Abschnitt 10 – am Boden angekommen

Das Bild, das sie sah, kam ihr beängstigend bekannt vor. Es war das selbe Klinikzimmer, in dem sie vor Monaten bereits mit ihrer Knieverletzung gelegen hatte. Nur stand diesmal kein Coach neben ihr, der mit den Ärzten oder der Schwester hätte reden können. Und das konnte sie auch jetzt nicht, denn der Arzt und eine Schwester standen am Fußende ihres Bettes und begutachteten etwas, was Samira aufgrund der hoch gesteckten Decke nicht sehen konnte. Dann fühlte sie mit einem Schlag ein Krachen, begleitet von einem infernalischen Schmerz, der durch ihr rechtes Bein schoss. Zum ersten Mal in ihrem Leben brüllte sie aus ganzer Kehle, so laut, dass die Scheiben in den Fenstern knirschende Geräusche von sich gaben.

Der Arzt und die Schwester sahen zu ihr hinauf, überrascht, dass sie wach und bei Bewusstsein war. Fast entschuldigend meinte der Arzt „hätte ich das gewusst, hätten wir dir zuerst Schmerzmittel gegeben.“ ehe er die Decke zur Seite legte und ihr so den Blick auf ihr rechtes Bein freigab.

„Ich habe das Gelenk wieder gerichtet. Aber die Bänder sind alle gerissen. Vermutlich noch mehr. Aber das müssen Spezialisten herausfinden.“

Samira seufzte tief. Erstens weil sie keine Ersparnisse und niemanden mehr hatte, der für sie bürgen konnte und zweitens, weil sie erneut von den Menschen abhängig war. Immerhin gestand man ihr eine Krücke zu, mit der sie selbst zur nächsten Klinik humpeln konnte.

Dort angekommen eröffnete sie ihr Problem. Doch statt sie abzulehnen, wurde sie stattdessen zu einem anderen Ansprechpartner in der Klinik vermittelt, der ihr anbot, ein Darlehen über den Betrag der Operationskosten zu gewähren, das sie durch die folgende Arbeit abstottern konnte. Sie unterschrieb, ohne das Vertragswerk lesen zu können – denn auch wenn ihr zumindest rudimentäre Deutschkenntnisse beigebracht worden waren, gehörte Lesen noch immer zu den Dingen, die sie nicht beherrschte. Zahlen kannte sie zwar inzwischen, aber das war es auch schon.

Etliche Signaturen ihrerseits später wurde sie erneut operiert, versprach man ihr, dass sie ihren Fuß binnen zwei Wochen wieder benutzen können würde.

Nach besagten zwei Wochen aber merkte Samira, dass ihr rechter Fuß deutlich steifer, unbeweglicher war, sie ihn dazu kaum belasten konnte. Als sie es dennoch versuchte, knackte es böse darin, flammten die nur zu bekannten Schmerzen erneut auf. So schnell sie konnte suchte sie die Klinik erneut auf, schilderte ihre Probleme. Ein anderer Arzt der Klinik übernahm die Untersuchung, ließ zahlreiche Diagnosen anfertigen, machte jede Menge Röntgenbilder, ehe er zu der Erkenntnis kam, dass die Verletzung durch ihren eigenen Fehler offenbar verschlimmert worden war und eine zweite Operation nötig wäre. Erneut folgten viele Formulare, viele Unterschriften, erneut landete sie unter dem Messer und wurde ihr im Anschluss eröffnet, dass sie bitte drei Wochen keinerlei Belastung auf den Fuß bringen sollte.

Ihr Apartment war mittlerweile geräumt worden. Ohne ein Dach über dem Kopf und ohne Idee, was sie jetzt noch machen sollte, wandte sich Samira hilfesuchend an Aera. Die Leopadendame bot Samira an, sie übergangsweise bei sich auf der Couch einziehen zu lassen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Ja, diesen Wortwitz brachte sie wirklich genau so und hob vor Scham beide Hände vor den Mund, als sie merkte, was genau sie da gesagt hatte.

Die drei Wochen vergingen und erneut spürte Samira Probleme mit ihrem rechten Fuß. Diesmal war er aber nicht steif, sondern im Gegenteil viel zu locker. Ganz gleich, wie sehr sie die Muskeln anspannte, er knickte bei jeglicher Belastung einfach zur Seite weg. Zwar verursachte das keine Schmerzen, aber wie sollte sie so trainieren oder gar bei einem Wettkampf teilnehmen? Wieder machte sie einen Termin bei der Klinik. Oder besser: Sie war gerade dabei, als Aera einschritt. Die äußerst belesene Leopardin – Samira hatte mittlerweile herausgefunden, dass sie ursprünglich für den Geheimdienst erschaffen worden war und nach den Sanktionen der UNO 2001 zuerst einen Posten als Dolmetscherin, dann im Laufe der letzten Jahre einen Botschaftsposten ergattern konnte. Und mit diesem Wissen und diesen Kenntnissen hatte sie die Mengen an Papieren, die Samira aus der Klinik mitgenommen hatte, überflogen. Allein schon an dem Gesichtsausdruck, den sie dabei bekommen hatte, merkte Samira, dass etwas nicht stimmte.

