich werde mitkommen.“ Sagte Kyzaria, die über einem Buch versunken gewesen war und nun zur Druidin aufblickte. Im gleichen Atemzug schloss sie das Buch, legte es auf den Arbeitstisch des Hexenmeisters zurück.
„Garrosh folgt den Taten seiner Vorfahren. Jener Vorfahren, für die ich mich schon früher geschämt habe. Doch dieses Mal werde ich es nicht sein, die ins Exil geht.“ Dann sah sie hinüber zu Vadarassar.
„Was hält dich zurück, Bruder? Hast du Angst davor, ein paar alte Freunde ins Jenseits zu schicken?“
Erneut seufzte der Hexenmeister, lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen. Zu gerne hätte er jetzt die Dinge ausgesprochen, die ihm durch den Kopf gingen. Dinge wie die zahllosen Schlachten, die er bereits gegen so viele Bedrohungen Azeroths gefochten hatte, die Siege und die knappen Niederlagen, das Leid und der Tod geschätzter Freunde, denen auch die besten Heiler nicht mehr helfen konnten. Doch vor allem – und diesen Umstand hielt er besonders tief in seinem Inneren verschlossen – hatte er während seiner unzähligen Schlagen gesehen, was mit anderen Hexenmeistern mit der Zeit passierte, wenn diese zu oft, zu lange und zu stark Energien aus dem Nether kanalisierten und auf ihre Gegner warfen. Er hatte gesehen, wie diese mit der Zeit selbst zu Dämonen wurden, ihre Macht ins Unermessliche stieg, ehe sie ob dieser Macht entweder wahnsinnig wurden, sich gegen ihre eigenen Freunde wandten oder der Nether und die Energien, mit denen sie um sich warfen, sie einfach aufzehrte, bis nur noch ein Häufchen Asche übrig blieb. Auch ihn würde so ein Schicksal ereilen, wenn er die dämonischen Kräfte zu häufig und zu stark anrief und sie gegen seine Feinde einsetzte. Doch er war noch wach, seiner Macht noch bewusst genug, um zu erkennen, dass er da mit seinem eigenen Leben spielte.
„Ich habe genug Leid erlebt. Da muss ich nicht…“
„MEISTER! SIE SIND WIEDER DA!“ kreischte die schrille Stimme des Wichtels durch das gesamte Zelt, riss die Aufmerksamkeit von drei Augenpaaren geradezu an sich, während die kleine, in grünes Feuer getauchte Gestalt wild herum hüpfte.
„….später!“ endete Vadarassar und sprang von seinem Sitz auf, stürmte zum Eingang seines Zelts und hinaus.

Draußen angekommen weiteten sich seine Augen vor Entsetzen. Er erblickte Xelestra, die auf der Seite lag und der eine mächtige Axt tief in ihrem Rücken steckte, Nikariu, die von der Todesritterin scheinbar umarmt wurde und sich gerade mühsam aufzurappeln versuchte und schließlich noch den Goblin namens Kweezil, der seinerseits den Hexenmeister erblickte und mit leicht wankender Bewegung auf ihn zu stürmte. Doch der Hexenmeister ließ den Goblin einfach stehen, lief stattdessen zu den beiden Tauren.
„Niki – bist du in Ordnung?“
Die Paladina nickte langsam, hielt sich aber ihren linken Arm und verzog das Gesicht, kniff ein Auge zu. „Ja….ja, ich bin okay. Aber sie…“ 
„Ich kümmere mich um sie.“ Beschwichtigte Braunpelz, die hinter Vadarassar her gestürmt war und nun neben der Todesritterin auf ein Knie sank. Vorsichtig ließ sie ihre Finger über den Körper der Taurin wandern, schloss dabei die Augen und konzentrierte sich auf die Lebensenergien, die jeder Druide instinktiv in allen Lebewesen spüren konnte.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann trat sie einen Schritt von der Todesritterin zurück, blickte zuerst Nikariu, dann den Hexenmeister an. Ihr Blick war finster.
