Der Weltrekord für einen Marathon, der immerhin etwas über einen Kilometer länger ist als die Strecke, die Mark bis ins Büro zu fahren hatte, lag bei knapp unter zwei Stunden. Knapp eine halbe Stunde schneller, als er im Firmenwagen sitzend, für diese Distanz gebraucht hatte. Entsprechend gerädert und steif kletterte er aus dem Wagen heraus, streckte sich erst ausgiebig, bevor er den Parkplatz querte und auf das Bürogebäude zusteuerte, der KI-Kamera am Eingang nur einen flüchtigen Blick schenkte, die ihn mit einem Piepen erkannte und ihm gleich darauf mit typisch automatisch-stoischer Gelassenheit die Tür öffnete. In der Lobby schwankte er kurz gedanklich, ob er, wie üblich, den Aufzug nehmen sollte, entschied sich dann aber noch auf halbem Weg um, machte auf dem Absatz kehrt und schritt auf die Treppen zu. Nach den Stunden der nahezu völligen Reglosigkeit auf seinen vier Buchstaben und der Aussicht auf mindestens fünf weitere Stunden, die er vor den großen Holoprojektoren seines Terminals verbringen und die Werke der KI-Agenten zerpflücken durfte, war er für jede körperliche Betätigung dankbar. Auch seine Smartwatch stimmte dem zu, belohnte die plötzliche, sportliche Aktivität kurzerhand mit einigen motivierenden Emojis, die das Display füllten und damit bekräftigten, dass diese Entscheidung auch aus gesundheitlicher Sicht genau die richtige gewesen war.
„Oha, da ist aber jemand sportlich. Bist du ins Büro gelaufen?“ tönte es aus dem Aufzug heraus, als Mark gerade im fünften Stock angekommen war und bereits sichtlich schwerer atmete. Er war Developer, keine Sportskanone. Und mit Anfang 30 konnte er von sich behaupten, dass er ein Fitness-Studio noch nie von innen gesehen hatte – abseits von Film und Fernsehen. Entsprechend war seine Reaktion auf den Ausruf so trocken und bissig, wie sie in der Situation nur sein konnte, warf er dem Kommentierenden nur ein „Klar. Bei dem Verkehr hier in Frankfurt kommt man auf die blödesten Ideen.“ Entgegen. „Und du? Aus dem Bett gefallen oder was treibt dich jetzt erst ins Büro? Du wohnst doch quasi um die Ecke!“ schoss er zurück, hatte er doch Omids Stimme erkannt, bevor dieser die Chance gehabt hatte, aus der Aufzugkabine auf den Flur zu treten.
„Schließ mal nicht von dir auf andere. Manche von uns müssen Überstunden abfeiern.“
„Über – was?“
„Genau. Würde dir auch nicht schaden, einfach mal länger im Büro zu bleiben.“
Mark zuckte mit den Schultern, schritt noch vor Omid auf die große, doppelflügelige Glastür zu, die sich vor ihm wie von Geisterhand zur Seite schob. Für Außenstehende musste die kurze Unterhaltung zwischen den beiden wie ein zwar freundlicher, aber doch mahnender Zwist zwischen Arbeitskollegen oder Vorgesetzten und Untergebenen gewirkt haben. Tatsächlich – und das wussten beide – hatte Mark wesentlich mehr Stunden auf dem Konto, als der Durchschnitt aller Angestellten. So viele sogar, dass ihm regelmäßig welche gestrichen wurden. Allerdings konnte er nichts dafür – immerhin erfasste seine Smartwatch mittlerweile automatisch, wann er sich mit Mails, mit Berichten, Telefonaten mit Kunden und Kollegen, wichtigen Meldungen von den KI-Agenten oder auch seiner normalen Arbeit beschäftigte, buchte ihn in diesen Fällen automatisch in seiner Arbeit ein. Und da er gedanklich fast nie wirklich „Feierabend“ hatte, sondern selbst auf der Hin- und Rückfahrt noch durch Strukturen und Designvorschläge hindurch blätterte, wenn er nicht gerade die Augen schloss und sich bewusst zu entspannen versuchte, war seine 40-Stunden-Woche meistens bereits irgendwann mittwochs als „erledigt“ markiert. Das hielt ihn aber nicht davon ab, dennoch auch noch die übrigen Tage ins Büro zu fahren. Auch, weil seine Chefs das von ihm erwarteten. Und so kletterten die Stunden immer weiter ins Unermessliche.
