Kara Vmax

Obwohl seit 2001 keine Humanoiden mehr „hergestellt“ werden dürfen, hat sich Australien das Recht vorbehalten, eine begrenzte Anzahl von ihnen weiterhin aus den Labors und in die „Freiheit“ des australischen Outbacks zu entlassen. Diese Sonderlösung wurde zwar über ein Jahrzehnt beobachtet, dann aber mit der Zeit immer lockerer, legerer und oberflächlicher behandelt. Wohl aus diesem Grund haben sich zwei kleinere Laboratorien, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet, auf die Entwicklung und Herstellung hochpreisiger, spezialisierter und exklusiver Humanoider konzentriert. Dank der Preise für jene Humanoide, die je nach „Ausstattung“ in Preisbereichen zwischen Luxus-Sportwagen und Luxus-Villa liegen, haben die beiden Laboratorien schnell genügend Finanzkraft beisammen gehabt, um die Politik und sämtliche Inspektoren nicht nur wegsehen zu lassen, sondern sogar höchst offiziell Lizenzen für diese Geschäftsgebaren zu erteilen.

Kara ist eine dieser „Produkte“, eine Bestellung des britischen Jaguar Racing Teams bei der „Gene Sequencing Professionals Ltd.“ in Adelaide, um in der Formel E selbst ebenfalls einen Humanoiden einzusetzen, wie es Mahindra Racing bereits bei einer Pressekonferenz unter großem Tamtam und als „erstes Sportteam der Profiklasse, das diese besonderen Außenseiter der Gesellschaft integriert“ hatte verlautbaren lassen. Stolz hatten die Inder einen männlichen Tiger-Humanoiden präsentiert und beschworen, dass seine Zähigkeit auf der Rennstrecke für viele Siege verantwortlich zeichnen sollte. DAS jedoch wollten sich die Briten nicht gefallen lassen und erteilten so naheliegenderweise den Australiern den Auftrag, ihnen selbst etwas zu „bauen“. Allerdings etwas, das einen NOCH größeren PR-Knall auslösen würde: Eine weibliche Humanoiden-Rennfahrerin.

Das Ergebnis dieser Anforderung ist eine Humanoide mit Genen einer Gepardin, deren Körpermaße mit 1,74 haargenau denen entsprechen, die ein Fahrer im Cockpit eines Formel E-Rennwagens benötigt. Mittels Genetik, künstlichen Hormonen und einem intensiven Reize-Training wurde sie im Sommer 2019, keine drei Monate nach ihrer Bestellung, aus dem Zuchttank geholt – mit einem Körper, der einer Humanoiden im Alter von rund 25 Jahren entspricht. Sie ist hager und überaus leicht, bringt trotz ihrer ausgeprägten Muskeln gerade einmal 50 Kilo auf die Waage, wirkt zwar feminin, aber nicht übermäßig weiblich und besitzt außer ihren fix eincodierten Erinnerungen und Fähigkeiten, zu denen auch etliche Sprachen gehören, noch kaum Individualität. Eine Spitzenathletin ohne sichtbare Mängel, mit einer Persönlichkeit, die die eines Kleinkinds ist und erst noch lernen muss, über die ihr von ihren Eltern vorab angelernten Bereiche noch hinaus zu wachsen in die Lage versetzt werden muss.

So steht sie da – in ihrem fast hautengen, Jaguar Racing grünen Rennoverall, ihrem speziell an ihren Kopf und ihre großen, prominent aufrecht stehenden Ohren angepassten Helm unterm Arm, der Blick starr nach vorn gerichtet, um das zu tun, wofür sie explizit gemacht wurde. Rennen fahren. Unwissend, was sie denn noch alles auf der Welt erleben und sehen könnte. Schließlich ist sie, obwohl sie in einem erwachsenen Körper steckt, alles nötige Wissen und alle Fähigkeiten besitzt und alle Talente schon in sie eingepflanzt wurden, im Wesentlichen noch ein Kind.