Abschnitt 11 – jetzt aber alles gut, oder?

Gern hätte Samira angenommen, dass ihr Leben nun eine glückliche Wendung genommen hätte. Doch wie sehr sie mit dieser Einschätzung daneben lag, merkte sie erst, als sie schon hüfttief drin steckte.

Eine Ausbildung zur Mechatronikerin – das war, wofür sie unterschrieben und was sie sich gewünscht hatte. Tatsächlich wurde sie in der Werkstatt schnell zum Mädchen für alles ernannt, musste sie ihre überlegene Körperkraft einsetzen, um Dinge zu tun, die den anderen Mitarbeitern und Mit-Azubis zu schwer waren. Wenn die Bühnen oder die Wagenheber kaputt waren, durfte sie auch gerne einmal selbst unter die Autos kriechen und diese mit Muskelkraft so weit hoch stemmen, dass ihre Kollegen die Räder und Bremsen montieren und Achsen tauschen konnten. Morgens wurde von ihr, die sie ja unter dem Büro der Werkstatt wohnte, selbstverständlich erwartet, dass sie die Werkstatt sauber hielt und am Abend, dass sie sich um Müll und die übrigen Kleinigkeiten kümmerte, die dem Chef und allen anderen unangenehm waren.

Die „Wohnung“, die von dem Chef so großzügig als Einliegerwohnung im Souterrain angepriesen wurde, war in Wirklichkeit nichts anderes als ein einziger, großer Kellerraum, in dem früher einmal eine große Kohleheizung gestanden hatte und in den eine kleine Zwischenwand eingezogen wurde, um auf den Kacheln, die den Standplatz des alten Ofens markierten, eine notdürftige Dusche sowie einen Klopott unterzubringen. Vom „Wohnraum“, wenn man den Rest so nennen wollte, war diese kleine Nische nur mit ein paar Leichtbauwänden und einem Plastikvorhang, der die besten Tage schon lange hinter sich hatte, abgetrennt. Der restliche Raum war mit einem billigen Bett Marke „Kartoffelkiste“, das gerade so für Samira passte, wenn sie sich etwas zusammenrollte, einen Tisch, der nur noch drei Beine besaß und an einer Seite an der Wand festgeschraubt war, um nicht umzukippen, einen Kleiderschrank ohne Türen, dafür aber mit einer schief hängenden Kleiderstange und einem Kanonenofen in der Raumecke, dessen Rohr hoch in das einzige, schmale und nicht zu schließende Fenster (Modell „Schießscharte“) führte, ausgestattet. Der Boden war gänzlich gegossener Beton, der nur von ein paar ausgelegten, schimmeligen Handtüchern, die wohl Teppiche darstellen sollten, bedeckt, während an der Decke nur eine einzelne, im Betrieb grässlich brummende Leuchtstoffröhre für Licht sorgte. Nur die Wohnungstür machte den Eindruck, wirklich „neu“ zu sein, auch wenn Samira nicht ansatzweise verstand, was die massive Tür denn wirklich schützen sollte. Auch ihre Arbeitskleidung, die sie nach einigen Tagen erhielt, war alles andere als angenehm. Die Arbeitsschuhe beispielsweise hatten zwar ihre Größe und waren auch für digitigrade Füße angefertigt worden, allerdings waren ihre Füße deutlich breiter als die desjenigen, der wohl Modell gestanden hatte. Auch die Nähte und Zierteile waren grässlich gefärbt – grell rosa, um genau zu sein – und bissen sich mit dem von ihr so geliebten Rot. Doch selbst wenn die Farbe gepasst hätte, die Schuhe waren schlicht zu schmal. Doch auf Nachfrage hin blieb es dabei – das waren die Sicherheitsschuhe, die sie zu tragen hatte.

