Die Geschichte eines Tischlers

Vor gut einundzwanzig Jahren – es war an einem kalten Dezemberabend, erblickte ein Junge das Licht der Welt. Sein Vater, der ehrenwerte Sir Sigmund von Kelros sowie seine Frau Christina, waren stolz ob ihres neu geborenen Sohnes. Trantos wollten sie ihn nennen – und wäre es nach dem Traume seines Vaters gegangen, wäre aus jenem Jungen baldigst ein tapferer Krieger geworden, der es gar alleine mit den roten Drachen aufnahm – eben ganz wie sein Vater.

Doch schon bald zeigte sich, dass Trantos an den Waffen keinerlei Interesse hegte. Sicher – er spielte wie alle anderen Kinder gerne mit den kleineren Waffen. Doch statt wie alle anderen einen Dolch in schwertähnlicher Geste zu halten und sich einen Teller als Schild vor die jugendliche Brust zu klemmen, packte er lieber das kleine Beil, dass neben dem Kamin hing und mit dem sein Vater das Holz klein schlug.

„Es ist nun einmal so, dass nach einer Generation des Todes und der Zerstörung, die ein Krieger – sei er auch noch so edel und von den besten Träumen und Gedanken gelenkt – eine Generation des Aufbaus und der Kreativität steht. Dein Sohn, mein Schwager, ist das Beispiel hierfür.“ Erklärte eines Abends Morestius, der Weise, dem Vater von Trantos. Er selbst war einer der höchsten und geachtetsten Magier des Landes – vom Fürsten dieses Königreiches selbst zum höchsten Berater ernannt worden. Es hielt sich gar das Gerücht, dass selbst die Königin bei schweren Entschlüssen, die die Welt der Menschen sowie ganz Astaroth betrafen, seinen Rat konsultierte. Aber das war nur ein Gerücht denn niemand hatte ihn je in Richtung der Hauptstadt reiten sehen. Über seinen Panther indes, der stets an seiner Seite war, rangen sich ebenso die Gerüchte. Es hieß, dass hinter den kristallblauen Augen der pechschwarzen Katze entweder ein Engel oder ein Teufel steckte. Wann auch immer Morestius seinen Turm verließ – der Panther folgte ihm stets mit einem Schritt Abstand hinterher. Und wehe ein Taschendieb machte auch nur den Ansatz, Morestius beklauen zu wollen. Zwar knurrte der Panther nicht, doch sein Blick war derart eiskalt und furchterregend, dass dem Dieb das Blut im Leib zu gefrieren begann und er sich nicht mehr zu bewegen wusste.

Die Tatsache, dass sein Sohn ein „nichtsnutziger“ Handwerker würde, der „sein Leben mit Basteleien verschwendet“ oder gar ein „Halsabschneider“ würde, machte Sigmund rasend vor Wut. Er war fest entschlossen, aus seinem Sohn einen Krieger zu machen, der einst – ebenso wie er selbst, zum Ritter geschlagen würde. Deshalb nahm er den Jungen wann immer er konnte mit zu großen Ritterspielen, zeigte ihm die Freuden einer Jagd und ließ ihn sogar einmal den Bogen halten.

Doch anstatt mit diesem Bogen aus feinstem Buchenholz auf das Reh zu zielen, dass ihm sein Vater zeigte, fuhr er über die feinen Gravuren, die der Bogen von geübten Zimmerleuten erhalten hatte. Doch schienen ihm einige dieser Muster unregelmäßig.

Er legte den Bogen daher auf den Boden, holte sein kleines Messer heraus und begann unter den schockierten Augen seines Vaters damit, die Verzierungen des Bogens nachzubearbeiten.

Trantos hatte seine Arbeit gerade vollendet als sein Vater ihm den Bogen aus der Hand riss.

„Was bildest du dir ein, dass du dort machst?!“ schrie er den kleinen, gerade mal fünf Jahre alten Jungen, an. „Hatte ich dir nicht gesagt, dass derartige Arbeiten etwas für Diener sind? Für Halsabschneider und Leute, die ihre Ehre nur anhand des Goldes, dass sie unter ihrem Kissen haben, messen können?“ brüllte er wutentbrannt und vertrieb so auch noch das letzte Reh aus der Gegend.

