Der Anfang

Milliarden und Abermilliarden von Sternen füllen unser Universum. Eine Zahl, deren bloße Erwähnung bereits die Vorstellungskraft eines jeden Lebewesens sprengen mag. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass unzählige dieser Sterne nicht etwa allein und isoliert, sondern in Partnerschaft mit Planeten auf ihren Bahnen im Universum umher rasen, einige dieser Planeten wiederum Monde an sich gefesselt halten und die wundersamsten Umweltbedingungen beherbergen, so sinkt die Besonderheit des kleinen, blauen Planeten, den die Menschheit gerne als „Erde“ bezeichnet, doch schnell in die Bedeutungslosigkeit hinab, erkennt man überdeutlich, dass dieser, unser Planet nur einer von vielen Millionen oder gar auch Milliarden sein muss, die im Universum existieren. Auf manchen mag sich gar ebenfalls Leben entwickelt haben, mögen die Umstände der Entstehung ebendieses Lebens aber gänzlich andere sein, als wir es von der Erde kennen. Denn obwohl wir Menschen stets meinen, doch so viel zu wissen, so zeigt sich erst bei Konfrontation mit den schieren Größen an Möglichkeiten, dass unser Wissen in Wahrheit eher einem einzelnen Tropfen in einem unserer Ozeane gleichkommt.

Parsonis ist so eine Welt, die in den Tiefen des Universums um einen Stern kreist, der seinerseits Monde um sich hält und der Leben beherbergt. Hier jedoch enden die Gemeinsamkeiten zwischen der Erde und Parsonis, denn das Universum schenkte diesem Planeten nicht nur ganze drei Monde unterschiedlichster Größen und Umlaufbahnen, sondern machte dem Planeten noch ein Geschenk jener Substanz, die in unserer Welt so gering und selbstverständlich vorhanden ist, dass sie nicht als eigenes Element wahrgenommen wird. Eine Substanz, deren Charakteristika kein Periodensystem erfassen, keine wissenschaftliche Arbeit beschreiben und der menschliche Verstand doch so klar wahrnehmen kann wie das Glas Wasser auf einem Tisch. Diese Substanz hat viele Namen, denn sie ist im Universum auf vielen Welten zu Hause. Manche nennen sie Midi-Chlorianer und dichten ihnen intelligente, lebende Kräfte an. Andere wiederum nennen die Substanz „Spice“ oder andere, überaus seltsam wirkende Namen. Nur wenige benennen diese weiße, leicht bläuliche Substanz bei dem Namen, der gleichbedeutend mit Energie und Kraft gebraucht wird.

Mana.

Die Präsenz dieser Substanz in Mengen, die nicht nur in der Luft und der Umgebung, sondern gar in großer Zahl als elementare Ablagerungen, Kristalle und Felsmassive das Angesicht von Parsonis zierten, ließ das Leben andere Wege finden, als sie auf der Erde vorstellbar gewesen wären. Mächtige Drachen mit übermenschlichen Kräften und Intelligenz sowie deren schlankere, aber magisch begabte Abkömmlinge, zwei menschenähnliche Stämme in den unterschiedlichen Klima- und Geländezonen und eine reiche Tierwelt, die nicht weniger außergewöhnlich in Erscheinung auftritt als die Landschaft selbst. Und auch wenn die Stämme sich äußerlich durchaus ähnlich sahen, so waren sie doch im Inneren, in ihren Herzen und ihrer Lebensweise so gegensätzlich wie Tag und Nacht; Krieg und Frieden selbst.

Früh trafen die beiden Sippen aufeinander – eine durchaus unangenehme Angelegenheit für beide Seiten. Denn während die eine, die Plexar, mit roher Gewalt und Herrschaftsanspruch in den Krieg gegen ihre Beinahe-Artgenossen zog, konterte diese, man nannte sie auch Filou, mit Raffinesse, Taktik, List und Tücke. Es ergab sich ein Patt, das auch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte, die auf ihre erste Begegnung folgen sollten, nicht auflöste.

Mit der Zeit verschwammen die harten Grenzen zwischen den beiden Sippen, führten vereinzelte Ausreißer beider Seiten dazu, dass sich eine Mischsippe bildete, die von keiner der beiden Seiten so recht geachtet oder verstoßen wurde. Und doch war es diese Sippe, die beide Stärken in sich zu bündeln wusste und eine Balance zwischen Gewalt und Logik fand. So nannte sich dieser neue Stamm, der in Wahrheit eine Mischung beider Stärken und gleichzeitig das Zünglein an der Waage zum Frieden auf Parsonis darstellte, selbst Statis.

In den folgenden Jahrhunderten bewies sich jedoch, dass der Frieden und die Balance überaus brüchig waren. Technischer Fortschritt erleichterte Gewalttaten – aus Keulen und spitzen Steinen wurden scharfe Klingen, aus Wurfgeschossen Pfeil und Bogen und die Möglichkeiten, die immer noch entweder geschmähten oder gehassten Rivalen unter die Erde zu bringen, größer. In diese Phase der Entwicklung stießen ausgerechnet die Drakonier – jene magisch begabten Abkömmlinge der Drachen – zu den menschenähnlichen Wesen auf der Suche nach Verbündeten gegen ihre übermächtigen, gigantischen und brutalen Widersacher.

