IV. Weg zurück

„Die Fahrkarte bitte!“ dröhnt es in ihrem Ohr.

Schlagartig ist sie wach, richtet Samira sich auf, blickt sich hektisch um. Grelles, kaltweißes Licht brennt in ihren Augen. Ein Mensch steht viel zu dicht neben ihr, als es für sie angenehm wäre, starrt sie fordernd an.

Ein Traum. Alles das war ein Traum gewesen. Sie sitzt in der Bahn, der Mann in Uniform steht weiter fordernd vor ihr.

Ungelenk fingert sie in ihrem Overall herum, sucht nach der Innentasche und findet schließlich einen Fetzen Papier. Flecken aus Wasser und Blut zieren den Abschnitt, aber er ist lesbar.

Hofft sie jedenfalls.

Der Mann blickt auf den Fetzen, nickt kurz. „Das Abteil für Humanoide ist im letzten Waggon. Hier ist die zweite Klasse für Menschen.“

Sein Blick wandert durch den Waggon. Er ist leer – bis auf ihn und Samira ist niemand hier. Auch der Waggon dahinter ist leer, ebenso der hinterste und damit auch letzte der drei Waggons. Wenig verwunderlich um diese Uhrzeit. Niemand fährt um drei Uhr morgens mit dieser Bahn. Niemand außer dieser Humanoiden und ihm.

„Ich mache eine Ausnahme. Aber wenn ich dich nochmal hier erwische, wird es teuer. Verstanden?“

Samira nickt langsam, nimmt ihr Ticket wieder an sich und lässt es im Overall verschwinden.

Dann sieht sie nach oben. Die LED-Anzeige zeigt vier Ziffern.

03:11

Draußen ist alles dunkel. Der Zug schwankt und wackelt. Aus den Lautsprechern dröhnt die Stationsansage. Endstation. Sie ist angekommen.

Mit aller Kraft rappelt Samira sich auf und spürt, wie ihr gesamter Körper schmerzt. Sie blickt auf das Fenster, sieht ihre Reflexion darin und einige Spuren von Blut, ein dickes, unterlaufenes Auge und ihre in zwei Teile gebrochene Brille, die ihr schief auf der Nase hängt. Aber ihre Beine tragen sie, wenn auch unter Schmerzen.

Raus aus dem Zug. Von hier aus noch etwa ein Kilometer bis zur Werkstatt, zum Keller und ihrem Bett. Sie fühlt sich so unendlich müde, fühlt die Schmerzen in ihrem Leib. Was genau passiert ist – sie weiß es nicht mehr. Im Halbschlaf muss sie sich wieder auf den Bahnsteig und die nächste Bahn geschleift haben. Oder hat sie jemand in die Bahn gesetzt? Sie weiß es nicht mehr.

Der Kilometer zieht sich. Ihr Knie schmerzt, ihr Fuß schmerzt, ihre Hüfte schmerzt. Nein, ihr gesamter Körper schmerzt. Sie hustet, spuckt etwas Blut, zittert. Ihr Overall und auch die T-Shirts darunter sind vollkommen durchnässt.

Es ist kurz vor 4, als sie in ihrer Behausung ankommt, die nassen Sachen von sich streift und ins Bett fällt. Nur ein paar Stunden Schlaf und sie muss wieder zur Arbeit.

5:30

Der Wecker klingelt. Noch vollkommen erschöpft von weniger als zwei Stunden Schlaf stellt sie ihn auf Wiederholung. Sie hat ihre Sachen nur halb ausgezogen bekommen. Es wird also schnell gehen. Nur eine Stunde Extraschlaf…

6:55

Übernächtigt steht Samira vor dem Spiegel, zieht ihre Kleidung zurecht. Sie ist dreckig, Öl gemischt mit Erde gemischt mit Blut gemischt mit undefinierbaren Flecken. Ihr rechtes Augenlid ist geschwollen. Die Brille hängt schief. Noch immer tut ihr alles weh, ist sie unendlich müde. Aber sie muss arbeiten.

„Wie siehst DU denn aus?“ kommentiert Jonas ihren Anblick.

Samira schweigt, widmet sich ihrer Arbeit. Jonas aber rennt zum Chef, redet auf ihn ein, gestikuliert. Dann Gebrüll, gefolgt von lauterem Gegengebrüll. Beides verebbt.

„Gab es gestern Probleme bei der Lieferung?“ fragt die Stimme vom Chef hinter ihr.

Samira dreht sich um. Seine Augen mustern sie, werden kurz etwas weiter, der Blick finster, ernst.

„Du gehst heute Nachmittag zum Optiker und lässt dir eine neue Brille machen. Und danach nimmst du dir frei und beseitigst diese Kampfspuren. Verdammt, du verschreckst mir noch Kundschaft so wie du aussiehst!“

Mittag. Sie macht zum ersten Mal mittags Feierabend, geht runter in ihre Behausung. Es dauert ungewöhnlich lange, bis sie ihren Overall und die übrigen Kleidungsstücke ausgezogen hat. Dann nimmt sie ein schwarzes T-Shirt, streift es sich über und schlüpft in ihre Jeans. Die Hose ist ihr wieder enger geworden, lässt sich kaum schließen.

