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Die Entstehung von Silvana

Es war der Tag nach der großen Gründungsfeier seiner neuen Firma. Und während die meisten anderen sich am Champagner gütlich getan hatten, das Büffet sehr schnell sehr leer wurde und die vielen Gäste – Weggefährten, neue Angestellte, zukünftige Geschäftspartner, wie auch langjährige Vertraute sowie die jeweiligen Partner all jener Gäste – waren schnell in angeregte Gespräche vertieft worden. Es war ein Tag des Feierns, ein Triumph, der Andre eigentlich ebenfalls in Feierstimmung versetzt haben sollte. Doch nichts dergleichen war geschehen.

Über zwanzig Jahre lang hatte er sich bei seinem ehemaligen Arbeitgeber – nicht irgendeinem Pharmaunternehmen, sondern DEM Chemie- und Pharmaunternehmen in Europa – verbracht. Er hatte sich hochgearbeitet, vom einfachen Laborassistenten, zum Laboranten, dann Laborleiter, Leiter der Forschungsabteilung und schließlich war ihm sogar ein Sitz in der Führungsebene angeboten worden. Alles nur, um die Entdeckungen, die er vor zehn Jahren gemacht und seither mehrfach patentiert, weiterentwickelt und mit weiteren Patenten bedacht hatte. Zwar waren seine Forschungsergebnisse und Entdeckungen auf dem Gebiet der Stammzellentherapie aufgrund der vielen Ressentiments gegen derartige Manipulationen, die ja auch vor knapp zwei Jahrzehnten die Humanoiden erschaffen und damit die Welt aus den Fugen gehoben haben, überaus heftig und das Meinungsbild der Menschen bei der weiteren Manipulation von Genen und deren Nutzung im Augenblick zumindest außer Frage, die Möglichkeit, Krankheiten wie Krebs wirksam zu behandeln, ganze Herzen, Nieren oder andere Organe mittels des richtigen, chemischen Cocktails und einiger Stammzellen aus Spendergewebe des späteren Empfängers in der Petrischale zu züchten, so ein ideales Ersatzorgan, das keinerlei Abstoßungsreaktionen produzieren und wie neu funktionieren würde, absolut bahnbrechend und würde die Medizin noch in diesem Jahrhundert revolutionieren, aber für den Augenblick mussten die Ergebnisse zurückgehalten werden.

„Der Markt ist noch nicht reif für derartig radikale Behandlungsmethoden“ hatten ihm seine Chefs immer wieder gesagt. Chefs, die beinahe seine Kollegen, seine Partner geworden wären. Andre wusste es besser – man wollte sich nicht den Markt mit Immunreaktionsinhibitoren und der langen, teuren, konventionellen Behandlung, die jedes Jahr einen achtstelligen Betrag in die Kassen spülte und keinerlei Entwicklungskosten mehr verursachte, selbst kaputt machen. Noch nicht zumindest. Natürlich gab es Zweifel in der Öffentlichkeit, würde auch offen Hass gegen jeden branden, der mit so einer radikalen Idee kam. Aber Andre hatte beschlossen, es dennoch zu versuchen.

Also hatte er seinen Job hingeschmissen, sich ausbezahlen lassen, eine eigene Firma gegründet und die ersten Prototypen in einem kleinen, angemieteten Laborraum gezüchtet. Ob es nun eine Woge des Schicksals war oder einfach nur Glück, aber seine erste und wahrscheinlich wichtigste Patientin war die Mutter eines einflussreichen Bankiers, der die Nieren infolge einer Krebserkrankung entnommen worden waren, die auf die Dialyse nur noch sehr mäßig ansprach und deren Leben so oder so in wenigen Wochen oder Monaten zu Ende gewesen wäre.

Wäre. Denn der Eingriff, bei dem Gewebeproben entnommen, in der patentierten Mischung mit einigen, speziell gezüchteten Stammzellen und den richtigen Chemikalien herangezüchteten Ersatznieren leisteten einen derart überdurchschnittlich guten Dienst, dass die Dame wie ausgewechselt schien, gute 10 Jahre jünger wirkte und damit ein wahres medizinisches Wunder darstellte.

Andre hatte nie große Geldsorgen gehabt, ein bescheidenes Leben geführt und die meiste Zeit im Labor gesessen. Selbst als er in einer Führungsposition war, lag sein Geld meist, von seinem Anlageberater verwaltet, auf der Bank und mehrte sich dort langsam. Dieser Umstand hatte ihm bei der Loslösung seines Arbeitgebers den Skrupel genommen – denn er wäre relativ weich gefallen, was seine Finanzen anging. Doch nach diesem ersten, sensationellen Erfolg wären selbst die größten Sorgen ob einer Finanzierung wie weggeblasen gewesen. So stand das Business Modell seiner Firma, die über Nacht aus dem gemieteten Labor in ein eigenes Firmengebäude umzog, feinen besseren Namen und sehr viele Stellenanzeigen schalten musste, um die für den Bedarf nötige Arbeitskraft stellen zu können, keine Frage mehr des „Ob“, sondern nur noch des „Wann“ oder des „Wie schnell?“.

Kurzum: Er hatte jeden Grund, zu feiern. Seine Arbeit wurde gewürdigt, sie war erwiesen, erfolgreich und die Aufträge von Kliniken und anderen Pharmaunternehmen, die seine Patente für sich lizensieren wollten, sprudelten nur so. Dennoch hatte er sich zurückgezogen, lehnte an dem Geländer der Außenterrasse seines Penthouse, in dem er so gut wie nie zu Hause war, nippte an einem Glas Wasser und war in Gedanken versunken.

„Ah, hier bist du.“ hörte er mit einem Mal eine Stimme hinter sich. Ein flüchtiger Blick über die Schulter und er sah, dass Dominik mit einem gewohnt freundlichen Lächeln ebenfalls auf die Terrasse getreten war und auf ihn zu kam. Der fast weiße Anzug war ein bemerkenswerter Kontrast zu dem Outfit, mit dem er sonst in der Öffentlichkeit auftrat – als Fußballtrainer des lokalen Zweitligisten. Denn auch wenn er sich seit fünf Jahren vom aktiven Fußball zur Ruhe gesetzt und stattdessen in die Schuhe des Trainers gewechselt war, für Andre blieb er der Libero, der er immer gewesen war.

„Hör mal, ich weiß ja, dass du noch nie ein Partylöwe gewesen bist. Aber mach doch wenigstens heute mal eine Ausnahme von deiner mürrischen Art, ja?“

„Ich bin nicht mürrisch, ich denke nach.“ murrte Andreas und nahm noch einen Schluck von seinem Wasser. „Und das kann ich nicht, wenn ich meinen Geist mit Alkohol beneble oder rings um mich herum gelacht und gezetert wird.“

„Und worüber grübelst du jetzt und hier so intensiv, dass du nicht einmal deine eigene Party genießen kannst, mein Freund?“

Andre seufzt. „Ob es eine gute Idee ist, wenn ich jetzt, bevor es richtig stressig wird, mir noch den Wunsch erfülle, den ich nun seit Jahren vor mir herschiebe.“

Nun lehnte sich auch Dominik an das Geländer und folgte dem Blick seines Freundes in die, dank der vielen Lichter der Stadt, nicht so perfekte Schwärze der Nacht hinein. „Kommt drauf an, wie verrückt der Wunsch ist, würde ich sagen.“

Andre lachte kurz auf. „Oh, sehr verrückt, glaub mir. Ich will mir eine Assistentin kaufen.“

Dominik zuckte erst mit den Schultern, dann begriff er, was sein Freund da gesagt hatte. „Kaufen? Meinst du das ernst?“

Er nickte. „Keine Sorge, ich rede von keiner Frau. Wobei…irgendwie dann doch. Aber…kein Mensch.“

„Ne Humanoide also, hm?“

Andre zögerte einen Augenblick, blickte aus dem Augenwinkel auf das Gesicht seines Freundes. Es schien als erwartete er eine Art ablehnende, belustigte oder fassungslose Miene zu sehen. Doch nichts davon. Dann nickte er langsam.

