VI. Katerstimmung

Das Klingeln des Weckers bohrt sich wie Nadelstiche in ihren Schädel. Nadeln, auf die im Takt des Weckerklingelns mit einem Hammer direkt in ihre Schädeldecke geschlagen werden. Dazu ein seltsam pelziger Geschmack auf ihrer Zunge, die Schwere ihrer Arme und Beine und leichter Schwindel. Alles in allem Gründe, den Wecker zu ignorieren und im Bett zu bleiben. Doch die Arbeit wartet…und das letzte, was sie will, ist ihren Chef ungehalten zu sehen. Also schält sie sich mit dem letzten Rest ihrer Willenskraft doch aus dem Bett und beginnt mit ihrer alltäglichen Morgenroutine.

Endlich in der Werkstatt angekommen greift sie zum ersten Mal überhaupt nach dem von ihr jeden Morgen aufgesetzten Kaffee und leert einen der für ihre Hände ungewöhnlich klein wirkenden Pappbecher in einem Zug, ehe sie sich an die Arbeit macht, die Werkstatt wieder sauber zu machen. Ein kurzer, prüfender Blick verrät ihr, dass ihre Kollegen am Samstag genau gar nichts davon getan haben. Überall quillen die Mülleimer über, liegen noch etliche Schrauben als gefährliche Stolperfallen herum und einige der Werkzeugwagen sind nicht wieder richtig befüllt worden. Erst als auch schließlich ihr Chef eintrifft, hat sie das Chaos so weit beseitigt, dass es wieder so aussieht, wie es hier für gewöhnlich jeden Morgen seit nun über drei Jahren ausgesehen hat. Mit etwas Glück wird sie so nicht weiter auffallen, kann ihre Arbeit machen und das Wochenende und alles, was die vergangene Woche passiert ist, kann in Vergessenheit geraten.

Kurz vor der Mittagspause zeigt sich, dass diese Hoffnung von ihr eine leere war. Ihr Chef brüllt durch die gesamte Halle das verhasste „Sam! Beweg deinen pelzigen Arsch hier rüber!“

Samira verzieht das Gesicht. Von einem Moment zum nächsten spürt sie, wie die Blicke der anderen auf sie gerichtet sind, sich in ihren Körper bohren, als wäre jeder einzelne ein Dolch, der gnadenlos unter ihre Fassade und in ihre Seele blicken kann. Mit dem eigenen Blick stur auf den Boden gerichtet legt sie das Werkzeug auf den nahen Werkzeugwagen, geht raschen, festen Schrittes auf das Büro ihres Chefs zu, öffnet die angelaufene Metalltür und tritt ein in das kleine, muffige Büro. Ihr Chef sitzt dort auf seinem Drehstuhl, blickt sichtlich sauer in ihre Richtung. In seiner rechten Hand hält er einen Zettel. Oder einen Brief. Jedenfalls etwas aus Papier. Er knüllt das Papier, schnaubt und wirft es in ihre Richtung.

„Zweihundertvierundachtzig Euro für eine neue Brille? Und dieser Mistkerl von Optiker meint, dass ich das bezahle oder meiner Versicherung einreichen soll?! Nur damit dir eines klar ist Madame – DU wirst das Geld für die Brille abarbeiten! Sonst ziehe ich dir das von deinem Lohn ab, verstanden?!“

Sie reißt die Augen auf, ist mit einem Male starr vor Angst. So viel Geld…so teuer…viel mehr, als sie im Monat überhaupt übrig hat. Schnell senkt sie ihren Blick, will dem Toben ihres Chefs zustimmen, als eine andere Stimme an ihr Ohr dringt.

„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf Pietro. Du weißt genau so gut wie ich, dass es ein Wegeunfall war. Und genau dafür hast du eine Versicherung. Also was soll der Mist jetzt gerade?“

Sie kennt die Stimme, blickt aber nur kurz auf, sieht in die Raumecke. Da, am Wasserspender, steht der Mann, dem sie am Donnerstag den Wagen gebracht hat. Ein Schauer läuft über ihren Rücken.

