Flammendes Inferno

Lautes Glockengeläut schrillte durch die, gewundenen Steingänge des Turms, der sich auf der Anhöhe des Arisgebirges wie aus einem Guss seitlich aus der Felswand heraus erhob. Auf den ersten Blick schien es fast, als wäre dieser Turm Teil des Berges und lediglich eine Abnormität der Natur, die zwischen den ganzen, verwinkelten und schartigen Abrisskanten der Felswände eine gleichförmige, glatte und gradlinig nach oben führende Zylinderform, die halb in der Felswand eingelassen war, als eine gute Idee empfinden. Doch auf den zweiten Blick sah man in jener Form Ausbuchtungen für Fenster, erkannte man filigran gearbeitete Fugen, an denen sich der Frost und Schnee festhalten konnten. Welcher Steinmetz oder Zimmermann auch immer für diese Konstruktion, die wahrlich wie aus einem Guss vom Berg zum Gebäude überging verantwortlich zeichnete, er musste ein wahrer Meister seines Faches gewesen sein.

Der Turm selbst mochte zwar schon eindrucksvoll sein, doch sein Inhalt stand dem in nichts nach. Im Gegenteil war dieser Ort, der fernab von allen größeren Ansiedlungen lag und den man entweder nur per Luft oder über einen schmalen Pfad, der mehr als eine Tageswanderung lang war, ehe er an der nächsten Behausung vorbei führte, erreichen konnte, ein Hort des Wissens und des Studiums. Hierher hatten sich etliche Drakonier zurückgezogen, lasen sie in Büchern und Schriftrollen, diskutierten sie Erkenntnisse, schrieben sie neue Erkenntnisse nieder und meditierten sie über jene Dinge, deren Geheimnisse auch ihren ärgsten Diskussionen verborgen blieben.

Es lag in der Natur der Drakonier, sich dem geschriebenen Wort, dem Wissen um alles, was geschah, geschehen war und vielleicht gar geschehen würde, zu widmen, auch wenn ihre Zahl auf Parsonis nur gering war, sich die einzelnen Gruppen in eigenen Orden organisierten, die jeder für sich ihr Wissen anhäuften. Hin und wieder besuchten Anhänger der einzelnen Orden den jeweils anderen, teilten sie ihr Wissen untereinander, tauschte man sich aus, fügten beide Seiten das jeweilige Wissen den eigenen Bibliotheken hinzu. Eine weitere Quelle des Wissens waren die Pilger, die die klosterähnlichen Bauten auf der Suche nach Erleuchtung, nach Wissen, Rat oder einfach nur geistigem Beistand besuchten, in Wahrheit aber zumeist mehr Informationen an die zurückgezogenen, schuppigen Wesen lieferte, als er am Ende für sich wieder mitzunehmen pflegte.

Das Leben im Turm war dominiert von Routine und Ruhe. In den großen Lesezimmern mit ihren breiten Holztischen, den gemütlichen, weich gepolsterten Bänken und dem in einer Ecke stets knisternden Feuer, dessen Glut zu jeder Zeit eine wohlige Wärme spendete, über dessen züngelnden Flammen ein großer Krug Wasser hing, damit sich ein jeder der Bewohner des Turms jederzeit einen frischen Tee aufgießen konnte, versammelten sich die Bewohner und Gäste die meiste Zeit des Tages, lasen, schrieben oder sinnierten über die Texte vor ihnen. Gesprochen wurde meist nur im Speisesaal während der Mahlzeiten oder während der Diskussionsrunden im großen Salon. Entsprechend ungewöhnlich war das laute Läuten der Glocke, die für gewöhnlich nur kurz am Morgen erklang, um den Beginn eines neuen Tages zu markieren. Entsprechend verstört waren die Drakonier ob des infernalischen Krachs, den die Glocke mitten während der Lektüre veranstaltete.

Mit schnellen, kräftigen Schritten stieß Kreklim, der Anführer dieses Ordens und seiner acht Drakonier durch die Tür des Lesezimmers, stieg die gewundene Treppe empor zum Glockenturm. Die Tür zu dem Raum, in dem der Seilzug, mit dem die Glocke ganz oben, an der Spitze des Turms gezogen worden konnte, stand weit offen. Ein Statis hing an dem Seil, zog unter vollem Körpereinsatz mit aller Kraft immer wieder daran.

„Was im Namen von Gantt und Kratz denkst du, das du hier machst?!“ brüllte Kreklim verärgert auf den Statis ein. Dieser jedoch ließ von dem Seil nicht ab, blickte nur zurück. Seine Augen waren weit aufgerissen, das Gesicht blass.

„Es gehört sich für einen Gast nicht, die Ruhe dieses Ortes in dieser Art zu stören. Erkläre dich sofort.“

Der Statis deutete mit zittrigem Finger auf eines der Turmfenster hinter Kreklim. Der wiederum wandte sich um, blickte auf das angelehnte Fenster, zog es auf und sah hinaus.

