Starke, weibliche Persönlichkeiten vs. Mary Sue

„Wir brauchen starke, weibliche Protagonisten“ tönt es in Hollywood. Starke Frauen, die die Männerwelt locker in die Tasche stecken können. Ein Beispiel dafür, wie man es machen kann, aber dann auch wieder in den Sand setzt, liefert Marvel mit dem Avengers-Universum gleichermaßen.

Positivbeispiel: Mantis.

Negativbeispiel: Shuri.

Ehe ich näher auf die Beispiele eingehe, will ich kurz ausholen und sagen, was meiner Meinung nach eine starke, weibliche Persönlichkeit, eine starke, weibliche Protagonistin, ausmacht. Und das geht am Besten, indem wir das negativste Negativbeispiel der Neuzeit als Beispiel heranziehen:

Rey, aka Ms. Proto-Mary Sue

Rey aus Star Wars hat ALLES, was eine Mary Sue ausmacht: Sie ist zwar ein Noname (so scheint es), beherrscht aber sowohl das Lichtschwert wie auch die Macht von der ersten Minute aus dem Effeff. Die Ausrede von ihrer Herkunft (kleine Spoilerwarnung hier. Wobei – wer den Film jetzt noch nicht gesehen und auch noch nichts diesbezüglich mitbekommen hat, lebt wohl unter einem Stein) und ihrer Blutsverwandtschaft passt hinten und vorne nicht – nach DER Logik hätte sie nämlich in ihrem „normalen“ Leben zumindest Anzeichen für eine abnormale Stärke der Macht in sich zeigen müssen, hätte ein Luke Skywalker im zweiten Film – immerhin ein Jedi-Großmeister – sie SOFORT entlarvt.

Wo wir schon bei Luke sind: OBWOHL dieser vom stärksten Jedi bzw. später dann Sith (ist das jetzt nich ein Spoiler?) abstammte – nämlich Anakin bzw. Vader – musste er seine Kräfte erst trainieren, erproben, austesten. Ganze zwei Filme hat sein Training gebraucht, nur um dann im DRITTEN Film mehr oder minder die Spitze und damit auch den Höhepunkt von dem, was wir zu sehen bekommen durften (in Legends geht es noch DEUTLICH weiter. Aber dank Disney ist das ja nicht mehr Kanon…). Rey dagegen schafft die feinsten Tricks bereits, OHNE jegliches Training, direkt und problemlos. Lichtschwert? Zum ersten Mal überhaupt in der Hand und schon kann sie damit meisterlich umgehen. Gefangen? Tja – Gedankenmanipulation, zum ersten Mal angewendet, funktioniert sofort perfekt.

Man sieht – Gründe, warum einem die Dame nun ans Herz wachsen sollte, sind rar gesät. Ihre Faszination strahlt sie nur durch den Elefanten im Raum aus – ALLES fragt sich während der Triologie nämlich, ob sie vielleicht doch die Tochter von Luke ist. Oder von Lando. Oder Leia. Oder Han. Oder von einem schon lange verflossenen Obi-Wan. Oder einem anderen Jedi-Meister, der IRGENDWO in der Lore aufgetreten ist. Stattdessen dann die Enthüllung im letzten Star Wars-Film und so die maximale Beleidigung für alle Fans. Denn so reißt Abrams auch noch den LETZTEN Grund weg, warum man sie mögen könnte. Da ist der Abschied mit der Vorstellung, dass sie den Namen von Luke in der Endszene als Decknamen annimmt, nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Der Grund, warum die Menschen eine Mantis lieben, eine Shuri nervig finden und eine Rey hassen, eine Alan Ripley (Alien) bewundern und eine Sarah Connor (Terminator I und II. Über den Rest decken wir lieber den Mantel des Schweigens) innerlich anfeuern, liegt nicht im Äußeren, in der Jugend oder der Menge an „Macht“, die jemand hat. Es sind zwei Dinge, die eine starke, weibliche Hauptperson ausmachen – und jetzt kommt eine Überraschung: Diese beiden Faktoren haben NICHTS mit dem Geschlecht zu tun, könnte man also auf JEGLICHES Geschlecht oder JEGLICHES Lebewesen (notfalls also auch einen Hamster) übertragen:

  1. Der Charakter ist verletzlich. Ein unverwundbarer „Held“ ist langweilig. Deswegen hat ein Superman sein Kryptonit, ist Star-Lord innerlich ein unreifer, kleiner Junge, erleidet ein Luke Skywalker im ersten Aufeinandertreffen mit Vader schmerzliche Blessuren wie den Verlust seiner Hand, kriecht eine Sarah Connor mit kaputtem Bein am Ende des ersten Films durch die Fertigungsstraße.
  2. Sie erkennen ihre Schwächen – und anstatt an ihren zu zerbrechen, zu verzweifeln, stemmen sie sich mit aller Kraft gegen sie an, wachsen daran, werden besser, wachsen so schließlich über sich hinaus und somit zu den Helden, die wir in Erinnerung behalten.