Erschwerend kam noch hinzu, dass Samira nach einigen Tagen, die sie in der Werkstatt arbeitete, spürte, wie ihr rechter Knöchel immer mehr zu schmerzen begann. Irgendwann wurden die Schmerzen so schlimm, dass sie nicht mehr auftreten konnte. Als sie das ihrem Chef sagte und fragte, ob sie zum Arzt gehen dürfe, wiegelte dieser schroff ab, sie solle das gefälligst nach Feierabend oder am Wochenende machen. Krankfeiern gäbe es mit ihm nicht. Also schleppte sie sich am Abend, als sie mit der Arbeit fertig war, humpelnd zur Klinik und beschrieb ihre Probleme. Es brauchte keine große Untersuchung, die Diagnose war klar: Überbelastung. Deutlich wurde ihr empfohlen, sich mehr zu schonen. Als sie sagte, dass dies bei der Arbeit nicht möglich sei, verschrieb ihr die Ärztin eine Orthese, die sie bei der Arbeit tragen sollte und empfahl, den Fuß wann immer es ging auszuruhen und hochzulegen, da Folgeschäden bei ständiger Überlastung nicht auszuschließen seien.

Mit ihrem letzten Geld kaufte Samira also die Orthese, dank der die eh schon engen Arbeitsschuhe an ihrem rechten Fuß nun noch etwas enger saßen. Doch immerhin konnte sie so vorerst schmerzfrei arbeiten.

Auf der Arbeit jedoch merkte sie überdeutlich, wie die anderen Mitarbeiter und Azubis sie ständig mit Blicken bedachten. Auch deswegen zog sie sich in der Werkstatt immer weiter zurück – so weit, wie es denn ging – und beschloss für sich, ihr Aussehen, wenn sie arbeitete, möglichst gut zu verbergen. So zwängte sie ihre Brüste in viel zu enge BHs, zog dann noch ein enges T-Shirt darüber, ehe sie mit einem lockeren T-Shirt und ihrer Arbeitskleidung schloss, ihre Oberweite so nahezu gänzlich unter Kleidung verbarg. Auch ihr Haar, das lang gewachsen und auf das sie so stolz gewesen war, flocht sie jeden Morgen mehrfach zusammen, knotete es und verbarg dann das meiste unter einer Kappe. Selbst ihren Schwanz ließ sie in den Gürtelschnallen ihres Overalls nahezu vollständig verschwinden, so dass sie, wenn sie jemandem nicht gerade frontal gegenüberstand, auf eine gewisse Distanz weder als Frau, noch als Humanoide erkennbar war. Selbst ihre Hände und die schönen, rot lackierten Fingernägel, verbarg sie unter Handschuhen.

Schließlich blieb da noch die Ausbildungsvergütung. Es gab zwar fixe Vergütungssätze, die zu bezahlen waren, doch ihr Chef zwackte einen nicht kleinen Teil für die „Wohnung“ ab, zahlte ihr so nur noch 500 Euro jeden Monat aus. Davon jedoch gingen jeden Monat über 350 Euro zur Tilgung ihres Krankenhauskredites ab. Von den verbleibenden 150 Euro musste sie dann zusehen, irgendwie leben zu können. Das wiederum gelang ihr nur, indem sie wirklich das billigste vom billigen aß und trank. Viel Getreide, viel Fett, wenig Gemüse, nahezu klein Fleisch bedeutete damit eine Diät, die ihr Körper sehr miserabel vertrug, dazu eine große Zahl an billigen Fertiggerichten, die allesamt schnell dafür sorgten, dass zusammen mit dem Fehlen jeglicher, sportlicher Aktivität, ihre vormals schlanke, fast hagere Figur rundlicher wurde, ihr Bauch an Fülle zunahm.