„Wir haben letztes Jahr eine im Trainingscamp gehabt. Irgendwas mit Tupfen im Fell, klein, aber verdammt beweglich. Hat meinen Jungs echt was abverlangt im Zweikampf. Aber scheiße nochmal, die hatte wirklich was drauf. Muss man denen schon lassen.“

„Was willst du mir jetzt damit sagen?“

Dominik richtete sich wieder auf, legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes. „Es gibt dümmere Ideen als sowas. Wenn es dir ein Wunsch ist – erfüll ihn dir. Und wenn jemand komisch guckt, dann scheiß drauf. Es gibt genug Leute, die sowas als tolle Idee erachten. Warum solltest du nicht einer von ihnen sein?“


Keine zwölf Stunden nach der Unterredung der beiden Freunde saß Andre in einem Flieger nach Australien. Denn wenn er sich schon eine Humanoide als Assistentin, wie er sagte, zulegen wollte, dann eine offiziell lizensierte aus einem der Labors, die noch offizielle Lizenzen besaßen und immer wieder für VIPs, Clubs, Hotels oder Vereine maßgeschneiderte Humanoide erschufen, die unter strenger Aufsicht und Kontrolle ein behütetes Leben fristeten.

Noch während des Flugs bemühte Andre sich, die benötigte Bescheinigung, mit der er offiziell eine Humanoide als „Assistentin der Produktentwicklung bei ‚Reborn Pharma AG‘“ – seiner eigenen, nun lediglich zwei Tage alten Firma, genehmigen zu lassen und nebenher sowohl Aussehen wie auch Fähigkeiten und Merkmale seiner zukünftigen, felinen Assistentin zu bestimmen.

Kurz vor der Landung landete schließlich auch der ersehnte, digitale Brief in seinem Postfach. Das Dokument war sichtlich schnell und knapp ausgefüllt worden, unterzeichnet von einem alten, ehemaligen Weggefährten, der Andre schon lange einen Gefallen geschuldet hatte. Aber er reichte, um im Labor der „New Genesis Humaoid Australia LTD“ Eintritt und einen schnellen Termin zu erhalten, bei dem er zuerst einige Dutzend Humanoide unterschiedlicher Rassen, Größen und Varianten bestaunen durfte, ehe er in ein kleines Nebenzimmer geführt und dort bei Kaffee und Knabbereien einen digitalen Katalog aller möglichen Versionen und Varianten vorgelegt bekam.

„Wie sie sehen haben wir über dreißig verschiedene Genomvarianten im Programm. Feline, Canis, Equine. Wir haben auch noch weitere, exotischere…“

„Ich habe mich bereits auf eine Humanoide mit Geparden-Genen festgelegt.“ unterbrach Andre eine Auflistung, bei der neben hundeartigen, pferdeartigen und giraffenartigen sogar Gazellen- und Hasenvariationen auftauchten. Das es solche mittlerweile geben sollte, hatte er zwar schon gehört, aber noch nie einen davon wirklich und mit eigenen Augen gesehen.

„Gepard also. Und wenn ich den Wortlaut richtig interpretiere vermutlich weiblich, richtig?“

Andre nickte, als eine Art virtuelle Darstellung in der Luft direkt vor ihm auftauchte und eine Gepard-Humanoide schematisch und verkleinert darstellte. An den Seiten befanden sich jeweils Parameter und Spezifikationen – ganz so, als würde man ein Auto bestellen. Bei diesem Gedanken wurde ihm für einen kurzen Augenblick ganz anders und er ging gedanklich noch einmal durch, was er hier gerade tat: Er war drauf und dran ein Lebewesen in Auftrag zu geben – eine Maßarbeit an etwas, das dann leben, atmen und fühlen würde. Ganz tief in seinem Inneren fühlte er, dass an dieser Sache etwas völlig falsches dran war. Er schaffte es die Stimmen nur dadurch zu beruhigen, indem er die Bilder, was genau er mit dieser Assistentin vorhatte, vor sein inneres Auge schob. Denn nein, sie sollte nicht einfach nur Assistentin und damit dauerhaft eine Art Lohnsklavin sein. Was er in ihr suchte, war mehr als das. Viel, VIEL mehr.

All diese Gedanken, das Grübeln – es dauerte nur Augenblicke, auch wenn es sich für ihn wie eine Ewigkeit angefühlt hatte. Dann lehnte er sich vor und deutete auf die Anzeige:

„Körpergröße zwischen 1,45 und 1,56? Warum so klein?“

Der Mitarbeiter lächelte. „Geparden sind relativ kleine Katzen. Das ist die typische Größe, die für weibliche Gepard-Humanoide im Genom codiert ist.“

„Ich hätte sie gern etwas größer gewachsen. So etwa…1,69. Ist das möglich?“

Eine gelbe Markierung erschien rechts neben der Darstellung der Humanoiden, der mit einem dünnen, ebenfalls gelben Strich die Größenskala berührte, in der nur Augenblicke darauf die Zahlen 1, 6 und 9 auftauchten.

„Natürlich. Mittels Manipulation des Genoms können wir derartige Änderungen vornehmen. Ich möchte sie aber darauf hinweisen, dass zu viele derartige Änderungen zu einer Destabilisierung der DNS führen können, die willkürliche Mutationen oder Gendefekte auslösen können. Haben sie noch weitere Wünsche?“

Andre nickte knapp und fuhr fort, deutete dann auf den Kopf. „Fellfarbe. Ist ein dunkles Silber möglich?“

Eine weitere, gelbe Markierung erschien und die Darstellung des Körpers wechselte vom gelblichen Farbton in ein dunkles Silber.

Der Markierung folgte kurz darauf noch eine dritte, als Andre darauf bestand, dass sie eine richtige, menschenähnliche Frisur mit ebenfalls dunkelsilbernen Haaren haben sollte. Dann noch eine Markierung für eine Oberweite, die bei Menschenfrauen etwa einer B entsprochen hätte. Noch eine gelbe Markierung für die leichte Veränderung ihres Metabolismus, mit dem die für Geparden übliche, hohe Laufgeschwindigkeit gegen eine höhere Ausdauer und Widerstandsfähigkeit getauscht werden sollte. Zuletzt bestand Andre noch darauf, den durchschnittlichen IQ, der für Humanoide auf einem Wert von 80-85 eingestellt war, auf mindestens 115 zu erhöhen. Hier erhielt er zum ersten Mal Widerspruch, dass Überschreitungen der 100er-Grenze nur in Ausnahmefällen vorgenommen wurden. Diese Bedenken zerstreute er mit der Freigabe und der für sie angedachten Verwendung, da der IQ offenkundig zwingend notwendig sei.

Mit der letzten Markierung, die damit in der Auflistung auftauchte, wurden alle Modifikationen in einem leuchtenden rot dargestellt.

„Es tut mir leid, aber mit all diesen Modifikationen überschreiten sie die Grenze der DNS-Stabilität. Ich kann ihnen nicht garantieren, dass die Humanoide, die mit diesen Einstellungen erschaffen wird, frei von Fehlern ist. Sind sie sicher, dass sie alle diese Modifikationen genau so wünschen?“

„Ja, bin ich.“

Der Mann nickte kurz. „Dann signieren sie bitte hier den Haftungsausschluss, womit sie bestätigen, dass sie nicht die volle Rückerstattung, sondern lediglich einen Teil dessen erhalten, wenn das resultierende Produkt fehlerhaft sein sollte. Außerdem möchte ich sie bitten, hier die Anzahlung von 15.000 australischen Dollar – einem Drittel des Kaufpreises – zu hinterlegen. Der übrige Kaufpreis wird bei Übergabe fällig.“

Ohne einen Moment zu zögern unterzeichnete er sowohl den Haftungsausschluss, wie auch die Überweisung des Geldes. Dann sah er auf. „Wie lange dauert es, bis meine Humanoide fertig ist?“

„In etwa 48 Stunden sollten wir wissen, ob ihre Bestellung zu ihrer Zufriedenheit hergestellt werden konnte. Darf ich sie währenddessen im firmeneigenen Hotel als Gast begrüßen?“


Die zwei Tage Wartezeit vergingen quälend langsam, auch wenn das Hotel wirklich ALLES zu bieten hatte, womit man sich die Zeit kurzweilig gestalten konnte. Ein Spa, eigenes Kino, großer Wellnessbereich, vier Restaurants, in denen wirklich noch der exotischste Gaumen auf seine Kosten kam – und das Personal bestand zur Hälfte aus den unterschiedlichsten Humanoiden, die hier offensichtlich werbewirksam eingesetzt wurden. Böse Zungen mochten sagen, dass dadurch die Lohnkosten exorbitant nach unten getrieben wurden – denn da jeder der Humanoiden irgendeine Art Arm- oder Halsband trug, sah man schnell, dass sie Konzerneigentum waren und damit keinerlei Gehalt abseits ihrer Lebenshaltungskosten erhielten.

