Abschnitt 7 – Es wird hässlich

Vielleicht hatte Samira gehofft, dass es ein Einzelfall bleiben würde, doch die übrigen Insassen hatten beschlossen, dass sie, die sie ihrem Heimatland doch so geschadet hatte und ja eh kein Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben hatte, nun etwas für sie tun sollte. Und da sie nunmal eine Frau – wenn auch eine sehr behaarte, sehr starke und seltsam aussehende – war, war es klar, was das war.

Ganz gleich, wo sie hin ging, ob sie etwas aß oder zur Arbeit musste, immerzu war sie umringt von mindestens vier oder fünf Männern, die ihr viel zu nahe kamen, sie berührte, über ihre Oberschenkel, ihre Schultern, durch ihr Haar oder ihren Bauch strichen. Wie Fliegen, die um das Hinterteil eines Pferdes schwirrten, konnte sie immer zumindest einige von ihnen wegschlagen, doch es kamen ständig neue hinzu, die zunehmend aufdringlicher wurde. Ihre Versuche, eine Wache oder irgendjemanden zu finden, der die übrigen Insassen davon abhielt, blieben indes fruchtlos. Keiner der Wärter interessierte sich für sie oder die Angelegenheiten der Insassen, so lange keiner auf die Idee kam, etwas kaputt zu machen oder zu flüchten.

Die Belästigungen gingen immer weiter, zogen sich über ein komplettes Jahr hin, ehe jener Typ, dem sie zuallererst die Nase gebrochen hatte, sich erneut ein Herz gefasst und beschlossen hatte, sich an ihr, die nun für seine schiefe Nase verantwortlich war, zu rächen. Auf dem Weg zurück in die Zellen fing er sie zusammen mit drei Zellengenossen ab. Einer von ihnen stellte sich ihr in den Weg, während ein zweiter ihr von hinten in die Kniekehle trat. Lediglich auf einem Knie hockend war die für den Plan des Kerls mit der schiefen Nase notwendige Höhe der sonst viel zu großen Tigerdame kein Problem mehr und er gab seinem dritten und letzten Kameraden mit einem Nicken das Zeichen. Mit einem Ruck griff dieser das Halsband, das Samira noch immer trug, hinten am Nacken und legte sein gesamtes Gewicht hinein, um daran zu ziehen. Schlagartig drückte das metallene Halsband ihr die Luft und die Blutzufuhr ab, versuchte sie noch, dagegen anzukämpfen, wurde ihr aber schon schwarz vor Augen, als der mit der schiefen Nase vor ihr stand, sie angrinste und ein „Kennst du mich noch“ zum besten gab, ehe er mit einem großen Stein in seiner Hand auf ihren Kopf eindrosch und sie so wirklich ins Reich der Träume schickte.

Samira war nicht lange ohnmächtig gewesen – dafür war der Schlag von dem Kerl nicht hart genug gewesen. Doch es hatte gereicht, damit die vier Männer sie zurück in die Werkstatt des Arbeitslagers hatten schleifen, ihre Hände und Beine mit den Ketten, die eigentlich für die hier zu bauenden Fahrrädern fesseln und ihr das Hemd sowie die Hose vom Leib reißen konnten. Sie strampelte und wandte sich hin und her, versuchte krampfhaft, irgendwie Herrin der Lage zu werden, doch die drei Männer hielte sie an den Schultern fest, während der mit der schiefen Nase ihre Unterhose runterzog und mit der flachen Hand auf ihren nun unbekleideten Po klatschte.

„Du wirst jetzt für deinen Verrat zahlen, Bastard.“ spottete er grinsend, ehe er seine eigene Hose öffnete.

Erst drei Stunden später, als die Wachen bei der Kontrolle die leere Zelle von Samira entdeckt hatten, fand man sie – noch immer gefesselt, ihre Kleidung zerrissen neben ihr liegend, weinend – allein in der Werkstatt. Was genau zugestoßen war, konnten die Wachen nur vermuten. Im Gefängnis hingegen sprach sich die Prahlerei der vier, die einer Bestie die Unschuld genommen hatten, wie ein Lauffeuer herum. Angst hatte von diesem Tage an keiner mehr vor der zwar großen, aber offenbar doch recht leicht zähmbaren Tigerfrau, die ihrerseits immer mehr Abstand suchte und ihre Zelle kaum noch verließ. Wenn sie das jedoch tat, kam oft der Kerl mit der schiefen Nase auf sie zu, legte entweder eine Hand auf ihren Po oder eine ihrer Brüste, drückte leicht zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das reichte meist, damit sie ängstlich das Weite suchte und sich für Stunden oder Tage nicht mehr sehen ließ.