„Aber Vati, es macht halt immer solchen Spaß, mit dem Messer die Muster in das Holz…“ begann der Kleine eingeschüchtert. Doch die schallende Bassstimme seines Vaters unterbrach ihn mitten im Satz.

„Du weißt gar nichts! Ehrlose Arbeit ist das, was du dort tust! Glaubst du im Ernst, dass es einen Balron oder einen Drachen interessiert, wie schön und fein der Bogen des Rangers gefertigt ist? Meinst du es interessiert irgendjemanden? Meinst du?!“ fauchte er.

Trantos blickte traurig zu Boden. „Mich…mich interessiert es.“ Murmelte er leise vor sich hin. Die Antwort seines Vaters kam prompt – in Form einer Ohrfeige, die den Jungen einige Meter zur Seite schleuderte.

„Und jetzt wage es nicht auch noch zu weinen. Sonst lasse ich dich hier im Wald zurück – sollen doch deine Schnitzereien deinen Hals retten wenn du einem Schwert nicht vertraust.“ Schimpfte der Vater weiter als Trantos zu weinen begann.

Dann ging er – ohne auf den Jungen zu warten oder ihm gar zu helfen. Nur ein Kurzschwert ließ er im Boden in der Nähe stecken – vielleicht würde Trantos ja so zur Besinnung kommen.

Doch weit gefehlt. Trantos sah regungslos an Ort und Stelle – verängstigt von den harten und gemeinen Worten seines Vaters. Er hatte Angst, er hatte Hunger und er war allein. Oder doch nicht?

In einer Entfernung hörte der Kleine ein schlagendes und sägendes Geräusch. Dem folgte bald darauf ein lauter Schrei „Aaaaaaaachtuuuung!“, dem ein lautes Knacken im Gehölz folgte.

Ein Holzfäller! Ja, das musste wohl einer sein. Schnell eilte der Kleine zu dem Holzfäller hin und sah ihm bei seiner Arbeit zu – wie dieser die Äste von einem Stamm abschlug und dann den Stamm selbst von der Rinde befreite.

Der Holzfäller merkte erst nach gut einer halben Stunde, dass er beobachtet wurde. Doch dann erstaunte ihn umso mehr, dass ein kleiner Junge wie Trantos gänzlich allein im Wald herum lief.

„Aye, was machst du denn hier du kleines Würmchen?“ fragte der Holzfäller mit zwar rauer, aber dennoch recht warmer Stimme. Erst jetzt, da er sich zu Trantos umgedreht hatte, sah dieser dass die Haarpracht des Holzfällers ergraut war und er einen langen, ebenfalls grauen Bart trug.

Trantos zitterte und war stumm vor Angst und Respekt als der Holzfäller seine Axt derart hart in den Baumstamm rammte, dass diese im Holz stecken blieb und ohne weiteres Zutun aufrecht im Holz stand.

„Hast dich sicher verlaufen, wa? Oder hat ma wieder einer dieser nixnutzigen Krieger gemeint, seinen Jungen so zur Selbständigkeit erziehe zu wolle?“

Beim letzten Satz horchte Trantos leicht auf.

„Ach, et is doch immer wiedda das Selbe mit diesen Kriegern.“ Sprach er langsam und setzte sich auf den Baumstamm. Dann holte er aus der Tasche, die an einem der Äste eines anderen Baumes hing, einige Laibe Brot.

„Bissu hungrig?“ fragte der alte Holzfäller und warf im selben Moment Trantos ein Stück Brot zu.

Trantos blickte etwas verklärt auf das sehr dunkle, trockene Brot. So etwas kannte er gar nicht – etwas derart Simples. Aber er probierte es nach einigem Zögern.

Nach gut einer Stunde hatte der kleine Junge seine Angst etwas überwunden und unterhielt sich mit dem Holzfäller. Der wollte von ihm nur als „Der alte Nick“ genannt werden und hackte bald darauf wieder auf den Baum ein.

Trantos indes saß auf dem Stumpf des gerade frisch gefällten Baumes und hielt einen der Äste in der einen, sein Messer in der anderen Hand.

Es dauerte nur einige wenige Minuten bis man klar die Form eines Bogen erkannte. Sicher – der Bogen war lang nicht so perfekt wie der, den er von seinem Vater gezeigt bekommen hatte. Aber für seinen ersten.

Der alte Nick blickte das Werk von Trantos überrascht an.