Erneut entbrannte ein Konflikt, schlugen die Plexar, Filou und Stati gemeinsam gegen die Drachen, erhielten im Gegenzug von den Drakoniern das Wissen um Magie und deren Einsatz. Dies, so würden sich Geschichtsschreiber in vielen Jahrhunderten erinnern, war der Moment, an dem das fragile Machtgefüge zwischen den drei Fraktionen bröckelte und schließlich gänzlich kippte.

Als die Drachen nach Jahren des Konflikts endlich vertrieben und in die Berge, die Wüsten und Eismeere zurückgedrängt worden waren, wussten die Plexar als Erste die neu erworbenen, magischen Fähigkeiten gegen ihre verhassten Artgenossen anzuwenden. Lediglich die Grenzen der Verfügbarkeit von Mana, das trotz der überdurchschnittlichen Häufigkeit nur spärlich an der Oberfläche von Parsonis zu finden war, limitierte die brachialen Vorstöße der wilden Kämpfer. Die Filou und Statis wiederum verbündeten sich beim Versuch, gegen die wilden, ungezügelten Angriffe der Plexar stand zu halten. Doch statt den Konflikt einzudämmen und auf die eigenen Territorien zu begrenzen dehnte sich selbiger immer weiter aus, erstreckte sich auf der Suche nach Manareserven auf immer weitere Teile der Welt und sogar hinaus auf das endlose Meer. Hier endlich fanden die Plexar und Filou nahezu gleichzeitig eine Landmasse, die vor Mana nur so strotzte.

Sariat war mehr als zwei Schiffswochen vom Festland entfernt und hielt dennoch eine Besonderheit, die sie trotz des langen Wegs für beide höchst begehrlich machte: Kristallines, reines Mana, das die Insel geradezu überwucherte. Die Dichte dieser Kristalle war derart groß, dass schon ein einzelner, handtellergroßer Abschnitt einem magiebegabten Wesen ausreichend magische Kräfte für ein ganzes Jahr verleihen konnte – oder einen extrem mächtigen Zauber, der andernfalls das Ende des Magiewirkenden bedeutet hätte.

Binnen weniger Stunden landeten sowohl die Plexar als auch Filou nahezu alle ihre Truppen an der neu entdeckten Insel an, drängten schnell ins Inland und trafen aufeinander. Beiden Seiten war klar, dass derjenige, der die Kontrolle über diese Insel gewinnen würde, auch diesen Konflikt zwischen beiden Seiten für immer und ewig entscheiden könnte. Entsprechend energisch gingen beide gegen ihre Widersacher vor, hielten sich selbst die sonst eher defensiv agierenden Filou nicht länger zurück und nutzten all ihre neu erlernten Kräfte, um ihren Widersachern entgegen zu treten, die ihrerseits ebenfalls alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte bündelten und ihren ungeliebten Vettern entgegenwarfen.

Sariat, die Insel mit dem kristallinen Mana, reagierte auf ihre Weise auf die Konflikte, die auf ihr stattfanden. Denn obwohl beide Seiten durchaus behände mit ihren neuen, magischen Fähigkeiten umzugehen wussten, hatten sie weder den Kern der Magie, noch ihre Gefahren jemals richtig studiert oder beurteilt. Und so kam, was unvermeidbar geschehen musste: Das kristalline Mana der Insel reagierte mit den Kampfzaubern beider Seiten, verstärkte diese um das Millionenfache und ließ binnen weniger Augenblicke alles Leben, alle Bauwerke und alles, was im engeren Umkreis der Insel lag, in einer einzigen, bläuliich-grellen Explosion vergehen. Lediglich die vereinzelten Schiffe der Filou und Plexar, die weit genug von der Insel entfernt vor Anker lagen, überstanden die Explosion, deren heftige Wellen und dichter, nahezu undurchdringlicher Dunst aus Staub, Gischt und magisch blitzenden Gewittern wie eine Glocke über der vormals prächtigen Insel lag.

Mit nur einem Schlag war die Insel aus dem Rennen. Doch noch etwas war geschehen: Die herben Verluste von sowohl Plexar als auch Filou und das erschreckend plötzliche Ende beider Armeen ließ die Kontrahenten innehalten. Und endlich, mit Hilfe der Statis, gelangten beide Seiten erneut zu einem brüchigen Frieden, der neuerlich über zwei Jahrhunderte halten sollte. Die Insel Sariat und die umliegenden Gewässer wurden indes offiziell als Sperrgebiet eingestuft, das keinesfalls von Schiffen befahren werden sollte. Zu präsent waren die grausamen Tode der eigenen Leute.

Das die drei Völker die Natur der Magie, mit der sie so leichtfertig umgegangen waren, nicht einmal im Ansatz wirklich und wahrhaftig begriffen hatten, sahen sie nicht mehr. Die dichten Wolken  verbargen, wie sich aus der Zerstörung der oberflächlichen Strukturen der Insel, aller Lebewesen und aller kämpfenden Soldaten, Magiewirker und sonstigen Anwesenden neue Strukturen zu bilden begannen, das Leben selbst neue, fremde Formen annahm und, erfüllt von magischen Energien, die selbst die der Drakonier in den Schatten stellten, eine neue Spezies erschuf. So verwoben die auf der Insel vormals lebenden wilden Tiere, die brutalen Plexar, die geschickten Filou und die grenzenlosen Energien der freigesetzten, wilden Magien zu einem Volk, das von diesem Tage an nur noch als das Volk der Sari – der Kinder der Insel Sariat – bekannt werden sollte.

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