Dann, ziemlich genau 46 Stunden nach seiner Unterschrift, erhielt Andre eine Textnachricht, dass er sich bitte bei nächster Gelegenheit im Präsentationsraum 4 einfinden sollte. Also packte er seine bis zu diesem Zeitpunkt unberührte Reisetasche, folgte den Wegweisern zum benannten Raum und betrat ihn schließlich. Dort fand er den Herrn, der mit ihm die Formalitäten durchgegangen war sowie eine Vorrichtung, in der eine fast zwei Meter lange und mit Flüssigkeit gefüllte Röhre eingelassen war. In der Flüssigkeit trieb eine Gestalt mit silbernem Fell. Allerdings waren die Muster, die eigentlich schwarz sein sollten, dunkelblau.

„Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Exemplar nur bedingt lebensfähig zu sein scheint. Bitte, wenn sie sich vom Zustand überzeugen möchten.“ sagte der Mann und deutete auf das Anzeigepanel an der Röhre.

Andre trat näher an die Röhre, blickte zuerst flüchtig auf die Anzeige, auf der ein Piktogramm des darin befindlichen Körpers an mehreren Stellen rot blinkte. Dann aber hob er den Blick, sah durch das Glas und auf die ruhigen, scheinbar schlafenden Gesichtszüge der Humanoiden, die da in der Flüssigkeit trieb und in deren Körper gut ein Dutzend Nadeln und Schläuche steckten, während ein Ring aus Licht immer wieder auf und ab wanderte.

Er hatte gelesen, dass das Aussehen, Gesichtszüge, Wangenknochen und alles, was eben das Aussehen prägte, anhand von vorher eingestellten Parametern bestimmt wurde, mit jedem Humanoiden, der erschaffen wurde, aber noch einmal durch eine Art Zufallsgenerator leichte Modifikationen erfuhr. Auch deswegen hatte er in den vergangenen, beiden Tagen zwar etliche ähnliche Humanoide im Hotel gesehen, aber keinen Zwilling. Und auch wenn zumindest eine oder zwei der felinen Damen ihm optisch gefallen hatten, fühlte er jetzt und hier, da er in das Gesicht dieser Humanoiden vor sich blickte, doch noch viel mehr als jene Bewunderung von Schönheit, die er beim Anblick der anderen gespürt hatte.

Seine Augen hingen über eine Minute lang auf ihr, ehe er schließlich auf den Bildschirm herabblickte. Eine Markierung an ihrem Hals blinkte gelb, der Brustkorb leuchtete rot auf, ebenso beide Beine.

„Was bedeutet das alles?“

Der Mann drückte auf eine Taste neben dem Bildschirm, wodurch die schematische Darstellung verschwand und gegen eine tabellarische Darstellung erschien:

„Defect: Lymphales System. Effektivität bei 65%. Immunschwäche wahrscheinlich.
Defect: Linker Lungenflügel 40% des erwarteten Volumens. Unzureichende Leistung.
Defect: Rechter Lungenflügel 15% des erwarteten Volumens. Nicht nutzbar.
Defect: Links, Rechts: Ligamentum patellae, Ligamentum mediale, Ligamentum collaterale….“

Die Liste war lang, aber die meisten Punkte, so viel verstand Andre, betrafen den Bänderapparat beider Beine und hier die Bänder in den Knien und den Sprunggelenken. Laut Diagnose würde sie daher niemals auf ihren eigenen Beinen stehen oder gar gehen können.

„Ich bedaure vielmals, dass ihre Humanoide offensichtlich nicht lebensfähig ist. Falls sie es wünschen, kümmern wir uns um die fachgerechte Entsorgung. Und auf Wunsch können wir, mit einer angepassten…“

„Wie viel verlangen sie, falls ich diese hier, so defekt, wie sie ist, dennoch nehme?“ unterbrach Andre den Mitarbeiter. Der wiederum stutzte und blickte seinen Gegenüber einen Augenblick fragend an.

„Ähm…für den Fall, dass sie einen defekten Artikel erwerben möchten, gewähren wir einen Rabatt in Höhe des Umfangs der Defekte. Allerdings…bitte warten sie einen kurzen Augenblick.“

Wieder vergingen einige Minuten. Minuten, die er damit verbrachte, durch das Glas hindurch einen guten Blick auf ihr Gesicht zu werfen. Noch immer schlief sie in der Nährlösung, erhielt ihr Blut den nötigen Sauerstoff direkt von der Maschine, an die sie angeschlossen war, wurden ihre übrigen Organe auf genau dem niedrigen Level gehalten, mit dem dieser winterschlafähnliche Zustand stabil gehalten werden konnte. Und in genau diesem Moment schwor er sich, dass er um sie kämpfen würde. Für ihn war sie nicht nur ein Produkt, sie war ein Lebewesen, kein etwas, sondern ein Jemand.

„Nach Rücksprache mit der Administration würden wir ihnen den Artikel für die Hälfte des Preises überlassen. Allerdings verfällt hierdurch jegliches Recht auf einen Umtausch oder eine spätere Erstattung. Auch müssen sie selbst für den Transport aufkommen.“

„In Ordnung. Nur eine Frage noch: Wie lange kann sie in diesem Zustand bleiben? Und kann ich sie so, diesem Behältnis, mitnehmen?“

„Natürlich. Die Nährlösung und die notwendigen Apparaturen sind dafür ausgelegt, den Körper noch weitere 4-6 Wochen am Leben zu erhalten, sollte der Entnahmeprozess bis dahin nicht initiiert werden.“

„Eingriffe sind währenddessen möglich denke ich?“

Erneut erhielt Andre ein bekräftigendes Nicken. „In der Tat. Etliche unserer Kunden bevorzugen es, wesentliche Dinge wie eine Kastration oder Sterilisation selbst zu erledigen, bevor das Produkt geweckt wird. Man will damit angeblich Traumata oder Komplikationen vermeiden.“

„Dann stimme ich dem zu.“ sagte Andre und deutete an, die übrigen Dollar hier und auf der Stelle überweisen zu wollen. Noch immer etwas perplex nahm der Mitarbeiter die Unterschriften, das Geld und den Dank des Deutschen an, ehe er den Transport aus dem Labor heraus veranlasste.

Noch während Andre mit seiner neu erworbenen, zukünftigen Assistentin in Richtung Flughafen unterwegs war, hatte er sein Telefon am Ohr, rief einen Chirurgen an, der ihm bei dem folgenden Eingriff zur Hand gehen sollte. Im Flieger dann wählte er eine weitere Nummer – die Nummer von seinem guten Freund Dominik, der ihn erst zu genau dieser Dummheit, die er gerade beging, geraten hatte.


Probenentnahme, Vermengung mit den speziell gezüchteten Stammzellen, Wachstumsenzyme, die spezielle Nährlösung und schließlich noch eine größere Dosierung an Wachstumshormonen, als eigentlich nötig gewesen wäre – binnen weniger Stunden wuchs in einem Nährstofftank neben dem großen, zylinderförmigen Behältnis eine intakte Lunge heran, die am Folgetag verpflanzt werden sollte. Zur Freude von Andre und seinem Chirurgen Pavel war die alte, defekte Lunge noch gänzlich unbenutzt, die Nährlösung wirkte sowohl desinfizierend wie blutungstoppend, so dass es zwar trotzdem eine völlig neue Erfahrung war, innerhalb einer Flüssigkeit eine solche Operation durchzuführen, aber auch wieder leichter, da sich die Maschine um die Lebenserhaltung und die nötige Betäubung des Körpers kümmerte. So zeigte, als der Eingriff schließlich abgeschlossen war, die Anzeige an der Seite des Tanks nicht nur zwei Defects weniger an, sondern prognostizierte im Gegenteil für beide Lungenflügel jeweils eine Lungenkapazität von 126% der erwarteten Leistung. Allerdings würde es nun gut zwei Wochen dauern, bis die beim Eingriff zwangsläufig beschädigten (genauer gesagt: in der Mitte durchgesägten) Rippen wieder verheilt sein würden.

