„Fast eine Stunde für lediglich knapp 10 Kilometer. Verdammt, ich glaube ich wäre schneller, wenn ich laufen würde.“ Seufzte Mark nun bereits zum dritten Mal, während sich der Wagen vollautonom im Schneckentempo in die Innenstadt von Frankfurt quälte. Eine Strecke, die wirklich nur noch Wahnsinnige und Rettungsdienste mit einem vierrädrigen Fahrzeug bewältigten. Jeder mit Verstand nutzte entweder die großen Radfahrspuren, die mittlerweile das meiste des Verkehrsweges beanspruchten, von Alleen, schönen grünen Nischen, kleinen Brunnen, Pausenmöglichkeiten und mehr Gastronomie gesäumt waren, als die Stadt vor zehn Jahren überhaupt besessen hatte. Die einen hatten es unter dem Deckmantel der „Verkehrstransformation“ durchdrücken wollen, waren auf Widerstände gestoßen. Aber nach den Rekordsommern 2026, 2027 und 2029, in denen es in den Beton- und Asphaltwüsten der Innenstadt so heiß wurde, dass sowohl Fahrbahn wie auch Teile von Anbauteilen der PKWs sowie vereinzelte Teile der öffentlichen Infrastruktur geschmolzen waren, es in den Sommermonaten nachts nicht mehr unter 25 Grad abkühlte, hatten auch noch die letzten, sturen Leute eingesehen, dass man DRINGEND etwas tun musste, um das Überleben in der Innenstadt noch möglich zu machen. So hatten die Stadtplaner mehr oder minder zähneknirschend selbst die unpopulärsten Pläne durchgewunken und den Innenstadtbereich so heftig umgeplant, umverteilt und maßgeblich verändert, waren noch über die Vorschläge hinaus gegangen, dass man die Stadt nach nur zwei Jahren nicht mehr wieder erkannte.
Sehr zum Ärger jener, die sich jahrelang gegen echte Veränderung gewehrt hatten, funktionierten die Umbauten genau so, wie angekündigt. Mehr noch: Die vorher eher für ihre Drogenszene bekannte Innenstadt, der Schandfleck namens Hauptbahnhof, hatte sich zu einem Ort echter Aufenthaltsqualität gewandelt. Immerhin können Drogendealer und -konsumenten nur dort wirklich existieren, wo sie „am Rand“ der Gesellschaft ihre eigene Nische vorfinden. Wenn aber in besagter Nische eine große, fröhliche Party steigt, dann verliert diese Nische den Reiz für genau dieses Klientel, zieht es ab und sucht sich eine andere, ruhigere Ecke für ihre zwielichtigen Machenschaften. Ein Umstand, den einige Experten lange betont hatten, aber ebenfalls nie gehört worden waren. Fast so, als gäbe es ein Muster bei den Menschen, nie auf die Experten zu hören und es selbst zu versuchen.
Experten gab es auch im Bezug auf den Einsatz von Humanoiden. Da diese zweibeinigen, menschenähnlichen Wesen, die aber mit ausgewählten Tier-DNS-Strängen gekreuzt, genetisch angepasst und dann, mittels Zuchttank und beschleunigtem Wachstum, implantierten Fähigkeiten und Spezialisierungen nahezu ideal auf gewünschte Verwendungen hin zugeschnitten werden konnten, integrierten sie sich erheblich besser in die Gesellschaft, als es jeder Roboter je gekonnt hätte. Zudem war der Wartungsaufwand deutlich geringer. Mehr noch – die meisten dieser Wartungsaufgaben übernahmen sie selbst. So, wie jeder Mensch selbst aß, trank, schlief oder Verletzungen mit Verbandmaterial oder einem Besuch beim Arzt behandelte. Auch die kostspieligen Updates, Werkstattaufenthalte und Ersatzteile entfielen. Und weder die AI-Steuer, noch die Serviceverträge waren bei ihnen üblich. Sicher, ein Humanoider konnte sich schwer verletzen und war dann auf entsprechend teure Behandlungen angewiesen. Aber ein Spezialroboter, der einen schweren Schaden erlitt und teure Ersatzteile brauchte, war da nur marginal billiger. Und spätestens, wenn er ein älteres Modell war, für das keine Teile mehr hergestellt wurden, war man schnell bei einem Totalschaden. Ein Humanoider indes wuchs selbst, entwickelte sich selbst, konnte in gewissen Grenzen sogar komplett andere Aufgaben ausführen. Auf die Weise waren sie noch immer mindestens auf Augenhöhe mit den mittlerweile vollkommen üblichen, humanoiden Robotern, die in großen Firmen wie Amazon, Zalando und DHL in den Sortier- und Zustellungszentren eingesetzt wurden.