„Sag mal mein kleiner Freund – hast du das gerade geschnitzt?“

„Ja, aber er ist nicht sonderlich gut geworden glaube ich.“ Murmelte der Kleine.

„Zeig einmal her.“

Vorsichtig fuhr der alte Nick über den Bogen. Er war noch etwas eckig, aber es war ein Bogen. Ein robuster und auf seine Art ein wirklich schönes Werk.

„Mein Junge, an sich ist wohl ein Schreiner verloren gegangen.“ Schmunzelte der alte Nick und drückte Trantos sein Ersatzbeil in die Hand.

„Versuch mal einen der Äste loszuschlagen.“

Trantos gab sich alle Mühe – aber das Beil war für seine dünnen Arme einfach zu schwer.

„Nicht tragen sollst du das Ding. Schwing es. Versuch das Gewicht auf das Holz fallen zu lassen.“ Riet ihm Nick. Und dann endlich schaffte er es. Nach einigen recht unbeholfenen Schlägen knackte der Ast und brach schließlich ab. Trantos freute sich ob dieses Erfolges – auch wenn er wusste, dass sein Vater darüber nur noch mehr toben würde.

„So mein Kleina…“ begann der alte Nick, als er am Himmel die Sonne sich senken sah „jetzt wird’s Zeit für dich nach Haus zu gehen.“

Trantos nickte und blickte gleichzeitig gen Boden. Er wusste doch den Weg nach Hause nicht. Aber der alte Nick schien auch hier Rat zu wissen.

„Wenn du de Sohn vom Ritter Kelros bis – dann bring ich dich nach Haus. Komm Kleina.“

Und was der alte Mann versprach, dass hielt er auch.

Endlich zu Hause angekommen fiel Trantos’ Mutter um den Hals ihres Sohnes. Anders als der Vater hatte sie ihn wohl sehr vermisst. Sigmund war daheim nämlich nirgends aufzufinden.

Es vergingen die Jahre – Trantos Vater hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, aus seinem Sohn einen waschechten Krieger zu machen und hatte ihn in eine Kriegerakademie geschickt. Doch dort trug Trantos lediglich den Beinamen „Holzbein“ und wurde von den Kriegerkindern verspottet. Doch so sehr er diese Kriegerausbildung hasste – das am meisten gehasste Unterrichtsthema aller anderen nahm er mit Begeisterung auf: Training zum Muskelaufbau.

Während die anderen mit ihren Holzschwertern ihr Geschick und ihre Geschwindigkeit aufbesserten wurde Trantos langsam aber ehrlich stärker. Und mit der Kraft kam auch langsam etwas Selbstvertrauen. Etwa so viel, dass er sich mit seinen nun stolzen neun Jahren mitten in der Nacht aus der Akademie schlich, sich aus der Waffenkammer eine kleine Trainingsaxt holte, dann zur Hausmeisterstube und sich dort einen Hammer, eine kleine Säge sowie einige Nägel auszuleihen und entschwand damit in den nächstbesten Wald. So ging das einige Wochen und Monate gut und seine Werke wurden immer und immer besser. Doch als er nach drei Jahren des Akademiestudiums nicht einmal einen Ansatz von Kämpfermentalität zeigte, wurde Trantos der Akademie verwiesen.

Wieder war sein Vater sehr ungehalten über diesen Entschluss – seine Mutter indes freute sich darüber insgeheim doch etwas. Schließlich hing sie sehr an ihrem Sohn und wollte ihn nicht durch irgendeine männliche Spinnerei verlieren müssen. Ein heftiger Streit zwischen den beiden brach los, bei dem die Mutter nach einem langen Wortgefecht mitten im Satz einfach zusammenbrach.

Es wurde nach einem Arzt geschickt und festgestellt, dass Trantos Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Sicher, sie würde wieder gesund werden – aber der Streit selbst würde sicher nicht vergehen.

Trantos wusste nicht, was er tun sollte. Die Fähigkeiten, die ein Krieger benötigte, lagen ihm nicht und er wollte unter keinen Umständen sein geliebtes Hobby, das er nur zu gerne zu seinem Beruf gemacht hätte, aufgeben. Es blieb also nur ein Ausweg.

Im Schatten einer Sommernacht packte er einige Kleider, ein Beil, etwas Proviant sowie einige Goldstücke, die er sich zusammen gespart hatte, zusammen und schlich sich leise weg.

