Abschnitt 4 – Jetzt wird’s kriminell…

Erst nach einigen Tagen erwachte Samira aus der Dunkelheit, die durch das verabreichte Betäubungsmittel ausgelöst wurde und sah nichts anderes als Gitter. Ein für ihre Größe zu kleiner – vor Allem viel zu niedriger – Käfig hielt sie gefangen, während vor ihr Männer eine für sie unverständliche Sprache laut vor sich hin bellten. Ihr erster Instinkt war eindeutig – und mit überraschend wenig Anstrengung bog sie die Gitter ihres Gefängnisses so weit zur Seite, dass sie sich fast hindurchzwängen konnte. Doch die Männer vor dem Käfig hatten offenbar schon damit gerechnet, zogen etwas von ihren Gürteln und richteten es auf sie. Lediglich einen einzigen Schritt schaffte sie auf die Männer zu, ehe feine Nadeln ihren Körper trafen, der gleich darauf unkontrolliert zu zucken begann. Dann brach sie kraftlos zusammen, behielt aber ihre Augen offen, sah und spürte, wie die Männer sie in einen anderen Raum schleppten.

Die folgenden Wochen und Monate verbrachte Samira in einer dunklen, viel zu kalten Zelle oder einem Raum mit schmerzhaft blendenden Lichtes, in dem ihr ein Mann in gebrochenem Hindi und mit brummigem Dialekt einige englische Worte eintrichterte. Als er meinte, sie hätte genug verstanden – was besagte Monate dauerte – formulierte er einen sehr einfachen Satz:

„Du gehörst uns. Du bist stark. Du wirst deine Kraft für uns benutzen. Im Wettkampf. Sonst kein Essen. Verstanden?“

Ihr blieb nur, zu nicken. Das Essen, das man ihr bislang hingeworfen hatte, war zwar sowohl zu wenig als auch richtiggehend widerlich, doch wenn sie selbst das verlöre, würde sie ihre gesamte Stärke ebenfalls schnell verlieren.

Nur Tage später stand sie erneut inmitten einer Kampfarena. Diesmal jedoch trug sie kein Gewand aus Flicken mehr, sondern rote, enganliegende, kurze Sportbekleidung und ein metallenes Halsband. Auch die Kampfarena war eine andere – statt einer offenen, verfallenen Halle stand sie in einem großen, viereckigen Ring, der ringsum von deckenhohen Gittern wie ein überdimensionaler Käfig wirkte, während die Luft voller Rauch und sonstigem Gestank, der entfernt an eine Fleischfabrik erinnerte, ihre feine Nase und damit ihre Sinne benebelte. Zu ihrer Überraschung war ihr Gegner, gegen den sie antrat, kein Menschenjunge mehr und auch kein Mann, sondern ein anderer Humanoid. Die lange Mähne, das ockerfarbene Fellkleid und die relativ kleinen, dafür aber böse zusammengezogenen Augen machten es eindeutig: Der hier war aus dem Genom eines Löwen erschaffen worden. Und die zahllosen Prellungen und sichtbaren Narben waren Beleg dafür, dass er offensichtlich schon ein erfahrener Kämpfer war.

Der Augenblick, den Samira beim Anblick des ersten Nicht-Menschen in ihrem Leben überhaupt kurz verwundert zögern ließ, reichte schon, damit ihr Gegner auf sie zustürmen und ihr mit einem kräftigen Haken fast das Licht auspusten konnte. Krachend donnerte sie gegen das Gitter hinter sich und ließ ihren Kopf gerade noch rechtzeitig zur Seite sacken, damit der zweite Haken von dem Löwen sein Ziel verfehlte. Dann ballte sie ihrerseits die Fäuste und ließ ihren rechten Haken von der Seite gegen seinen Bauch donnern. Diesen Schlag aber schien der routinierte Kämpfer schon erwartet zu haben, denn statt dem Bauch traf sie nur den linken Arm, der den Schlag abzublocken versuchte. Zu seinem Entsetzen steckte hinter ihrem Schlag aber mehr Kraft, als er erwartet hatte, wurde der Arm mit in seine Seite gerammt und erzielte der Schlag so zumindest einen kleinen Effekt. Der erfahrene Kämpfer merkte so schnell: Die Stärke von ihr könnte ein Problem werden. Er musste es also schnell beenden und durfte ihr keine Chance geben, ihre Stärke gegen ihn einzusetzen.

Während Samira sich gerade bereit machte, ihrerseits anzugreifen, rammte ihr Gegenüber ihr seinen linken Ellenbogen mit aller Kraft in den Bauch. Schlagartig schoss die Luft aus ihren Lungen, wurde ihr für einen Augenblick schwarz vor Augen. Dieser Augenblick genügte, damit ihr Gegner erneut seinen rechten Haken einsetzen und sie diesmal genau an der Schläfe treffen konnte. Dieser Schlag sollte dann tatsächlich auch das letzte sein, was Samira in diesem Kampf noch spüren sollte. Danach folgte nur noch Dunkelheit.

Als sich der Trubel gelegt hatte, kam sie wieder zu sich. Doch statt Sorgen, die vielleicht angebracht gewesen wären, folgten Ohrfeigen ob ihres schändlichen Versagens im Ring. Und man beschloss: Sie würde trainiert werden. Ob sie es nun wollte, oder nicht.

Gewichte wurden ihr an Arme und Beine geschnallt, ein Hindernisparkour, den sie so schnell wie möglich mit diesen Gewichten bewältigen sollte, aufgebaut. Schneller, immer schneller und mit immer mehr Gewicht sollte sie laufen. Statt Anfeuerungsrufen knallten Peitschen hinter ihr, trafen ihren Rücken, schnitten die Schläge tiefe Wunden in Fell und Fleisch. Doch wirklich schnell wurde sie nie.

