Luane Caribanc

Wenn man an die Beschreibung eines Lugia denkt, dann denken viele zuerst an ein etwas behäbiges Pokemon mit rundlicherem Bauch, dafür aber großer Macht – eben einer, wie sie einem legendären Wesen zuzuschreiben wäre. Auf Luane jedoch trifft weder das eine, noch das andere zu. Der Grund hierfür liegt zum einen in der Welt, in der sie existiert, zum anderen in ihren Genen, die ihr zugedacht sind.

Ein Bild von ihr im Alter von 19 Jahren bei der Landung. Man erkennt: Sie ist nicht nur Linkshänderin sondern auch Linksfüßler.

Luane und ihre ganze Familie stammt aus den warmen Gewässern der Karibik, einer kleinen, von Menschen unberührten Inselgruppe in der Nähe von Kuba. Die stets warmen Gefilde und das eher flache, klare Wasser haben über die Jahrhunderte die Physiologie der dort lebenden Lugia geringfügig verändert – sie sind dünner, länglicher, haben deutlich weniger Fettschichten und sind stattdessen stromlinienförmiger gebaut. Im Wesentlichen ähneln alle anderen Lugia ihr in den Grundzügen, doch nicht umsonst wurde sie von vielen Neidern stets als diejenige genannt, deren Gene eine besonders ausgeprägte Schlankheit, nahezu ideale Stromlinienform und und Eleganz repräsentieren. Auch ihre Flügel sind einer Spannweite von fast 13 Metern mehr als 5 Meter länger und damit ausladender als bei einem „normalen“ Lugia, ihre Körperlänge über alles mit 6,23m rund einen Meter länger (wobei, zugegebenermaßen, fast die Hälfte der Extralänge allein auf ihren Schwanz entfällt), dafür aber deutlich leichter, als ihre Artgenossen. Trotz all dieser Attribute ist Luane höchst ausdauernd, besitzt äußerst kräftige Flügelmuskeln und hält nicht ohne Stolz etliche Rekorde – sowohl den Geschwindigkeitsrekord (1.284 km/h bzw. Mach 1.04), den Höhenrekord (8.961 Meter) sowie etliche nur schwer vergleichbare Rekorde auf abgesteckten Rennstrecken. Ihre größte Leidenschaft ist es, diese Rekorde immer wieder auf ein Neues einzustellen oder gar zu übertreffen, sich mit sich selbst zu messen – denn in ihren Augen kann ihr NIEMAND anders das Wasser reichen.

Weil ja, das ist ihre größte Schwäche: Ihre hemmungslose, überbordende und teilweise bis in Bösartigkeit reichende Arroganz, ihr Stolz und ihre Hochnäsigkeit gegenüber anderen. Jeder von uns kennt sicher den Begriff „Schlechter Verlierer“ – SIE dagegen ist ein EXTREM schlechter Gewinner. Wenn es jemand wagt, sich mit ihr zu messen, dann will sie denjenigen nicht einfach nur besiegen – sie will ihn hoffnungslos und bis auf die Knochen blamieren, ihn derart deutlich und in jeder Beziehung übertreffen, dass dieser es nicht einmal wagt, jemals wieder in irgendeinem anderen Feld gegen sie anzutreten – und auch alle anderen Konkurrenten abgeschreckt sind. Und obwohl sie absolut sicher ist, dass sie eh nicht geschlagen werden kann, schreckt sie nicht davor zurück, im Zweifelsfall auch schmutzige Tricks anzuwenden, damit ihr Sieg eben absolut und unanfechtbar wird.

Ihr Charakter ist allerdings nicht ihre einzige Schwäche – mit der Kraft und Ausdauer, die sie von ihrem Vater geerbt hat, hat sie auch noch das Erbe ihrer Mutter angetreten, von dieser ihre Eleganz und zweifelsohne auch die Schönheit geerbt, wie ihr Vater ihr stets bekundet hat. Allerdings hat ihre Mutter ihr auch noch ein paar böse Gendefekte mitvererbt, die nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie plagen: Schwache Gelenke. Ihre Mutter Belua litt Zeit ihres Lebens an Problemen an ihren Schultern und ihrem rechten Sprunggelenk, bevorzugte daher die warmen Quellen und die Ruhe gegenüber größeren Ausflügen. Lago, der Vater von Luane, lernte früh, sich um die Wehwehchen seiner Gefährtin zu kümmern, ihr zu helfen und beizustehen. Deshalb war er vorbereitet, als Luane im Alter von vier Jahren beim Spielen mit zwei anderen, älteren Lugia, nach einem Sprung eine unglückliche Landung hinlegte und dabei mit ihrer linken Pfote böse umknickte. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass sie sich genau diese Pfote verletzen würde, obwohl ihr Vater sie nach bestem Wissen versorgte.