Mit seinen jugendlichen 12 Jahren ging er beim alten Nick in eine Art Lehre – und begann eine vierjährige Ausbildung zum Holzfäller und –Verarbeiter aller Art. Es war eine harte Aufgabe, doch sie bereitete ihm Freude. Wenngleich er ab und an von Heimweh geplagt wurde – er wollte nicht wieder nach Hause gehen. Doch er musste.

Mit 16 Jahren, einer erfolgreichen Ausbildung und sehr viel neuem Mute beschloss er schließlich, sein Elternhaus wieder aufzusuchen.

Sein Vater sah, was aus seinem Sohn geworden war. Die guten Kleider, die er bisher immer bekommen hatte, waren einfachen Fetzen Stoff und Leder gewichen. Ein altes Beil baumelte am Gürtel und die Haare von Trantos waren lang gewachsen.

Der alte Streit flammte erneut auf – heißer als jemals zuvor.

„Du verdammter Ignorant! Ich habe dir alle Tore geöffnet, eine glorreiche Zukunft zu beschreiten! Und du vergeudest dein Leben mit dem Handwerk!“ schrie der Vater auf den Sohn ein. Doch dieser ließ sich nun nicht länger einschüchtern. Entschlossen stellte er sich seinem Vater entgegen.

„Ich bin das, was ich bin, Vater. Ein Schwert zu führen – das kann ich nicht und ich werde es auch sicher niemals können. Ich will Dinge erschaffen, nicht sie zerstören.“ Fluchte er.

„Was ist mit deinem Titel? Unsere ganze Familie bestand aus Kriegern, Weisen, Gelehrten. Du kannst dich dem nicht abwenden! Tu etwas, auf dass die Familie stolz sein kann!“

Trantos atmete tief durch. „Wenn diese Familie und ihr Titel bedeutet, dass ich mein Leben nicht so leben kann, wie ich es für richtig halte, dann….“ begann er und stockte kurz darauf, um einmal tief Luft zu holen.

„…dann werde ich diesen Titel nicht annehmen! Das hier ist mein Leben, und ich werde mir nicht irgendein anderes aufzwingen lassen!“ sagte er langsam und bestimmt.

Sein Vater sah ihn schockiert an. Er konnte einfach nicht glauben, dass sein Sohn für etwas Derartiges eine solche Entschlossenheit zeigte. „Bist…bist du denn völlig des Wahnsinns? Du hast doch vollends den Verstand verloren!“ sagte er langsam.

„Nein, ich sehe endlich, nach all diesen Jahren, klar! Du hast mich nie als das akzeptiert was ich war. Ich war und bin dir noch heute ein Dorn im Auge. Aber das wird nicht mehr lange so sein.“ Begann Trantos und ging auf seine Mutter zu. Die weinte schon wieder und sah ihn mit tief verquollenen Augen an.

„Bitte verzeih Mutter, aber ich muss meinen eigenen Weg gehen.“ Sagte er mit sanfter Stimme und nahm sie fest in den Arm. Dann ging er zur Tür.

„Leb wohl Vater. Ich werde dir nie wieder ein Dorn im Auge sein.“ Sagte er leise und ging dann zur Tür hinaus.

Noch am selben Abend ging Sigmund zu seinem Schwager Morestius und erzählte diesem von seinem Sohn und was geschehen war. Denn obwohl er Ritter des Fürsten und nun sogar zum Freiherren geschlagen wurde – er war durch die Worte seines Sohnes am Boden zerstört.

„Was verlangst du, dass ich tun soll, mein Schwager? Sicher, mit der Kraft der Magie könnte man ihn wieder zurück bringen. Doch auch das wäre nur eine erneute Anwendung von Gewalt. Bedenke das.“ Sprach der alte Mann gemächlich zu Sigmund.

„Das weiß ich doch Morestius. Ich…“ begann er und hielt eine Minute inne.

„…ich will nur nicht, dass ihm irgendetwas geschieht. Ich würde mir niemals verzeihen, wenn er jetzt, da wir im Streit auseinander gegangen sind, ums Leben käme.“

Morestius nickte. „Schutz wünschst du dir für deinen Sohn. Jemanden, der über ihn wacht.“

Sigmund stimmte dem leise zu.