„Sie stirbt.“
„WAS? NEIN!“ brüllte Nikariu, der gerade noch von Vadarassar auf geholfen wurde und den sie nun mit ihrem rechten Arm entschlossen zur Seite stieß, die Druidin böse ansah.
„Kannst du denn nichts tun?“ fragte seinerseits Vadarassar besorgt. Doch die Druidin schüttelte langsam den Kopf.
„Sie hat zu viele schwere Wunden. Ihre Lebensenergien verblassen schneller als ich sie wieder stärken kann. Wenn sie zu schwach werden….“
„Was dann?!“ rief erneut die junge Paladina. „Was passiert dann?“
„Dann wird ihre restliche Lebenskraft von den unheiligen Mächten in ihr übermannt und gänzlich aufgezehrt. Übrig bleiben nur noch unheilige Energien. Wie in einem Ghul.“ Erklärte Vadarassar der jungen Paladina die aussichtslose Lage. Doch die schüttelte nur den Kopf, blickte dann entschlossen zu der Orcmagierin, die sich gerade ein heftiges Wortgefecht mit dem Goblin lieferte. Offenbar verlangte er lautstark, endlich bezahlt zu werden.
„Heilige Energien könnten sie retten. Heilige Energien von An’She. Mein Orden kann ihr sicher helfen.“ Rief sie laut. Doch erneut schüttelte Braunpelz den Kopf.
„Die Sonnenläufer sind fast alle bereits in Richtung Klingenhügel aufgebrochen. Und selbst wenn du noch jemadnen finden würdest und dieser sogar helfen wollen würde – es ist zu spät. Ihr bleiben nur noch wenige Stunden. Wenn überhaupt.“
Nikariu schloss die Augen, wischte sich mit der rechten Hand die Tränen, die langsam an ihren Wangen hinab flossen ab, schritt dann näher an Braunpelz heran. Erst jetzt, da sie voreinander standen erkannte man den Größen- und Altersunterschied wirklich deutlich. Sicher, Braunpelz war für Taurenverhältnisse klein und zierlich gewachsen. Doch Nikariu war noch kleiner, blickte aber aus wesentlich reiferen, leuchtenden Augen zu der Druidin hinauf.
„Sie hat mein Leben gerettet. Zweimal. Bitte – es muss doch einen Weg geben.“
Einige Augenblicke erwiderte die Druidin den Blick der jungen Paladina vor sich. Und ja, sie wusste nur zu gut um die Bedeutung der Todesritterin für die Paladina. Mehr noch, als diese sich selbst bewusst sein mochte. Doch sie wusste auch, dass das Unterfangen aussichtlos war. Die Chancen waren quasi nicht vorhanden und selbst wenn sie Erfolg haben mochte und jemanden von ihrem Orden mitbringen würde, wäre es immer noch riskant.
Dann aber seufzte sie, sank erneut auf die Knie neben Xelestra, strich über die Klinge der Axt, die tief in ihren Rücken eingedrungen war. Vorsichtig umschlossen ihre Hände den Griff der Axt, versuchte sie die massive Klinge vorsichtig aus dem Leib der Todesritterin zu ziehen. Doch zu ihrem Ärger war die Axt schlicht zu schwer, als dass sie diese auch nur einen Millimeter hätte bewegen können.
