Abschnitt 5 – Training ohne Rücksicht auf Verluste

Die folgenden Wochen und Monate waren die besten, die Samira in ihrem Leben je erleben durfte. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam sie ein Bett und passende Kleidung zur Verfügung gestellt, war das Essen reichhaltig und gestand man ihr sogar ein eigenes Zimmer inklusive Privatsphäre zu. Im Gegenzug musste sie ihr Haar, das bislang ungekürzt bis zu ihrem Gesäß gewachsen war, opfern, wurde es ihr kurz rasiert, musste sie von morgens bis abends trainieren. Das Training war so hart, dass jeder Muskel ihres Körpers schmerzte. So schaffte sie es schließlich im Sommer von 2008, die 220 Kilogramm, die sie am Anfang gerade so bis zur Hüfte hatte heben können, fast problemlos über ihren Kopf zu heben. Doch der fette Russe – von den anderen wurde er immer Juri gerufen – war mit ihrem Fortschritt offensichtlich nicht so zufrieden, wie er eigentlich sein wollte. Statt sie aber, wie sie es schon kannte, auszupeitschen, ihr Essen zu verweigern oder sie wegzusperren, fand er andere, alternative Wege.

Als Samira eines Morgens zum Training gehen wollte, wurde sie von zwei Männern abgefangen, die sie in einen anderen Raum führten. Dort wurde sie auf einem Tisch festgeschnallt, Geräte angeschlossen, die seltsam piepten, surrten Rasierer, um kleine, runde Flecken in ihr Fell zu schneiden, auf die dann Elektroden aufgeklebt wurden. Feine Stromimpulse zuckten durch ihren Körper, während weitere Monitore zu pfeifen begannen, Drucker brummten. Und als wäre das alles nicht schon genug gewesen, um Samira Albträume zu bescheren, folgten dann Stiche von Nadeln, die ihr in die Arme gestoßen wurden.

Stunden vergingen, ehe Samira aus dem Raum entlassen wurde. Was genau geschehen war, konnte sie sich nicht erklären, aber statt zum Training geschickt zu werden, brachte man sie auf ihr Zimmer. Und das Bringen war in der Tat dringend notwendig, wie sie spürte. Die Welt schien sich vor ihren Augen zu drehen, während die Arme, in denen die Nadeln gesteckt hatten, brannten, als hätte sie jemand in kochendes Wasser gesteckt und dort vergessen. Ihr Herz hämmerte, als wolle es aus ihrer Brust springen und davonrennen. Der Schwindel, den sie spürte, ließ auch nicht nach, als sie auf ihrem Bett lag und sich mit allen Vieren festhielt, weil sie fest davon überzeugt war, dass sie ansonsten zu den Seiten herunterfallen würde. Gleichzeitig fühlte sie, wie ihr Fell am ganzen Körper feucht vor Schweiß wurde, obwohl sie sich aller Kleidung entledigt hatte und nur mit ihrem gestutzten Fell und nahezu ohne Haupthaar oben auf ihrem Bett ohne Bettdecke lag und ob der viel zu niedrigen Raumtemperatur eigentlich hätte frieren müssen.

Dieses unbeschreiblich unangenehme Gefühl hielt den ganzen Tag an, ließ erst am Folgetag langsam nach, als sie erneut zum Training ging und dabei feststellte, dass die schmerzhafte Taubheit ihrer Muskeln abends nicht in dem Maße einsetzte, wie sie es gewohnt war. Also erhöhte sie die Intensität ihres Trainings über die nächsten Tage Schritt für Schritt.

Die Besuche in diesem seltsamen Raum und die Stiche mit den Nadeln folgten dennoch wöchentlich. Jeden Mittwoch wurde sie in den Raum geführt, wurden ihr Arme und Beine festgeschnallt, wurden ihr Elektroden auf den Körper geklebt und zahllose Injektionen verabreicht. Und jeden einzelnen Mittwoch wurde sie danach zurück auf ihr Zimmer gebracht, fühlte sie den Schwinde, brannte ihr Körper und war sie für den Rest des Tages unfähig, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Wochen und Monate gingen so ins Land, ehe Juri ihr eröffnete, was vorging. Er zeigte ein Bild von London und fünf Ringen darauf: Die olympischen Spiele 2012 – und Samira sollte genau dort für Russland im Gewichtheben antreten. Noch etwas mehr als zwei Jahre blieben bis dahin, weniger als ein Jahr für die Qualifikation.

