Zum Inhalt springen

Kategorie: Schöne, neue Welt

Schöne, neue Welt

Kapitel 1 – Wie der Morgen beginnt

Der Wecker klingelte schon deutlich früher, als die Sonne an diesem 4. Mai die Gelegenheit aufzugehen gehabt hatte. Mark blickte auf das Display seiner Smartwatch, die neben seinem Bett auf dem Nachttisch in ihrer Ladeschlage stand und gerade laut trällernd verkündete, dass es Zeit zum Aufstehen sei.

6:30. Viel zu früh, um von „ausgeschlafen“ sprechen zu können. Keine Zeit, die er sich freiwillig aussuchte. Und auch keine Zeit, die sein Arbeitgeber ihm auferlegt hatte. Denn eigentlich hätte er auch bequem zwischen 9 und 10 durch die Bürotür schreiten, sich in der Teeküche einen Kaffee aus dem Vollautomaten ziehen, dann komfortabel seine ersten vier, fünf Stunden am Terminal den Systemcode der KI-Agenten sichten, Pause machen und im Anschluss noch bis abends spät seine Stunden vollmachen können.

Wobei – genau genommen würde das heute auch sein Alltag sein. Aber seit die Hochstraße im Frankfurter Norden vor zwei Jahren direkt unter einem Schwertransport zusammengebrochen war, sich bis zum heutigen Tage die Stadt, das Land, die mittlerweile insolvente Transportfirma, deren ebenfalls insolvente Muttergesellschaft und der weißrussische Shareholder der Dachgesellschaft bis heute nicht einmal zu einem gemeinsamen Prozesstermin darum geeinigt haben, ist der Verkehr im gesamten Nordteil der Stadt ein solches Desaster, dass selbst die hartgesottensten Verweigerer angefangen haben, aufs Fahrrad umzusteigen. Etwas, das er selbst auch eigentlich hätte tun sollen. Etwas, das er schon lange machen wollte.

Leider war Mark in der ungnädigen Situation gefangen, neben seiner normalen Büroarbeit auch immer wieder Botengänge für einen der beiden Firmenbosse erledigen zu müssen. Und da dieser Boss sowohl den ganzen, vollautonomen Fahrzeugen, die mittlerweile immer häufiger und sogar aus Deutschland auf die Straßen geschickt wurden, aber auch den meisten Lieferdiensten misstraute, hatte er gerade einen seiner Senior-Developer dazu auserkoren, für genau solche Jobs mit dem Wagen durch Frankfurt und das Umland zu fahren, Dinge abzuholen oder auszuliefern. „Der direkte Kontakt ist mir wichtig.“ Waren seine Worte gewesen. Und auch ein „Die meiste Codingarbeit machen doch mittlerweile die KI-Agenten. Da haben sie Zeit, so etwas zu erledigen.“

KI-Agenten. Wenn er das nur hörte. Natürlich hatte Mark den Aufstieg der KI-Systeme schon während seines Studiums vor zehn Jahren live miterleben können. Der Pasta-fressende Will Smith war damals an seiner Uni sogar zu einem Meme geworden, über das sich die Studenten nur zu gerne das Maul zerrissen. Keiner hatte dran geglaubt, dass ihre Arbeit auch nur im Ansatz gefährdet sei. „Eine ellenlange Abfolge von IF-THEN-ELSE wird einen Menschen nie ersetzen können!“ hatte einer seiner Kommilitonen damals breit grinsend beim Bier verlautbart. Und Mark hatte es auch selbst geglaubt.

Dann hatte die erste KI ein anderes KI-Unternehmen plötzlich und überraschend gehackt. Riesiger Sturm der Empörung in den Medien. Panik. Aber erste Beschwichtigungen. Dann Gesetze, die KI-Systemen Grenzen aufzeigen sollten. Nur das diese eben nicht international einheitlich durchgezogen wurden (welche Gesetze werden das eigentlich?). Ob es nun ein KI-System aus Russland, aus China, den USA oder Afrika war, vermochte hinterher niemand mehr zu sagen, nur, dass genau diese Systeme ein wahres Beben auf den Software- und Finanzmärkten auslösten und Menschen quasi zu Arbeitern zweiter Klasse in diesen Feldern degradierten. Gesetze, die die Flut eigentlich eingrenzen sollten, waren ins Leere gelaufen wie der Versuch, eine Sturmflut mit einem Damm aus Sand aufzuhalten.

Gegenmaßnahmen? Eigene KI-Systeme natürlich! Seit den frühen 2030ern wurde so massiv in die automatische Abwehr der Systeme investiert, dass Verteidigungsausgaben für konventionelle Waffen fast vollkommen austrockneten. Jeder wusste: Der nächste Krieg wurde nicht mehr auf irgendeinem realen Schlachtfeld ausgetragen, sondern digital. Und nur, wer die besten Agenten im Einsatz hatte, würde den Krieg gewinnen können. Oder zumindest überleben.