„Du warst zu zwei Operationen, richtig?“ fragte Aera. Samira nickte.

„Hier steht, dass für die Behandlungen, die Diagnostik und die Eingriffe nebst Kreditvorstreckung insgesamt 72.485 Euro fällig geworden sind. Das ist doch viel zu viel. Warum hast du das nicht gelesen? Wieso hast du das unterschrieben?“

Samira antwortete nicht. Sie blickte Aera nur entsetzt an. Die packte Samira dann nur am Handgelenk, zog sie auf die Beine, reichte ihr die Krücke aus der ersten Klinik und brachte sie daraufhin zu einem anderen Krankenhaus – einem, das sie selbst kannte und in dem zu Samiras Überraschung am Empfang eine andere Humanoide saß, die Aera übermäßig freundlich begrüßte. Binnen weniger als einer Stunde hatte sie einen Termin mit einer Ärztin, die sich Samiras Fuß genau ansah.

Nach einem Röntgenbild und einem Besuch im MRT blickte die Ärztin die beiden humanoiden Damen ernst an, schüttelte dabei den Kopf. „Metzger. Bestenfalls, wenn ich mir das hier ansehe.“ seufzte sie, deutete auf die klar sichtbaren Narben, die die Außenseite von Samiras Knöchel zeichneten.

„Die haben mehr kaputt gemacht als heil. Ob wir DAS wieder repariert bekommen, kann ich nicht versprechen.“

„Was kostet es?“ fragte Aera, die Zettel mit den überhöhten Rechnungen in Händen.

Die Ärztin legte eine Hand auf die eigene Stirn. „Lass mich eine Kopie davon machen. Ich lege die Aufnahmen, die ich gemacht habe, dazu. Die Rechnung schicken wir denen. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Solche Betrüger verdienen, dass man gegen sie vorgeht.“

Die dritte Operation binnen kürzester Zeit folgte – zum Glück von Samira ohne Berechnung. Und doch wurde ihr im Anschluss offenbart, dass die Schäden, die durch die ursprüngliche Verletzung nicht hinreichend behandelt worden waren, das zu Spätfolgen führen könnte und die Schäden der beiden anderen OPs ihrerseits Schaden angerichtet hatten, der vielleicht noch mit der Zeit verheilen könnte, vielleicht aber auch bleiben und zukünftig Probleme bereiten könnte. Genaueres würde man erst in einigen Monaten oder Jahren sagen können. Zusammen mit der Anweisung, den Fuß einen Monat lang möglichst nicht zu belasten sollte Samira nach besagtem Monat zur Kontrolle kommen.

Jener Monat kam – und bei der Kontrolle bestätigte sich, was die Ärztin vermutet hatte: Die Schäden, die durch die beiden Eingriffe entstanden waren, würden vorerst verbleiben. Sie untersagte Samira bis auf weiteres alle besonders belastenden Aktivitäten, da diese nur zu weiteren Verletzungen führen könnten.

Und von einem Moment auf den anderen war es vorbei mit ihrem Traum, 2020 in Japan anzutreten. Außerdem, das musste die Ärztin leider ebenfalls eröffnen, bestand die andere Klinik weiterhin auf die Erfüllung ihres Kreditvertrages von 72.485 Euro bei einem Zinssatz von 11%. Sie brauchte Arbeit – irgendeine Arbeit. Doch sie hatte keine Ahnung, wo sie zu suchen anfangen sollte.

Es war mehr Glück im Unglück, das sie auf dem Weg aus der Klinik auf jemanden traf, der gerade eingeliefert wurde und von einer Ausbildung zum Mechatroniker sprach, die er gerade hingeworfen hatte, weil es einfach nicht das gewesen war, das er sich vorgestellt hatte. Zu anstrengend, zu schwer die einzelnen Dinge, die man schleppen musste…

Samira merkte sich die Adresse und den Firmennamen, fragte dann die Humanoide am Empfang nach dem Weg und machte sich sogleich auf den Weg dorthin.

Der Betrieb, von dem der Besucher in der Klinik gesprochen hatte, war eine kleine Autowerkstatt in einem schäbigen Teil der Stadt, geführt von einem Italiener, der Samira gerade einmal bis zur Hüfte reichte. Das machte es ihr leicht, über ihre Scheu gegenüber Menschen hinweg zu sehen und ihn um die Position als Auszubildende zu bitten. Der Chef war von ihrem Interesse überrascht, rieb sich aber zufrieden die Hände und nahm das Angebot sogleich an. Auf die Frage, wo sie denn wohne und wohin er die Unterlagen schicken sollte sowie die Antwort, dass sie derzeit keine Bleibe mehr habe, bot er ihr an, einen Teil ihrer Ausbildungsvergütung dahingehend zu wandeln, dass sie im Souterrain unter dem Büro einziehen und die dortige Einliegerwohnung beziehen könne.

Im Glauben, endlich einmal Glück zu haben, stimmte Samira zu, erzählte ihre Geschichte sogleich Aera, die der Tigerdame Glückwünsche ausrichtete aber gleichzeitig um Entschuldigung bat, weil ihre Stelle erforderte, dass sie wegziehen müsse. Sie versprach Samira aber, sobald sich die Gelegenheit bot, einmal zu Besuch zu kommen.

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