Noch während Andre seinem Chirurgen die 25.000 Euro als Honorar für den Eingriff überwies, tauchte ein weiterer Besucher im Labor auf, begleitet von niemand geringerem als Dominik.

„Das hier ist der Sportmediziner, über den wir gesprochen haben. Aber bist du wirklich sicher, dass du das machen willst? Ich meine…wow, für nen geklontes Viech so einen Aufwand…“

„Lass gut sein Dom. Und ja, ich war mir in meinem Leben nur selten so sicher. Also, was haben sie anzubieten?“

Der Sportmediziner, der auf seinem Gebiet eine mindestens ebenso große Kompetenz war, wie Andre in seinem, erklärte in überraschend kurzen und klaren Sätzen, dass er schon etlichen Profisportlern dadurch die Karriere gerettet hatte, indem er verletztes Bändergewebe durch das Einweben von hauchdünnen Aramidfasern erheblich verstärkt hatte. Dann blickte er auf die Diagnosedarstellung des zylinderförmigen Konstrukts, rief eine Detailansicht vom rechten Kniegelenk auf und nickte langsam.

„Ja, ich denke, das kriege ich hin. Wird aber nicht billig fürchte ich. Da muss ich ja an jedes Band einzeln dran. Dauert locker eine Woche, wenn ich das richtig sehe.“

„Wie viel?“ fragte Andre nur und riss dann die Augen auf, als der Arzt etwas von 50.000 Euro sagte. Aber pro Gelenk.

Dann aber nickte er langsam. „In Ordnung. Aber dafür verstärken sie die Bänder derart, dass eine Dehnung oder ein Riss selbst bei einem Unfall quasi ausgeschlossen werden kann, in Ordnung?“

„Aber klar. Verlassen sie sich da ganz auf mich.“ sagte der Mediziner noch, ehe er seine Sachen packte, dann einige Dinge in seinem Terminkalender hin und her schob und ein „Wir sehen uns dann Montag in drei Tagen.“ murmelte, ehe er sich an Dominik vorbei drückte und offenbar zum nächsten Termin verschwand. Dominik selbst blieb indes zurück und packte Andre an der Schulter.

„Bist du wahnsinnig? Das sind zweihunderttausend Euro für ein Stück Fell. Du bekommst ZEHN von den Dingern auf dem Schwarzmarkt! ZEHN!“

„Ich will aber keine zehn von denen, sondern Silvana hier.“

„Du…du hast dem Ding…“

„Ihr.“

„Fein…ihr…schon einen Namen gegeben? Obwohl die noch keinen einzigen Atemzug durch deine tollen, neuen Lungen getan hat?“

„Sie werden funktionieren. Und die Immunschwäche, die bei ihr diagnostiziert wurde…“ er deutete mit einem Finger auf das Display, auf dem nun nur noch die Beine an vier Stellen rot blinkten. „…habe ich mittels eines gezielten Hormon- und Wachstumscocktails ebenfalls in den Griff bekommen. Alles unter Kontrolle.“

„Dein Vertrauen hätte ich gern. Verdammt, du manövrierst dich noch selbst ins Aus, wenn das so weitergeht.“

„Nein, werde ich nicht. Hab keine Angst.“


Der Montag kam – und mit ihm der Sportmediziner und zwei seiner Assistentinnen, die sich gleich daran machten, Band für Band mit den Fasern zu verstärken. Und es dauerte tatsächlich acht Stunden, ehe sie mit dem ersten Gelenk fertig waren, am Folgetag fortsetzten und dann schließlich am Donnerstagabend, auch das linke Sprunggelenk als Letztes finalisierten. Zum Schluss blieben nur die mahnenden Worte, wenigstens drei Tage zu warten, bis auch alle Nähte verheilt und die Fasern vom Körper in das bestehende Gewebe integriert sein würden.

Andre wartete ganze fünf Tage, warf am sechsten Tag einen Blick auf die Statusanzeige des Tanks, dessen Energielevel nun bei 37% stand und der empfahl, die Entnahmeprozedur baldmöglichst einzuleiten. Rote Blinklichter gab es keine mehr. Sie alle waren einem einzigen, grünen Haken gewichen, der bestätigte, dass alles gemäß der Spezifikationen korrekt aussah. Lediglich die Anmerkung, dass die Fellfarbe von der Norm abwich, stand noch als Erinnerung auf dem Display.

Es wurde später Nachmittag, als er sich entschloss, die Entnahmeprozedur nun einzuleiten. Doch als seine Hand gerade über dem Knopf war, er noch einen letzten Blick durch das Glas hindurch auf sie richtete und ihren gänzlich unbekleideten Körper bewunderte, fiel es ihm schlagartig auf: Sie war NACKT. Und nein, er hatte NICHTS, was er ihr geben konnte, um sich anzuziehen.

Drei Tastendrücke auf dem Display später erschienen die Kleidergrößen und Körpermaße von Silvana, notierte er sie sich und verschwand im nächsten Kaufhaus, in dem man auch Kleidung für Humanoide vertrieb. Hier musste er schmerzlich feststellen, dass die meiste Kleidung für Humanoide hoffnungslos überteuert war. So griff er dort lediglich die Teile, die auch unbedingt für Humanoide sein mussten: Drei Unterhosen mit einem Bügel an der Rückseite, der über den Schwanz geschlossen werden konnte, zwei Jeans – eine in dunkelblau und eine in schwarz – mit passenden Öffnungen, zwei Paar feine, schwarze Socken in der passenden Größe sowie ein Paar schwarze Turnschuhe in digitigrater Ausfertigung, die nicht nur genau ihre Größe waren, sondern gleichzeitig noch besonders stark dämpfende Eigenschaften hatten. In der normalen Abteilung kaufte er noch farblich zu den Unterhosen passende BHs, drei T-Shirts, zwei langärmelige Blusen und eine formschöne, silberne Jeansjacke, ehe er, mit allem im Gepäck, ins Labor zurückkehrte und dort dann, mit zittrigen Fingern auf „Entnahmeprozedur starten“ tippte.

„Prozedur gestartet. Hintergrundinformationen für Prägung eingeben.“

Eine Auswahl von verschiedenen Hintergründen wurde angeboten, mit denen eine Art Vergangenheit in das Unterbewusstsein eingepflanzt werden konnte. Laut Anleitung und der erklärenden Einblendungen würde das die Akzeptanz von Humanoiden und ihrer Situation erhöhen – und sie so insgesamt gefügiger machen.

Andre scrollte durch die unterschiedlichen Hintergründe hindurch – von Laborunfall über Experiment bis hin zu „auserwählte Persönlichkeit“, Reinkarnation und einigen Religionen, die sich wohl wer ausgedacht hatte, war so ziemlich alles dabei, was sowohl rationale wie auch kranke Hirne sich ausdenken konnten. Ihm jedoch sagte nichts von alledem so wirklich zu.

Nach über einer Stunde hin und her entschied er sich schließlich für: „Leer“. Im Feld für „zusätzliche Parameter“ jedoch fügte er eine Prägung ein, die er so kurz fasste, wie er konnte: „Vergiss niemals, dass ich immer für dich da sein werde.“ – ein kitschiger Satz, begleitet mit einem Bild von ihm, aber es war die einzige Wahrheit, die er ihr mit auf den Weg geben wollte.

Fertig – nächster Schritt: Auswahl der Stimmmodulation. Hier konnte er den Klang der Stimme ein wenig verändern. Doch die Voreinstellung klang bereits angenehm, wie er fand.

Im letzten Schritt wurde er noch darauf hingewiesen, dass er nach Entleerung und Öffnung der Kammer aktiv mithelfen sollte, damit die ersten Atemzüge auch problemlos erfolgten. Außerdem wurde davor gewarnt, dass „der Humanoide ist nach Entnahme noch sehr schwach. Alle Körperfunktionen müssen sich erst stabilisieren. Bitte vermeiden sie in den ersten 48 Stunden feste Nahrung, Stress und körperliche Belastung“ dringend eingehalten werden sollte. Auch das bestätigte er.