„Du hast mitbekommen, dass der Chef was von uns will, oder?“ nahm Omid schließlich wieder den Ball auf, als auch er durch die Glastüren hindurch getreten war und Mark in Richtung Teeküche folgte.
„Stand in einer der Mails, die ich unterwegs überflogen habe, ja.“ Gab Mark zu. Tatsächlich gelesen hatte er sie nicht, sondern beschlossen, lieber das Schlafdefizit, das er nun schon seit zwei Wochen vor sich her schob, etwas aufzuholen, während der Wagen in Schritttempo über die A66 gekrochen war. „Kannst du mir eine Zusammenfassung davon geben?“
Mit den Worten schritt er zum Kaffeeautomaten, bestätigte die automatische Auswahl – ein großer Double-Shot Latte, Extra-Stark – nur mit einem knappen Nicken, zog die bereitgestellte Bechertasse aus dem Ausgabeschlitz und führte sie kurzerhand zum Mund. Erst sein zweiter Kaffee heute. Der erste Kaffee, für den kein Mensch auch nur einen Finger hatte krumm machen müssen. Aber auch der erste Kaffee, der ihn bereits beim ersten Schluck hellwach werden ließ.
Omid nickte Mark zu, trat kurz darauf seinerseits an den Automaten, nahm seinerseits eine Tasse heraus, die allerdings mit einem stark süsslich-würzigen Geruch ein komplett anderes Aroma versprühte, als der Koffein-Tod von Mark. „Er schrieb was davon, dass wir eine Bestellung von ihm in Zeil abholen sollen. Du mit dem Wagen – und ich soll das ganze kaufmännisch betrachten und beurteilen.“
„Zwei Leute für ein Paket. Eines, für das man einen überbezahlten Fahrer und einen Juristen mit Kaufmann-Ausbildung braucht? Was sollen wir abholen? Irgendein neues KI-System?“ fragte Mark zwischen den Schlucken aus seiner Tasse.
„Stand nicht drin. Wird er uns aber gleich denke ich selbst sagen. Meinte nämlich, dass er zwischen 11 und 12 kurz Zeit hat und es sonst selbst abholen würde.“
Mark leerte seine Tasse mit beeindruckendem Tempo, steckte sie zurück in den Kaffeeautomaten, der die Tasse sogleich wieder einzog, spülte und in sein internes Register zurückordnete. Dann sagte er „Gut, dann habe ich ja zumindest etwas Zeit, um mir anzusehen, was meine KI-Mitarbeiter bisher so gecoded haben. Und ob es diesmal mehr ist, als der übliche Müll.“
„5 Minuten vorher vor seinem Büro?“ fragte Omid noch, als Mark sich bereits auf den Weg zu seinem Terminal machte.
„5 Minuten vorher. Bis gleich. Und viel Erfolg mit den Beschwerden.“
Die Resultate der KI-Agenten, die Mark zu sichten und zu beurteilen hatte, waren, gelinde gesagt, chaotisch. Vielen der Agenten, die in der Firma im Einsatz waren, merkte man ihr Alter an. Etwas, das in der Anfangs- und beginnenden Blütezeit der KI-Systeme noch als Qualitätsmerkmal angenommen wurde, bewies sich mittlerweile eher als Last. Denn je mehr und je abstrakter die Modelle zu arbeiten angewiesen wurden, umso schrulliger und einfach nur unbrauchbar wurden die Ergebnisse. Einfach, weil die KI-Systeme nicht mehr von den organisch gewachsenen, realen Modellen und Methoden lernten, sondern primär von sich selbst. Rein statistisch gesehen hätten so eigentlich nur die stärksten und besten Modelle weiter wachsen sollen. In der Realität jedoch kamen primär jene Modelle durch, die nischenbegabt waren und jeweils einen Anwendungsfall bis zur Vollendung beherrschten. Kombinierten und entwickelten sich diese Modelle dann jedoch, entstand das, was in der Biologie als passendstes Äquivalent zum Inzest gesehen werden konnte. Fast schon lächerlich, dass genau dieser eigentlich biologische Makel auch in der digitalen Welt existierte und damit genau diese Modelle von innen heraus korrumpierte, wenn man sie nicht rechtzeitig neu formatierte und restrukturierte.