„Nun, so sei es.“

Als Sigmund gegangen war ging Morestius in ein Nebenzimmer seines Turmes. Sein Panther sowie seine Gefährtin lagen dort in einer Ecke. „Mein treuer Freund, ich habe eine Bitte…“ begann der Magier mit sanfter Stimme zu sprechen.

Nur eine halbe Stunde später öffnete sich das Fenster des Turmes, das dem nahen Wald zugewandt lag. Ein kleiner Schatten huschte hinaus und entschwand in der Dunkelheit des Geästs.

„Lauf mein Junge.“ Murmelte Morestius leise vor sich her. „Mach deinem Vater und auch mir keine Schande. Finde den jungen Trantos – und bewahre ihn vor allen Gefahren, die sich ihm in den Weg stellen mögen. Setze sein Leben über dein Eigenes.“

Viele Wochen vergingen bevor Trantos endlich an einem Hafen ankam. Die wenigen hundert Goldstücke, die er in seinem Beutel hatte, würden sicher kaum für eine angenehme Überfahrt reichen. Doch er wollte weg von hier. So weit weg, wie er nur denken konnte. Er wollte alles hinter sich lassen – seine Familie, seinen Titel, seinen Namen – alles.

Endlich fand er einen Kutter, auf dem ihm für wenig Geld und die Aufgabe, sich als Schiffsschreiner zu bewähren, die Überfahrt erlaubt wurde. Das Schiff hatte gerade abgelegt als wieder ein Schatten die schon einige Meter breite Schlucht zwischen Pier und Schiff, mit einem Sprung überwand und dann fast geräuschlos in einer der hinteren Kammern verschwand.

Als Trantos endlich nach einer langen und erschöpfenden Überfahrt, bei der er feststellen musste, dass zwar seine Schreinerarbeiten jedoch nicht sein Magen meerfest waren, endlich auf der anderen Seite es Ozeans ankam, setzte er bald darauf den ersten Fuß in eine Stadt, den die Menschen hier Delucia nannten.

Es war sicherlich nicht eine besondere Stadt, doch er wusste: Hier will ich mich niederlassen – fernab von allem, was drüben an Erinnerungen lag. Wie er es seinen Eltern gesagt hatte verwendete er nie wieder den Namen Kelros. Von diesem Tage an sollten ihn alle als Trantos Kelriam kennen, einen einfachen Tischler aus einfachen Verhältnissen. Vergessen war der Titel, der ihn nur dazu gebracht hatte, sein Elternhaus zu verlassen. Und ebenso vergessen waren die Erinnerungen an die Kriegerakademie. Nur wenige Menschen behielt Trantos in seinem Herzen:

Morestius, seinen Onkel, der ihn die Schrift gelehrt hatte und von dem er vieles an Wissen und Weisheit über diese Welt erlernte.

Seine Mutter, die trotz seines scheinbar unehrenhaften Berufswunsches nie aufgehört hat, ihren Sohn zu lieben.

Und schließlich noch den alten Nick, der ihm in so vielen dunklen Nächten als treuer, alter Freund beigestanden und immer eine heiße Milch bereitstehen hatte.

Doch noch etwas würde Trantos niemals vergessen: Das Gefühl, beobachtet zu werden. Wann immer er hinaus in die Wälder ging um Holz zu hacken, durch die Länder reiste oder einfach nur des Nachts durch die Stadt schritt – immer hatte er das Gefühl, von schimmernd blauen Augen beobachtet zu werden. Doch das waren sicher nur die Schatten.

Schatten mit Augen.

In dieser Stadt fand Trantos schnell Freunde: Der Schneider Coras, ein Krieger namens Vorax sowie ein Magier, der sich der Garde angeschlossen hatte gehörten hierzu. Auch fand Trantos nach einigen Monaten der harten Arbeit eine Frau, die sich selbst zwar auch den Kampf als Lebensaufgabe gemacht hatte, und verlobte sich nach einigen Wochen mit ihr. Auf der Hochzeit zweier Adliger gar gestanden sie sich offen die Liebe und tauschten ihre Ringe aus. Alles schien perfekt. Doch dem war nicht so.

Die Elemente schienen sich sowohl gegen die Menschen als auch gegen alle anderen Rassen aufzulehnen. Eines dieser Elementare gar verschlang vor den Augen von Trantos seine Verlobte und raubte sie ihm. Dann verschwand plötzlich auch Coras, der ihn in dieser schweren Stunde so oft getröstet und mit den feinsten Kleidern versorgt hatte.