Dann kam Leben in die Röhre. Die Flüssigkeit verschwand überraschend schnell, ließ den Körper auf die Rückseite der Röhre und schließlich nach unten, auf dem Sockel und in einem kleinen Häufchen Elend zusammensacken, während die Leitungen und Injektionsnadeln sich mit einem Ruck aus dem Körper entfernten, die zurückbleibenden Wunden von einem Gel, das aus den Spitzen der Nadeln und Schläuche zurückgelassen wurde, schlagartig verschlossen wurden. Nur Augenblicke später drehte sich die gläserne Front ein wenig und schob sich eine Öffnung, die ERHEBLICH größer war als jene Behandlungsöffnungen durch die die Lungentransplantation und die Eingriffe an den Gelenken vorgenommen wurden, war. Einen Augenblick lang zögerte er und beobachtete sie nur. Doch das erwartete, plötzliche Aufwachen oder gar Nach-Luft-schnappen, blieb aus.

Mit dem Mut der Verzweiflung griff er nach ihren Armen, zog sie durch die Öffnung und hob die Humanoide schließlich auf seine Arme, wobei er feststellte, dass sie deutlich leichter war, als er geschätzt hatte. Tatsächlich hatte der Bildschirm etwas zwischen 39 und 43 Kilogramm angezeigt gehabt, wenn er sich richtig erinnerte. Wie dem auch sei, er hob sie aus dem Zylinder, trug sie einige Meter, ehe er sie auf den Boden legte und ihr einen kräftigen Klaps auf den Rücken verpasste, um sie zum Atmen zu animieren. Doch immer noch nichts.

Jetzt kam die Panik ein wenig in ihm hoch. Wieder und wieder klopfte er an ihre Wangen, doch Silvana schien nicht atmen zu wollen. Im letzten Akt der Verzweiflung, holte er selbst tief Luft, presste er mit zwei Fingern ihre Nase zu, legte seine Lippen auf die ihren und presste so seinen eigenen Atem in sie hinein. Ein leises Gurgeln von Flüssigkeit war sowohl zu hören, wie auch zu spüren. Aber ihr Brustkorb hob sich.

Er wiederholte es nochmal, leise wimmernd, dass sie doch um ihr Leben kämpfen soll. Gerade wollte er zum dritten Atemzug ansetzen, als ein wilder Husten, gefolgt von reichlich Flüssigkeit, aus ihrem Hals empor schoss. Sofort drehte er sie auf die Seite, woraufhin sich geschätzte drei Liter Wasser-Gel-Mischung auf dem Boden verteilten, ehe sie röchelnd einatmete, hustete, weitere Flüssigkeit geschossartig aus ihrem Mund entwich, ehe sich ihr Atemgeräusch normalisierte. Andre indes hielt sie fest, stützte sie, bis sie schließlich so weit zu Sinnen kam, dass sie ihn aktiv wahrnahm.

„Ich…kenne dich. Aber wer…bist du?“ stammelte sie unsicher.

„Ich bin Andre. Dein Name ist Silvana. Ich…habe dich bauen lassen. Du bist das Wunderbarste, was ich jemals erschaffen habe.“

„Erschaffen? Was…bin ich? Wie? Wo?“ fragte die Humanoide ängstlich, verwirrt. Wäre nicht diese Überzeugung, dass dieser Mensch, der sie da im Arm hielt, ihr Sicherheit geben würde, fest in ihrem Kopf gewesen, sie wäre in Panik verfallen. Doch so fühlte sie eine sanfte, beruhigende Wärme.

„Ich werde dir später alles weitere erklären. Jetzt sollten dir dich zuerst abtrocknen und dir etwas anziehen. Und dann solltest du dich ausruhen. Du musst noch viel lernen. Aber nicht alles auf einmal.“

Mit diesen Worten stand Andre langsam auf, half ihr vorsichtig auf die Beine und führte sie zu der kleinen Couchgarnitur am anderen Ende des Labors. Auf dem Weg dorthin merkte er, dass ihre Beine und Gelenke ungewöhnlich steif waren – offensichtlich musste sie sich an die Implantate erst noch gewöhnen. Oder überhaupt daran, auf eigenen Beinen zu stehen. Dann nahm er zwei Handtücher aus der Ecke mit den Waschbecken und trocknete ihr nasses Fell so gut er denn konnte ab, griff eine der Unterhosen, streifte sie ihr über, dann einen BH, den er ihr ebenfalls überzog, ein T-Shirt, eine Hose und die Socken. Es passte tatsächlich alles haargenau. Und gerade als er mit dem letzten Socken fertig war, merkte er, dass sie bereits eingeschlafen war, ruhig und leise atmete. Kurzerhand hob er sie so auf die Couch, dass sie so bequem wie möglich lag, deckte sie mit der Wolldecke am Fußende der Couch zu und ging zurück zu der Kammer, in deren Sockel nun ein Fach aufgesprungen war. Drei Beutel lagen darin – beschriftet mit großen Zahlen: Der erste trug eine 1, der zweite eine 2 und der dritte schließlich – vorhersehbar – eine 3. Unter den Zahlen jeweils eine kurze Anleitung, dass dies Brei sei, der in genau dieser Reihenfolge 8, 12 und 16 Stunden nach der Entnahme oral verabreicht werden sollten, um das Verdauungssystem des Humanoiden korrekt in Gang zu setzen.

Dann betrachtete er die Anzeige auf dem kleinen Bildschirm, die sich nun verändert hatte und eine weitere Anleitung darauf. Dinge, die nach der Entnahme zu beachten waren. Ein paar der Anmerkungen hatte er schon vorher gelesen, doch diese hier waren umfangreicher. Eine Warnung vor zu viel Körperkontakt in den ersten 24 Stunden, da dies andernfalls eine starke, persönliche Bindung auslösen könnte, ebenso die dringende Aufforderung, die Vitalfunktionen während der ersten Woche intensiv unter Beobachtung zu halten, da innerhalb dieses Zeitfensters noch Anomalien auftreten konnten. Und schließlich noch eine Taste, die in der untersten, rechten Ecke des Bildschirms aufleuchtete und, nachdem er sie gedrückt hatte, ein kleines Armband an der Seite zum Vorschein brachte. Ein Display mit einem Vitalmonitor, der derzeit nur die Meldung „Band anlegen für Werte“ anzeigte, darüber eine kreisrunde Fassung mit einem Foto von ihr, darunter eine zweite, kreisrunde Fassung, in dem ein Foto von ihm eingesetzt worden war. Offensichtlich die modernere und wesentlich schickere Version der Eigentumsbänder, die er in dem Hotel bei den anderen Humanoiden gesehen hatte.

Er zögerte kurz, dann zog er das Band aus der Seite heraus, ging zu ihr herüber und griff nach ihrem linken Handgelenk, legte das Band vorsichtig darauf ab. Ohne das er etwas tun musste, schloss sich das Band um das Handgelenk, verschwand die Schrift und das Display wurde für einige Sekunden vollkommen schwarz. Dann tauchte ein „Initialisierung. Starte Messung“ darauf auf, blinkte ein Bluetooth-Symbol und die Aufforderung, das Band zu koppeln. Er zog sein Smartphone hervor, tippte auf die Kopplungsanfrage, bestätigte diese, sah, wie eine App heruntergeladen wurde, sich selbst startete und kurz darauf die Statistiken und Vitaldaten von Silvana auf seinem Smartphone.

„DAS hat mir keiner gesagt. Verdammte Mistkerle. Die degradieren Lebewesen wirklich zu einfacher Ware.“ dachte er sich, als neben dem Foto von ihr auch Daten über Puls, Blutdruck, Blutzucker und Atmung auftauchten.

Puls 41, Blutdruck 100/60, Blutzucker 23, Atmung 7. Sehr niedrige Werte, wohl auch, weil sie gerade schlief.

Mit der Gewissheit, dass ihre Gesundheit überwacht wurde, ging er an andere Ende des Labors, nahm an seinem Schreibtisch Platz und überflog die Mails und Berichte, die sich in den vergangenen Tagen angesammelt hatten. Zu seiner Zufriedenheit waren drei der Partnerverträge, die er noch vor seiner Abreise ausgehandelt hatte, mittlerweile bestätigt, hatten die Partner ihre Lizenzzahlungen schon angewiesen und damit die Kosten für das, was ihn seine Assistentin bis hierher von seinem Ersparten abverlangt hatte, um ein vielfaches wieder eingebracht. Doch das war nur eine Momentaufnahme. Die Formeln, die er erarbeitet hatte, funktionierten, der Zuchtprozess, den seine Partner nun ebenfalls nutzen konnten, dauerte aber noch viele Tage und bis zu zwei Wochen. Die verbesserte Methode, die er bei der Zucht der Lunge für Silvana zum ersten Mal praktisch angewendet hatte, dauerte nur noch Stunden bis maximal ein, zwei Tage und brachte ein leistungsfähigeres Organ zum Vorschein. Es war ein Wagnis, es an ihr auszuprobieren, doch manchmal musste man Risiken eingehen, um die Entwicklung einen entscheidenden Schritt nach vorn zu treiben.


