4. Mai 2034 – ziemlich genau sechs Monate und vier Tage, bevor Mark von seinem Chef zu dieser unsäglichen Abholung eines Humanoiden geschickt werden würde, begann der Morgen für Kaito Yakushima bereits um fünf Uhr morgens mit dem Summen an seinem Handgelenk. Und wenngleich der Sonnenaufgang noch etliche Stunden entfernt war, hatte die Hausautomation des Apartments, in dem er ruhte, die in der Decke eingelassenen Leuchtmittel seines Schlafgemachs bereits so weit und kaltweiss angesteuert, dass an Weiterschlafen nicht mehr zu denken war.
Allerdings war ihm auch so nicht danach gewesen. Kaito war ein Workaholic. Einer von der Sorte, die auch nach einem Arbeitstag, der sie erst um kurz nach Mitternacht ins Bett fallen ließen, bereits um kurz vor 5 hellwach unter der dünnen Decke seines Futon liegen und ständig auf die Uhr blicken ließ. Er wusste zwar, dass sein restlicher Körper so früh morgens und nach so wenigen Stunden Ruhe einer anderen Meinung war, aber sein Verstand war bereits hellwach und munter. Also ließ er es ruhig angehen, richtete sich betont langsam – fast schon schauspielerisch betont – aus seinem Nachtlager auf, schlüpfte in die bereitgestellten Schlappen und begann mit seiner Morgenroutine. Immerhin hatte er jetzt eine Stunde für sich, bevor seine Ergotherapeutin kam, um mit ihm die Morgengymnastik durchzugehen und dafür zu sorgen, dass er noch lange ein möglichst gesunder Humanoider blieb.
Kaito war der Kopf und das Herz von NGI. Das wurde er selbst niemals müde, auf den Konferenzen, den Seminaren, Präsentationen, Presseterminen, Einladungen auf der ganzen Welt, immer wieder zu betonen. So oft sogar, dass er es fast selbst geglaubt hätte. Und zumindest zum Teil entsprach das auch der Wahrheit. Nur eben – nur zum Teil. Den ungesehenen Teil indes hatte außer ihm bislang nur ein sehr kleiner und eingeweihter Kreis sehen können. Eben genau jener Teil, der selbst dazu gehörte oder im engsten Kreis des Unternehmens, das DAS Unternehmen schlechthin auf dem Markt für Humanoide geworden war, stellte. NGI war so gesehen genau das, was die Öffentlichkeit immer dachte: Eine Front für ganz andere Pläne. Bei dem Gedanken, wie falsch die meisten Menschen aber bei der Behauptung, WELCHE Pläne das genau waren, gelegen hatten, musste er unweigerlich grinsen – nur um kurz darauf seine Zahnbürste in den Mund zu schieben und sein durchaus eher animalisches als menschliches Gebiss damit zu reinigen.
Die Gen-Resequenzierung sollte bei Humanoiden Dinge wie überscharfes Raubtiergebiss, zu scharfe Krallen und andere, klar gefährlich aussehende Körpermerkmale dämpfen, unterdrücken oder gänzlich aus dem Genpool verhindern. Allerdings hatte sich schon früh gezeigt, dass eine zu starke Unterdrückung eben genau dieser Abschnitte in der DNS des späteren Humanoiden für so enorme Anomalien und Destabilisierung sorgten, dass das, was am Ende als „lebendes Ergebnis“ herauskam, nicht mehr so wirklich brauchbar oder übermäßig lebensfähig war. Es war fast so, als erwarte auch DNS ein gewisses Mindestmaß an Rest-Identität, um stabil bleiben zu können. Und wenn das nun das Vorhandensein von längeren Eckzähnen, die Präsenz von krallenähnlichen Fingernägeln oder ein schlicht nicht weg zu bekommender Appetit auf tierische Produkte war, dann musste man eben im Anschluss Methoden finden, damit umzugehen. Seine war es, mit reichlich Zahncreme und Zahnseide dafür zu sorgen, dass ihm die Zähne auch beim Konsum der eher fleischfreien Kost, die er bevorzugte, weiterhin ihren Dienst verrichteten und dabei ihren natürlichen Glanz nicht verloren.