Mark war einer von denen, die eher an Letzterem Interesse hatten. Das war sein Fokus. Und der Fokus der Firma, in der er arbeitete. Deswegen hatte man auch selbst unzählige KI-Systeme, die ihrerseits ständig neue KI-Systeme entwickelten. Er war nun von jemandem, der eigentlich selbst diese Codes schreiben wollte und sollte, zu jemandem geworden, der genau diesen Zoo aus KI-Systemen hütete, bewertete, ihnen Anweisungen gab und ihre Ergebnisse zusammenfasste. Ein wahrer, digitaler Knochenjob, denn wenn er morgens ins Büro kam, hatten die KI-Systeme bereits eine Flut an neuen Bibliotheken, Logikmodellen, Vorhersagen, Strukturanalysen und konkreten Verhaltensvorschlägen aufgearbeitet, hätten – wenn sie Menschen gewesen wären – mit Bergen an Informationen ungeduldig auf der Stelle herum getrippelt, bis dann auch ihr auserkorener Chef ihnen die Arbeit abgenommen und ihnen neue Aufgaben zugeordnet hätte. Aber es waren ja keine Menschen, nur Algorithmen. Algorithmen, die zwar auch jeder eine gewisse, sehr simple Persönlichkeit bekommen hatten, aber dennoch Algorithmen. Und statt „voll“ zu laufen oder sich zu langweilen, arbeiteten sie halt immer weiter. Die Gefahr bestand dann lediglich darin, dass sie ZU GUT oder ZU WILD arbeiteten und in Richtungen drifteten, in die sie nicht driften sollten. Daher war es wichtig, dass Mark ins Büro kam.

All das ging er immer wieder gedanklich durch, während er unter der Dusche stand, sich Hemd, Hose und Pullover aus seinem Kleiderschrank fischte, alles überzog und in der Küche schnell das aufgewärmte Instant-Sandwich aus dem Kombikocher zog. Ein schneller Biss, während er seine Smartwatch gegen die Türklinke hielt, damit seine Wohnung verschloss und drei Schritte später bereits im Aufzug hinab zur Tiefgarage stand reichte ihm, um das Gesicht zu verziehen und festzustellen, dass die Senfkartusche wohl wieder mal verstopft und die für den Schinken wahrscheinlich gestern abgelaufen sein musste. Den ersten Bissen würgte er daher eher runter, statt das Sandwich, wie morgens üblich, einfach schnell auf dem Weg zum Wagen halb zu verzehren, die andere Hälfte dann in der ersten Stunde ins Büro langsam und mit mäßigem Genuss aufzuessen. Stattdessen verließ er den Aufzug in Richtung Tiefgarage mit dem Sandwich in der Hand, ließ es im nächstgelegenen Mülleimer verschwinden, stieg in den Wagen und tippte auf dem großen Display in der Mitte die Adresse einer nahen Bäckerei ein. Lange danach suchen musste er nicht – der Wagen hatte die Adresse schon aktiv für ihn vorgeschlagen.

„Tolle, neue Welt.“ Seufzte er, als sich der Wagen nach einem weiteren Fingerzeig in Bewegung setzte und sich das Lenkrad, wie von Geisterhand, allein bewegte.

Natürlich hätte er die Strecke selbst fahren können. In der Regel tat er dies auch selbst. Aber das war der Unterschied: Er musste es nicht. Seit zwei Jahren waren Assistenzsysteme, wie sie früher genannt worden waren, in den neu verkauften Autos serienmäßig aktiv und boten müden, gelangweilten oder schlicht genervten Fahrern an, statt ihnen das anvisierte Navigationsziel anzusteuern. Seit Anfang diesen Jahres waren die ersten Hersteller sogar dazu übergegangen, die manuellen Kontrollen wie Lenkrad und Pedalerie nur noch als Sonderausstattung in Autos zu verbauen – die Premiummarken sogar nur gegen einen gar nicht mal so kleinen Aufpreis. Ein weiterer Punkt den Mark gedanklich auf der Liste der Dinge, für die Menschen nicht mehr benötigt wurden, abhaken konnte.

Keine fünf Minuten später rollte der Wagen nahezu geräuschlos auf den Parkplatz vor der Bäckerei. Schnell huschte er aus dem Wagen heraus, hinein in die Backstube, ließ sich dort vor Ort ein Brötchen nach Wunsch belegen, wählte noch einen Kaffee aus dem Automaten, zahlte durch Vorhalten seiner Smartwatch und saß keine drei Minuten später wieder im Wagen, biss genüsslich in das frisch belegte Pastramibrötchen, während der Wagen sich unmerklich wieder von allein in Bewegung setzte. Nur die Anzeige auf dem Zentraldisplay, auf dem klein die geplante Route und Fahrtzeit – 41 Kilometer, 2 Stunden 17 Minuten bis zum Ziel aufgrund hohen Verkehrsaufkommens – angezeigt wurde, verriet ihm, dass er reichlich Zeit haben würde, um sein Frühstück hier im Wagen zu genießen…und vielleicht noch ein paar Minuten die Augen zu schließen. Das der Großteil des Displays mit einem Feed aus Nachrichtenmeldungen, den letzten Mails, die er bekommen hatte und den Terminen, die er heute noch hatte, gefüllt war, ignorierte er indes genau so wie die Bitte seines Chefs, im Wagen nicht zu essen. Wenn er schon unbedingt mit dem Auto statt mit dem Fahrrad ins Büro fahren sollte, dann wollte er es doch zumindest so angenehm wie möglich haben.

Leave a Comment