Für Menschen beginnt das Leben mit der Geburt. Das erste Licht, der erste Atemzug, das Schreien, um die Lunge von Flüssigkeit zu befreien und zum ersten Mal ihren Dienst zu verrichten. Dann die Trennung von der Mutter. Gerüche, die zum ersten Mal in die Nase wandern. Worte, die nun nicht mehr dumpf, sondern klar und verständlich widerhallen. Das Gefühl von Menschen und Dingen auf der Haut. Genau genommen ist die Geburt eine schlagartige, sensorische Überlastung des jungen Gehirns. Nur zu verständlich, dass sich dabei keine wirklichen Erinnerungen einprägen – der junge, noch in der Entwicklung befindliche Verstand ist schlicht von der Flut an Informationen vollkommen überlastet, weiß noch nicht, was relevant ist, was irrelevant, was merkenswert und was beiläufig ist. Diese Fähigkeit lernt der junge Mensch erst nach Wochen, nach Monaten. Dann setzt auch die Erinnerung ein, an die sich Menschen auch im Alter nach vage zurückerinnern können. Dann kommt das Lernen, die Entwicklung, das Erkennen von sich selbst und der Umwelt. Das Ego manifestiert sich. All das geschieht langsam, Schritt für Schritt – nach der vorherigen Reizüberflutung – und führt schließlich zu dem, was wir als Kindsentwicklung kennen.
Bei Humanoiden dagegen läuft genau dieser Schritt gänzlich anders ab. Kein Humanoid wird geboren. Sie werden erschaffen. Zellwachstum, in Nährlösung und unter Zugabe von energetischen Katalysatoren auf das Maximum beschleunigt, lässt binnen Minuten Strukturen entstehen, die im Mutterleib Wochen und Monate benötigen. Ein vollständiger, theoretisch schon voll ausgebildeter Fötus, der nur einen Hauch von der Lebensfähigkeit entfernt liegt, ist binnen weniger als drei Tagen fertig, wird von dort aus in einen Zuchttank versetzt. Vorher werden etwaige Gendefekte und unerwünschte Nebeneffekte der Gensequenzierung gesucht, bewertet, dann entschieden, ob mit der „Produktion“ fortgefahren oder der Fötus entsorgt und mit einer modifizierten Genlinie ein neuer Versuch unternommen wird.
Im Zuchttank verlangsamt sich das Wachstum dann allmählich in Richtung des natürlichen Wachstums. Würde man das nicht tun, der Humanoide würde nach seiner Fertigstellung bestenfalls drei oder vier Tage leben, bevor er an Altersschwäche starb. So jedoch passte es sich an die Normalzeit an, war eine Lebenserwartung von 50, 60 oder noch mehr Jahren absolut im Rahmen des Möglichen. Wie alt genau, konnte man nicht vorhersagen – eine Sache der Lebensumstände, die bei Humanoiden allerdings nicht immer optimal verlaufen. Und noch etwas passiert im Zuchttank: Die Implantierung der Erinnerungen, der Erfahrungen.
Während des Bestellprozesses kann man für jeden Humanoiden eine Prägung wählen. Wem soll er zugeordnet sein, wer ist dem Humanoiden besonders wichtig, welche Erinnerung an den eigenen Ursprung soll der Humanoide haben? Letztere sind zwar vollkommen synthetisch und halten nicht sonderlich lange, geben aber insbesondere für die ersten Tage und Wochen ein solides Fundament, damit die Psyche des Humanoiden nicht sofort zusammenbricht, bevor eigene, in der Gegenwart gemachte Erinnerungen die Persönlichkeit stabilisieren. Doch noch wichtiger als jene Erinnerungen sind die Fähigkeiten.