Eine Sarah Connor ist deswegen stark und eine echte, weibliche Heldin, GERADE weil sie im ersten Film anfangs vollkommen schreckhaft, panikartig ist. Aber wo andere zum vollkommenen Wrack werden, ist SIE es, die am Ende den Soldaten, der sie eigentlich beschützen sollte, anbrüllt, ihn anfeuert, ist SIE es, die die diabolische Maschine namens Terminator zerstört. Und sie entwickelt sich über den Film hinaus weiter, ist im zweiten Film NOCH stärker, kämpft dafür mit der Schwäche, dass sie von anderen für geisteskrank gehalten wird, wächst dann wieder zu alter Stärke an, nur um am Ende des Films nur zu deutlich zu zeigen: Nein, ich bin zwar ein Held, aber auch ich habe Grenzen, die ich nicht überschreiten kann.

Jemand, der von Anfang an alle Macht hat, dem Leistungen einfach so zugeflogen kommen, ist uninteressant.

Captain Marvel ist ein seltener Fall einer guten Mary Sue-Heldin. Sie wandelt auf dem schmalen Grat zwischen glaubwürdiger, sympathischer Heldin und übertrieben-leistungsfähigen Mary Sue. Schließlich hat sie ihre Kräfte schon von Beginn des Filmes an. Ihre Schwäche dagegen ist die Tatsache, dass ihr ihre Identität fehlt, sie nichts von der Quelle ihrer Kräfte weiß und in einer Art goldenen Käfig gefangen ist, der ihr alles nimmt, was sie am Ende so großartig werden lässt. Es ist genau dieser Käfig, der aus einer Mary Sue eine gute Heldin macht – und die Überwindung dieses Käfigs. Und doch – sie wirkt am Ende etwas ZU perfekt, als dass man sie als GUTE, starke, weibliche Heldin ansehen könnte. Siehe hier den Punkt 1 – ihre Schwäche.

JEDER der Avenger hat mindestens eine Schwachstelle – Ein Tony Stark ist ein Großmaul mit viel Technik und vielen Gimmicks, aber eben nur ein Mensch, Thor ist zwar extrem stark, aber auch seine Stärke hat Grenzen, wie man in Infinity War sehen konnte. Black Widow und Hawkeye sind „gewöhnliche“ Menschen und damit genau so verletzlich wie jeder andere Zivilist (dafür aber auch DEUTLICH wehrhafter), Hawkeye hat dazu noch seine Familie als Schwachstelle, Black Panther verlässt sich auf seine durch ein spezielles Gift verliehene Stärke und seinen Anzug (also ein Iron Man+ sozusagen), Rocket nur auf seine Waffen, Starlord auf seine kecken Manöver und seine übermenschliche Zähigkeit – kurz gesagt: Die meisten haben zwar gesteigerte Kräfte oder Technologie, die ihre menschliche Schwäche substituiert. Captain Marvel dagegen hat keine menschliche Schwäche, nur die scheinbar grenzenlose Stärke, die sie auch ohne Problem durchs Universum fliegen lässt. Realistisch gesehen – hätte man ihre Stärke im Film nicht künstlich heruntergedreht, sie hätte Thanos problemlos allein besiegen können. Der Rest wäre dann lediglich buntes Beiwerk gewesen.

Warum fällt es Hollywood also so schwer, eine starke, weibliche Persönlichkeit zuverlässig zu etablieren? Die Ausrede, dass es nicht genug gute Schauspielerinnen gibt, lasse ich hier nicht zu – das ist Unsinn. Ich denke das Problem liegt eher darin, wie sich manche Damen selbst sehen, oder wie gerade Feministinnen bzw. Feministen-Versteherinnen unter den Schauspielerinnen die Rollen und Problematiken auslegen. In ihren Augen mag es vielleicht so erscheinen, dass eine weibliche Hauptrolle, die am Anfang schwach ist und sich dann erst zu einer starken Hauptrolle, gar einer Heldin, entwickelt, etwas ZU machohaft sein könnte. Immerhin enthält es das Wörtchen „schwach“ – und DAS passt ja so GAR nicht in die Denke.

Ein persönliches Negativbeispiel habe ich in der Person „Emma Watson“ im Petto. Eine Dame, die durch die Harry Potter-Filme (in denen sie eine meiner Meinung nach wirklich beeindruckende und starke, weibliche Hauptrolle verkörpert hat. Da passt nämlich das obige Beispiel wieder) zu Ruhm und Ehr gelangt ist, äußerte sich zur Realverfilmung von „Die Schöne und das Biest“, dass sie in dem Film quasi die ERSTE starke Prinzessin im Disney-Universum spielen würde, die eben NICHT von irgendeinem Prinzen gerettet werden muss.

Ja…okay…vergessen wir einmal Filme wie Pocahontas, Mulan, Moana und im weitesten Sinne noch Den Glöckner von Notre Dame und darin dann Esméralda, nur um die Disney-Animationsprinzessinnen einmal aufzuführen. Nala aus dem König der Löwen hätte ich ebenso zu bieten wie Dory aus Findet Nemo – aber nein, Emma ist in der Tat die ERSTE, starke, weibliche Hauptrolle und „Prinzessin“ in einem Disney-Film, die nicht gerettet werden muss. Klar…

Das die Hoffnung für Hollywood aber noch nicht vergeben ist, will ich mit einem recht aktuellen Beispiel einmal visualisieren:

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