„Nur eine Bänderdehnung. Das wird wieder.“ – Nein, wurde es leider nicht

Ihr Vater bemerkte nicht, wie sie in ihren jungen Jahren sich nicht nur die Bänder überdehnt, sondern zusätzlich noch eine Wachstumsfuge im linken Sprunggelenk verletzt hatte. Zwar wuchsen nach Behandlung und Bettruhe die Bänder wieder vollständig zusammen, die Fuge jedoch blieb beschädigt und unbehandelt. Die Auswirkungen davon sollte sie jedoch erst Jahre später – nämlich beginnend mit ihrer Pubertät im Alter von 11 Jahren – langsam spüren, als sich die Wachstumsfugen langsam zu schließen begannen. Denn während alle anderen Fugen normal verwuchsen, wuchs die in ihrem linken Sprunggelenk geringfügig schief zusammen, was zur Folge hatte, dass ihre linke Pfote im entspannten Stehen nicht so ideal und plan auf dem Boden auflag, wie es ihr eigentlich zugedacht war, sondern um einige Grad nach außen weggekippt, so dass ihre innere Zehe den Boden deutlich schwächer berührte, als die äußere. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auf der Nahrungssuche über eine kleine Wurzel stolperte und ihre linke Pfote einfach unter ihr Zur Seite wegknickte, sie sich ihre Bänder zum zweiten Mal in ihrem Leben verletzte – und zu ihrem Glück nur zerrte. Diesmal jedoch ging sie nicht zu ihrem Vater, sondern versuchte selbst ihr Glück, ihre Pfote ein wenig zu schonen und es einfach von allein verschwinden zu lassen.

Die folgenden Wochen und Monate vergaß sie die Angelegenheit und die Schonung, wurde nur immer wieder daran erinnert, wenn ihre linke Pfote bei einer blöden Bewegung ein wenig ZU weit zur Seite wegknickte, es daraufhin einen kurzen Schmerz gab und sie sich besann, ihre Muskeln besser anzuspannen. Denn – das lernte sie schnell – wenn sie ihre Muskeln nur nutzte, um ihre Pfote wieder gerade zu drücken, dann war alles gut. Also nahm sie die Angelegenheit lediglich als nervig und gegeben hin. Etwas, das sie problemlos meistern würde, während wohl andere an so einer unwichtigen Kleinigkeit verzweifeln mochten. Erneut fühlte sie sich überlegen.

Bis zu dem Tag, an dem sie in ihrer Hast, aus ihrem Versteck zurück zu fliegen eine Abkürzung durch einen Hurrikan nehmen wollte, das Schicksal zum ersten Mal in ihrem Leben sagte „Vergiss es. Genug ist genug, Fräulein!“ und sie, nachdem sie schon mit Sturmböen und etlichen kleineren Hagelkörnern, die ihren Körper schmerzhaft und mit vielen hundert Stundenkilometern Geschwindigkeit getroffen und kleine Hämatome unter dem Federkleid verursacht hatten, schließlich mit einem massiven, großen Eisbrocken, der aus vielen, vielen Einzelhagelkörnern zusammengefroren war, kollidierte.

Der Eisbrocken traf genau ihren Ellenbogen. Einige Zentimeter weiter links oder rechts – und ihr Flügel wäre gebrochen gewesen.

Zuerst traf der Brocken ihren Kopf, schnitt eine tiefe Wunde von ihrer Wange hinauf über ihr Auge, ehe er mit ihrem linken Flügel kollidierte und ihre linke Schulter dabei auskugelte. So getroffen stürzte sie ab, versuchte ihren Absturz nach einigen Momenten der Besinnungslosigkeit wieder abzufangen, scheiterte jedoch an der Tatsache, dass ihr linker Flügel – mit ausgekugelter Schulter – kaum mehr auf ihre Versuche, sich in der Luft zu halten, reagierte. In ihrer Not beschloss sie, zu landen…