„Du und Laufen. Guter Witz.“ Antwortete Omid auf das Maulen von Mark, während er in dem Stapel an Papieren herumblätterte.
„Hey, ich habe doch gesagt, dass ich eigentlich viel lieber mit dem Rad fahren würde. Mit dem Fahrrad wären wir schon längst am Goetheplatz.“
„Aber bei der Bestellung hat der Chef Radfahren explizit nicht für den Humanoiden ausgewählt. Und willst du, dass wir den Neuerwerb vom Chef direkt am ersten Tag kaputt machen?“ bügelte Omid die Überlegung ab. „Außerdem ist Radfahren etwas anderes als Laufen.“
„Laufen. Radfahren. Sport ist Sport. Täte dir auch mal gut.“
„Diabetes. Und im Gegensatz zu dir ernähre ich mich nicht ausschließlich von Fertigfraß aus dem Kombikocher.“
Mark schmunzelte und warf einen Blick auf die doch durchaus sichtbare Rundung von Omids Bauch. „Ja, deine Frau ist eine hervorragende Köchin, wie man sehen kann. Aber danke für die Erinnerung – ich muss mir noch unbedingt neue Patronen für meinen Kocher bestellen. Die alten…“ begann Mark, brach dann aber, als die Erinnerung an das Frühstück heute früh wieder hoch kam, lieber ab und tippte auf dem Zentraldisplay des Wagens herum. Drei Fingergesten später hatte er zwei frische Patronen Schinken, eine Cornedbeef-Patrone, dazu frischen Senf und auch eine für Salatgurke geordert. Warum die Patronen in dem Abo seines Kombikochers nie automatisch mit enthalten waren, hatte er sich zwar schon oft gefragt, sich auch ob der Tatsache geärgert, dass immer nur Käse und Ketchup geliefert wurden, aber Fleisch, Salat oder Gemüse vollends fehlten. Und überhaupt – wer bitte aß Brot mit Käse und Ketchup?
„Du kannst ja gerne mal vorbeikommen, wenn du etwas Richtiges essen willst. Also etwas, das nicht von irgendeiner Maschine zu Tode gegart oder in irgendeiner Fabrik massenhaft in Normgröße gedrückt wurde.“ Schlug Omid vor, während er die Augen ob des Warenkorbs, den Mark sich da zusammengetippt hatte, verdrehte.
„Danke, aber ich passe. Kaffee, ein paar simple Kalorien und hin und wieder ein Apfel reichen mir persönlich vollkommen. Viel exotischer muss es nicht werden.“ Sagte er, blickte dann auf das Deckblatt der Mappe, die Omid mittlerweile zur Hälfte durchgearbeitet hatte. „Apropos Exotik. Ein Fuchs? Ist das nicht bereits die Spitze der Exklusivität bei Humanoiden? Wie sehr will Dr. Theis eigentlich auffallen?“
„Laut der Handnotiz hier hat er sich die Fuchs-Gensequenz deswegen ausgesucht, weil sie eine höhere Aufmerksamkeit und bessere, kognitive Fähigkeiten als die anderen, üblichen felinen Linien bietet. Grundveranlagung schlägt Genmanipulation, sozusagen.“ Meinte Omid, der ein Post-It, auf dem tatsächlich noch handschriftlich eine Notiz gemacht worden war, aus dem Bündel an Blättern herausfischte, den letzten Satz dabei wörtlich zitierte.