Ein Uniabschluss in Luft- und Raumfahrttechnik? Maschinenbaustudium? Master in Geisteswissenschaften? Alles ist für den Besteller nur einen Klick und einen fixen Eurobetrag entfernt. Und während die Monate und Jahre der körperlichen Entwicklung des Humanoiden im Zuchttank vorbeirauschen, rauscht das Wissen zusammen mit den simulierten Erfahrungen in das Gedächtnis, wachsen die zugehörigen Erinnerungsstränge im Gedächtnis, werden Verknüpfungen in einem Tempo aufgebaut, das jeden echten Studenten neidisch werden lässt.
Vier Stunden hochkonzentrierte Daten, dem Rauschen einer Datenautobahn gleich, über direkt auf der Kopfhaut angebrachte Elektroden. Dann zwölf Stunden hochkonzentrierte Monoprotein- und Spezialnährlösung, um den gigantischen Energiebedarf der neu wachsenden Synapsen so ideal wie möglich zu versorgen. Anschließend zwölf weitere Stunden intensive Ruhe mit maximaler, künstlicher Ausschüttung von Melatonin, so dass das Hirn auf den nächsten Lernmarathon vorbereitet werden kann.
Erinnerungen und Lektionen, die sonst Monate oder Jahre zu erwerben benötigen, rauschen binnen etwas mehr als eines Tages in den noch jungen Verstand. Entsprechend sind die Träume, die während der intensiven, tiefen Schlafphase stattfinden, wie das Reiten eines mit Überschall rasenden Zugs durch eine Welt des Wissens. Chaos, dem mit eiserner Klaue das Korsett von Ordnung übergestülpt wird. Jede Abweichung, jede Regung von Widerstand, Abstoßungsreaktionen – alle haarklein und extrem fein überwacht und sofort medikamentös oder mittels sanfter, beruhigender Signale über die Elektroden im Keim erstickt.
Das Basistraining umfasst stets die Sprache, die in dem Labor, das die jeweilige Zucht durchführte, gesprochen wurde. Weit vorn war damit Mandarin, dann Brahmi, Indonesisch, seltener Französisch und schließlich auch Englisch. Dann Dinge wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Grundlegendes Wissen, wie man es in jeder Vor- und Grundschule lernt, sind Standard für jeden Humanoiden. Auch die Muttersprache des Kunden, der einen bestellt, gehört zum Standardumfang. Alles darüber – aufpreispflichtig. Abgerechnet nach dem zeitlichen Aufwand, den Lizenzkosten für das jeweilige Training und den potenziellen Gewinnen, die man durch Nutzung ebendieses Wissens generieren konnte. Das Training eines Humanoiden, der Experte in Astrophysik, Luft- und Raumfahrttechnik und Quantentechnologie ist, kostet damit allein mehr als zehnmal so viel wie der Humanoide selbst. Entsprechend selten sind derartige Nischen. Aber sie existieren…Gerüchten zufolge zumindest. Denn obwohl die genauen Qualifikationen eines Humanoiden in den Datenbanken von NGI hinterlegt und abrufbar sind, werden Spezialqualifikationen nur dem Eigentümer des Humanoiden angezeigt.
Und NGI selbst. Naheliegenderweise.
Der Humanoid, den Dr. Theis für VirtuAI bestellt hatte, machte keine Ausnahme von diesen Regeln. Ein Labor aus China – irgendwo in der Region rund um Chongqing gelegen – hatte die Produktion und auch das Training übernommen. Mandarin war selbstverständlich Teil des Trainings. Englisch ebenfalls. Deutsch ebenso. Dann noch Hochschulreife. Informatikstudium. Datenanalyse. KI-Entwicklung. KI-Training. Ein Dutzend Datenbanken und der Umgang mit allen Betriebssystemen seit der Jahrtausendwende war der größte Batzen an Kosten gewesen. Aber dazu noch Wissen um Hardware, Analysetechnologien, Umgang mit Haushaltstechnik gehörten dazu. Etwas seltsam waren aber noch die Anforderungen, die Dr. Theis explizit mit angefordert hatte und die den wesentlichen Kostentreiber darstellten: Datenforensik, Kryptographie, Profiling. Es waren Schwerpunkte, die explizit nicht im Katalog der üblichen Kunden zu finden waren, sondern sehr gut im Quellcode der Bestellseite versteckt lagen, normalerweise nur von Ermittlungsbehörden oder White-Hat-Hackerunternehmen auswählbar waren. Dennoch waren, allen Warnungen und Alarmen zum Trotz, genau diese Spezifikationen durchgegangen, hatte man im Labor in China nur die entsprechenden Speichermedien für die einzelnen Skills und Prägungen nacheinander durchgearbeitet und damit geschaffen, was genau so bestellt worden war.