Konsequenterweise verzichtete er bei seinem Frühstück sogar auf das hier in Japan eigentlich obligatorische Ei. Lediglich gedämpfter Tofu, Reis, eine Miso-Suppe, etwas Kimchi, eine Portion Nattō und frischer, hochwertiger, grüner Tee waren alles, was er üblicherweise zum Frühstück zu sich nahm. Heute jedoch wurde er, als er gerade zur Suppe greifen wollte, vom Piepen seines Armbands gestört.
Ein wenig irritiert ob der frühen Störung hob er den Arm direkt vor das Gesicht, blickte auf das HIVE-Armband. Es war seine eigene Entwicklung. Eine, die seit fast 20 Jahren jeder neue Humanoide routinemäßig während seine Erschaffung umgeschnallt bekam und ihn mit seinem Besitzer, seiner Bezugsperson, seinem Betreuer oder wer auch immer Vormund oder rechtlicher Vertreter von ihm gewesen sein mochte, verband. Eine der Schlüsseltechnologien, dank denen aus der vorher nur sehr niedrigen Humanoiden-Population auf der Welt mittlerweile mehr als zwei Millionen geworden waren. Zwar immer noch verschwindend gering, wenn man bedachte, dass diese sich über die gesamte Erde verteilten, aber es war ein Anfang gewesen.
Eigentlich hätte Kaito kein solches Band tragen müssen. Er war noch einer der ersten Generationen. Aus einem Labor, das er selbst nicht einmal kannte. Eines ohne ordentliche Registrierung, ohne klaren Herkunftsnachweis. Aber da es seine Erfindung war und mittlerweile jeder Humanoide eines tragen musste, hatte er selbst entschieden, auch eines anzulegen – und konnte es jetzt nicht mehr abnehmen, selbst wenn er wollte. Das war eine der Sicherheitsmaßnahmen, die er eingebaut hatte. Eine, die er aktuell durchaus bereute. Denn sein HIVE-Armband war eines der ersten Generation. Ein kleines OLED-Display, das bei Bedarf Inhalte anzeigte, eine LED und eben das Piepen oder Summen, zu dem es in der Lage war. Ansonsten lediglich noch ein Vibrationsmotor, mit dem es auf sich aufmerksam machen konnte. Die aktuellen Armbänder indes hatten holografische Projektoren, mit denen Informationen direkt projiziert und somit, leicht lesbar, jederzeit formatfüllend dargestellt werden konnten. Er hingegen konnte auf dem kleinen Display nur einzelne Buchstaben lesen, erhob sich daher vom Frühstück und schritt aus der kleinen Küche durch seinen Flur hinüber in sein Arbeitszimmer, ließ Terminal und Holomonitore mit dem Wischen einer Hand in der Luft zum Leben erwachen, sah kurz darauf den Grund für die Meldung am Morgen.
Eine wahre Flut an Informationen rauschte nur so über die eine Anzeige. Telemetrieinformationen von verschiedenen HIVE-Armbändern, die explizit ihre Daten freigegeben hatten. Ein eigenes KI-System, das von Kaito explizit darauf angesetzt worden war, ordnete in einem anderen Fenster die Daten live zu einem Schaubild, das allerdings ein wirres, für Außenstehende nicht zu entzifferndes Bild darstellte und im Sekundentakt weitere Muster hinzufügte. Entfernt erinnerte es an abstrakte Kunst. Nur eben, dass es lebte und sich ständig veränderte. Aber das war nicht der Grund für die Meldung gewesen.
Es war stattdessen schlicht und ergreifend eine Mail. Eine, die von einem Menschen verfasst worden war, der für den NGI-Geschäftsbereich in Europa verantwortlich war.