Nachdem er auch noch den letzten Bericht überflogen hatte, blickte er auf die Uhr seines Monitors – kurz vor 21 Uhr. Zeit, nach Hause zu fahren. Also erhob er sich von seinem Stuhl, streckte sich einmal, schaltete den Rechner ab und ging hinüber zu Silvana, die regungslos auf der Couch lag und scheinbar schlief. Als er aber näher kam, sah er, wie sie die Augen öffnete und ihn fragend ansah. Erst jetzt hatte er die Gelegenheit, ihr direkt in die Augen zu blicken.

Sie waren dunkelblau. Unüblich gefärbt für eine wie sie. Die typischen, animalischen Züge, das Raubtierhafte der Augenform wurde ergänzt um etwas, das trotz der gut sichtbaren Müdigkeit ein klares Anzeichen von Intelligenz war. Einer Intelligenz, die auf den ersten Blick merklich größer war, als jene knapp über 100 Punkte, die ihr eigentlich zugestanden worden waren. Aber da war noch etwas anderes in ihrem Blick, der über sein Gesicht wanderte und schließlich auf seinen eigenen Augen zum Ruhen kam – ein kleines, undefinierbares Funkeln, ein Strahlen, wie er es noch bei keinem anderen gesehen hatte.

„Komm, wir gehen nach Hause.“ sagte er und griff zu der Einkaufstasche, in der er ihre übrigen, frisch gekauften Kleider untergebracht hatte, zog die Schuhe heraus und stellte sie vor ihr ab. Sie folgte seinem Blick und sah die Schuhe fragend an.

Natürlich war ihm klar, dass sie erst alles von 0 an lernen musste – immerhin hatte sie nur das Mindeste, was zum Überleben nötig war, genetisch verankert beigebracht bekommen. Die Sprache und ihr Verständnis davon war eines dieser Dinge. Aber das Anziehen oder Schnüren von Schuhen gehörte sicher nicht zu diesen Dingen.

„Pass gut auf. Ich zeige dir, wie es geht.“ sagte er, griff den linken Schuh mit der einen Hand, dann ihren linken Fuß mit der anderen, schob diesen etwas nach oben, ehe er den Schuh ein wenig an den Seiten weitete und über ihren Fuß überstülpte. Das klang einfacher, als es war, da die Füße von Humanoiden eben anders geformt, länger und schlanker waren, aber da sie unbewusst mithalf, gelang es ihm doch nach einigen Augenblicken. Dann zog er die Schnürriemen fest, band den Schuh vor ihren Augen demonstrativ zu, bis eine dekorative Schleife an der Oberseite zum Vorschein kam. Sie indes beobachtete ihn mit fixiertem Blick bei jedem einzelnen Handgriff.

Dann griff er zum rechten Schuh, hielt ihn ihr hin. „Jetzt du.“

Silvana griff nach dem Schuh, weitete ihn ein wenig und schlüpfte in einer einzigen, fließenden Bewegung hinein, zog die Riemen fest und schnürte den Schuh mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit, kopierte die Handgriffe fast vollkommen – mit der Ausnahme, dass sie ihre Handlungen spiegelte, so dass sich eine fast perfekte Symmetrie der beiden Schuhe ergab.

„Richtig so?“ fragte sie, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt und mit dem Gesicht so nah an Andre, der beeindruckt nickte und etwas sagen wollte. Dann erst realisierte er, dass ihr Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Anstatt etwas zu sagen, überbrückte er die Distanz vollends, legte seine Lippen auf ihre und küsste sie. Dann erst sagte er leise ein „Du bist noch viel beeindruckender, als ich es mir vorgestellt habe.“

Auf seinem Smartphone und an ihrem Handgelenk piepte etwas kurz auf, brachte beide für einen Augenblick aus der Fassung. Im Augenwinkel sah er eine gelbe Warnung auf dem Display des Armbands. Schnell erhob er sich, zog sein Smartphone und blickte auf die dort ebenfalls groß prangende Warnung:

„Achtung. Abnormalen Puls festgestellt.“ stand dort, zusammen mit der Zahl: 131. Eine richtiggehende Spitze im Puls, die mehr als eine Verdopplung ihres Ruhepulses von knapp unter 60, der sich nun langsam wieder einpendelte, darstellte.

„Mach dir keine Sorgen. Mit mir ist alles in Ordnung. Es war nur…ich weiß nicht..“ warf Silvana ein, als sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn erspähte.

„Du bist erst wenige Stunden raus aus dem Tank. Dein Körper soll Anstrengungen um jeden Preis vermeiden.“

„Ja, aber sieh doch. Mein Puls ist wieder normal. Bitte, mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut. Wirklich.“

Andre nickte, blickte sie dann aber verwundert an. „Moment. Willst du mir sagen du kannst das lesen?“

„Natürlich. Sind doch nur Zahlen und Buchstaben.“

Ein kleiner Stoßseufzer entwich ihm. Für einen Moment hatte er noch befürchtet, er müsse ihr noch Lesen und Schreiben beibringen. Glücklicherweise gehörten derartige Fähigkeiten aber doch zum Umfang dessen, was Humanoiden bei der Erschaffung direkt genetisch antrainiert wurde. Ohne noch groß Worte oder Gedanken zu verlieren griff er die Einkaufstasche, ging zu seinem Schreibtisch, nahm sein Tablet, ehe er zu ihr zurückkehrte und ihr auf helfen wollte. Zu seiner Überraschung stand sie bereits, testete nun aber ihre Beine, drehte, ihre Knie, ihre Füße, wog prüfend etwas auf und ab, wobei man aus allen Gelenken ihrer Beine leises Knirschen und Knarzen hören konnte. Wohl auch, weil sie die Beine noch nie benutzt hatte.

„Beeindruckend.“ meinte Andre, als er sah, wie sie mit überraschender Leichtigkeit ihr Gleichgewicht fand und dann, in voller Größe, vor ihm stand und dabei freundlich lächelte. „Aber bitte halt dich auf dem Weg zum Auto trotzdem an mir fest. Ich will nicht, das du hinfällst und dich verletzt.“

„Keine Sorge. Ich fühle, wie ich von Minute zu Minute sicherer werde. Du musst dir wirklich keine Gedanken machen.“

Er packte noch die drei Beutel Brei ein, dann hob er dennoch ihren linken Arm auf seine Schulter, ehe sie gemeinsam das Labor verließen.

In der Tiefgarage schließlich ließ er sie auf dem Rücksitz einsteigen, schnallte sie an und reichte ihr dann das Tablet. „Ich habe alles, was ich in den letzten Wochen mit dir durchgemacht habe, da drauf gespeichert. Fotos, Berichte, Anmerkungen, Kommentare. Wenn du möchtest, kannst du es gerne lesen. Zu Hause können wir gern über alles reden, was du nicht verstanden hast oder darüber hinaus wissen willst.

Sie nickte, während er die Tür schloss und vorne einstieg. Zu ihrer beider Glück war auch das Wissen um die Bedienung von einfachen Gegenständen und Elektronik Bestandteil ihrer Prägung gewesen. Was genau und warum, erfuhr sie, als sie das Dokument öffnete, in dem alle Modifikationen und Fähigkeiten, die sie haben sollte, die sie perfekt und bis auf den letzten Millimeter beschrieben, las.