Noch ehe er wirklich begreifen konnte, was da draußen vor sich ging, reagierte er aus Reflex, sprang vom Fenster weg auf den Statis zu, packte ihn und warf sich mit ihm gemeinsam auf den Boden. Noch ehe sie beide auf dem Boden aufschlugen, traf etwas den Turm von außen, riss die Wand, an der Kreklim gerade noch gestanden hatte, weit auf und ließ ein Meer aus Flammen durch den Raum hindurchbranden. Deutlich fühlte der Drakonier, wie seine Kleidung an seinem Rücken zu kokeln begann.

„Kratz noch eins! Was sollte denn das?!“ schnaubte Kreklim, während er sich langsam wieder aufrichtete und zu orientieren begann. Zu seinem Erschrecken stellte er fest, dass die Etage zur Hälfte aufgerissen worden war, er nun direkten Blick hinauf auf die Turmspitze sowie die Glocke hatte.

„Drachen…ich habe zwei Drachen gesehen. Sie toben. Sie…wollen…“

Ja, mit den Drachen, die in gewisser Weise ihre nächsten Verwandten waren, verstanden sich die Drakonier nicht sonderlich gut. Man könnte auch sagen, dass die Drachen ihre rohen, wilden Vorfahren waren und ihre – für sie – verkommenen Nachfahren bei jeder sich ihnen bietenden Gelegenheit mindestens verschmähen, bestenfalls sogar töten und damit von der Welt tilgen wollten. Normalerweise taten sie das aber nur, wenn man ihnen unmittelbar unter die Augen geriet. Doch keiner der Drakoniden hatte den Turm verlassen. Außerdem war die Region hier fernab von allen Territorien, auf die die Drachen Anspruch erhoben. Und dann noch das Feuer – es mussten rote Drachen sein, die sonst in den flammenden Gebirgen viel weiter südlich ihre Heimat hatten. Was sie gerade hierher trieb, konnte Kreklim sich nicht erklären. Doch bei näherer Überlegung war das auch egal.

„Geh herunter zu den anderen. Sag ihnen, sie sollen die wichtigsten Bücher nehmen und mit ihnen in den Keller gehen.“

„Und was ist mit euch?“ fragte der Statis, der nun seinerseits wieder auf den Beinen war und den Drakonier fragend ansah.

Kreklim nickte ihm nur zu. „Ich werde sehen, dass ich die beiden wegjage. Und jetzt beeil dich. Ich spüre schon, wie sie zum nächsten Angriff ansetzen.“

Der Statis gehorchte, rannte zur Treppe, die nun halb eingestürzt und von Schutt bedeckt war, sprang hinunter und brüllte bereits laut hörbar, während Kreklim sich seinerseits aufbäumte, die Arme ausbreitete und durch die nun weit offene Wand nach außen blickte. Deutlich sah er die dunkelroten Schwingen eines großen Rotdrachen, der sein Maul aufriss, um Kreklim in nur wenigen Augenblicken mit einem weiteren Strahl alles verzehrenden Feuers einzudecken. Doch der Drakonier hatte selbst ebenfalls etwas im Petto.

Die Entwicklung hatte den Drakoniern zwar keinen Atem als Waffe gegeben, so wie Drachen ihn besaßen und ihre Flügel waren nur noch verkümmert und winzig auf ihren Rücken, doch als Ausgleich dafür besaßen sie eine um viele Dimensionen größere und stärkere Magie als jeder Drache. Und genau damit gedachte Kreklim sich in diesem Moment zu verteidigen, seinem Cousin dort draußen einen Denkzettel zu verpassen.

„Mächte des Norden, Winde der Berge. Schenkt mir Kraft und Kälte. Folgt meinem Befehl und schneidet jene, die euch verspotten!“ brüllte Kreklim, die Arme weit ausgebreitet. Jedes Wort, das er aussprach, schien dabei lauter als das vorherige zu werden, ehe es zum Schluss klang, als würden mehrere Drakoniden gleichzeitig in Richtung des Drachen, der nun sein Maul weit aufgerissen und einen Flammenstrahl in Richtung des Turms gerichtet hatte, brüllen. Seine Augen begannen blau zu leuchten, Blitze zuckten zwischen seinen Fingern, wanderten zu seinen Handflächen, die er nun schnell nach vorn stieß und so einen breiten, soliden, blauen Strahl, um den Blitze und Wirbel herumkreisten, in Richtung des Drachen schleuderte. Nur Augenblicke später traf der Strahl das Feuer, umschlang es und ließ die Flammen mitten in der Luft gefrieren. Doch damit war noch nicht genug, denn der Strahl fraß sich weiter in Richtung des Drachen, der seinerseits die Augen weit aufriss und nicht zu begreifen schien, was da auf ihn zugeschossen kam, sein Maul traf, in sein Maul eindrang und ihn von innen zu vereisen schien. Sein Blick erlosch auch noch nicht, als sein Bauch und seine Brust bereits Raureif bildeten, sich langsam bläulich färbten und er schließlich, als hätte er die Fähigkeit zu fliegen verloren, wie ein Stein aus der Luft in die Tiefe stürzte.