Langsam fühlte Trantos, wie allein er in dieser Welt doch war. Aber wieder nach Hause reisen?

Nein! Dafür war Trantos zu stolz. Aber in dieser Stadt bleiben? Wo auch immer er hinblickte – er sah nur Erinnerungen an das, was vergangen war.

Dann fasste Trantos einen Entschluss: „Ich werde diese Stadt verlassen. Sei es, um meine Künste der Tischlerei zu üben und auch das zu vergessen, was hier geschehen ist. Aber ich kann und will nicht länger hier bleiben müssen.“

Mit diesen Worten nahm Trantos ein Pergament zur Hand und schrieb darauf, was mit seinem hab und Gut zu tun sei. Dann griff er sein Beil sowie einige einfache Kleider und machte sich auf die Suche nach einem der wenigen Menschen, denen er noch vertrauen konnte: Den Gardisten Techtrasan.

Dieser war gerade, gemeinsam mit einem anderen Gardisten, dabei, sich eines Elementares zu erwehren, das die Stadt bedrohte. In einem ruhigen Moment steckte Trantos ihm das Pergament zu und lief dann langsam in Richtung Stadttor.

Er warf der Stadt noch einen letzten Blick zu bevor er durch das Tor schritt und dann in den Wäldern verschwand.

Es schien als wäre Trantos ganze zwei Tage durch gelaufen, doch irgendwann kam er an einen Ort, der von Trollen, Baldren und anderen Monstern bewohnt wurde. Auf eine Konfrontation mit diesen Bestien nicht vorbereitet versteckte Trantos sich in einem Erdloch.

So überlebte Trantos die ersten paar Wochen, doch als er nach zwei Monden mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde, dachte er sein Leben wäre vorbei. Eine Gruppe Trolle hatte ihn in seinem Versteck aufgespürt und fiel nun über ihn her. Panisch versuchte Trantos sich mit seiner Axt der Trolle zu erwehren. Aber ein kurzer Schlag auf seinen Kopf beendete seine Versuche, sich dieser Bestien zu erwehren.

Die Trolle grinsten und zogen ihre Messer heraus um Trantos am ohnmächtigen aber dennoch lebendigen Leibe auseinander zu schneiden.

Doch in eben diesem Moment hörte die Gruppe Trolle ein dumpfes Grollen. Gerade wollten sie sich umsehen als schon eine pechschwarze Gestalt den ersten angesprungen und zu Boden gerissen hatte. Lange, kreidebleiche Zähne bohrten sich in den Hals des einen Trolls, bevor die Gestalt wieder zur Seite sprang.

„Einöä Päöntöa!“ schrien die Monster und begannen nach der Gestalt zu schlagen. Doch mit pfeilschneller Gewandtheit wich diese den trägen und tölpelhaft anmutenden Versuchen der Trolle aus.

Nach einigen Minuten des Kampfes lagen drei der fünf Trolle blutend am Boden. Die anderen beiden indes taten ihr Bestes, den scharfen Krallen der schwarzen Gestalt mit tief dunkelblauen Augen auszuweichen. Doch als eine weitere Gruppe Trolle das Tier einkreiste war auch für diesen Verteidiger des jungen Trantos das Ende aller Versuche erreicht. Gemeinsam schlugen sie erst auf den schwarzen Panther, dann auf Trantos ein um sicherzustellen, dass keiner von beiden ihnen weiter Widerstand leisten sollte.

Abermals zogen sie ihre Messer heraus, um jetzt beide zu zerschneiden.

Und abermals wurde ihr Versuch vereitelt. Drei Pfeile pfiffen durch die Luft und spießten drei der Trolle auf. Weitere Pfeile folgten und verwundeten die anderen Trolle schwer. Dadurch deutlich eingeschüchtert ergriffen sie endlich die Flucht.

Eine Gruppe Hochelfenschützen, die gerade durch den Wald reisten, senkte ihre Bögen und liefen auf Trantos und den Panther, der neben ihm lag, zu. Entschlossen nahmen sie die beiden verwundeten Körper auf und brachten sie, so schnell sie konnten, zurück in ihrem Lager.