Schließlich angelt sie nach ihren Schuhen. Rote Chucks. Maßanfertigung nach ihren Wünschen und ihrer Fußform. Das einzige Kleidungsstück hier, das ihr wirklich passt. 849 Euro das Paar – aus einer Zeit, als sie noch besser verdient hat.

Und besser gewohnt.

Und besser gelebt.

Und besser gegessen.

Sie zieht den im rechten Schuh steckenden Neopren-Stützverband heraus und streift ihn sich über den rechten Fuß. Er ist ausgeleiert, aber er wärmt und hilft zumindest etwas. Meint sie jedenfalls.

Dann streift sie die Schuhe, einen nach dem anderen, über, schnürt beide, steht auf.

Das Gefühl ist deutlich angenehmer als in ihren Arbeitsschuhen. Sie blickt kurz in den Spiegel im Bad, betrachtet sich.

Sie sieht grässlich aus. Das schwarze T-Shirt ist viel zu weit, die Hose zu eng, die rechte Hälfte ihrer Brille hängt nur an der Augenschwellung, die linke ist schon runter gerutscht.

Dann nimmt sie den mp3-Player mitsamt dem Kopfhörer, drückt sich die Ohrhörer in die Ohren und schaltet ihn ein. Die Hälfte des gebrochenen Displays erwacht zum Leben, zeigt nur einen Teil des Titels an, der spielt. Unnötig – sie kann den Titel eh nicht lesen. Aber sie genießt die Musik, die da in ihre Ohren schallt. Die Klänge von Saxofon und Klavier beruhigen ihre Nerven.

Dann verlässt sie ihre Behausung wieder in Richtung Optiker.

„Das Gestell habe ich hier auf Lager. Und die Gläser…hrm…du hast Glück, dass so gut wie niemand welche mit Minus vierzehn Dioptrien braucht.“

Der Optiker fingert an dem Tresen herum, die Reste ihrer Brille vor sich auf dem Tisch. Es hat nicht viel Überzeugungskraft seinerseits gebraucht, um darauf hinzuweisen, dass die Kunststoffgläser gerissen und das Gestell derart gebrochen waren, dass sich eine Reparatur nicht lohnen würde. Und der Optiker wiederum kannte die Humanoide bereits, die seit dem Unfall in der Werkstatt mehrmals gekommen war, um sich ihre Augen untersuchen zu lassen. Es hatte ihm in der Seele weh getan, als er hörte, wie sie beinahe ihr Augenlicht verloren hatte und sie sich selbst die billigste Brille, die er ihr anbieten konnte, nicht zu leisten fähig war. Daran hatte sich mittlerweile, wenn er sie sich richtig betrachtete, noch immer nichts geändert. Und wenn, dann eher zum Schlechteren hin.

Samira hört den Ausführungen des Optikers zu, hat dafür einen der Ohrstöpsel heraus gezogen, lauscht auf dem anderen noch immer ihrer Musik. Die Klänge, die eine Mischung aus Jazz und klassischer Musik sind und ihr von einer Freundin, die sie aus den Augen verloren hat, gegeben wurde, wirken beruhigend. So erträgt sie die Nähe dieses Menschen, den sie mangels Brille nur schemenhaft sehen kann.

„So, hier. Probier die hier einmal.“ sagt der Mann und schiebt ihr kurzerhand die neue Brille auf die Nase. Samira erschreckt kurz, ehe aus dem milchigen Brei aus Farben, Schatten und Licht vor ihren Augen durch die kleinen, eingerahmten Fenster wieder Klarheit und erkennbare Formen erscheinen.

„Leider keine Kunststoffgläser, sondern richtiges Glas diesmal. Du musst damit vorsichtiger umgehen. Und es ist etwas teurer fürchte ich.“

Samira schluckt trocken. Sicher hat sie das Trinkgeld von dem Mann von gestern, aber die 20 Euro braucht sie auch so, um sich etwas zu essen leisten zu können. Und die Brille klingt teuer.

„Einem Menschen ohne Versicherung würde ich jetzt rund hundert Euro für die Gläser und das Gestell berechnen. Bei Humanoiden dagegen…“ begann er auszuholen. „…muss ich höhere Preise nehmen. Hundertfünfzig mindestens.“

Sie reißt die Augen auf. Drei Monatseinkommen, von denen sie jeweils irgendwie zu überleben versucht und von denen nichts übrig bleibt. Solche Beträge – wie soll sie so etwas bezahlen? Erneut kocht die Panik in ihr hoch. Doch der Mann hebt beschwichtigend die Hände.

„Es gibt andere Wege. Ich werde versuchen, etwas mit der Versicherung von deinem Chef zu arrangieren. Aber das bleibt unter uns.“

Der Weg zurück zu ihrer Behausung zieht sich noch deutlich mehr, jetzt, da sie den Weg wieder sehen kann. Die Müdigkeit und die Schmerzen in ihrem Körper nehmen zudem wieder zu, sie sehnt sich nach ihrem Bett.

Kaum das sie in ihrer Wohnung, so man das Zimmer mit Dusche so nennen kann, fällt sie direkt auf ihr Bett, ohne sich auszuziehen. Sie braucht Schlaf. Dringend.

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