„NGI ist ein großer Laden. Die lassen solche schrillen und exklusiven Manipulationen an ihren Kernprodukten doch eigentlich nicht zu. Und das Ding da schreit doch geradezu nach schriller Ausnahme.“
Omid klappte die Mappe zu, sah zu Mark rüber. „Hat dich der Chef ausgesucht, weil du mehr über die Humanoiden weißt, als der Rest von uns?“
„Keine Ahnung.“ Meinte Mark. „Was weißt du denn?“
„Ich hab zuerst gefragt. Aber gut, nehmen wir mal an, dass ich genau so viel weiß, wie der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.“ Warf Omid zurück.
Also quasi nichts. Zumindest nicht mehr, als NGI in ihren durchaus regelmäßigen Werbespots und an Werbebannern immer wieder zeigte. Sicher, es gab etliche Firmen, die mittlerweile einen oder mehrere Humanoide besaßen und auf Messeständen, auf Presseevents oder allgemein in der Publicity gerne zeigten. Auch Sportvereine setzten vielen ein. Und überraschend viele arbeiteten in der Müllentsorgung, auf Baustellen oder eben überall dort, wo Roboter aufgrund von Dreck, Staub, Umweltbedingungen oder einfach, weil die Aufgaben viel zu filigran und wechselhaft waren, nicht richtig eingesetzt werden konnten. Hin und wieder sah man auch einen Humanoiden in einem Krankenhaus, einer Pflegeeinrichtung oder sogar einer Schule als Teil des Personals, dort aber merklich seltener. Insgesamt haftete ihnen immer noch ein Stück weit die Exotik an. Und sie waren in vielen Bereichen explizit nicht erwünscht. Menschenrechtsgruppierungen, die sich mit sehr deutlichen Worten gegen Humanoide aussprachen und diese als einen Frontalangriff auf den einfachen Arbeiter ansahen, waren durchaus üblich. Und die Kirchen…oje, mit denen sollte man besser gar nicht anfangen. Die hatten eine wahre Vendetta gegen NGI und die Idee, ein intelligentes, zweibeiniges Lebewesen neben dem Menschen zu sehen, ausgerufen, Kaito Yakoshima, den „Chef“ des Unternehmens, schon mehrfach mehr oder minder als Antichristen oder „Frevel wider des Werk Gottes“ bezeichnet. Das die Zentrale und die Geschäfte von NGI nicht bereits von wütenden Protesten in Stücke geschlagen wurden lag einzig und allein daran, dass NGI auch einen sehr gut bekannten und prominenten Vertrag mit der Bundeswehr – wie so gut jedem Militär auf der Welt – hatte, spezielle Humanoide extra für die militärische Verwendung anbot. Da sie aber alle Armeen der Welt gleichmäßig versorgten und die Infos offen hielten, machten sie sich keine Nation der Welt offen zum Feind. Sie waren so eher ein „geduldetes Übel, das durchaus seinen Nutzen hatte“ für weite Teile der einflussreichen Menschen auf dem Planeten.
Das war das Grundwissen, das mehr oder minder jeder Durchschnitts-Deutsche über Humanoide und NGI im Kopf hatte. Manche etwas radikaler, andere etwas tiefgehender und freundlich gegenüber diesen Wesen, noch andere interessierte es nicht, da sie nie mit einem im Kontakt treten würden. Und wieder andere sparten sich die fast schon obszönen Beträge, die nötig waren, um sich einen eigenen Custom-Humanoiden selbst zu ordern, vom Munde ab. Aber in Summe war es ein guter Durchschnitt. Einen, den Mark als „bekannt“ voraussetzte, als er mit seiner Erklärung ansetzte.
