I. Alltag

Mittwoch.

5:30 – Der Wecker klingelt.

Genau genommen ist es das nervige Piepen ihres Wiko-Handys.

Einen echten Wecker oder etwas anderes als das Handy mit seinem gesprungenen Display und der zerkratzten Rückseite hat sie nicht. Aber es reicht.

Früh. Zu früh, um ein guter Morgen zu sein. Aber Mittwoch – damit die Hälfte der Woche schon fast vorüber.

Einige Moment ringt sie mit sich, dann zieht sie die Wolldecke vom Körper.

Eiseskälte. Der Ofen ist in der Nacht ausgebrannt, kalte Luft durch das nicht schließbare Kellerfenster in ihre Behausung hinab gesickert. Ende Oktober – die ersten Minusgrade künden vom nahen Winter. Sie trägt außer ihrer Unterwäsche nur ihr Fell.

Eisige Luft, noch kälterer Boden. Es hilft nichts. Sie muss aufstehen. Die Arbeit beginnt pünktlich. Ohne Arbeit, kein Geld. Ohne Geld, keine Wohnung und kein Essen.

Sie angelt nach ihrer Brille, presst sie sich auf die Nase und schaltet die einzelne Leuchtstoffröhre an der Wand ein. Surrendes Klackern, dann fahles, dünnes Licht. Raus aus der Kälte, rein in die Dusche

5:45 – Die Dusche spuckt wieder nur kaltes Wasser aus. Sie zittert, niest.

Wieder ein Schnupfen. Seit drei Wochen bereits kämpft sie mit Grippesymptomen. Ein Arbeitskollege hat ihr Tabletten mitgebracht. Tabletten für Menschen – nicht für Humanoide wie sie. Glaubt sie zumindest – die Beschriftung kann sie nicht lesen. Sie kann überhaupt nicht lesen.

Ein weiterer Nieser, der Hals schmerzt. Endlich kommt auch etwas warmes Wasser. Sie nutzt es, um sich aufzutauen.

6:00 – Ihr Fell ist schnell trocken gerieben. Ihre Haare dagegen brauchen länger. Ohne Shampoo bleiben die meisten Haare unsauber und saugen sich mit Wasser voll. Kein Geld für neues Shampoo. Immerhin hat sie noch Zahnpasta und Seife. Reibt sich die Haare mit Seife ein und diese mit dem Handtuch dann wieder raus. Merkt erst dann, dass das Handtuch schon voller Dreck ist und gewaschen werden muss. Kein Geld und keine Zeit dafür. Zähne putzen, weitermachen.

6:20 – Zähne geputzt, Haare trocken und zum Pferdeschwanz gebunden. Letzter sauberer Slip. Andere beide noch schmutzig. Müssen zusammen mit dem Handtuch in die Wäsche. Und ihrer langen Jeans. Und den beiden T-Shirts. Und ihrem anderen BH. Zieht den mit den wenigsten Flecken an, darüber das enge T-Shirt. Zwei Nummern zu klein, eng, sitzt straff. Quetscht ihre Brüste fest an ihren Torso. Zweites T-Shirt darüber – richtige Größe, locker. Ihre Brüste verschwinden darunter fast gänzlich. Gut so.

6:35 – Frühstück. Hartes Brot. Ein paar Scheiben mit Schimmel. Sie reißt ihn großzügig ab, bestreicht den Rest mit etwas aus einer Konserve. Haltbarkeitsdatum zwei Wochen abgelaufen. Aus einem Müllcontainer, aber dafür Fleisch. Besser als die Marmelade oder nur Streichfett. Oder Brot ohne alles. Oder gar nichts.

Zieht die Orthese über ihren rechten Fuß. Knöchel macht seit Montag wieder Probleme. Die Überstunden sicher. Schnürt die Orthese heute besonders fest.