„Warte, ich helfe dir.“ Rief Nikariu, schritt um die Druidin herum und legte ihre rechte Hand um den Griff. Dann zog sie ihrerseits und war verblüfft, wie leicht die Axt doch tatsächlich war. Verständnislos blickte sie auf die Druidin, die von der Klinge abließ und ihrerseits die Paladina anstarrte. Dann war die Klinge, deren Schneide und Spitze derart tief in den Körper von Xelestra eingedrungen war, dass sie fast den vorderen Teil ihrer Rüstung erreicht hätte, allein in der Hand von Nikariu, die die Axt mit einer Hand leicht und locker zu Vadarassars Zelt brachte und davor in den Boden stieß. Die Tatsache, dass die Schneide problemlos unzählige Steine im Boden entweder beiseite stieß oder gar durchschlug zeigte ihr aber, dass sie offensichtlich doch ein ordentliches Gewicht zu besitzen schien. Warum sich die Klinge aber dennoch in ihrer Hand so leicht angefühlt hatte…sie verstand es nicht.
Braunpelz ihrerseits hatte sich schnell wieder der Todesritterin zugewandt, ließ ihre Heilkräfte wirken, um zumindest die mächtige Wunde am Rücken der Todesritterin zu schließen. Quälend langsam ebbte die Blutung ab, begann die Wunde zumindest Ansätze von Heilung zu zeigen, während die Druidin immer wieder mit dem Kopf schüttelte. Dann schloss sie ihre Augen, kniete sich neben der Todesritterin hin und legte beide Hände auf sie.
„Zwei Stunden. Mehr Zeit kann ich dir nicht geben. Beeil dich.“
Nikariu nickte, wollte gerade losstürmen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Fragen blickte sie hinter sich, erblickte die Magierin und ein Magierportal, das neben ihr wabend die Umrisse von Donnerfels zeigte.
„Hier entlang.“

Wieder wurden die Relitäten durcheinander gewirbelt, vermischten sich Fleisch und Magie zu einem Wirbel, der schlagartig und viel schneller als zuvor endete und die Reise mitten auf den Marktplatz von Donnerfels führte.
Nikariu stolperte mehr aus dem Portal hinaus, tänzelte umher und prallte prompt mit der linken Schulter gegen einen anderen Tauren, der gerade mehrere Körbe mit Lebensmitteln getragen hatte. Nun verteilten sich sowohl die Körbe samt Inhalt als auch die Paladina auf dem Boden. Und während der Taure zu einem lauten Seufzen und wüsten Beschimpfungen ansetzen wollte, hielt sich Nikariu ihren verletzten, linken Arm, in dem der Schmerz neu aufflammte und ihr fast das Bewusstsein raubte. 
„Kannst du denn nicht…oh, hast du dich verletzt? Das tut mir lei…“ begann der Taure, reichte ihr eine Hand, um ihr wieder auf zu helfen. Doch Nikariu schlug die Hilfe aus, raffte sich schnell selbst auf die Hufe, zwang die vor ihren Augen explodierenden Sterne davon und steuerte durch den Trubel des Marktplatzes hindurch auf eine der Lodges zu, von denen aus eine Hängebrücke in Richtung der Jägeranhöhe führte.
„Du solltest dich lieber auch selbst versorgen lassen, Kleines.“ Merkte Kyzaria an, die sichtlich Mühe hatte, mit der Taurin Schritt zu halten. Zwar strauchelte sie immer wieder, wirkte noch unsicher zu Fuss und hielt sich an Türrahmen und dem Geländer der Hängebrücke fest, doch sie lief, als wäre jemand mit einem Dutzend Peitschen hinter ihr her, um sie immer weiter anzutreiben.
„Ich werde es überleben.“ Schnaubte Nikariu, die das Zelt ihres Ordens in Rekordzeit erreichte und sogleich betrat. 
Im Inneren waren nur wenige ihres Ordens. Drei von ihnen diskutierten angeregt über die aktuelle Situation in Orgrimmar, zwei weitere standen mit dem Rücken zum Eingang und machten sich offenbar gerade bereit, um selbst zur Front aufzubrechen. Hinter ihnen stand eine kleine Gruppe aus sechs oder sieben ihr unbekannten Tauren, die offensichtlich nicht dem Orden angehörten und wild durcheinander redeten und riefen. Alles schien sich auf die bevorstehende Schlacht vorzubereiten.
