Abschnitt 6 – Bauernopfer

Aus der Behandlung der ausgerenkten Schulter wurde ein ausführlicher Gesundheitscheck inklusive Blutuntersuchung und Dopingtest. Letzterer endete bereits binnen kürzester Zeit eindeutig: Positiv auf zahlreiche verbotene Substanzen.

Die Konsequenzen der Ergebnisse waren radikal. Binnen Stunden war die Trainingsarena mitsamt aller Nebengebäude inklusive Samiras Unterkunft gesperrt, waren Juri und seine Mitarbeiter festgenommen und auch Samira wurde in Gewahrsam genommen, durfte die Klinik, in der sie näher untersucht wurde, nicht mehr verlassen. Das IOC erhob sogar Anklage gegen Russland wegen gewerbsmäßigen Dopings, drohte, ganz Russland von den kommenden, olympischen Spielen auszuschließen.

Eben jener Umstand war es, der die Haltung Russlands Humanoiden gegenüber änderte. Waren sie anfangs noch Feuer und Flamme dafür, diese für die olympischen Spiele zuzulassen, kippte die Stimmung, wurden diese als durchtrieben, grundsätzlich kriminell und gefährlich charakterisiert. Samira, die tatsächlich nur Spielball von Juri und dessen solventen Herren, die nichts anderes als eine Top-Platzierung Russlands bei den olympischen Spielen im Visier gehabt hatten, wurde von jenen Menschen, mit denen sie noch vor Wochen für so viele Monate und Jahre zusammengelebt hatte, als die tatsächliche Verbrecherin, die einzig wirklich Schuldige hinter der ganzen Angelegenheit entlarvt. Schnell wurden Unterlagen vorgelegt, die die Abstammung einer gewissen S. Mahji von Drogenbossen in Indien und deren Plänen, Mütterchen Russland bei den olympischen Spielen zu sabotieren und bloß zu stellen, belegen sollten. Oberflächlich betrachtet war das alles überzeugend, erst bei näherer Betrachtung wäre der Schwindel aufgeflogen. Doch so genau schaute niemand auf die Unterlagen. Viel zu gern wollten die Menschen glauben, was sie innerlich schon lange gewusst hatten: Humanoide waren eben doch keine mit den Menschen vergleichbaren Wesen, sondern gefährlich und kriminell.

Nur drei Wochen nach der Qualifikation wurde Samira, ohne dass sie eine Ahnung hatte, wie ihr geschah, von der Polizei aus der Klinik abgeholt und vor Gericht gezerrt. Während der gesamten Zeit war sie von den regelmäßigen Injektionen, von denen ihr Körper mittlerweile abhängig geworden war, verschont geblieben. Entsprechend gerädert, mit wenig Konzentration, starken Stimmungsschwankungen und einem Körper, der sich komplett krank und erschöpft anfühlte, saß sie wie ein Häufchen Elend auf einem viel zu kleinen, harten Stuhl, während um sie herum lautstark auf Russisch herum gebrüllt wurde und immer wieder Zeigefinger auf sie deuteten. Sie verstand kein Wort. Und selbst wenn sie die vielen fremden Wörter verstanden hätte, ihr Kopf machte einfach nicht mit.

Erst als am Ende das Urteil gesprochen wurde – in absoluter Stille und von einem Mann, der sich sichtlich die Zeit nahm, diesen Augenblick zu genießen – verstand sie, was vorgegangen war und was sie erwartete:

„Schuldig des Hochverrats – verurteilt zu zwanzig Jahren Haft. Abführen!“

Eigentlich wollte sie sich wehren, als vier Polizisten sie in Ketten legten, in einen Transporter warfen und quer durch das Land fuhren. Doch ihr Körper war so taub, in ihrem Kopf rauschte es. Sie verstand nicht, was mit ihr geschehen war, was sie denn falsch gemacht hatte. Nach zahllosen Stunden schließlich endete ihre vorerst letzte Reise vor den rostigen Toren eines gammeligen Arbeitslagers unter freiem Himmel. Wieder strich die kalte, schneidende Luft durch ihr viel zu dünnes Fell. Doch diesmal nahm keiner Rücksicht auf ihr Unwohlsein, wurde sie nach vorn gestoßen und klatschte, mit hinter dem Rücken gefesselten Händen, vornüber in den kalten Matsch, mit dem sich ihre Kleidung und ihr Fell vollsog.