Für jeden anderen wäre es vermutlich ein Schock gewesen, zu erfahren, nur aus einer Petrischale gezüchtet und alles um einen herum als Lüge verkauft bekommen zu haben. Aber Andre hatte sich von vornherein dagegen entschieden, ihr irgendeine Lügengeschichte aufzutischen. So las sie die Wahrheit, die Motivation dahinter, sah sie die Berichte über die Fehler und Fehlfunktionen an ihrem Körper, die mangelhafte Lunge, die sie einmal tief einatmen ließ, wobei sie feststellte, dass die Mängel nicht da waren. Dann sah sie, wie ihre Lunge getauscht worden war, las und sah die Bilder von der Operation, wanderte dabei mit der Hand an ihrer Brust entlang und erfühlte dort tatsächlich unter ihrem Fell eine feine, gut verheilte und nahezu verblasste Narbe des Eingriffs.

Dann sah sie auch die Eingriffe an ihren Knien und Sprunggelenken, las über die Wirkung, etwaige Komplikationen und Risiken, während sie unbewusst ihre Füße hin und her drehte und ihr eines Knie mit der Hand durch die Hose abtastete. Und sie sah die Rechnungen.

Während draußen die Stadt an ihr vorbeihuschte, rief sie die Suchmaschine auf dem Tablet auf, suchte nach Humanoiden und den gängigen Preisen, für die diese auf dem Markt erhältlich waren. Die meisten Seiten schrieben genau gar nichts darüber, verwiesen auf ein „Auf Anfrage“ oder derlei. Aber in den Kleinanzeigen, die ebenfalls in den Suchergebnissen auftauchten, sah sie die Preise, die andere für Humanoide verlangten.

Zwölftausend Euro. Achttausend Dollar. Noch ein „Sondermodell“ für dreiundzwanzigtausend. Designer-Edition für fünfzigtausend. Einer bot sogar Humanoide zur Miete an – für Arbeiten aller Art (bevorzugt schwere, körperliche Arbeit) für fünfhundert Euro pro Monat. Dann wechselte sie zurück in die Berichte, sah auf die Zahlen und überschlug die Werte.

Einen kurzen Augenblick war ihr, als würde ihr Herz aussetzen, als sie bei allen Rundungen auf eine Summe von über dreihunderttausend Euro kam, die Andre für sie bereits ausgegeben hatte.

Warum?

Sie suchte im Netz nach ihm. LinkedIn, die sozialen Medien, Zeitungsberichte. Sie überflog die Anzeigen so schnell, wie die Internetverbindung es ihr erlaubte, doch nach nur drei Minuten hatte sie ein sehr klares Bild von ihm: Ein treuer Mensch, intelligent, ein wenig zurückgezogen, kreativ, idealistisch und äußerst sparsam. Gleich mehrere dieser Werte widersprachen all dem, was er in sie investiert hatte.

Dann tippte sie ein weiteres Wort in die Suchmaschine ein: „Kuss“.

Sie überflog die Suchergebnisse, um die Bedeutung dessen, was im Labor passiert war, sachlich und analytisch erfassen zu können. Ihr Blick fiel auf ihren Biomonitor am Handgelenk. „Kuss erhöhter Puls“ suchte sie als nächstes. Dann „Liebe“. Sie las die Beschreibung von Verliebtheit, Leidenschaft, dann begann sie langsam zu verstehen. Schnell blickte sie auf ihren Biomonitor.

Puls: 97. Atmung 19.

Der analytische Geist in ihr stellte fest: Nicht nur er war es. Sie war es auch. Vielleicht waren das auch die Hormone, die so kurz nach der Entnahme aus dem Tank noch verrücktspielten und ihren Körper in diesen Zustand versetzten. Eventuell spiegelte er diesen Rausch, durch den sie gerade ging, nur. Doch warum dann diese hohen Ausgaben, bevor sie überhaupt aus dem Tank herausgekommen war?

Wieder und wieder ging sie alle Suchergebnisse durch. Viele nutzten andere Worte, aber das grundsätzliche Fazit blieb das Gleiche: Er hatte mit ihr nicht nur eine einfache Assistentin erschaffen und auch keine Hilfskraft, der er „vertrauen“ konnte, wie er seinen Mitarbeitern und Freunden vermittelt hatte. Auch kein Versuchsobjekt oder eine Plattform für neue Wege der Medizin, womit er den Antrag begründet hatte, um sie überhaupt aus dem Nichts erschaffen zu können. Und er hatte die neue Kombination zur Züchtung von Organen erstmalig bei ihr angewendet, um das zu betonen, was er in ihr sah: Sein Lebenswerk, das er liebte, das seine Liebe personifizierte. Mehr noch: Er hatte seiner Leidenschaft und seinen Träumen mit ihr einen Körper gegeben. Deswegen behütete er sie so, ließ er ihr aber die Freiheit, ohne sie zu belügen.

Ihr Armband vibrierte wieder. Schneller Blick: Puls bei 149. Sie musste sich unbedingt und schnell beruhigen, ehe er sich noch Sorgen…

„Bist du in Ordnung?“ fragte er und blickte zu ihr nach hinten. Schnell wischte Silvana auf dem Tablet zur Seite, nickte sie.

„Ja…ich habe nur gerade das Bild von mir bei der Lungen-OP gesehen und mich erschreckt.“ log sie, drehte das Tablet und zeigte das Foto hoch.

„Das hat sich erledigt. Mach dir keine Sorgen deswegen.“

„Ja, ja, ich weiß. Aber der Anblick…“

Er lächelte, ließ es dann darauf beruhen. Ein Grund mehr für sie, sich zu beruhigen. Er hatte die Notlüge geschluckt. Aber damit hatte sie einen Beleg. Ja, natürlich hatte sie Gefühle für jemanden, der sie nicht einfach aufgegeben, sondern Unsummen an Geld in sie gesteckt hatte, um ihr eine Chance zu geben. Jemanden, der um sie gekämpft hat – auch wenn sie ihn gerade erst einige Stunden kannte, so war sie für ihn doch alles, was er immer gewollt hatte. Da war der Rest…logisch. Irgendwie zumindest.

Nach noch einer weiteren Viertelstunde durch den überraschend heftigen Verkehr parkte Andre den Wagen in der Garage unter dem Wohnkomplex, nahm er seine Begleitung und ihr Gepäck in jeweils eine Hand, ehe sie sich im Aufzug nach oben aufmachten.

„Wir essen noch eine Kleinigkeit zusammen und dann sollten wir uns auf jeden Fall schlafen legen. Morgen wird ein anstrengender Tag.“ verkündete er, ging in seine kleine, kaum benutzte Küche, um sich ein Sandwich zu machen, während es für Silvana den Brei aus Beutel Nr. 1 geben sollte. Anstatt sie aber zu füttern, wie es wohl bei einigen Humanoiden gemacht wurde, legte er den Beutel nur bereit, nickte ihr zu und zeigte ihr so, dass er ihr vertraute, sich selbst um ihr „Essen“ zu kümmern.

Sie wiederum überflog die Beschreibungen, Inhaltsstoffe und alle anderen Dinge, die dort auf die Seite aufgedruckt waren. Dann knetete sie den Beutel, wie es die Anleitung vorsah, mehrmals kräftig durch, ehe sie den Schraubverschluss an er oberen Ecke öffnete. Ein süßlich-chemischer Geruch stieg aus dem Beutel empor in ihre empfindliche Nase, einige Tropfen einer hellbraun-weißlichen Flüssigkeit liefen an der Seite herunter und blieben dort, nach einigen Zentimetern, wie Kleister kleben. Mit etwas Sehnsucht blickte sie auf das schnell zusammengestellte Sandwich auf Andres Teller.

„Morgen Abend, wenn alles gut geht. Aber nur, wenn du deinen Brei auch brav und komplett auf futterst.“

Sie seufzte. „Das will ich doch hoffen.“ Dann setzte sie den Beutel an und drückte die zähe Flüssigkeit in ihren Mund.

Sie musste wirklich ihre gesamte Willenskraft aufwenden, um dieses gänzlich geschmackfreie, klebrige Zeug nicht sofort quer durch den Raum zu spucken, so widerlich war es. Innerlich schwankte sie zwischen einem „so schnell wie möglich runter mit dem Zeug“ und einem „erst die Übelkeit loswerden und dann weitermachen“, entschied sich dann aber doch für Ersteres, drückte auch noch den letzten Rest aus dem Beutel heraus, ehe sie ihn, völlig entleert, in den Mülleimer neben der Küchentheke verschwinden ließ.

