Abschnitt 12 – Der Status Quo Stand heute

All das, was in der Vergangenheit geschehen ist, wie sie sich entwickelt hat und was so vorgefallen ist, hat seine Spuren bei der Tigerhumanoiden hinterlassen. Noch immer ist sie eine Gefangene, eine von anderen abhängige Dame. Der einzige Unterschied zu den vorherigen Abhängigkeiten, der fast schon Gefangenschaft gleichen Abhängigkeit von Trainern, von Möchtegern-Vätern oder jenen Wärtern hinter Gittern war, dass sie nun die Gefangene ihres eigenen Lebens war. Die Schulden, die sie für die verhunzten Behandlungen ohne ihr Wissen auf ihren Rücken aufgeladen hatte, drückten unbarmherzig auf sie hinab, zwangen sie, nahezu ihr gesamtes Einkommen in die Tilgung zu stecken und karg zu leben. Ihr geliebter mp3-Player und die Musik darauf sind der einzige Trost, den sie in ihrem Leben finden kann. Und so trägt sie, wann immer sie die Möglichkeit hat, ihre Kopfhörer, flieht so aus der wirklichen Welt in die Welt der Musik, träumt dort von einem besseren und vielleicht etwas faireren Leben.

Ihr Job verschlingt sie geradezu. Sicher, sie hat in den Jahren vorzügliche Fortschritte gemacht, doch Ausbildung oder Lehre wurden von ihrem Chef nie als offiziell abgeschlossen bezeichnet. Immer hatte er andere Vorwände, sie noch ein wenig länger auszubilden und das schmale Gehalt, das er ihr zahlte, nicht zu erhöhen. Ihr fehle der „Teamgeist“, wie er ständig wiederholte, erwartete er doch, dass sie mit anderen zusammenarbeitete, diese unterstützte oder ihnen die Teile brachte, die diese nicht tragen konnten oder wollten. Am Ende, das spürte Samira überdeutlich, wurde sie von ihrem Chef und auch den übrigen Angestellten eben nur als Arbeiter zweiter Klasse wahrgenommen – als ein Fremdkörper, der zufälligerweise recht stark und nützlich war. Die meisten empfanden sie mehr als Sache, denn als Person – und ihre Angst vor den Menschen, die zu einer kühlen Distanz diesen gegenüber führte, so dass sie sich regelmäßig in die hintersten Ecken der Werkstatt oder ins Lager zurückzog, taten ihr Übriges: Sie fiel nie auf, wurde von Kunden nicht als herausragend wahrgenommen, erhielt keine Trinkgelder und wurde auch niemals zu irgendwas eingeladen. Sie war nur ein Stück Inventar, das von morgens kurz vor 7 bis abends lange nach 18 Uhr in der Werkstatt war, arbeitete und dabei im Hintergrund blieb – montags bis samstags.

Das wenige Geld, das von der Schuldentilgung übrig blieb, reichte gerade so, damit sie mit den billigsten Lebensmitteln über die Runden kam. Die Mangelernährung, der fehlende Sport und ihre Vorliebe, sich mit Süßem und folglich kalorienreichen, dafür aber äußerst billigen Speisen zu trösten, dazu noch ein sehr ungesunder Essensrhythmus, führten dazu, dass ihr ihre ursprünglichen Klamotten schnell viel zu eng wurden, ihr hagerer Körper rundlicher und massiger wurde. Zwar nutzte sie ihre freien Sonntage, wann immer es ihr möglich war, für Wanderungen und zumindest etwas Bewegung an der frischen Luft, die Probleme mit ihrem durch die beiden versauten Operationen dauerhaft geschädigten Knöchel wurden durch ihre doch recht beträchtliche Gewichtszunahme nur noch verschärft, zwangen sie, regelmäßige Pausen einzulegen, bremsten sie unangenehm heftig aus.

Aber es gab noch viel größere Probleme: Mit nahezu keinem Geld musste sie zusehen, sich passende Kleidung zuzulegen. Oberteile waren hier weniger ein Problem – T-Shirts fand sie massenhaft in passenden Größen. Unterwäsche dagegen war schon schwerer. Doch das größte Problem waren Hosen, die es billig oder gebraucht quasi gar nicht für sie zu erstehen gab. Und wenn sie einmal eine Hose fand, die in ihrer Größe war und vom Schnitt her auch für Humanoide wie sie gedacht war, verlangten die Läden dafür Beträge, die einem ganzen Monatseinkommen (also inklusive der Kredittilgung) entsprachen. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als zu Discountermodellen von Hosen für Menschen zu greifen und diese dann selbst ein wenig anzupassen. Sie war aber gewiss keine Schneiderin, mit Nadel und Faden alles andere als behände unterwegs. Die Hosen, die sie ergatterte, waren zudem auch nie perfekt in Länge oder Weite. Immer wieder kniffen die Hosen, waren sie entweder am Bauch zu eng oder zu weit, spannten sie an den Oberschenkeln oder Knien, waren die Hosenbeine zu kurz oder viel zu lang.

Ihr größtes Problem aber waren ihre Augen. Hatte anfangs noch eine normale Brille gereicht, waren diese im Laufe der folgenden beiden Jahre immer schlechter, die Brillengläser folglich immer dicker geworden. Zwar hatten sich ihre Augen irgendwann auf dem miesen Niveau stabilisiert, doch mit fast -10 Dioptrien auf beiden Augen war sie ohne ihre Brille nahezu blind. Die Tatsache, dass sie dank dem Unfall mit dem Klimakompressor auch eine hochgradige Nachtblindheit entwickelt hatte, im Dunkeln und bei Dämmerung gar nichts mehr sah und bei widrigen Lichtverhältnissen nur schwer überhaupt etwas erkennen konnte, machte ihr das Leben noch zusätzlich schwer. Ihre Wohnung beispielsweise hatte zwar neben der einzelnen Neonröhre an der Decke noch zwei weitere Lampen, diese boten aber so wenig Licht, dass sie oft blind durch die Schwärze tastend schleichen musste, wenn eben jene Deckenlampe nicht eingeschaltet war.

Was sie sich jetzt, mit 24 Jahren, am sehnlichsten wünschte, war eine Perspektive, um aus dieser Situation, in die sie durch den Fluch ihrer Gene gekommen war, wieder heraus zu kommen. Wie ihr DAS jedoch gelingen sollte, wusste sie selbst nicht.

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