Yuki Takadanobaba

Yuki war die erste, vollständig auf Kundenwunsch zusammengestellte Humanoide aus dem chinesischen Labor in Suzhou und wurde explizit nach den Wünschen einer japanischen Sprachschule erschaffen. Geplant war, sie als Lernhilfe für Kinder und Kleinkinder in der Sprachschule einzusetzen. Daher wählte man bei ihrer Erschaffung explizit eine möglichst flauschige, sanfte Variante, eliminierte jegliche Aggressions-Rezeptoren in ihrer DNS und ersetzte sie gegen Intelligenz, Empathie und Freundlichkeit. Um schließlich noch gänzlich auf Nr. Sicher zu gehen, zog man ihr, als sie mit einem biologischen Alter von 10 Jahren für die erste Voruntersuchung aus dem Zuchttank entnommen wurde, die Krallen sowohl aus den Händen wie auch den Füßen und schliff die wildtierhaften Fangzähne weitestgehend stumpf. So wollte man sicher gehen, dass sie niemals und unter keinen Umständen auch nur versehentlich einem Kind weh tun können würde.

Yuki entwickelte sich, nachdem sie ein weiteres Jahr in der Vorbereitung im Labor verbrachte, schnell zu einer wissbegierigen und talentierten Sprecherin. Ihr Intellekt, der gezielt darauf trainiert worden war, nahm die japanische Sprache, die chinesische Sprache, die zugehörigen Schriftzeichen und sogar die englischen Begrifflichkeiten, die als Erläuterung daneben standen, schneller auf, als es die Verantwortlichen der Sprachschule für möglich hielten. Allerdings merkten sie auch, dass die tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Genom eine Anomalität zutage gefördert hatten, die bei Yuki im Umgang mit ihr schnell auffällig wurden: Sie schien eine begrenzte Form der Telepathie oder Empathie zu besitzen, vermochte mit fast schon beängstigender Präzision die Gefühle und oberflächlichen Gedanken ihres Gegenübers zu spüren und gezielt darauf einzugehen. Beim Umgang mit den Vorschulkindern bewies sie so ein überragendes Talent, Streitigkeiten zu schlichten, weinende Kinder in bemerkenswerter Geschwindigkeit zu trösten und zeigte beeindruckende Hingabe beim Unterricht der Kleinen und Kleinsten.

Mit den Jahren wuchs ihr Talent für Sprachen noch weiter an, fügte sie neben Japanisch, Chinesisch und Englisch noch Deutsch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Französisch sowie Arabisch ihrem Wortschatz hinzu, wobei sie das Talent besaß, jede der Sprachen mit nahezu perfekter Betonung, ohne jeglichen Dialekt oder Verwechslung, die Rückschlüsse auf ihre wahre Muttersprache erlaubte, zu sprechen.

Nach etlichen Resolutionen zu Rechten, Besitztumsänderungen, Verschärfungen, Lockerungen und Veränderungen in der japanischen Verfassung wurden Humanoide, die einem ordentlichen Beruf nachgingen, schließlich im Jahre 2018 für unabhängig erklärt und ihnen normale Bürgerrechte zugesprochen. Ab dem Tag war Yuki nicht länger Eigentum der Sprachschule, wäre frei gewesen, hinzugehen, wo auch immer sie hinzugehen gedachte. Da ihr ihre Arbeit mit Kindern jedoch weiterhin Freude bereitete und sie gern lernte und lehrte, blieb sie noch zwei weitere Jahre an der Schule, ehe sie ein Angebot von Übersee erhielt, um an der internationalen Schule in Düsseldorf unterrichten zu können. Die Kinder dort waren zwar schon deutlich erwachsener, als die Kinder und Kleinkinder, mit denen sie normalerweise umging, aber auch sie war mittlerweile erwachsen geworden – auch wenn ihr Körperbau für eine Humanoide eher zierlich anmutet.

Auch wenn man Yuki an ihrer Stimme und vom bloßen, körperlichen Aussehen ihre Heimat nicht ansehen mag, zeigt sie zumindest durch ihre Kleidung ihre Herkunft recht anschaulich. Sie zählt so zu den wenigen Humanoiden, die Röcke anderen Beinkleidern gegenüber bevorzugt, trägt darüber zumeist eine weiße Bluse sowie einen leichten, dunkellilafarbenen Blazer. Auf auffälligsten ist vielleicht die Wahl ihrer Schuhe und Stiefel, bei denen sie nicht aus der Not, sondern gänzlich freiwillig trotz ihrer anderen Fußform zu den klassischen Modellen, die eigentlich für Menschen geschnitten sind, greift. Glücklicherweise sind ihre Füße klein genug, um mit ihrer digitigraden Form gerade so in die größte, verfügbare Damenschuhgröße für Menschen zu passen. Die Tatsache, dass diese Schuhe eben nicht für diese Fußform gedacht sind, stört sie zwar nicht, wirkt aber hin und wieder für denjenigen, dem es auffällt, doch etwas seltsam.