6:45 – Zu viel Zeit vertrödelt. Zieht sich ihren Overall an. Viele Ölflecken drauf. Gibt sicher wieder Ärger, aber keine Zeit zu waschen. Etwas eng am Bauch. Hat sie wieder etwas zugenommen?

Rein in die Arbeitsschuhe. Drücken noch immer heftig. Viel zu schmal geschnitten. Aber Chef kauft keine anderen – 500 Euro für Humanoid-angepasste Arbeitsschuhe sind ihm zu teuer. Kämpft sich in die Schuhe rein. Gehen kaum zu. Nur mit Gewalt.

Sie hasst die Schuhe. Das Pink an den Seiten ist hässlich. Sie hasst Pink. Zu mädchenhaft.

6:55 – Der Pferdeschwanz wird zweimal geknotet. Verschwindet unter einer blauen Kappe. Schwanz wird durch die Gürtellaschen um ihre Hüfte gewickelt. Handschuhe einpacken, dann hoch in die Werkstatt.

7:02 – Zwei Minuten zu spät. Zum Glück noch keiner da. Chef kommt immer erst um 9. Sie kocht Kaffee. Werkstatt fegen.

7:11 – Erster Geselle kommt. Dawid. Arschloch. Meckert, warum der Kaffee noch nicht fertig ist. Wirft demonstrativ Müll aus der Hosentasche auf den Boden. Sie putzt hinterher.

7:16 – Zweiter Geselle kommt. Artem. Stiller Kerl. Nimmt sich einen Becher. Unterhält sich mit Dawid auf Russisch. Glaubt noch immer, sie spräche kein Russisch. Tut sie aber. Lästert über sie, die „dumme, faule Fellkugel“. Versucht wegzuhören.

7:45 – Beide Lehrlinge kommen. Michael und Jonas. Einer dumm, einer nett. Michael stellt sich zu Dawid und zündet sich eine Zigarette an. In der Werkstatt ist Rauchverbot. Die drei Männer lachen.

Jonas nimmt sich einen Besen und hilft beim Kehren. Netter Junge.

Sie hustet sonor. Verdammte Erkältung. Verdammte Kälte. Jonas klopft ihr auf den Rücken. Sie schreckt zusammen. Abwehrende Handbewegung. Er erinnert sich: „Nicht anfassen.“

Sie fürchtet sich vor Berührung. Tiefes Trauma.

8:00 – Arbeitsbeginn für alle. Heute acht Autos fertig zu machen. Und zwei LKW. Sie muss die LKW allein machen, die anderen die Autos. Sie ist stärker als alle, bekommt die manuelle Hebebühne.

Erster LKW ein alter Scania. Geplatzter Kühler, Motorprobleme. Hat seit fünf Jahren keine Werkstatt gesehen.

Öl klebrig. Kühler festgebacken. Löst sich nur mit Gewalt. Sie wuchtet mit aller Kraft. Fast eine Stunde Wuchten.

9:21 – Chef kommt. Pietro. 1,58 konzentrierter Sadismus. Klatscht ihr mit der Hand auf den Hintern. Lacht laut auf. Gesellen machen Brotzeit. Michael steht bei ihnen. Jonas geht ins Lager. Alter Kühler runter. Neuer nicht auf Lager. Kommt am Mittag. Ran an anderen LKW.

9:35 – Zweiter LKW. Reifenplatzer vorn rechts, Spur verstellt, Antriebswelle gebrochen. Alle Hebebühnen belegt. Wagenheber, Handarbeit.

Rad löst sich nicht. Kompletter Träger muss ab. Schwer. Zu schwer für ihr Bein. Knöchel knackt, tut weh. Kann jetzt nicht loslassen. Wuchtet 150 Kilo auf die Werkbank. Elektrowerkzeug. Sägen. Brecheisen.

10:30 – Rad und Achse endlich getrennt. Knöchel brennt, will Pause. Keine Zeit. Chef meckert, was so lange dauert. Lehrlinge verabschieden sich zur Berufsschule.