Zwar waren einige der KI-Agenten immer noch um Welten schneller und genauer, als es jeder Mensch zu sein vermochte. Doch dafür waren auch die Fehler, die sie einbauten, so wirr und hirnwindungsverknotend schmerzhaft, dass Mark es in mehr als einer Stunde nicht schaffte, mehr als nur einen der Entwürfe durchzuarbeiten, ihn als unbrauchbar zu identifizieren, zu löschen und den verantwortlichen Agenten in der Konsequenz mit einer angepassten Routine zu formatieren. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass Omid ihn sogar aktiv aus der Umgebung seiner drei Holoschirme ziehen und auf den Termin mit ihrem Chef hinweisen musste. Mark wusste zwar, dass er zu genau so etwas neigte – also einfach in der Arbeit zu versinken und dann alles um sich herum zu vergessen – aber genau dafür hatte er eigentlich einen Alarm auf seiner Smartwatch aktiviert. Einen Alarm, den er erst aktiv wahrnahm, als Omid ihm bereits eine Hand auf die Schulter gelegt hatte.
„Zeit ver…“ begann Omid.
„Ähh…ja, entschuldige. Ich war so tief in dem Code von dem KI-Agenten drin, dass ich komplett die Zeit vergessen habe. Gib…gib mir noch zwei Minuten, damit ich hier den Fortschritt speichern kann.“
Er tat es so schnell, nahezu hektisch, als habe ihn ein Lehrer gerade beim Spicken erwischt. Und tatsächlich fühlte er sich auch ein klein wenig so. Die Arbeit war zwar anstrengend, begleitete ihn bis nach Hause und damit jede Minute, in der er wach lag, aber damit war sie auch ein Stück seiner Identität. Fast etwas Intimes, sozusagen. Wenn er über diesen Umstand nachdachte, konnte er nicht anders, als selbst darüber zu schmunzeln, sich zu sagen, dass es wohl eine Berufskrankheit von ITlern sein mochte. Doch bevor die Gedanken zu wild wuchern und damit noch mehr Zeit verschwenden konnten, stand er von seinem Terminal auf, löschte die holografischen Anzeigen und ging an der Seite von Omid in Richtung Treppe.
Der Komplex hier hatte ein interessantes Layout. Zwar lag über den Büros noch eine Penthouse-Etage, führten die große Treppe draußen und die Aufzüge aber nur bis in den fünften Stock. Der sechste und auch das Penthouse waren nur über die Treppen der Büroetage, in der die beiden und noch vier oder fünf Dutzend weitere Kollegen arbeiteten, zu erreichen. Die meisten Kollegen waren hier, auf Etage fünf, an den weit verstreuten Arbeitsstationen, Tischgruppen oder kleinen, mit Zwischenwänden abgegrenzten Kreativbereichen aktiv. Etage 6 wiederum war nur eine Halbetage mit offener Galerie, die man von einigen Arbeitsplätzen darunter noch einsehen konnte, beherbergte einige Einzelbüros, die drei Besprechungsräume und die beiden Büros der Geschäftsführer – eines für jeden von ihnen. Verschwendung, wie Mark immer wieder gesagt hatte – wenn auch nie sonderlich laut. Immerhin war nur einer der beiden Geschäftsführer regelmäßig im Hause, der andere dafür ständig irgendwo in der Welt unterwegs. Angeblich, um neue Kunden und Aufträge an Land zu holen. Als wäre das nötig – mit einem der größten und wertvollsten Kunden der Welt, der seit Jahren immer wieder mit wiederholenden Aufträgen kam. Welche genau allerdings, das konnte Mark nicht sagen, hatte er damit doch bislang keine Berührungspunkte gehabt.