Andre hob die Augenbrauen. „Da hatte aber jemand Hunger wie mir scheint.“ Aber sie schüttelte nur den Kopf, wischte sich den Mund mit ihrem rechten Arm ab und deutete dann auf den Wasserhahn. „Kann ich bitte etwas Wasser haben? Ich muss diesen Geschmack los werden.“

Er nickte, griff ein Glas aus dem Schrank, füllte es unter dem Hahn und reichte es ihm. Mit einem einzigen, kräftigen Schluck leerte sie das Glas, reichte es zurück, bat um mehr. Erst nach insgesamt vier Gläsern kühlen Wassers schien sie zufrieden, nickte ihm dankend zu.

Endlich konnte er sich seinem Sandwich widmen, blickte dabei fragend zu ihr, ob sie denn alle Antworten von dem Tablet bekommen hatte.

„Nicht alle, wenn ich ehrlich bin.“ sagte sie, als sie kurz aufstoßen musste. Sie konnte deutlich fühlen, wie ein leichtes Rumoren durch ihren Magen ging. Ganz, wie sie es erwartet hatte – denn anders als er hatte sie die Anleitung auf den Beuteln vollständig gelesen. Und nur bei Beutel 1 war ein Zusatz, der ganz unten in der Falz gut versteckt aufgedruckt worden war, den er offensichtlich nicht gewusst hatte: „Achtung. Keinesfalls mit Wasser vermischen. Mischung mit kaltem Wasser führt bei Verzehr zu Magenreizung und Krämpfen.“

Sie hatte zwar keine umfangreichen Kenntnisse der Chemie, dank den Unterlagen, die sie studiert hatte, aber sehr wohl umfangreiches Wissen ihrer eigenen Physiologie und des Stoffwechsels. Sie würde sicher noch einige Minuten bis eine halbe Stunde haben, ehe es wirklich losging. Und die Krämpfe würden mindestens die halbe Nacht anhalten. Zeit, in der er sie nicht allein lassen würde – und damit entgegen dem, was er zweifellos geplant haben dürfte, wenn sie das gemachte Gästebett, an dem sie beim Hereinkommen vorbeigekommen waren, richtig einschätzte.

„Warum eine Gepardin und wieso so spezifisch mit der Fellfarbe? Alles beides hat doch erst zu den heftigen Defects geführt, oder?“

Andre lächelte, als er in sein Sandwich biss. „Ich habe herumgesucht, welche Varianten die seltensten sind. Bei den Felidae sind es in der Tat die Geparden. Sie eignen sich aufgrund ihrer Physiologie für keine schwere Arbeit und für anderes ist ihr durchschnittlicher IQ normalerweise zu niedrig. Und sie sind eigentlich nicht robust oder geschickt genug.“

Ein weiterer Bissen später und sein Sandwich war verschwunden. Dafür trat er um die Theke, nahm neben ihr auf einem der Hocker Platz. „Außer natürlich man investiert in die entsprechenden Modifikationen. Aber wer außer mir ist schon so verrückt?“

Er lachte leise auf. Und Silvana lachte ebenfalls, während sie spürte, wie das Rumoren in ihrem Bauch heftiger wurde. Doch NOCH konnte sie es unter Kontrolle halten, ohne eine Miene zu verziehen.

„Hast du noch irgendwas, das du mich fragen möchtest?“

Wieder nickte sie. „Ja, aber nur, wo ich mich hinlegen kann. Ich bin so müde, als wäre ich eben erst auf die Welt gekommen.“

„Hrm, wie kann DAS nur kommen?“ fragte Andre, die Hände in die Hüften gelegt und lachte erneut, während sie ihrerseits in das Lachen einstimmte.

„Na komm, ich zeige dir, wo du die nächsten Nächte schläfst. Ich habe dir ein eigenes Zimmer zurecht gemacht, direkt neben meinem.“

Er stand auf, sie folgte ihm. Als sie den ersten Schritt machte, fühlte sie, wie der Brei und das Wasser gemeinsam in ihrem Magen ein wenig hin und her schwappten. Das wiederum sandte eine wahre Welle aus Krämpfen, die nun schon merklich heftiger waren. Und genau das brachte sie auf die Idee, die sie noch brauchte.

So vorsichtig, wie sie nur eben konnte, folgte sie ihm den Gang entlang, sah, wie er an seinem eigenen Schlafzimmer vorbei ging, von dem sie beim Kommen nur einen flüchtigen Blick erhaschen und das Doppelbett hatte erspähen können. Kurz vor der Türschwelle zu dem Schlafzimmer machte sie einen kräftigen Satz nach vorn, fast wie einen Hüpfer, so dass sich beide Flüssigkeiten – der zähe Brei und das nun nicht mehr ganz so kalte Wasser – ruckartig miteinander vermischten. Das reichte dann auch, damit die Krämpfe nun vollends losgingen.

„W…warte…mein Bauch…“ wimmerte sie, griff mit der rechten Hand nach dem Türrahmen, presste sich gleichzeitig die linke Hand auf ihren Bauch.

Er gefror von einer Sekunde zur anderen wie eine Salzsäule, stürzte gleich darauf zu ihr herüber und ergriff ihren linken Arm, um sie zu stützen. Dann zog er ihr T-Shirt nach oben und sah, wie sich Fell und Haut über ihrem Bauch scheinbar wie eine Art Wirbel zusammenzogen und immer wieder krampften.

Aus schmerzverzerrten Augen starrte sie ihn an. „Bitte…mein Bauch…hilf mir…“

Er nickte, trug sie, die sich vor Schmerzen krümmte, in sein eigenes Schlafzimmer, legte sie auf das Bett, wo er dann beide Hände auf ihren Bauch legte. Zu beider Erleichterung war das schon genug, damit die Krämpfe weniger wurden – und mit ihnen auch die Schmerzen.

Etliche Minuten vergingen so, in denen sie nebeneinander auf dem Bett lagen, er die Hände auf ihrem Bauch, sie dagegen leicht gekrümmt, den Rücken gegen seinen Bauch gepresst. So waren die Krämpfe fast nicht existent – wohl auch, weil sich Brei und Wasser wieder getrennt hatten, ihre Verdauung zu arbeiten angefangen oder irgendwas in ihr beschlossen hatte, dass es einfach nicht mehr erforderlich war. Und doch hielt sie seine Hand fest, als er sie wegziehen wollte.

„Bitte…nur diese Nacht.“ flüsterte sie über ihre Schulter.

Andre nickte langsam, was sie zwar nicht sehen konnte, aber seine Stimmlage verriet ihn. „In Ordnung. Aber vorher die Straßenkleider aus. Das ist gemütlicher.

Sie ließ ihn gewähren, wie er ihr die Schuhe und die Hose auszog, sie dann, ganz vorsichtig, mit der Decke zudeckte, er sich seiner eigenen Kleidung entledigte, in die Pyjamahose stieg und so dann neben ihr ins Bett kletterte, die Hände wieder auf ihren Bauch legte.

„Morgen früh fahren wir gemeinsam in die Firma. Ich werde dir zeigen, wo du zukünftig mit mir zusammenarbeitest und dir alles erklären. In Ordnung?“

„Ja. Morgen.“ sagte sie, fühlte noch, wie er ihr einen Kuss auf den Nacken gab. Dann lächelte sie breit, die überdeutliche Warnung, die in den Unterlagen zur Belehrung des frisch gebackenen Humanoiden-Eigentümers als oberste Regel gestanden hatte, die er aber, auf eine einfache Bitte von ihr hin, einfach über Bord geworfen hatte: „In den ersten 24 Stunden intensiven Körperkontakt um jeden Preis vermeiden. Andernfalls kann es zu einer gefährlichen Bindungsbildung kommen.“

Nun – sie hatte aber genau das vor: Eine intensive Bindung ausbilden. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er sich das auch gedacht hatte. Denn als sie gerade anfing, in das Land der Träume zu driften, flüsterte er ein „Du hättest auch einfach fragen zu können, statt den Brei mit Wasser zu mischen.“

Mit einem Mal war sie wieder wacher, wollte sich zu ihm umdrehen und ihn so entgeistert anblicken, wie sie sich gerade, durch diese Aussage, fühlte. Doch er hielt sie fest. „Ja, ich habe es auch gelesen. Und sei bitte so gut und versuch das in Zukunft nicht nochmal. Ich schätze Ehrlichkeit.“

Sie lächelte, nickte dann. „In Ordnung. Ich verspreche es dir.“

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