„HILFE!“ brüllte Nikariu in das Zelt hinein, um die Aufmerksamkeit aus den unzähligen Gesprächen auf sich zu ziehen. Ein Vorgehen, das einen mehr als durchschlagenden Erfolg hatte, denn alle Augenpaare, sogar die der fremden Tauren, schossen geradezu in Richtung Eingang und fokussierten sich auf die junge Paladina, die noch immer etwas schwindelig weiter in das Zelt hinein trat. Bei den Blicken blieb es aber nicht – zwei der drei diskutierenden Paladine stürmten sofort zu ihr, griffen die junge Taurin an der rechten Schulter, führten sie in das Zelt hinein.
„Was ist passiert? Wurdest du angegriffen? Wo sind die Feinde?“ prasselten die Fragen auf sie ein, wanderten die Blicke der beiden Sonnenläufer über ihren Körper, blieben an ihrem linken Arm hängen, den sogleich ein strahlend helles, wärmendes Licht erfüllte und den gebrochenen Knochen, die verletzten Muskeln und Sehnen wieder zusammenwachsen ließ und den Schmerz in wohlige Wärme umformte. Für einen Augenblick wollte sie einfach nur still stehen und dieses angenehme Gefühl genießen, ehe ihr der eigentliche Grund für Hilferufe wieder in den Sinn kam und sie einen der beiden Tauren am Arm packte.
„Eine Freundin von mir braucht Hilfe. Sie liegt im Sterben. Bitte!“
„Beruhig dich. Wer ist deine Freundin? Wo ist sie?“ beschwichtigte einer der beiden mit sanfter Stimme.
„Sie ist auf den Klippen. Bei meinem Onkel. Bitte, wir müssen uns beeilen, bevor die unheiligen Mächte sie verzehren.“
Erst als sie den Satz schon vollends ausgesprochen hatte fiel ihr auf, wie die Blicke der beiden Paladine sich mit jedem Wort veränderten, kühler und weniger freundlich wurden. Dann traten sie jeder jeweils einen Schritt zurück, sahen sie streng an.
„Du sprichst von einem Exorzismus?“ fragte einer der beiden nun mit ernster Stimme.
„Was? Nein, sie ist schwer verletzt und braucht Hilfe!“ entgegnete Nikariu. 
„Komm einmal mit. Ich denke du musst uns das einmal genauer erklären.“

Unter deutlichem Protest folgte Nikariu zwei der drei Paladine, die sich von ihrem Kameraden verabschiedeten und die junge Taurin sowie die Magierin aus dem großen Zelt hinaus, außen herum und in ein kleineres Zelt führten. Hier stand nur eine einzelne Taurin mit dem Rücken zum Eingang und legte gerade ihre Ausrüstung bereit, um sich ebenfalls auf den Weg in Richtung Durotar zu machen. Als sie die Besucher bemerkte wandte sie sich um und blickte Nikariu mit freundlicher Miene an.
Nikariu erkannte sofort, wer ihr gegenüber stand und senkte ihr Haupt zu einer Verbeugung. Dann aber ergriff sie sofort wieder das Wort, wurde aber von einem der anderen Tauren mit einem Handstreich dazu aufgefordert, ruhig zu verbleiben.
„Aponi, diese Jungläuferin bat um Hilfe bei der Heilung einer ‚Freundin‘ von ihr, die offenbar mit unheiligen Kräften in Verbindung steht. Wie sollen wir weiter verfahren?“
Die Anführerin der Sonnenläufer blickte die kleine Taurin mit festem Blick an, sah sowohl Trauer, Verzweiflung aber auch Entschlossenheit in ihrem Blick. Dann nickte sie den beiden Paladinen zu.