Als Samira im dritten Ausbildungsjahr angekommen war, wurde ihr beiläufig eröffnet, dass sie EGIENTLICH auch die Berufsschule hätte besuchen müssen, um ihre Ausbildung abschließen zu können. Da sie aber mit ihren nun 23 Jahren noch immer nicht lesen konnte, hatte sie das weder gewusst, noch auch nur im Ansatz eine Chance auf das Bestehen irgendeiner Prüfung gehabt. Schulen hatte sie schließlich in ihrem Leben noch nie von innen gesehen. Ihrem Chef war das nur recht – er passte ihren Vertrag so an, dass sie keine Ausbildung, sondern eine Lehre machte, ihr alles Wesentliche hier in der Werkstatt beigebracht würde. Nicht nur bedeutete das, dass er ihr keine höhere Vergütung zahlen musste, er bekam umgekehrt noch Förderung dafür, dass er sie hier unter eigener Arbeit unterrichtete und damit weiterbildete – was er selbstverständlich NICHT tat. Stattdessen ließ er sie so weiterarbeiten wie bisher. Und bei eben jener Arbeit ereignete sich dann leider ein Unfall.

Samira war aufgetragen worden, an einem alten, amerikanischen Lincoln einen Ölwechsel durchzuführen, während einer ihrer Kollegen sich daran machte, einen Fehler am Klimakompressor zu beseitigen. Leider waren die Hebebühnen alle belegt, so dass Samira unter den Wagen kriechen musste, um die Schraube an der Ölwanne zu öffnen und das Öl ablassen zu können. Unbequem, aber sie hatte darin bereits Routine. Als sie aber gerade dabei war, die Schraube zu lösen und ihr Kollege am Klimakompressor arbeitete, platzte an Letzterem ausgerechnet der überalte Schlauch der Klimaanlage, entleerte sich der Kühlkreislauf mit einem Schwall nach unten.

Samira brüllte, als die scharfe Lauge auf sie runter spritzte und sie im Gesicht traf, ihr die ätzende Flüssigkeit in die Augen lief und sie von einer Sekunde zur nächsten nichts mehr sehen konnte. Panisch strampelte sie, versuchte sie, unter dem Auto hervor zu kommen, doch das dauerte lange, mühselige Minuten. Ihr Kollege rannte los, holte Wasser, während ein anderer bereits den Notruf gewählt hatte.

Ihr Chef tobte, als der Krankenwagen vor der Werkstatt stand und Samira trotz seines Protestes eingeladen und ins Krankenhaus gefahren wurde. Dort erfuhr sie dann die niederschmetternde Diagnose: Die Klimaflüssigkeit, die ihr das Gesicht und insbesondere die Augen verätzt hatte, war stark basisch gewesen und tief in ihre Augen eingedrungen, hatte dort beträchtliche Schäden verursacht. Wäre ihr Kollege nicht so schnell mit dem Wasser gekommen und sie in die Klinik gebracht worden, sie wäre an der Menge und Stärke der Lauge vermutlich gänzlich erblindet. So jedoch verblieb eine sehr starke Kurzsichtigkeit und die Notwendigkeit, zukünftig eine Brille zu tragen. Was die Ärzte indes nicht wussten, da sie keine Spezialisten für die Eigenheiten, die Augen von katzenartigen Humanoiden waren: Die Verätzungen hatten die Reflexionsschicht, die es Katzen erlaubt, im Dunkeln zu sehen und gerade bei Dämmerung noch eine überlegene Sehschärfe zu besitzen, als erstes angegriffen und vollständig zerstört. Samira fiel das sofort auf, als sie in der Abenddämmerung aus der Klinik zurückgehen wollte und außer den hellen Punkten der Laternen nur auf Schwärze traf, sich so von Laternenmast zu Laternenmast nahezu blind vorantasten musste.

Die Ärzte hatten ihr angeboten, sie für einige Tage krankzuschreiben, da es offensichtlich ein Arbeitsunfall gewesen war, doch Samira verzichtete darauf, trat am nächsten Morgen mit ihrer neuen, nun dringend nötigen, Brille wieder ihre Arbeit an.

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