Erst Mitte 2014 – unter dem politischen Druck, der durch die Krim-Krise auf Russland und die Machenschaften im Land von den eigenen Landsleuten aufgebaut wurde, änderte sich etwas für die mittlerweile 17jährige Samira: Eine neue Wache, die lange Jahre in der Ostukraine gelebt und gearbeitet hatte, aufgrund der Krise aber zu diesem Gefängnis verlegt worden war, nahm sich ihrer Situation auf eine ganz eigene Art und Weise an: Kurz nachdem ihm aufgefallen war, wie einige andere Häftlinge mit ihr umsprangen und sie sich immer weiter isolierte, machte er Aufnahmen von den Geschehnissen und stellte diese unter einem anonymen Account online. Einige der Bilder, die er dabei veröffentlichte, zeigten deutlich, wie übergriffig die übrigen Insassen waren – und wie wenig sich die Wachen dafür zu interessieren schienen.

Was folgte, war ein öffentlicher Aufschrei. Die Umstände der Verurteilung der Tigerdame wurden plötzlich näher hinterfragt, Dinge wie das Fehlen eines Pflichtverteidigers, die Tatsache, dass sie sich nicht einmal selbst äußern durfte, dass sie als Eigentum betrachtet worden war, eskalierten, wurden mit den früheren Aussagen der Regierung, die sich einmal für die Rechte der Humanoiden stark gemacht hatte und den vielen Anmeldungen ebendieser bei Wettkämpfen in Verbindung gebracht.

Binnen weniger Tage waren ranghohe Offiziere im Gefängnis und hatten jede einzelne Wache, die am vermutlichen Tag der Aufnahmen Dienst gehabt hatte, in Einzelgesprächen in die Mangel genommen. Ein Schuldeingeständnis war das Letzte, was sie öffentlich bekunden wollten. Das hätte für die nächsten Turniere und den eh schon viel zu großen, politischen Druck weiter eskalieren lassen. Und da der neue Wächter nicht der Dümmste gewesen war, wusste er, die Spuren auf mehrere Wachen gleichermaßen deuten zu lassen, so dass sämtliche Untersuchungen ins Leere führten, während der öffentliche Druck auf die Regierung immer weiter wuchs.

Und während man verzweifelt nach Wegen suchte, zu glätten und zu reparieren, was nicht zu glätten oder zu reparieren war, schleuste er ein Angebot von einem kleinen Sportverein aus Deutschland in eine der Befragungen ein. Deren Angebot klang geradezu verlockend: Sie boten an, die Fahrtkosten und die Visakosten zu übernehmen und ihr eine zweite Chance in einem Trainingslager für Kraft- und Ausdauersport zu verschaffen. Bezahlt werden sollte alles von Spenden, die online bei einer Petitionsseite gesammelt worden waren. Alles, was Russland machen musste, war lediglich die Anklagepunkte fallen zu lassen, sie zu begnadigen und ihr eine Erlaubnis zur Ausreise zu erteilen.

So schön das alles auch klang, es wäre mit einem Gesichtsverlust der Regierung einher gegangen. Doch mangels Alternativen kam man nur mit einer kleinen Abwandlung des Vorschlags.

Eines Nachts – sowohl Samira als auch alle übrigen schliefen bereits – stürmten drei Wachen in ihre Zelle, stülpten ihr einen Sack über den Kopf und fesselten sie. Samira, die die Bilder dessen, was ihr in diesem Gefängnis schon alles zugestoßen war, erstarrte vor Angst und begann bereits wieder zu weinen, während sie von den drei Männern quer durch den Zellentrakt geschleift und mit Schwung in einen Transporter geworfen wurde, der kurz darauf mit quietschenden Reifen das Gefängnis in Richtung Westen verließ.

Erst kurz vor der Grenze zur Westukraine blieb der Transporter stehen, warf man sie wie einen Sack Mehl einfach auf die Straße, schmiss noch einen Beutel mit den relevanten Papieren auf sie drauf, ehe der Wagen erneut mit quietschenden Reifen davon raste.

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