Kreklim atmete schwer. Sein Zauber war zwar erfolgreich gewesen, hatte ihn aber viel Kraft gekostet. Er konnte nun nur hoffen, dass der Artgenosse von dem Drachen nicht ebenfalls…

Noch ehe er seinen Gedanken zu Ende denken konnte, brach die Wand hinter ihm zusammen, rammte eine Pranke hinein und nach ihm. Mit einem schnellen Sprung wich er zur Seite aus und ließ den Schlag der Drachenpranke damit ins Leere gehen. Der Biss allerdings traf ihn dann doch mitten in der Hüfte.

„Du hast meinen Gefährten getötet. Dafür stirbst du.“ drang das Zischen zwischen den Zähnen, die sich in seine Hüfte bohrten, durch den Raum. Ein heftiger Schmerz durchschnitt Kreklims Körper, hätte ihn sicherlich gelähmt, wäre er nicht der gewesen, der er wirklich war. So konzentrierte er sich mit aller Kraft, wischte Schock, Ohnmacht und Panik an die Seite und rammte seine Beine mit aller Kraft in den Boden.

Ihm war klar, dass er die Begegnung mit diesem Drachen nicht lebendig überstehen würde. Aber ihm war auch klar, dass die Raserei dieses Drachen nicht bei ihm enden würde. Ihm blieb also nur eine Möglichkeit – und genau die unternahm er gerade.

Der Drache schien zu spüren, dass sein Gegner etwas plante, öffnete sein Maul und ließ von ihm ab. Doch Kreklim hatte den Drachen mit einem Arm an einem seiner Hörner gepackt und zog mit all seiner verbleibenden Kraft gegen den Drachen an. Er war nur ein Drakonid, einem Drachen in Sachen Körperkraft weit unterlegen. Aber dieser Drache hatte sich bei seinem Angriff in eine äußerst dumme Position gebracht, fand mit seinen Krallen keinen hinreichend guten Halt in dem zu glatten, harten Felsen. Kreklim dagegen konnte sich gegen die Trümmer des Turms stemmen. Also tat der Drache das Selbe, drückte mit aller Kraft gegen die geborstenen Wände des Turms.

„Stirb endlich du Missgeburt!“ fauchte der Drache, wand den Kopf und biss Kreklim in die rechte Schulter, so fest wie er nur konnte, biß ihm dabei fast den Arm ab. Es krachte um die beiden herum. Und Kreklim, der nun doch fast vom Schmerz und vom Blutverlust übermannt wurde, sah noch nach oben, zur Turmspitze und der Glocke, die bedrohlich schwankte und sich schließlich, unter ohrenbetäubenden Krachen, aus ihrer Halterung löste.

Er lächelte, so gut es eben mit einem kaum zu Mimik fähigen, schuppigen Gesicht möglich war, mitten ins Gesicht des tobenden Drachen.

„Wir sterben zusammen, du Miststück.“

Der Drache verstand erst nicht, ließ ein Auge nach oben blicken, doch dann war es schon zu spät. Die Glocke schlug mit ihrem ganzen Gewicht und aller Härte auf, zerschmetterte den Schädel und das Genick des Drachen, der Körper erschlaffte und stürzte ungebremst an der Seite des Turms entlang nach unten, während Kreklim seinerseits zusammensackte, ehe er verschüttet wurde.

Dann kehrte Ruhe ein. Eine Ruhe, die erst zwei Stunden später von dem Statis und sieben anderen Drakoniern, die sich in die Zerstörung vorkämpften, unterbrochen wurde. Mit aller Kraft durchwühlten sie den Schutt, suchten sie nach Kreklim oder zumindest Überresten von ihm, doch sein Körper blieb verschwunden. Man glaubte, sein Körper wäre vielleicht ebenfalls außen am Turm hinabgestürzt. Der Statis vermutete gar, der zweite Drache hätte ihn verschlungen und wäre an seiner Beute erstickt.

Nur in einem waren sie sich einig: Kreklim Drako-Eid hatte sich für sie alle geopfert und es allein mit zwei Drachen aufgenommen. Nur dank ihm würde der Orden und sein Wissen weiterhin Bestand haben. So sollte er in die Geschichten des Ordens eingehen, auf dass auch die anderen Orden bei nächster Gelegenheit von seiner Heldentat erfahren würden.