„Ich werde mich darum kümmern. Ihr beiden – ihr habt einen Auftrag zu erfüllen. Unsere Brüder und Schwestern brauchen euch.“
Die beiden Tauren nickten, traten einige Schritte zurück, ehe sie sich umwandten und schnellen Schrittes davon stapften. Nur Nikariu und die Magierin, die wortlos etwas abseits stehen geblieben war, standen nun mit Aponi gemeinsam in dem Zelt. Aponi seufzte, wandte sich dann selbst wieder um und widmete sich einem großen Beutel, den sie nun weiter mit allerlei Bandagen, Tränken und Heilkräutern füllte.
„Deine Freundin ist auch eine Taurin nehme ich an.“ Begann Aponi eine einfache Frage, die Nikariu sogleich mit heftigem Nicken bejahte.
„Todesritterin?“
Erneut nickte Nikariu, diesmal jedoch langsamer.
Der Anführerin der Sonnenläufer entfuhr ein Stoßseufzer. „Dachte ich mir. Es tut mir leid aber ich kann dir leider nicht helfen.“
„Aber…“ begann Nikariu, die ihre Augen weit aufriss und Aponi entsetzt anstarrte.
„Jedes Lebewesen wird vom Lichte An’Shes oder dem milden Strahlen Mu’Shas berührt. Manche finden Kraft darin, andere Trost – doch sie alle wandeln im Lichte von einem der Augen der Erdenmutter. Doch Todesritter haben sich dem Lichte abgewandt, schreiten in der Dunkelheit.“ Erklärte Aponi während sie ihr Bündel weiter packte.
„Wesen, die in der Dunkelheit verloren sind, können nicht vom Licht erreicht werden. Sie sind für uns verloren, unerreichbar.“
„Aber…aber….“ Stammelte Nikariu, der erneut die Tränen ausbrachen. Dann sank sie auf die Knie und begann zu weinen.
„Gibt es denn keine Möglichkeit, zumindest einen Versuch zu unternehmen?“ fragte nun Kyzaria stattdessen, legte tröstend eine Hand auf Nikarius Schulter, während Aponi den Beutel über die Schulter warf und scih dann endlich zu den beiden umwandte.
„Todesritter haben sich für einen Pfad entschieden, der abseits unserer Pfade liegt. Sie haben ihr Leben ebenso verloren wie ihre Seele, ihre Werte und ihre Identität. Und selbst wenn ich helfen könnte, so habe ich keine Zeit. Die Belagerung Orgrimmars hat begonnen und viele unserer Brüder und Schwestern fallen in diesem Moment. Dutzende Leben von Brüdern, die dem Licht zugewandt sind, sind in Gefahr. Sie benötigen unsere Hilfe dringender.“
„Bist du wirklich dieser Meinung, Aponi?“ brummte eine extrem tiefe, rauhe Stimme hinter Nikariu, begleitet vom sanften Rascheln der Zeltplane, als diese beiseite geschoben wurde.
Aponi seufzte beim Anblick des Tauren, der sich nun im Eingang aufgebaut hatte und der sich auf einen gänzlich schwarzen Stab aufstützte. Seine Mähne war gepflegt und durchzogen von grauen und weißen Strähnen, die im Sonnenlicht silbern glänzten. Auch sein übriges Fell war bereits ergraut und gab nur einen groben Anhaltspunkt, wie alt dieser Taure wohl sein mochte. Eine nahezu gänzlich weiße Robe, die nur mit goldenen Nähten und Stickereien verziert war und um einen über seinen Nacken gelegten, schwarzen Schal ergänzt wurde, fiel besonders auf. Vor allem deswegen, weil Tauren sonst nicht dafür bekannt waren, Stoffroben zu tragen.
„Du solltest doch am Besten wissen, dass es keine vollkommene Dunkelheit gibt. In jedem Lebewesen steckt ein Kern der atmet und der dem Guten zugewandt ist.“
„Das ist Unsinn und du weißt es. Denk nur mal an den Lich-König, der seine untoten Horden über alles…“ begann Aponi ihre Verteidigung, wurde aber von dem alten Tauren unterbrochen.