„Sie ist aber nicht versichert. Nicht, so lange sie außerhalb der Werkstatt ist.“ schnaubt der kleine Italiener von seinem Chefsessel, greift in eine Schublade und zieht einen Zigarillo hervor, stopft in sich in den Mund. „Ich gebe dieser Humanoiden schon einen Job und eine Unterkunft. Um den Rest muss sie sich gefälligst kümmern. Ich bin doch nicht die Wohlfahrt.“

„Auch Humanoide haben Rechte, wenn ich dich daran erinnern darf.“

Pietro greift nach einem Feuerzeug, zündet sich den Zigarillo an und pafft. Dann, eine gute Minute später, erwidert er schließlich grummelnd. „Jetzt fang nicht wieder mit diesem Mist an Olivier. Du weißt haargenau, dass du damit nicht bei mir landen kannst.“

Olivier verschränkt die Arme vor der Brust. „Und du weißt ziemlich genau, dass du ohne das günstige Darlehen von mir keine Werkstatt hättest, in der du diese deine Meinung so frei ausleben könntest.“

Pietro schnaubt erneut. Eine dicke, blaugraue Wolke füllt den kleinen Büroraum. Samira hustet, als ihr der Qualm in die Nase steigt und den Atem raubt. Dann richtet sich Pietro in seinem Sessel auf.

„Red was du willst. Ich zahle meine Raten, ich mache gute Arbeit hier. Und jetzt – mache ich Mittag.“ Dann zeigt er auf Samira. „Du kannst dann ja mit dem Ding da in Ruhe alleine reden, wenn du unbedingt willst. Und du..“ sagt er und deutet dabei mit dem Zigarillo auf sie „..wirst, wenn du mit deinem aktuellen Wagen fertig bist draußen noch den Buick reinholen. Der hat irgendwo Wasserverlust. Muss heute fertig werden, klar?“

Sie nickt, ohne ihren Blick zu heben, starrt stattdessen auf den Boden direkt vor ihren Füßen und auf das zerknüllte Blatt Papier, das dort liegt.

„Gut, dann Mahlzeit.“ brummt Pietro, marschiert auf Samira zu, die einen Schritt nach drinnen und zur Seite macht, verpasst ihr einen kräftigen Klaps auf den Po und verschwindet schließlich mit einem grunzenden Lacher in der Werkstatthalle, grölt dort etwas in Richtung der Gesellen. Samira indes bückt sich, greift das Blatt Papier, streicht es glatt und legt es langsam auf den Schreibtisch zurück, ehe sie sich umwendet und gehen will.

„Warte bitte einen Augenblick.“ sagt Olivier, der sie von oben bis unten musternd anblickt. „Gib mir bitte den Zettel.“

Sie tut, wie ihr aufgetragen, tritt einen Schritt näher an ihn heran, hält das Blatt in seine Richtung. Er greift mit der linken Hand danach, fasst sie aber gleichzeitig mit seiner rechten Hand am linken Handgelenk, blickt auf den kleinen Stuhl an der Seite, der normalerweise für Kunden oder Gäste vorgesehen ist.

„Setz dich bitte.“ sagt er mit freundlicher, aber auch entschlossener Stimme.

Samira spürt, wie ihr Puls sich beschleunigt, ihr Herz hämmert. Schweiß bildet sich unter ihrer Kleidung, ein Engegefühl umfasst ihren Brustkorb. „Ich…sollte wieder an die Arb…“

„Hinsetzen.“ sagt Olivier, diesmal mit etwas mehr Nachdruck. Sie gehorcht, nimmt auf dem Stuhl Platz. Sofort löst er den Griff um ihr Handgelenk, tritt einen Schritt zur Seite und greift sich den kleinen Hocker, der neben dem Wasserspender in der Ecke des Raumes steht. Normalerweise steht darauf eine Topfpflanze, aber seit diese vor vier Wochen vertrocknet ist, dient er Pietro nur als Ablage für etliche Aktenordner. Ordner, die Olivier jetzt an die Seite stellt und den Hocker in ihre Richtung schiebt.

