Abschnitt 8 – Wird es nun besser?

Mit einem Bündel aus Unterlagen und Geld, aber unfähig, irgendwas davon zu lesen, war es mehr Glück als Verstand, auf die richtigen Leute zu treffen, die Samira in einen Zug in Richtung Deutschland setzten. Denn während der gesamten Zeit, die sie zuerst in Indien unter der Fuchtel ihres Pflegevaters, dann in Russland bei den unbarmherzigen Trainern und schließlich im Gefängnis verbracht hatte, wurde ihr von niemandem das Lesen oder Schreiben beigebracht. Selbst Zahlen und alles, was sie in dem Bündel erhalten hatte, waren fremd für sie. Und als sie in den Zug stieg, ein Zugabteil zugeteilt bekam und auf dem gepolsterten Sitz Platz nahm, die Tür zum Flur hin nur aus Glas war und jeglichen Riegel, der sie von außen geschlossen hielt vermissen ließ, während draußen die Landschaft an ihr vorbei raste, war sie zum ersten Mal in ihrem gesamten, nun im 14. Jahr auf dieser Welt andauernden und insgesamt 17. Lebensjahr, wenn man ihr biologisches Alter berücksichtigte, frei und unabhängig.

Doch trotz dieser Freiheit, die jedes Leben verdient hat, fühlte sie Furcht. Stimmen und Gelächter drangen durch die dünnen Wände der Abteile an ihre Ohren. Fremde Sprachen, die sie nicht verstand, nicht verstehen wollte und Bilder aus dem Gefängnis, von den qualvollen Erlebnissen der zahllosen Trainingseinheiten. Bilder rauschten vor ihrem inneren Auge, ließen sie aus Angst zusammenzucken. Ja, sie war frei – und sie hatte panische Angst vor dieser neuen Freiheit, in der sie keinen Halt, keine Orientierung besaß. Und so kugelte sie sich auf ihrem Sitz dicht zusammen, presste ihre Beine dicht an ihre Brust, vergrub ihr Gesicht tief in ihrem Schoß und weinte vor Angst bittere Tränen.

Bei den Grenzkontrollen wirkte sie hilflos, drückte sich vor den uniformierten Herren, die doch nur ihren Ausweis sehen wollten, hilfesuchend und ängstlich in die Nische zwischen Sitz und Fenster, wäre am liebsten heraus gesprungen und um ihr Leben gerannt. Dabei war es nur ihr Pass, den die Beamten sehen wollten – und der befand sich, zusammen mit jener Erklärung, die ihr die Reisefreiheit nach Deutschland bescheinigte, eben genau jener russische Reisepass, der von den Behörden mit einem Archivfoto von ihr im Eilverfahren angefertigt und in ihr Gepäck gepackt worden war, damit sie das „Problem“ möglichst schnell los werden konnten.

Bei ihrer Ankunft in Frankfurt erwartete sie nicht etwa eine Menschenansammlung, sondern eine andere Humanoide – eine Leopardin, um genau zu sein – mit einem Foto von Samira in Händen, um diese abzuholen. Zu Samiras Glück sprach Aera, wie sich die Leopardin vorstellte, neben Deutsch und Englisch auch ein akzentfreies Hindi und führte die fast zwei Kopf größere, dafür aber jüngere Tigerdame zu ihrem richtigen Zug, der sie nach Koblenz bringen sollte. Binnen kürzester Zeit erklärte Aera ihr, dass es ein Sportverein gewesen war, der zu Spenden aufgerufen hatte, weil sie sie als Trainingspartner und Maskottchen für ihren Club wollten. Aera merkte aber auch, welche Furcht Samira vor Menschen entwickelt hatte, mit welcher Scheu sie sich trotz ihrer überlegenen Größe und Stärke versteckte und die kleinere Leopardendame liebend gern vor sich her gehen ließ, die Blicke stets in alle Richtungen wandern lassend.