„Die Normen und Leitlinien bei denen sind SEHR streng und hart. Einer der KI-Agenten von mir hat versucht, die Bestellprozess-Einstellungen etwas zu optimieren und weitere Variationen zu erlauben. Sah alles gut aus und ich habe es weitergeleitet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie heftig und mit wie vielen bunten Vokabeln das Feedback der Optimierung zurückkam. Der Sicherheitsauditor, der sich die Optimierung angesehen hatte, schien davon fast persönlich beleidigt – und hat es mich richtiggehend spüren lassen. Ein Wunder, dass der Chef mich nach DER Mail, die da zurück gekommen ist, nicht direkt vor die Tür gesetzt hat.“ Beschrieb er sein Erlebnis knapp.
„Hatten sie dir die Leitlinien nicht vorher zur Verifizierung zur Verfügung gestellt?“ fragte Omid nach.
Mark schüttelte den Kopf. „Nein, haben sie nicht. Selbst diese Dinge sind, laut dem Sicherheitsauditor von NGI, strengstes Betriebsgeheimnis. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich hier noch sitze. Es war eine Verletzung einer Regel, die ich nicht kennen konnte und nicht kennen DURFTE. Aber ich habe danach einige der KI-Agenten noch weiter graben lassen – und die haben noch Dutzende weitere derartige Regeln gefunden. Und noch mindestens ein Dutzend weiterer dieser Auditoren. Verdammt, ich würde glatt meinen Kombikocher drauf verwetten, dass die jede Bestellung und jeden Klick auf den Formularen dreifach überwachen und auf Unstimmigkeiten zu ihren Bestimmungen kontrollieren.“
Dann deutete er auf die, mittlerweile wieder zugeklappte und auf dem Schoß von Omid liegende, Mappe. „Deswegen bin ich ja so stutzig, wenn ich mir ansehe, dass der Chef DAS DA bestellen konnte. EIGENTLICH hätte das gar nicht durch die ganzen Sicherheitssysteme durchgehen dürfen.“
„Du meinst den Humanoiden?“
„Richtig. Das Ding ist eine Anomalie, die gar nicht existieren sollte. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was der Chef damit will.“
Omid grinste breit. „Vielleicht versucht er dich mit diesem Humanoiden zu ersetzen? Würde doch passen. Du hast die Sicherheitsaudits bereits gestört. Und nun kommt etwas, das diese Sicherheitsaudits komplett auf die Barrikaden hätte gehen lassen müssen und wird an die Stelle gesetzt, die sich mit ihnen angelegt hat.“
Das Grinsen erwiderte Mark nicht. Im Gegenteil blickte er so finster in Richtung Omid, das dessen Grinsen zu einem eher unsicheren Lächeln mutierte, dann einem entschuldigenden Blick. Für einen kurzen Augenblick war ihm, als habe er einem Drachen seinen Goldschatz unter der Nase gestohlen…und war dabei erwischt worden, diesen versehentlich und unwiederbringlich in einem Vulkan versenkt zu haben. „Das ist nicht witzig. Nicht einmal im Ansatz.“ Sagte Mark mit einer Kälte in der Stimme, die sogar von den Bordsensoren des Autos erkannt wurde. Kurzerhand drehte es die Heizung um ein paar Grad nach oben, um die Eiseskälte, die von Mark ausging, auszugleichen.
„Ich werde bestimmt nicht von diesem Genetik-Ding ersetzt werden.“ Schnaubte er, griff dann selbst zum Lenkrad und übernahm die Steuerung von der Automatik, die kurzerhand und mit einem simplen Audiosignal die Steuerung von Automatik zurück an den Menschen gab.
„Ach, mach dir keine Gedanken.“ Beruhigte Omid, zog aber für den nächsten Satz sicherheitshalber seinen Gurt ein wenig straffer. „Die Genzsequenz, die Essen aus dem Kombikocher als kulinarische Spitzenleistung ansieht und nichts anderes will, ist absolut einmalig. Sowas kann man nicht kopieren.“
Kaum das er diesen Satz ausgesprochen hatte, war Omid froh, den Gurt fest gezogen zu haben.

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