„…der in der Stunde seines Todes von der Dunkelheit verlassen und von den ehrwürdigen Toten von seinen Sünden erlöst wurde. Sein Kern war von sehr viel Finsternis und Kälte verhüllt – und doch vorhanden. Bedenke stets: Nur weil der Mantel dichtund dunkel ist, muss das Wesen darunter nicht ebenfalls dunkel sein.“
„Sollen wir also unsere Brüder an der Front im Stich lassen? Noch dazu für eine Todesritterin, die dem Licht abgewandt ist und nur das Böse verkörpert?“
„Nicht alle, die einen anderen Pfad als wir gewählt haben, sind deswegen in anderer Richtung unterwegs. Lehnst du nun also die Hilfe ab, weil sie nicht deinen Werten entspricht oder weil du jene, die dir näher sind, als wichtiger erachtest als jene, die dem Tode geweiht sind?“
Aponi seufzte. „Wir haben aber niemanden, den wir entbehren können. Unsere Kräfte sind bereits überall gebunden.“
„Dann werde ich unsere junge Sonnenläuferin begleiten.“ Entgegnete er, schritt näher an die noch immer am Boden knieende Paladina heran und legte eine seiner Hände auf ihre Schulter.
Allein schon durch diese Berührung fühlte Nikariu, als würde wohlige Wärme durch ihren gesamten Körper wandern, ihr Trost und neue Kraft spenden. Beinahe erleichtert blickte sie auf, sah neben sich in das Gesicht des alten Tauren, der sie mit einer väterlich-freundlichen Strenge anblickte.
„Nein. Unsere Brüder und Schwester…“
„…werden durch die übrigen Mitglieder unseres Ordens mehr als ausreichend versorgt werden und sicherlich beipflichten, dass jedes Leben wert ist, gerettet zu werden. Schließlich kämpfen sie genau dafür, richtig?“
Aponi brummte zustimmend. Natürlich hatte er Recht. Er hatte immer Recht, wenn es um derartige Dinge ging. Und überhaupt: Wer konnte schon einem der ältesten Tauren, die in Donnerfels lebten und sogar einstmals dem Häuptling als Berater gedient hatten, widersprechen?

Erneut öffnete sich ein Portal auf der Anhöhe, auf der Vadarassar sein Zelt aufgeschlagen hatte. Eben jene Anhöhe, auf der Kweezil nun auf den Hexenmeister lautstark einredete und seine Bezahlung sowie die sichere Passage zurück nach Orgrimmar einforderte.
„Deine Aufgabe war es, sowohl die Todesritterin als auch die Paladina sicher und unversehrt zurück zu bringen.“ Konstatierte Vadarassar.
„Hab ich doch gemacht! Beide sind lebendig angekommen.“ Fasste Kweezil zusammen.
„Lebendig?“ knurrte Vadarassar und deutete auf die am Boden liegende Todesritterin. „Und unversehrt?“
„Sie lebt doch noch, oder? Außerdem wie sollte ich…“
„DU hattest einen einfachen Auftrag: Sorg dafür, dass die Todesritterin die Paladina findet und hierher zurück bringt. Von irgendwelchen Schlachten oder einer persönlichen Vendetta gegen den durchgedrehten Kriegshäuptling war keine Rede! Wenn du dafür Geld willst, dann hol es dir von Garrosh selbst!“
Kweezil war gerade dabei mit tiefrotem Kopf eine wüste Beschimpfung zu erwidern, da trat zuerst Nikariu aus dem Portalwirbel, fing sich diesmal deutlich schneller von dem bereits bekannten Wirbel und wandte sich bereits um, hielt eine helfende Hand in Richtung Portal, aus dem sogleich der Taure trat, der ihr die Hilfe zugesichert hatte. Dann erst folgte Kyzaria, hinter der sich das Portal auch sogleich schloss.