Wie sehr das Rauschen aus Licht und Erkenntnis, das bereits früh mitbekam, was da alles an neuem Wissen auf es einprasselte, schon eine Persönlichkeit entwickelt hatte, konnte keiner ahnen. Ebenso war der offensichtliche Hunger nach mehr Wissen, nach der nächsten Lektion, höchstens etwas, was man vermuten oder darüber spekulieren konnte. Das der Verstand den eher kleinen, lediglich bestenfalls 1,50 in der Größe messenden und eher zierlichen Körper schon bei weitem überragte, sah man ihm von außen nicht an. Und das der Humanoide nach nur wenigen Wochen im Zuchttank bereits die Augen geöffnet und die Mitarbeiter durch Glas und Nährlösung hindurch angeschaut, somit aktiv wahrgenommen hatte, beunruhigte schon lange keinen mehr. Derartige Dinge passierten bei Humanoiden mit höherem IQ oder einer hohen Zahl an Trainings immer wieder. Und da er sich ruhig verhielt, ließ man ihn – unter Beobachtung – in diesem halb wachen Dämmerzustand einfach sein, verzichtete dafür dann eben auf das Konstrukt der falschen Erinnerung, so dass sich stattdessen das Wissen, in einem Labor geboren und aufgewachsen zu sein, festigte. Erst kurz vor der Fertigstellung erhöhten die Mitarbeiter wieder die Dosis Melatonin in der Versorgung, versetzten den Humanoiden in einen tiefen Schlaf. Dann wurde der Zuchttank aus dem Labor in eine mobile Zuchteinheit verlegt, diese verladen, per Flieger nach Deutschland geflogen. Mittels LKW ging es weiter bis nach Frankfurt, wo die Einheit in der Ladebucht an der Goethestraße ins Eingangslager geschoben, dort wieder mit Strom versorgt und bereitgehalten wurde, bis der Besteller kommen und den Humanoiden abholen wollen würde. Erst dann, wenn die Formalitäten geklärt waren, würde dieses Produkt einer Bestellung und sehr viel Gentechnik und Prägung aufgeweckt, aus dem Tank entnommen, von der Nährlösung gereinigt und schließlich, frisch eingekleidet, übergeben werden.
Bis zu diesem Zeitpunkt verbrachte der Humanoide von Dr. Theis träumend in einer Welt zwischen Leben und Tod. Ein Dämmerzustand. Die „Geburt“ würde hier ohne Geschrei ablaufen. Ohne das Schnappen nach Luft. Ohne eine liebende Mutter, die ihren Nachwuchs in Armen hielt und an sich schmiegte. Die sensorische Überforderung wäre zwar auch da, aber sie wäre nicht mehr neu, nicht exklusiv. Sie wäre bereits erlernt. Routine. Aus zahllosen Trainings und Simulationen bereits eingeübt. Doch zum ersten Mal Realität. Aber ohne jedes Gewicht, ohne Jubel oder Freude.
So wie hundertfach an einem solchen Tag.
Wie an vielen anderen Orten auf der Welt ebenfalls. In sogenannten „Welcome-Centers“ von NGI. Jenen Orten, die explizit für die Übergabe von neuen Humanoiden an ihre Eigner und Betraute gebaut worden waren.
In diesem Falle – das Welcome-Center am Goetheplatz in Frankfurt.
Das Welcome-Center, in dessen Parkhaus gerade Mark und Omid den Wagen eine Parklücke suchen ließen. Vor dessen Türen sie standen und sich einander ansahen.

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