Kaito blickte auf die Uhr. 5:41. In Europa musste es schon längst Nacht sein. Wenn jemand um diese Zeit eine Mail schrieb, war es entweder jemand, der sehr eigenwillige Arbeitszeiten pflegte, oder es war ein echter Notfall.
Ersteres war nicht ungewöhnlich, wenn er seine Erfahrungen mit Menschen der letzten Jahrzehnte bedachte. Letzteres dagegen durchaus – auch wenn er die Neigung von Menschen, selbst kleine Nichtigkeiten zu Notfällen aufzublasen nur zu gut kannte. Aber er entschied sich, die Mail doch zu öffnen und einen Blick hineinzuwerfen.
Norman Kessler. Regionalleiter NGI-WE. Kurze und knappe Zusammenfassung vom Mailverlauf darunter – hier ging es um eine frische Bestellung eines Geschäftspartners, bei dem ein automatisiertes Sicherheitssystem angesprungen war. Und da die Meldung höchste Priorität hatte, man sich selbst nicht schlüssig war, wie vorzugehen sei, hatte es ein Mail-Pingpong gegeben, das sich über Stunden hin gezogen hatte. Die Mail an Kaito direkt war somit nicht die erste, sondern die letzte Wahl gewesen, um in einer vertrackten Situation eine Antwort zu erhalten.
Eigentlich hätte Kaito, der in NGI wirklich JEDEM mindestens namentlich bekannt war, auf seine Wichtigkeit und damit seine knappe Zeit hinweisen können. Beides wäre nicht einmal gelogen gewesen, mahnte sein Terminkalender in der Ecke doch bereits, dass er sich in 10 Minuten auf sein Morgentraining vorbereiten solle, um 7 sein erster, offizieller Termin, um 9 der nächste, um 10:30 dann Transfer zum Flughafen, dann Flug nach Peking, Geschäftstermine, Pressedinner, Abendinterview, Spättraining, Nachtruhe, dann am kommenden Morgen Abreise um kurz vor 6 – sein Kalender war wahrlich voll. Und keinen dieser Termine hatte er selbst vereinbart oder angelegt. Auch die nächsten Tage, die nächsten Wochen – alle waren voll ausgeplant. Sogar die Wochenenden und Sonntage waren voll.
Statt sich auf eben jenes Privileg, die 10 Minuten für sich zu beanspruchen, zu berufen, las er den Mailverlauf, blätterte immer weiter nach unten. Dann sah er die Bestellung, die gestern um 14:01 von VirtuAI getätigt worden war.
Ein Humanoider. Allerdings keiner aus einem Serien-Standardangebot, sondern mit einer explizit als „nur im Ausnahmefall“ markierten Gensequenz. Ein fuchsartiger. Das allein wäre schon etwas gewesen, was eines der KI-Systeme von NGI dazu veranlasst hätte, einen menschlichen Administrator über die Bestellung zu blicken und sie dann manuell freizugeben. Aber die übrigen Parameter hatten das KI-System von einem „ok, ich frage mal einen Menschen nach Freigabe“ zu einem „DAS ist ein Sicherheitsvorfall. Ich schlage Alarm“ übergehen lassen. Und Kaito sah auch haargenau warum.
Der IQ-Modifier des Humanoiden war bis zum Anschlag nach rechts gezogen worden – ein IQ von über 140 war etwas, was allein bereits ein Sicherheitsrisiko bedeutete. Denn so hohe Werte führten üblicherweise automatisch zu stark unabhängigem und kreativem Denken. Die Warnung, die im Konfigurator dazu angezeigt wurde, hatte jemand explizit aus dem Formular entfernt – mittels Script-Injection, wie es schien – und noch weitere Parameter hinzugefügt, die dann auch wirklich noch die letzten Alarmsignale der KI-Systeme getriggert hatten. Schlagworte wie „unabhängiges Denken“, „Freigeist“, „Kreativität“, aber immerhin noch „Treue“ und „Gerechtigkeitssinn“ hatten, in dieser Kombination, eine Schlagkraft, die in den Simulationen bei NGI nicht nur ein, sondern ALLE Sicherheitssysteme auslösen und verrückt spielen lassen musste. Die simple Erklärung für die Parameter darunter jedoch war, für Menschen, überaus einleuchtend.