Die Augen des Tauren wanderten über die Anwesenden, die sich hier auf der Wiese der Anhöhe befanden. Ihm fiel sofort die Druidin auf, die neben der offensichtlich verwundeten Todesritterin inmitten eines riesigen, braunen Grasfleckens kniete und offenbar in Trance verfallen war, um ihre Kräfte weiter zu verstärken. Er sah aber auch, dass welche Kräfte die Druidin da auch immer aufzubringen versuchte, sie damit am Ende auch die Bestie fütterte, die am Ende die Todesritterin von innen verschlingen würde.
Langsamen Schrittes trat er an die Druidin heran, legte eine Hand auf ihre Schulter.
Überrascht von der plötzlichen Berührung brach die Trance von Braunpelz, wankte sie etwas hin und her, ehe sie sich fing und zu ihrer linken blickte, wo der alte Taure nun stand.
„Novatian!“ rief sie etwas verwundert aus. „Was…was machst du…“
„Es ist in Ordnung, Kind. Ruh dich nun aus.“ Antwortete der Taure mit ruhiger, freundlicher Stimme. Doch die Druidin blickte zur Todesritterin hinab, biß auf die Zähne.
„Ich habe getan, was ich konnte. Sie hat nicht mehr viel Zeit.“
„Ja, das sehe ich.“ Sagte er, langsam nickend. „Doch ganz gleich, was sie auch getan haben mag und welchen Weg sie auch gewandelt ist – An’She wird sich niemals von einer der Ihren abwenden. Ganz gleich, was sie gesagt haben mag oder wie lange sie in der Dunkelheit war.“
Dann drehte er sich um und blickte zu der Magierin, dem Hexenmeister und dem Goblin, deutete nacheinander auf sie.
„Ihr nehmt ihr alles Metall vom Leib, das ihr könnt und bringt sie hinein. Ihr Körper braucht Wärme und Geborgenheit, damit ihr Geist heilen kann.“

Mit vereinten Kräften und so schnell sie konnten lösten die drei alles an Rüstung vom Leib der Todesritterin, die sie nur konnten, warfen sie diese nur lose auf einen Stapel. Jetzt erst wurde das Ausmaß der Verletzungen, die sie davon getragen hatte und die trotz der Bemühungen von Braunpelz nicht geheilt worden waren, ersichtlich. Ihr Brustkorb war verformt und an einer Seite besorgniserregend weich, während ihr Bauch von Schnitten gesäumt war. Dann fassten die drei an, hoben ihre Beine hoch, während der herbeigeeilte Leerwandler die Todesritterin unter den Schultern packte, anhob und so gemeinsam ins Innere des Zeltes schleppte. Der Taure Novatian folgte ihnen, blickte noch einmal kurz in Richtung Sonne, lächelte einmal schwach ob des wolkenlosen Himmels und verschwand dann im Inneren. Zurück blieb nur Nikariu, die die Rüstung von Xelestra zusammenlegte und nach drinnen bringen wollte.
Als sie fertig war und den gesamten Stapel anhob, vernahm sie ein leises Reißen, gefolgt von einem für eine Rüstung ungewohnt leisen Aufschlag auf dem Gras. Verwundert blickte sie zu Boden, sah ein Buch, das dort direkt vor ihren Hufen im Gras lag. Der Einband war mit Schnitten gesäumt, an den Rändern verkohlt und eingerissen – aber ansonsten schien das Buch noch massiv zu sein. Wirklich verwundert war sie jedoch über das, was auf dem Einband stand. Keine Worte, kein einziger Buchstabe. Nur eine geballte, silberne Faust, die auf einem einstmals fein gearbeiteten Hintergrund nach oben gereckt wurde.
Vorsichtig balancierte sie die übrige Rüstung auf ihrem rechten Arm, bückte sich und ergriff das Buch mit der linken Hand, ehe sie selbst im Inneren des Zeltes verschwand.

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