ein unangenehmes Geräusch, das durch ihren Körper schoss

Mit verletztem Flügel hatte sie keine Möglichkeit, wählerisch bei der Auswahl an Landemöglichkeiten zu sein, wählte die erstbeste Insel aus und versuchte trotz Scherwinden sicher aufzusetzen. Gerade diese Scherwinde aber hebelten sie kurz nach dem Aufsetzen aus, ließen sie über den regennassen Boden schliddern, ehe die Bodenunebenheiten sie jäh stoppten. Ihr eh schon nicht sonderlich stabiler, linker Knöchel hatte dieser seitlichen Belastung nichts entgegenzusetzen, gab unter der Last ihres gesamten Körpergewichts nach und knickte im fast rechten Winkel zur Seite weg. Unter lautem Krachen rissen die eh schon strapazierten Bänder in ihrem Knöchel vollends durch, stürzte sie um, krachte mit dem Schädel gegen einen weiteren Felsen und blieb bewusstlos und in sehr unbequemer Position auf der Insel liegen. Erst Stunden später, als die Sonne wieder brannte, würde sie herausfinden, dass sie sich bei der Bruchlandung einen schlimmen Bänderriss zugezogen hatte. Und anders als die Bänderdehnungen in ihrer Vergangenheit sollte dieser Bänderriss niemals wieder vollständig heilen, vielmehr würden ihm in den Jahren nach diesem Absturz noch Dutzende weitere folgen.

jahrelanges Ignorieren hat dazu geführt, dass die Bänderverletzung chronisch geworden ist. Schwellung und Bluterguss sind nahezu Dauerzustand.

Schlimmer noch: Bei einem weiteren, besonders schweren Sturz zog sie sich zusätzlich eine Talarfraktur zu, die ebenfalls nicht als solche erkannt wurde. Neben einer Verschlimmerung der Schmerzen und einer nun dauerhaft sichtbaren und anhaltenden Einblutung – denn eine Ruhigstellung zur Heilung akzeptiert sie nicht – verliert ihr Knöchel so noch weitere Stabilität. Ihr Gelenk sitzt so, nach Jahren fehlender Behandlung, nicht mehr wirklich fest in der ausgeschlagenen und stellenweise schon ausgerissenen Gelenkpfanne. Selbst die Stützverbände, die ihr zumindest etwas Stabilität zurückgeben und dafür sorgen, dass sie EIN WENIG laufen kann, lehnt sie ab, wickelt sie diese regelmäßig herunter und fliegt dann ohne Schutz los. Das jedoch hat einen simplen Grund: Jeglicher Verband schränkt ihre Bewegungsfreiheit erheblich ein, fügt zudem nicht wenig Gewicht hinzu und verschiebt ihr Center of Mass leicht nach hinten und links. Ein Umstand, der das Fliegen insbesondere bei Rennen und Wettbewerben nur erschwert. Im Gegenzug muss sie damit leben, dass sie ohne jeglichen Schutz nahezu täglich mindestens einmal mit ihrer Pfote umknickt. Ihr dicker Kopf jedoch zeichnet sich dafür verantwortlich, grundsätzlich keine Hilfe annehmen zu wollen oder sich gar einzugestehen, dass sie ein Problem hat.

Fast nebensächlich sind dabei die Probleme, die die ebenfalls unbehandelte Wunde in ihrem Gesicht macht. Oder, um genauer zu sein: Die Narbe, die über ihr linkes Auge gewachsen ist, als die tiefe Wunde abheilte.

Die tiefe Wunde, die der Eisbrocken geschlagen hatte, hat das Lidbändchen durchtrennt und ihr Augenlid beinahe in zwei Hälften geschnitten. Diese Verletzung ist nur mäßig gut verheilt und hat Narbengewebe hinterlassen, das keinen glatten Lidschluss mehr erlaubt. Die Öffnung in ihrem Augenlid, die auch bei geschlossenem Auge noch offen verbleibt, ist ein regelmäßiger Fänger von Sand, Staub und anderen, kleinen Partikeln, die so unter ihr Augenlid rutschen und dort regelmäßig für Entzündungen sorgen. Einige tiefere Kratzer in ihrer Hornhaut sowie auch ein, zwei tiefere Augenverletzungen sind unter anderem dafür verantwortlich, dass die Sehkraft auf ihrem linken Auge seit ihrem Unfall stark nachgelassen hat. Wäre sie ein Mensch, sie bräuchte mittlerweile dringend eine Brille, da nahezu alles vor ihrem linken Auge verschwimmt, sie dank der Kratzer auch einige echte, blinde Flecken hat.

Obwohl es mehr als genug Gründe gäbe, schnellstmöglich medizinische Behandlung aufzusuchen, verweigert sie sich ebendieser. Und so wird ihr Zustand mit jedem Jahr Stück für Stück schlimmer.