Auch im Kampftraining mit Boxsäcken, mit Sparringpartnern und der immer präsenten Stoppuhr zeigte sich, dass ihre Geschwindigkeit und ihre Reflexe im besten Fall im Mittelmaß lagen. Die Wucht, die hinter jedem Treffer lag, reichte aber aus, um Risse in selbst die widerstandsfähigsten Materialien zu reißen. Ihre Sparringpartner bevorzugten es daher, wann immer es ging auszuweichen und sich bloß nicht treffen zu lassen.

Nach Monaten des Trainings – ihr zehnter „Geburtstag“ war mittlerweile nicht mehr fern, trat mitten im Training ein anderer, überaus beleibter Mann vor sie, hob ihren rechten Arm und betastete diesen vom Handgelenk bis hinauf zur Schulter. Sein breites Grinsen entblößte zwei goldene Zähne, ehe er sich umwandte und erneut etwas in dieser seltsamen Sprache, die – so viel hatte Samira in der Zwischenzeit aufgeschnappt – offenbar russisch war. Sie hatte es sogar geschafft, einige der Worte zu lernen und zu verstehen. So verstand sie, dass es wohl um Geld ging – nur die Höhe der Summe konnte sie nicht verstehen.

Es wurde viel gelacht, dann klickte etwas an ihrem Halsband. Dann wurde sie recht ruppig aus dem Trainingsraum heraus an einen Wagen gebracht. Die hinteren Türen, wurden geöffnet, gaben den Blick auf einen vergitterten Laderaum frei und ihr bedeutet, dort hinein zu klettern. Sie wehrte sich kurz, fühlte dann aber schon, wie die Griffe um ihre Schultern und Arme fester wurden. Also ergab sie sich ihrem Schicksal, kletterte ins Innere, wurde die letzten Zentimeter hineingestoßen, ehe sich die Türen donnernd hinter ihr schlossen. Vollkommene Dunkelheit umgab sie, nahm ihr jede Möglichkeit, sich zu orientieren. Sie fühlte nur, dass die sehr unruhige Fahrt nach einigen Stunden einer eher ruhigen, gleichmäßigen und flotten wich, die Straßenverhältnisse offensichtlich erheblich besser wurden als dort, wo sie bislang untergekommen war.

Wie viel Zeit genau vergangen war, als die Türen sich das nächste Mal öffneten, konnte Samira nicht sagen. Nur, dass es mittlerweile Nacht geworden war. Und wie weit sie gefahren waren, konnte sie auch nicht sagen. Allerdings sah sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee und fühlte sie die beißende, brutale Kälte, die ihr durch ihre dünnen Trainingsklamotten, die sie als einziges Kleidungsstück bekommen hatte, wie der eisige Wind ihren Körper binnen Minuten zum Erstarren bringen würde, müsste sie hier, wie damals in der Nähe von Delhi, ohne Schutz draußen zu überleben versuchen. Die dünnen Stoffschlappen, die sie als Schuhersatz trug, saugten sich auf dem nassen, kalten Untergrund binnen Sekunden voll und taten trugen den Teil zum Frösteln bei. So brauchte es keinerlei Motivation mehr, damit sie den Männern in den spärlich beleuchteten Betonklotz folgte.

Im inneren sah es radikal anders aus, als sie gewohnt war. Es war hell, die Räume groß und die Decken deutlich höher als bisher. Bilder und Poster mit seltsamen Zeichen darauf hingen an den Wänden, der Boden war weicher, federte bei jedem Schritt ein wenig. Und neben ihr und ihren Begleitern waren noch mehr als zwei Dutzend andere Menschen und sogar zwei Humanoide in diesem übergroßen Raum versammelt. Außer einem von diesen Humanoiden – offenbar irgendeine Art Wolf – würdigte sie jedoch keiner aus nur eines Blickes.

Dann wurde sie mit einem Ruck aus ihren Gedanken und dem Umherschweifen herausgerissen. Der füllige Mann stand wieder vor ihr, deutete vor sich nach unten auf eine Hantelstange.

„Hochheben.“ sagte er auf Russisch mit einer Tonlage, die keinerlei Diskussion oder Zögern erwarten ließ.

Samira sah ihn verwundert an, beugte sich herunter, griff die Hantelstange und wollte diese, wie aufgetragen, hochheben. Doch sie stockte – das Ding fühlte sich an, als wäre es am Boden festgeschraubt. Ihr Blick fiel wieder auf den Mann. Der aber sah nur streng zurück und machte eine Handbewegung, deutete an, sie solle das Ding hochheben.

Also legte Samira auch ihre linke Hand um die Stange, ging etwas in die Hocke und zog mit aller Kraft an der Stange. Diese zitterte unter dem Krafteinsatz, den die Tigerdame aufbrachte, um das ausgesprochene Kommando zu befolgen. Langsam, ganz langsam, hob sich die Stange an, zog Samira sie bis auf Höhe ihrer Hüfte, während sie unter der enormen Kraftanstrengung auf ihre Zähne biss, ihre Arme und Beine zitterten.

Die Begleiter ihres Gegenübers tuschelten, blickten erstaunt zu ihr, dann zu dem fetten Kerl vor ihr. Dieser jedoch grinste, deutete auf die großen, schwarzen Gewichtscheiben an beiden Enden der Stange, die Samira da angehoben hatte: 220 Kilogramm.

„Guter Anfang.“ sagte er grinsend.

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