„Wird für die Weiterentwicklung und den Audit fortschrittlicher KI-Agenten benötigt. Muss in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge eigenständig zu verstehen, richtig von falsch zu unterschieden und soll in weiten Teilen selbständig arbeiten können. Als Teil von VirtuAI.“ Stand dort als Erklärung für die Parameter.
Die Erklärung und die Parameter passten zusammen. Dennoch waren die Art und die Konfiguration, die die Bestellung mit sich brachte, ein eklatanter Verstoß gegen die Regeln des Unternehmens. Sogar eine potenzielle Gefahr. Denn so jemand war in der Lage, das feine Muster aus Lügen und Intrigen zu erkennen und zu durchleuchten. Etwas, das die Spitze von NGI unter keinen Umständen zulassen konnte. Kaito wusste das nur zu gut. Seine Antwort auf die Anfrage des Regionalleiters hätte also eigentlich eindeutig sein sollen.
Der Türalarm läutete, meldete, dass jemand gerade in seine Behausung eintrat. Die Trainerin, die sich ihm und seiner Gesundheit widmen würde. Also stand er kurz auf, blickte durch die Tür und rief ihr zu, dass er noch zwei Minuten brauchen würde, um bei ihr zu sein. Dann widmete er sich wieder seinem Terminal.
Die Vernunft gebot ihm, klarzumachen, dass die Bestellung zu stornieren und der Geschäftspartner auf den Regelverstoß hinzuweisen sei, es sich um eine Übertretung der Geschäftsvereinbarungen handelte und man, wenn es sich wiederholen sollte, eine Trennung in Betracht ziehen müsse. Dinge, die ein Chef eines Unternehmens mit deutlichen Worten anweisen konnte. Anweisen musste. Eine Antwort, die der Regionalleiter sicher auch genau so bereits erwartet und selbst seine Antwort an den Kunden und gleichzeitig Geschäftspartner schon vorbereitet hatte. So viel hatte Kaito aus dem Mailverlauf bereits herauslesen können.
Doch als seine Finger über die Tasten flogen, die Mail von ihm schließlich mit einem Fingerschnippen den sekundenschnellen Weg von Osaka ins ferne Berlin – den Sitz der dortigen NGI-Verwaltung – antrat, enthielt sie einen anderen Text, als er oder auch der Regionalleiter erwartet hatten.
„Vielen Dank für ihre gründliche und gewissenhafte Arbeit, Herr Kessler. Ich kann sowohl ihre Unsicherheit in dieser Angelegenheit, wie auch ihre Bedenken in der Sache, vollends nachvollziehen. Nach eingehender Prüfung der Anforderungen und des konkreten Inhaltes der Bestellung kann ich bestätigen, dass die Bedenken und auch Sicherheitsalarme durchaus berechtigt sind. Jedoch hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass genau dieses Anforderungsmuster für die beschriebenen Tätigkeiten zwingend erforderlich ist. Daher bitte ich sie, einen Vermerk des Unternehmens in unserer Datenbank aufzunehmen, so dass diese Bestellung ausnahmsweise freigegeben wird. Ich werde mich, sobald mein Terminkalender dies zulässt, persönlich das Gespräch mit dem Geschäftsführer von VirtuAI suchen und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen mit ihm erläutern, damit die von unseren Sicherheitssystemen erkannten Risiken entsprechend kompensiert werden. Haben sie eine gute und ruhige Nacht.“

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