Sie hatte immerhin Glück, für die ersten drei Monate in Isolationshaft genommen zu werden. Im Dezember 2011, kurz vor ihrem biologischen, fünfzehnten Geburtstag, waren die letzten Spuren jener Substanzen, die ihr über Monate in großen Mengen gespritzt worden waren, gänzlich aus dem Körper gewichen. Und mit den ganzen Drogen, die verschwanden, gingen auch die künstlichen, männlichen Hormone, die zu dem starken Muskelwachstum, aber auch der Unterdrückung ihrer natürlichen Entwicklung geführt hatten. Ihr Körper hatte daraufhin auf seine eigene Art reagiert: Mit einer Überproduktion jener Hormone, die jetzt, mitten in der Pubertät, das Kommando übernehmen sollten. Doch mit dem Fehlen des Gegengewichts wurde diese Überproduktion nicht weniger, geriet ihr gesamter Körper außer Balance.

Die folgenden Wochen, die sie in besagter Isolation verbrachte, wurde sie von Krämpfen geschüttelt, krümmte sie sich vor Unterleibschmerzen und fühlte sie ein Brennen in ihrer Brust. Auch ihr Haupthaar begann mit einem Mal viel schneller und dichter zu wachsen, ihr Brust- und Bauchfell wurde dichter und ihr Geruchssinn erheblich feiner. Am auffälligsten waren aber ihre Brüste, die binnen kürzester Zeit zu wachsen begannen, bei der Größe, die für Humanoide normal und üblich war, aber nicht stoppten. Erst als sich nach drei Monaten das Ungleichgewicht ihres Hormonhaushalts wieder eingependelt hatte, vergingen die nahezu täglichen Unterielbskrämpfe und stoppte auch das Wachstum ihrer Brüste. Auch ihr übriges Wachstum kam zum Erliegen – zum Glück, denn sie maß bereits, wenn sie sich aufrecht hinstellte, gute 2,26, was es schon recht schwer machte, überhaupt irgendwelche Kleidung für sie zu finden. Gerade ihre Oberweite sorgte nun aber noch für zusätzliche Probleme: Sie drückte sich recht deutlich sichtbar in allen Oberteilen, die ihr vom Gefängnis gegeben wurden, nach vorn war sehr gut sichtbar.

Im Gefängnis, das tatsächlich ein Arbeitslager mit nur wenigen Einzelzellen war, fiel Samira so sofort auf. Die übrigen Gefangenen hatten sie von Anfang an eher skeptisch beäugt, sie als Humanoiden nicht so recht einzuordnen gewusst. Jetzt, als die Monate wieder wärmer wurden, sie aus ihrer Isolation entlassen wurde und deutlich weiblichere Charakterzüge aufwies, als noch bei ihrer Inhaftierung, Das sie ein wandelnder Muskelberg war, war zwar bekannt, doch die Entscheidung, sie deswegen in ein Lager zu sperren, in dem sonst nur männliche Gefangene steckten, führte zu bedenklichen Spannungen im Lager.

Ja, sie war eine Humanoide und damit ein Bastard. Ja, sie war ein gefährlicher Bastard, der dank überragender Körperkraft sicherlich jedem, der ihr quer kam, problemlos den Kopf wie eine überreife Melone hätte zerplatzen lassen können. Doch mit den Wochen und Monaten, die ins Land gingen, in denen man gezwungenermaßen dicht an dicht die schmutzigsten Arbeiten machen musste und zahllosen Gelegenheiten, der Tigerdame näher zu kommen, als sie, die sie stets auf einen gewissen Abstand achtete, schwand die Scheu der Männer vor dem einzigen, weiblichen Wesen im Lager immer weiter.

Irgendwann passierte es dann, dass einer der Häftlinge ihr durchs Haar strich, ein anderer auf ihren Po fasste und ein dritter sich ihr so in den Weg stellte, dass sie sich brummend an ihm vorbei zwängen musste, dabei mit ihrem Oberkörper und Brüsten an seine Schulter kam. Doch statt es dabei zu belassen, hob dieser Insasse seine Hand, legte sie auf ihre Brust und drückte zu…

…das war der Moment, in dem es Samira zu viel wurde. Sie holte ihrerseits mit ihrem Ellenbogen aus, donnerte ihm diesen ins Gesicht und brach ihm so mit einem Schlag die Nase, ehe sie sich mit schnellen Schritten in Richtung Zellentrakt entfernte.

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