Sie blickt ihn etwas verwundert, vor Allem aber ängstlich an. Ein Gefühl von Panik greift wallend nach ihr, schreit sie innerlich an, aufzustehen und rauszurennen, zu flüchten. Aber etwas anderes in ihr hält sie zurück.

„Leg deinen Fuß da drauf.“ sagt er schließlich, statt nur zu deuten. Wieder zögert sie einen Augenblick.

Olivier seufzt. „Jetzt mach schon und hör auf dich zu zieren. Ich werd ihn dir schon nicht abhacken.“

In einer langsamen Bewegung hebt sie schließlich ihr rechtes Bein, legt ihren Fuß auf den Hocker. Olivier nickt, macht einen Schritt nach hinten und lehnt sich seinerseits an den Schrank, ehe er auf den Zettel in seiner Hand blickt.

Einige Minuten vergehen, in denen er nur zu lesen scheint und nichts sagt. Samira indes sagt nichts, blickt ihn nur verwundert an, fühlt, wie sich etwas in ihrem Körper immer mehr verkrampft, ihr Fluchtinstinkt immer lauter schreit.

„Es tut mir leid, was am Donnerstag auf dem Rückweg mit dir passiert ist.“ sagt Olivier schließlich, ohne den Blick von dem Papier zu lösen. „Ich schäme mich dafür, dass du auf dem Heimweg angegriffen und verletzt wurdest. Dazu hat niemand das Recht. Egal ob Mensch oder Humanoider. Und ich möchte dich gern zum Trost zum Essen einladen.“

Samira blickt ihn starr an. „Das…nein…ich will nicht, dass…“ stottert sie.

„Bitte. Ich fühle mich verantwortlich für das, was dir passiert ist. Bitte nimm das Angebot an.“

Sie verzieht das Gesicht. Alles in ihr brüllt lautstark ein ‚Nein‘, Bilder schießen durch ihren Kopf, mahnen sie zur Vorsicht. Doch da ist auch noch etwas anderes, ein Flüstern aus ihrem Innersten, das nur ein „hab Mut. Was kann denn schon passieren?“ in ihr Gewissen spricht.

„W…ann?“ presst sie schließlich nach einigen Momenten heraus.

Olivier senkt das Blatt, enthüllt so ein kleines Lächeln. „Heute nach Feierabend. Bei dem Italiener schräg gegenüber. Kennst du den?“

Sie deutet ein Kopfschütteln an. Sie hat das Restaurant schräg gegenüber zwar schon gesehen, weiß auch, dass ihr Chef und etliche ihrer Kollegen dort häufiger ihre Mittagspause verbringen, aber sie hat kein Geld, sich so etwas leisten zu können.

„Egal. Wir treffen uns vor der Tür. Du arbeitest bis 18 Uhr, oder?“

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Ich…vielleicht länger.“ stammelt sie. Dabei weiß sie sehr genau, dass sie normalerweise bis lange nach 19 Uhr in der Werkstatt steht, noch Ordnung schafft und die Reste, die die anderen nicht fertig bekommen haben, zu Ende bringt. Ganz so, wie es ihr Chef ihr einmal aufgetragen hat und seither immer von ihr erwartet.

„Dann sagen wir 19 Uhr. Und wenn du dann noch arbeiten solltest, komme ich einfach kurz vorbei und hole dich hier ab. In Ordnung?“

Sie nickt schnell. Schneller, als ihr Bauchgefühl, ihr Instinkt für gut und richtig befunden hätten.

„Gut. Dann werde ich mich wieder selbst an die Arbeit machen. Mach du ruhig noch deine Pause und ruh dich aus.“

Mit diesen Worten steckt er den Zettel, den er noch in Händen hält, in seine Sakkotasche, wendet sich um und öffnet die Tür nach draußen, verschwindet mit einem letzten Nicken in ihre Richtung und lässt sie allein im Büro und auch der gesamten Werkstatt zurück.

Erst jetzt lehnt sich Samira wirklich in dem Stuhl zurück, holt einmal tief Luft und lässt einen langen, aber leisen Seufzer entfahren.

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