Aera eröffnete Samira aber auch, dass sie lediglich gebeten worden war, sie zum Verein zu begleiten – offenbar hatte man schon geahnt, dass sie menschlichen Willkommenskomitees nicht wirklich offen und freundlich gegenüber reagieren würde. Welchen Ausmaßes die Angst – nein, Panik traf es eher – von Samira aber war, überraschte selbst die ältere und erfahrenere Aera sichtlich. Als Versuch, der ängstlichen Artgenossin zu helfen, hielt sie ihr ihren mp3-Player hin. Noch ehe Samira verstand, was das Ding war und was die Geste zu bedeuten hatte, stopfte Aera mit den Worten „Musik hilft mir immer, mich zu entspannen. Versuch es doch mal“ die Kopfhörer in Samiras Ohren und drückte auf die Play-Taste.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte Samira sanfte, ruhige Klänge, harmonisch und wunderbar. Die grässlichen Stimmen, die Geräusche, die so viele dunkle Erinnerungen in ihrem Gedächtnis weckten, wurden durch harmonische Klänge ersetzt. Binnen Sekunden entspannten sich ihre Muskeln, beruhigte sich ihr Puls und sie fand Ruhe.

In Koblenz angekommen führte Aera die junge Samira zum Sportverein. Unverkennbar war der Kopf eines Tigers auf ein Transparent gemalt – das einzige, das Samira auch ohne die Buchstaben entziffern zu können erkannte und verstand. Als sie sich von Aera verabschiedete und den mp3-Player zurückgeben wollte, winkte diese nur ab. „Du kannst ihn mir zurückgeben, wenn du deinen eigenen mit deiner eigenen Lieblingsmusik hast. Behalt ihn bis dahin einfach.“

Die Wochen und Monate, die folgten, sah sich Samira zum ersten Mal mit Lehrern konfrontiert, die ihr die Sprache beizubringen versuchten. Im Verein nahm sie ihrerseits ihr Training wieder auf, wählte als Trainingszeiten aber jene, in denen niemand anders die Geräte und die Halle benutzte. Dennoch, so wurde es ihr klar kommuniziert, würde sie eine gewisse Arbeit verrichten müssen, um ihren Unterhalt hier zu verdienen. Fototermine gehörten ebenso dazu wie Auftritte und gemeinsame Trainings. Gerade letztere verlangten viel von ihr ab. Nicht körperlich, sondern in ihrem Kopf – ständig musste sie sich zwingen, nicht weglaufen zu wollen. Doch insbesondere jene Fotoshootings, bei denen man dicht gedrängt stand, ließen ihren Puls in die Höhe schießen.

2016 kam – und damit die olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Samira, die in den vergangenen Jahren Fortschritte in der deutschen Sprache gemacht hatte und nun zumindest etwas davon verstand, wenn ihr Gegenüber langsam genug sprach, saß mit großen Augen vor dem Fernseher, bewunderte die Disziplinen. Insbesondere beim Gewichtheben sah sie besonders aufmerksam zu. Für einen Augenblick dachte sie zurück an 2011, fühlte sich an das Training für die Spiele in London erinnert.

Trainingsmäßig ging es ihr nun nicht einmal ansatzweise so gut, war sie nicht mehr so in Form wie damals. Doch im Gegensatz zu damals hatte sie nun ein eigenes, kleines Apartment und einen kleinen Verdienst als Maskottchen, der allerdings gerade genug abwarf, damit sie sich etwas zu essen kaufen konnte. Doch hier und jetzt beschloss sie, ihr Training wieder zu steigern – denn 2020 wollte sie versuchen, bei den olympischen Spielen in Japan anzutreten.

Sie erzählte Aera von ihrem Plan, die versprach, sie mit jemandem bekannt zu machen, der ihr als Coach zur Seite stehen würde. Doch schon ohne besagten Coach legte Samira los, ihr Training selbst in die Hand zu nehmen.

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