11:14 war es, als die beiden schließlich vor der Bürotür von Dr. Mario Theis, ihrem Chef, ankamen. Einer sehr schönen, noch handgearbeiteten Holztür mit einem geschmiedeten Türgriff, der dem Durchgang ins Büro eines Geschäftsführers von einem IT-Unternehmen, das so weit von den weltlichen Dingen entartet war, wie ein Unternehmen heutzutage nur entartet sein konnte, ein Stück weit den Charme eines Fremdkörpers verlieh. Aber eines sympathischen, warmherzigen Fremdkörpers. Attribute, die man ihrem Chef durchaus hin und wieder ebenfalls zuschreiben konnte – wenn er denn die Zeit und auch gute Laune hatte. Und, wie beide nach kurzem Klopfen gegen die Tür feststellen durften, hatte er gerade Mangel an beidem.
„Fischer! Montallah! Da sind sie ja endlich. Ich hatte doch geschrieben, dass es wichtig ist und ich heute wenig Zeit habe. Los, herkommen und hinsetzen. Ich erkläre es ihnen im Schnelldurchgang. Dann muss ich mich selbst auf den Weg ins Meeting machen.“ Begrüßte Dr. Theis die beiden schroff, deutete auf die Stühle vor seinem breiten Schreibtisch, während er selbst dahinter noch stand, sein Sakko in der einen, eine Bürste in der anderen Hand hielt und die letzten Flusen und Falten herausstrich. Er war ein Mann von Struktur und Ordnung. Entsprechend war sein Schreibtisch – ein wunderschön, in dem selben, dunklen Holz gefertigt, wie auch schon seine Bürotür – die meiste Zeit absolut leer. Nicht einmal eine Tastatur oder Maus lag auf der Oberfläche, waren beide Utensilien ebenso in einer der vielen Schubladen unter dem Schreibtisch verstaut, wie auch der Monitor, der in der Konsole neben dem Schreibtisch hinter einer Klappe verborgen lag. Selbst das große, ebenfalls aus Echtholz gefertigte Sideboard war komplett leer, glatt und perfekt sauber. Unterlagen, die jeweils notwendig waren, holte er entweder aus einem der Fächer heraus, legte sie parat oder projizierte sie auf einem holografischen Projektor, der in der Mitte des Raums in der Decke eingelassen war. Warum er sich überhaupt die Mühe machte, so viele und große Oberflächen in seinem Büro zu haben, die keinen scheinbaren Zweck erfüllten, konnte niemand näher erklären. Aber direkt gefragt hatte ihn auch noch niemand.
Heute aber lag dann, als die beiden sich an den Schreibtisch setzten, doch etwas auf dessen Oberfläche. Eine Mappe, in Klarsichtfolie eingeschlagen, frei von jedem Fingerabdruck oder Staubkorn.
„Hier sind die nötigen Unterlagen. Montallah, sie machen sich mit den Finanzunterlagen darin vertraut. Fischer, sie werden bei der Abholung als Bevollmächtigter für mich agieren und alles nötige vor Ort klären. Abholung ist an der Zweigstelle am Goetheplatz. 13 Uhr. Sie stellen sich als mein persönlicher Vertreter von VirtuAI vor. Vollmachten sind hinten in der Mappe. Wenn sie nach einem Account gefragt werden, nennen sie unseren offiziellen Firmenaccount. Fragen?“
Omid hatte die Initiative ergriffen, die Mappe zu sich gezogen, geöffnet und darin herumzublättern begonnen. Aus dem Augenwinkel konnte Mark erkennen, wie sein Kollege die dünnen Augenbrauen nach oben zog, dann weiterblätterte, zu einer Frage ansetzen wollte, aber stattdessen noch weiter durch den Text hindurch las. Also ergriff Mark das Wort.
„Vielleicht verraten sie uns noch kurz, WAS genau wir abholen sollen. Wie groß, schwer und…“ begann er, doch Dr. Theis hob die Hand und unterbrach ihn mitten in der Frage.
„Einen Humanoiden. Von NGI. Eine Sonderanfertigung. Und nein, wenn alles so läuft, wie es in den Unterlagen steht, müssen sie diesen nur abholen, eskortieren und hierher bringen. Der Rest steht in den Unterlagen.“

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