Es müssen viele Monde vergangen sein bevor Trantos wieder zu Bewusstsein kam. Denn als er wieder zu sich kam, spürte er, dass er schwach geworden war. Sein Bart und sein Haar waren lang gewachsen und sein gesamter Körper war dick bandagiert.

„Mae gowannen Edain.“ begann einer der Elfen, der bei Trantos stand. Der blickte den Elf etwas verklärt an und nickte nur etwas schwach.

„Du hast lange geschlafen mein Freund.“ sprach er. „ich hoffe deine Wunden schmerzen nicht mehr allzu stark.“

„Nein…es geht schon.“ antwortete Trantos etwas träge. Dann fiel sein Blick auf den, ebenfalls dick bandagierten, Panther, der dicht neben ihm lag.

„Sag, was hat es mit diesem Tier auf sich, das dort neben mir liegt?“

Der Elf schmunzelte bei dieser Frage. „Dieses edle Wesen ist der einzige Grund, weshalb du noch unter uns weilst. Er hat sich wie ein Held zwischen dich und eine Gruppe Trolle gestürzt und viele davon erlegt. Eigentlich dachte ich, es wäre dein Haustier.“

„Mein…“ stammelte Trantos.

Die Wochen vergingen und Trantos wurde langsam merklich stärker und konnte sogar wieder alleine aufstehen. Doch der Panther, der neben ihm lag, schien nicht ganz so schnell zu gesunden.

Eines Nachts im Herbst jedoch wurde die Ruhe, die Trantos uns sein Gefährte zur Erholung deutlich brauchten, jäh unterbrochen: Eine der Hütten des Camps, dass nur aus Holz und Stroh bestand, hatte mitten in der Nacht Feuer gefangen. Innerhalb weniger Momente brannte das gesamte Camp lichterloh. Wieder eilte ein Elf in das Zimmer von Trantos und diesem Panther, der neben ihm lag.

„Edain! Schnell, komm mit!“ schrie der Elf laut und wollte nach Trantos greifen. Der kam zwar bis zur Tür mit, blieb dann allerdings stehen.

„Warte, was ist mit dem Panther?“
„Später! Jetzt rette du dich erstmal.“ warf der Elf ihm entgegen.

„Nein, der Panther muss mit!“ rief Trantos und riss sich vom Elfen los. Dann griff er den Panther und legte ihn über die Schulter. Er stöhnte laut ob des ordentlichen Gewichtes des Tieres, ging aber dennoch mit Hilfe des Elfen aus dem brennenden Haus heraus.

Draußen angekommen sah er die versammelten Elfen stehen. Diese sahen, wie Trantos den Panther schleppte und erkannten, dass dieser nun wieder auf sich selbst aufpassen konnte.

Sie gaben ihm einige Kleider, etwas „Klimpergold“, ein Messer sowie ein kleines Beil und meinten, er solle ab jetzt besser auf sich aufpassen. Dann verlies Trantos die Obhut die Elfen. Nur…wo sollte er nun hingehen?

Delucia war die einzige Menschenstadt, die Trantos kannte. Aber die Erinnerungen an früher? Ob Trantos diese jemals vergessen konnte?

Er musste es nun einmal versuchen. Den davor fortlaufen wollte er nicht länger. Er nahm also seinen ganzen Mut zusammen und ging entschlossen auf der Straße in Richtung Delucia.

Als Trantos dann nur noch wenige hundert Schritte von den Stadttoren Delucias entfernt stand merkte er, dass ihm jemand folgte. Vorsichtig zog er sein Messer aus seinem Stiefel und drehte sich zu der Gestalt.

Der Panther, der neben ihm gelegen hatte, starrte ihn mit seinen tief blauen Augen an. Er humpelte noch deutlich und schien etwas schwach, aber sein Blick war entschlossen und warm.

„Du bist mir bis hierher gefolgt? Dann scheinst du mich als Freund haben zu wollen.“

Der Panther brummte Trantos kurz an und kam dann langsam näher.

Trantos strich durch das rabenschwarze Fell des Panthers und blickte ihm tief in die blauen Augen, die leicht zu funkeln schienen.

Trantos überlegte. „Artemis, ja. So werde ich dich nennen.“ brachte er nach ein paar Minuten des Zögerns heraus. Dann gingen die beiden gemeinsam durch das Stadttor.

Wer weiß, was die beiden gemeinsam noch erleben würden.

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