11:30 – Chef und Gesellen machen Mittag. Achse des LKW wieder dran. Antriebswelle getauscht. Neuer Reifen montiert. Knöchel brüllt.

11:35 – Fünf Minuten Pause. Legt ihr Bein hoch, trinkt einen Kaffee. Eiskalt. Bitter. Fünf Stück Zucker. Immer noch bitter.

11:39 – Lieferant kommt. Neuer Kühler. Drei weitere Paletten mit Teilen. Chef muss gegenzeichnen. Chef nicht da. Diskussion. Hat Angst. Setzt einen unleserlichen Haken auf das Papier.

11:50 – Kühler eingebaut. Anschlüsse passen nicht. Falsches Teil. Adapter auf Lager, dann passt er. Hebebühne will nicht heben. Kriecht unter den LKW für den Ölwechsel. Dreckig, eng. Öl verschmiert ihren Overall weiter.

12:39 – Chef zurück. Meckert, warum nicht alles fertig ist. Nur zwei der Autos erledigt. Ignoriert die beiden fertigen LKW. Artem verabschiedet sich. „Arzttermin“. Der dritte diesen Monat. Chef sagt nix.

13:30 – Dawid macht Raucherpause im Mercedes (Wagen Nr. 3). Vierter Wagen mit Problemen bei der Zündung. Wahrscheinlich Batterie oder Kabel. Neue Batterie und Zündspulen.

14:20 – Chef schreit, es muss heute unbedingt alles fertig werden. Dawid mit Wagen Nr. 3 fast fertig.

Wagen 5 mit kaputten Stoßdämpfern und Auspuff. Wieder ins Lager. Wieder Ersatzteile. Knöchel meldet sich wieder, meckert nach Pause. Keine Zeit.

15:00 – Wagen 3 und 5 fertig. Dawid redet von Feierabend und Überstunden. Soll noch Wagen 6 machen.

15:45 – Ölwechsel Wagen 6 fertig. Dawid macht Feierabend. Wagen 7 braucht neues Getriebe, Wagen 8 neue Radlager und Bremsen. Automatikgetriebe. Schwer. Laut Anleitung zur zu zweit wechselbar. Chef telefoniert.

16:30 – Altes Getriebe ist raus. Neues Getriebe auf Spezialwagen. Unhandlich. Hievt es per Hand hoch und in Position. Schmerz im rechten Bein unerträglich. Beißt auf die Zähne. Getriebe passt, rastet ein.

17:20 – Chef brüllt, warum sie noch immer nicht fertig ist. Gerade an den Radlagern. Müde. Hunger. Schmerz. Chef tritt nach ihr. Daneben.

18:17 – Letzter Wagen fertig. Aufräumen. Ganzer Körper schmerzt. Chef schnaubt sie an, redet von „Einsatz“ und „Faulheit“.

18:20 – Chef geht. Schließt die Tore ab. Aufräumen dauert noch. Werkzeug überall verstreut.

19:41 – Endlich fertig. Zu spät zum einkaufen. Zu spät für Wäsche. Hunger. Müde. Schmerzen.

20:01 – Feierabend. Zwei Konserven Ravioli. Containerfund. Ofen raucht heftig. Raus aus den Schuhen, dem Overall, allem. Kopfhörer. Musik.

20:21 – Feuer im Ofen brennt, wärmt. Abendessen köchelt langsam. Knöchel wieder etwas geschwollen. Kopf hämmert vor Schmerz. Zwei Bier kühlen den Schmerz von innen. Noch mehr Musik.

21:10 – Abendessen fertig. Portion viel zu groß. Bauchschmerzen. Akku fast leer. Aufladen. Eigener Akku auch leer.

22:05 – Nachtclub gegenüber öffnet. Lärm wie in der Werkstatt. Schlaf kaum möglich.

23:50 – Zwei weitere Biere. Bettschwere erreicht. Wecker für nächsten Tag. Diesmal etwas früher.

5:20 – Der Wecker klingelt.

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