Russland hatte sich beim IOC dafür stark gemacht, dass auch Humanoide, die mittlerweile ja schließlich von der Staatengemeinschaft menschenähnliche Rechte anerkannt bekommen hatten, ebenfalls an den olympischen Spielen teilnehmen durften. Der Protest, dass diese genetisch speziell für gewisse Disziplinen erschaffen wurden, verstummte unter dem Hinweis, dass Menschen dafür viele Jahrzehnte von Training und Erfahrung hatten, mehr Ressourcen zur Verfügung und zudem viel solventere Sponsoren hatten, recht schnell. Daher wurde beschlossen, es intern zu prüfen und zu einem späteren Zeitpunkt zu entscheiden.

Mit dem Ziel im Blick ging das Training von Samira weiter. Immer größer wurden die Gewichte, immer härter das Training. Die Schmerzen, die mittlerweile nicht mehr in ihren Muskeln, sondern ihren Gelenken, in ihrer Brust und ihrem Rücken aufkamen, wurden mit Schmerzmitteln betäubt, während die wöchentlichen Besuche in diesem Medizinzimmer mit den Geräten und Spritzen um einen zweiten Tag in der Woche ergänzt wurden. Die ganze Chemie, von der ihr Körper geflutet wurde, hatte ihr zudem noch einen zusätzlichen Wachstumsschub gegeben. Ihre Körpergröße überschritt mittlerweile die 2-Meter-Marke, die Muskeln in ihren Armen, ihrer Brust und ihrem Bauch traten unter dem Fell hervor. Bedenklich war jedoch, dass ihre Brüste, obwohl sie mit mittlerweile 13 Jahren EIGENTLICH schon in der Pubertät stecken und somit zumindest etwas Oberweite besitzen sollte, nahezu flach bzw. nicht vorhanden waren. Dieser Umstand fiel auch Juri auf, der ihr einen Sport-BH mit eingenähten Silikonkissen auf ihr Zimmer legen ließ und ihr vorschrieb, diesen nun wann immer sie konnte unter ihrem Trikot zu tragen. Auch wurden ihre Haare von diesem Tage an nicht mehr so kurz wie bislang geschoren, sondern bis zur Schulter wachsen gelassen, was bedenklich lange dauerte.

2011 und die russlandweite Qualifikationsrunde im Gewichtheben kam. Neben Samira trat lediglich jener humanoide Wolf als Nicht-Mensch im Wettkampf an. Der Rekord einer russischen Gewichtheberin, die ebenso wie Samira nahezu keine Oberweite besaß und optisch eher einem Mann als einer Frau glich, lag bei doch recht beeindruckenden 320 Kilo. Genau jenes Gewicht hob Samira, als sie an der Reihe war, ihrerseits mit überraschender Leichtigkeit an und über ihren Kopf, was die Zuschauer und Punktrichter beeindruckte. Nicht so ihre Kontrahentin, die das Gewicht daraufhin auf 330 Kilo steigerte, nach oben stemmte und nur einen abfälligen Blick für die Humanoide übrig hatte.

Juri sprach mit den Punktrichtern, ließ das Gewicht von Samira statt auf 330 direkt auf 350 Kilogramm erhöhen, ohne seinem Schützling etwas davon zu sagen. Die machte sich an die Hantel, hob diese unter sichtlich größerer Kraftanstrengung an, stemmte sie mit aller Kraft hoch und blickte dann zufrieden zu ihrer Gegnerin.

Weltrekord. Samira war bereits jetzt schon die Siegerin des russischen Wettbewerbs und würde damit im kommenden Jahr für Russland bei den olympischen Spielen antreten. Aber auch dieser Wert schien dem Trainer nicht genug zu sein. Als wolle er seine Konkurrenz gänzlich blamieren, sagte er den Richtern, sie sollten die Hanteln auf 400 Kilo erhöhen.

Nach kurzem Protest wurde seine Forderung schließlich erhöht, trat Samira an eine Hantel, die sie im Training bislang nicht angehoben hatte, griff zu und wuchtete ein Gewicht, das bislang nur in der Männerwelt gehoben wurde, über ihren Kopf. Als sie das Gewicht wieder sinken ließ, spürte sie aber einen spitzen Schmerz in ihrer linken Schulter. Dann, als das Gewicht vor ihr auf den Boden krachte und dort bleibenden Eindruck hinterließ, hin ihr linker Arm nur noch schlaff herab.

Binnen weniger Augenblicke waren die Betreuer und ein Arzt bei ihr, tasteten die Schulter ab und stellten fest, dass diese offensichtlich ausgerenkt war. Allerdings fiel den Ärzten bei der Behandlung die wirklich platte Brust von Samira auf, was sie dazu veranlasste, sie zur näheren Untersuchung vorerst mitzunehmen. Juri protestierte zwar lautstark, doch gegen die Entscheidung der Offiziellen, die vom IOC nach Russland entsandt worden waren, konnte er nichts ausrichten.

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