Der Alleskönner

In gewisser Weise könnte ich jetzt schon wieder Rey aus Star Wars als Negativbeispiel dafür anführen, wie man einen Charakter NICHT bauen sollte: Jemand, der ALLES kann und dazu noch meisterhaft darin zu sein scheint. Doch beginnen wir einmal am Anfang.

Charaktere sind dann am Besten, wenn sie glaubhaft wirken, man sich mit ihnen identifizieren kann. Sicher verkaufen sich Extreme wie die superschlanke, unnatürlich aussehende und mit perfekt strahlend weißen Zähnen glänzende Barbie als Spielzeug hervorragend, aber ein echter, wirklich dichter Charakter ist sie deswegen noch lange nicht – sogar eher das Gegenteil genau genommen.

Bei der Erschaffung eines Charakters sollte man sich daher bewusst Gedanken machen, was ein Charakter kann. Viel wichtiger als das DASS ist jedoch eher das WARUM.

Um ein Beispiel zu bringen: Ein Junge wächst auf dem Land auf. Seine Eltern sind einfache Farmer, pflanzen Getreide, haben etwas Vieh, stellen viele Dinge selbst her. Aus diesem Jungen wird irgendwann ein junger Mann, der auszieht, um Abenteuer zu erleben. Dieser Junge indes hat von seinen Eltern und seinem Umfeld nicht nur gelernt, welche Pflanzen essbar sind, wie man mit Tieren umgeht, er ist auch körperliche Anstrengung gewohnt, kann Feuer machen, möglicherweise ist er sogar des Spurenlesens mächtig und mit sehr, sehr viel Glück kann er auch mit Papier und Stift umgehen, lesen, schreiben und rechnen (denn irgendwie muss man auf dem Markt ja seine Einkäufe an den Mann oder die Frau bringen und sicherstellen, dass man auch nicht von jemandem bestohlen oder um andere Dinge betrogen wurde).

Als Gegenbeispiel der Sohn einer Adelsfamilie. Jemand, der sprichwörtlich mit dem goldenen Löffel aufgezogen wurde, wird nicht einmal ansatzweise die körperliche Robustheit und Ausdauer wie der junge Mann aus dem vorangegangenen Beispiel zu bieten haben. Sicher wird er sich mit Pferden auskennen, im Umgang mit Waffen geübt sein und kennt er die Etikette ebenso gut wie etliche Bücher und Schriften, vielleicht sogar unterschiedliche Sprachen. Bei einem Abenteuer würde dieser junge Mann aber schon in der ersten Nacht in der Wildnis entweder erfrieren oder sich auf die Suche nach einem Gasthaus machen, in dem er dann mit seinem Ersparten unterzukommen versucht, über das einfache Essen mäkeln und von den einfachen Betten Rückenschmerzen bekommen.

Die Fähigkeiten eines Charakters hat dieser nicht „einfach so“, ebenso wenig sein Aussehen (mal abgesehen von Haut-, Haar- und Augenfarbe. Auch bei der Größe gibt es nur geringfügige Einflussnahmen). Aussehen, Fähigkeiten und auch Charakterzüge werden durch den Hintergrund eines Charakters bestimmt. Daher sollte die wichtigste Überlegung, wenn man einen Charakter, der eine gewisse Fähigkeit, ein bestimmtes Aussehen und Talente besitzen soll erschaffen will, die Schaffung des Hintergrunds sein. Dieser ist es, der dem Charakter den sprichwörtlichen „Charakter“ verleiht – der Hintergrund, die Erfahrungen, Erlebnisse und Narben sind es, die diesen schärfen.

Bedenke also die äußeren Einflüsse, die den Charakter geformt und zu dem gemacht haben, was er ist – und auch, dass der Charakter nicht von Anfang an alles perfekt beherrschen muss (womit wir wieder zum Punkt am Beginn der Seite zurückkehren). Denn wie wir alle auch entwickeln sich Charaktere mit der Zeit. Sei es durch Lernen, sei es durch Erlebnisse, Traumata oder irgendein Wunder, das ihnen eine Fähigkeit schenkt. Aber: Das alles sind wiederum äußere Einflüsse, die den Charakter im Laufe seiner Existenz formen. Ist ein Charakter indes bereits „Meister“ in allen Disziplinen, fällt das Formen durch diese externen Faktoren weg. Das, was einen Charakter zu diesem Charakter macht, gerät zur Nebensache. So wird ein Charakter zu einem Puzzle, das gelöst in einem Bilderrahmen an der Wand hängt: Einem Rückblick, was man einstmals geschaffen hat. Nur das bei einem Charakter, der von Anfang an auf dieser Stufe steht, selbst dieser Rückblick fehlt. Den „Spass“ und die „Erlebnisse“, die man mit dem Lösen eines Puzzles verbindet, hatte dann nämlich bereits jemand anders, man betrachtet so nur noch das fertige Werk. Und DAS ist vor Allem eines: Langweilig.

Charaktere, die sich entwickeln, sind interessant. Nicht wegen ihrer Erfolge, sondern gerade wegen ihrer Misserfolge.