Abschnitt 3 – Rabenvater? Nein – schlimmer

Ohne Dach über dem Kopf, die eigene Sprache nur rudimentär beherrschend und dazu noch viel zu jung sind schon drei Faktoren, die das Leben von jemandem in einem kleinen Dorf nicht unbedingt verlängern. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass derjenige zu einer Gesellschaftsschicht gehört, die von einigen wenigen geachtet, von vielen höchstens geduldet und dem Rest verachtet wird, dann ist jenes Los, das Samira gezogen hatte, eigentlich schon mit dem sicheren Tod oder dem baldigen Eintritt ebendessen gleichzusetzen. Zu ihrem temporären Glück jedoch hatte ein dubios aussehender Mann die Vorfälle in jenem Waisenhaus mitbekommen – und auch, in welcher Art dieses Tigermädchen Jungs, die viel größer und älter als sie waren, nach Strich und Faden vermöbelt hatte. Und genau dieser Mann ging nach einigen Stunden auf sie zu – nach genug Zeit, damit jenes Kind, das nur im Labortank aufgewachsen war und bis gerade die Wärme von vier Wänden erlebt hatte, in der kühlen Dezembernacht unter freiem Himmel bei unter 10 Grad Außentemperatur vor sich hin gefroren hatte und nicht wusste, wo es denn hin sollte.

Dieser Mann, der sich dem jungen Humanoidenmädchen niemals mit Namen vorstellte, nahm sie unter seine Fittiche und brachte sie in ein noch viel heruntergekommeneres Viertel als jenes, in dem das Waisenhaus eh schon gestanden hatte. Nach einer Nacht in einem eigenen Bett (eher einer Matratze auf dem dreckigen Boden) ohne andere Kinder, die Dinge nach ihr warfen, eröffnete der Mann ihr, was er von ihr als „Gegenleistung“ erwartete: Ihre Kraft beweisen – in Kämpfen gegen andere, ebenfalls kindliche Kämpfer, als Wettkampf im Kampfring.

Samira verstand zuerst nicht, was genau er meinte. Und ihre Augen und ihr Ausdruck waren noch fragender, als sie unter lautem Getöse und Gebrülle in einem Hinterhof in die Mitte eines rudimentär ausgeprägten Ringes gestoßen wurde und einem etwa zwölfjährigen Jungen in kurzen Sportsachen gegenüber stand, während sie ihrerseits nur ihre Lumpen trug und keine Ahnung hatte, was denn los war. Als der Junge aber auf sie zu stürmte, die Fäuste ballte und mit der rechten zu einem heftigen Schlag ausholte, war es ihr klar, ihre Reflexe wach und ihr eigener, rechter Arm bereit, sich gegen den Angreifer zu wehren. Ruckartig hob sie ihre linke Hand, fing den Schlag ab und hielt die bis gerade noch nach vorn geraste Faust des Jungen problemlos fest, während sie ihrerseits ihre eigene Faust in seine Richtung rauschen ließ. Anders als im Waisenhaus fehlte hier aber jener Zorn und damit die Stärke, die sie aufgebracht hatte. Trotzdem reichte der Schlag, der den Jungen unvorbereitet und mitten zwischen die Augen traf, um ihn nach hinten über kippen und bewusstlos zusammensacken zu lassen.

Der erste Kampf war gewonnen. Doch ihr neuer „Vater“ war nicht zufrieden. Offenbar hatte er sich von der Leistung des jungen Tigermädchens wesentlich mehr erhofft – und auch den Anwesenden mehr versprochen gehabt. Entsprechend angesäuert schnaubte er sie zusammen und schmiedete daraufhin einen Plan: Er würde sie bei Freunden in einer alten Halle trainieren lassen, damit sie ihre Kraft noch weiter erhöhen konnte.

2003 kam und ging so schnell, wie es gekommen war – und mit den Wochen und Monaten, die ins Land gingen, wurde Samira von ihrem „Vater“ immer öfter und länger in die Halle zum Training geschickt, entwickelte sie mit der Zeit sogar eine gewisse Freude daran, mit den Gewichten zu arbeiten und an den komischen Gerüsten und Seilen ihre Übungen zu veranstalten. Im Gegenzug für ein sicheres Dach und Essen kämpfte sie alle paar Wochen – zuerst wieder in den Hinterhofkämpfen, dann folgten bald darauf stinkige, verrauchte Hallen, in denen sie auf noch ältere, größere und stärkere Gegner traf. Größer allerdings nur noch begrenzt, denn mittlerweile war sie zu beachtlichen 1,70 herangewachsen. Eine Größe, die keinen Rückschluss auf ihre lediglich acht Jahre biologischen Alters schließen ließ. Dafür waren ihre Kontrahenten nun zäher, stärker und sogar eine echte Herausforderung – zumal viele von ihnen schneller und beweglicher als sie waren. Aber niemand besaß auch nur im Ansatz ihre Zähigkeit oder gar die physische Stärke, die sie mit Bravour und geradezu tödlicher Präzision einzusetzen wusste. Selten verließen ihre Gegner den Ring ohne gebrochene Knochen oder zumindest eine Gehirnerschütterung. Manche gaben ihr schon den Spitznamen „Tigerhammer“, weil ihre Faust jeden so gnadenlos in den Boden hämmerte.

Es war einer dieser Kämpfe in jener verrauchten, stinkenden Industriehalle, als drei Männer auf ihren „Vater“ zugingen, der seinerseits mit den Wetten auf Samira einen nicht unwesentlichen Reichtum (für seine Verhältnisse, versteht sich) erworben hatte und nun im Begriff war, Teile seines frischen Gewinns in Form von Schnaps, Bier und billigen Frauen zu verjubeln.

Samira sah zwar, wie die Männer mit ihrem „Vater“ sprachen, konnte aber auf die Entfernung und dank des Krachs in der Halle nichts hören. Und selbst, wenn sie das Gespräch mitgehört hätte, sie hätte eh nichts von dem, was die vier besprachen, verstanden. Sie beherrschte nämlich die Sprache der drei Männer nicht. Was sie aber durchaus sehen konnte war, wie die drei ihren „Vater“ in die Ecke drängten und bedrohten.

Genau das war der Moment, in dem sie durch die Menschenmenge der Halle hindurch zu ihm drang, aus dem vollen Lauf dem ersten der drei einen Schlag von hinten gegen die Wirbelsäule verpasste, den zweiten mit ihrer linken Schulter traf und dem dritten schließlich ihre Faust gegen das Kinn donnerte. Zu ihrem Glück und ihrer Überraschung reichte dieser schnelle, einfache Angriff, um die drei so weit auszuknocken, damit sie mit ihrem „Vater“ im Schlepptau nach Hause und damit in Sicherheit fliehen konnte.

Sicherheit – eher eine trügerische Sicherheit, wie ihr in der Nacht klar werden sollte. Denn noch während sie im Tiefschlaf lag, drang eine ganze Bande in die gleiche, schäbige Kaschemme, in der sie nun seit drei Jahren hauste, ein. Erst der Stich an ihrem Hals ließ sie kurz zu sich kommen, ehe schnell alles wieder vor ihren Augen verschwamm. Das letzte, was sie noch klar erkennen konnte, war ein blitzender Gegenstand, aus dem eine züngelnde Flamme hervor schoss, begleitet von einem Donnern und dem stumpfen Aufprallen ihres  „Vaters“ auf den Boden. Dann wurde es sehr lange sehr dunkel für Samira.

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